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"Klartext" im ZDF Der gedrosselte Laschet: Viele Absichtserklärungen und erstaunlich wenig Empathie

Armin Laschet spricht in der ZDF-Sendung "Klartext"
Distanzierter als man ihn kennt: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet während der ZDF-Wahlkampfsendung "Klartext" am Donnerstagabend.
© Claudius Pflug / ZDF / DPA
In schwerer Wahlkampfzeit stellt sich Armin Laschet im ZDF drängenden Fragen von Wählerinnen und Wählern. Der sonst so joviale Rheinländer wirkt merkwürdig zurückgenommen. Die letzten Wochen haben Spuren hinterlassen.

Da steht er nun, der freundliche kleine Mann aus Aachen, der sich anfangs auf dem sicheren Weg ins Kanzleramt glaubte. "Klartext" soll Armin Laschet im ZDF reden, Wähler und Wählerinnen im direkten Kontakt überzeugen, wo er doch bisher im Wahlkampf so wenig überzeugen konnte als Kanzlerkandidat von CDU und CSU. Angesichts von desaströsen Umfragewerten würde ein anderes Format des Mainzer Senders fast besser passen: "Was nun, Herr Laschet?" Aber das gab's schon im April, als der CDU-Chef gerade zum Kanzlerkandidaten gekürt worden war. Es war eine so viel bessere Zeit für ihn, aus heutiger Sicht.

Jetzt ist alles anders. Sogar im eigenen Land NRW hat Konkurrent Markus Söder teils bessere persönliche Umfragewerte als Laschet, der Ministerpräsident. Söder und die "Freunde" aus Bayern sind hörbar auf Distanz, wetzen die Messer für Laschets Auftritt auf dem CSU-Parteitag am kommenden Samstag. Und dann noch die Breitseite vom Kölner Verwaltungsgericht: Die Räumung der Protestcamps gegen den Kohleabbau im Hambacher Forst, von der NRW-Landesregierung forciert, war rechtswidrig. Nur zweierlei spricht noch für den 60-Jährigen: Er ist ein Stehaufmännchen. Ob Ministerpräsident, CDU-Vorsitzender oder Kanzlerkandidat – stets holte er sich das Amt aus schier aussichtsloser Situation. Und: Rheinländer Laschet kann gut mit den Leuten, findet mit seiner geselligen Art schnell Zugang – manchmal sogar so sehr, dass der Zweck eines Wahlkampftermins schon mal in Vergessenheit gerät, wie die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet hat.

Armin Laschet hängt konservativem Familienbild an

So eine Runde im direkten Austausch mit Wählerinnen und Wählern sollte dem CDU-Kandidaten also liegen. Doch der schlecht laufende Wahlkampf hat offensichtlich Spuren hinterlassen. Ganz aus seiner Haut kann Laschet nicht, aber seine in den vergangenen Wochen häufiger als zu jovial kritisierte Art drosselt er merklich – noch einmal ungeschickt rüber kommen, noch einmal an der falschen Stelle lachen wie im Überschwemmungsgebiet (wofür er sich erneut entschuldigt), noch einmal vermeintlich falsch verstanden werden, dafür ist die Zeit bis zum Wahltag allmählich zu knapp. Die Sache hat aber eine Kehrseite: Der so zurückgenommene Laschet nimmt beispielsweise am Schicksal einer Long-Covid-Erkrankten im Studio kaum Anteil und verblüfft mit der Aussage, dass man sich erst bewusst manchen müsse, "dass es das gibt". Immerhin will er nachprüfen, ob die Zulassung eines angeblich vielversprechendes Medikaments beschleunigt werden kann. Merkwürdig distanziert auch die Antwort an eine Hass und Hetze ausgesetzte Bürgermeisterin. "Kommunalpolitiker, das sind Menschen, die sind unmittelbar mit den Bürger:innen zusammen", erklärt er der Lokalpolitikerin ihre eigene Situation und wendet dabei den Blick von ihr ab.

Einmal kommt Laschet völlig aus dem Tritt. Als eine in gleichgeschlechtlicher Ehe lebende Juristin wissen will, warum sie nicht als Elternteil für das Kind ihrer Frau anerkannt werde, während das bei einem Mann, der nicht Vater des Kindes ist, völlig problemlos wäre, kann der Konservative nicht verhehlen, dass er dem traditionellen Familienbild fest verhaftet ist. Das sagt er aber nicht, versucht stattdessen Fragen des Adoptionsrechts ins Thema zu mischen, spricht von "Ihrer Konstruktion" statt von Ihrer Familie, bis die Fragestellerin ihn darauf hinweist, dass es sich um einen verfassungswidrigen Zustand handele und sich die CDU endlich bewegen müsse, "wenn Sie künftig noch von Familien gewählt werden wollen". Laschet kapituliert, lächelt müde, sagt nur: "Gut."

Lange Erläuterungen, selten Klartext

Zwar fordert der Sendungstitel "Klartext", den gibt es aber nur selten. Bei fast allen Fragen ergeht sich der CDU-Politiker in einer Beschreibung des Status quo. "Man muss ja erstmal das Problem erklären", findet Laschet. Fast immer zeigt er Verständnis, doch der bedrohten und bepöbelten Kommunalpolitikerin sagt er nicht, wie er die "Nulltoleranz", für die er sich ausspricht, besser als bisher durchsetzen will. Dem Polizisten, der sich Anfeindungen ausgesetzt sieht, sagt er Rückendeckung der Politik und neue Ausrüstung zu – aber ohne konkret zu werden. Der verängstigten Anwohnerin, die in Düsseldorf eine "Nulltoleranz" gegenüber teils gewalttätigen "Partymobs", die seit Corona zugenommen hätten, vermisst, entgegnet der Kanzlerkandidat: "Ich habe den Eindruck, dass die Polizei da durchgreift." Ruhestörungen seien ansonsten Sache des Ordnungsamtes.

Dem Mitarbeiter eines Callcenters, der beklagt, dass man mit dem derzeitigen Mindestlohn nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könne, gibt er zurück: "Wenn man ein Leben lang für Mindestlohn arbeitet, reicht das nicht für eine auskömmliche Rente, das stimmt." Dafür einsetzen, dass sich das ändert, will sich Laschet aber offenbar nicht. Die Löhne seien Sache der Gewerkschaften und der Arbeitgeber, wenn sich die Politik da einmische, "ist das schlecht für die Gewerkschaften." Für den Fragesteller ergebe sich vielleicht ja mal die Chance auf einen anderen Job. Der empfindet Laschets Antwort auf seine Frage als "vage und unbefriedigend".

Trauen die Deutschen den Ampelparteien zu, die Probleme des Landes zu lösen?

Klares Bekenntnis gegen die AfD

Und so geht es weiter: Eine von der Flut betroffene Frau erfährt viel über beschleunigte Gremien- und Gesetzgebungsarbeit, über den angeblichen Versuch, "neben dem Wahlkampf" Handwerker zu besorgen, hört aber kein Wort des Bedauerns über ihre Situation und nur wenig über Möglichkeiten schneller Alltagshilfe, die dringend gebraucht werde. Auch ein Mann aus Afghanistan, der sich um Angehörige sorgt, die sich vor den Taliban verstecken, bewegt den Kanzlerkandidaten nicht zu einer spontanen Hilfszusage.

Zweimal bekommt Laschet aber auch spontanen Beifall. Einmal für sein Plädoyer für weniger Bürokratie: "Es dauert alles viel zu lange. So werden wir weder die Energiewende schaffen noch wettbewerbsfähig bleiben." Und ein zweites Mal bei dem Satz, es müsse beim Kohleausstieg 2038 bleiben, "weil wenn man jedes Jahr die Zahl ändert, dann geht Vertrauen in die Politik verloren." Entgegen geäußerter Kritik hält er es für möglich, mit dem CDU-Programm das 1,5-Grad-Klimaziel zu erreichen, man könne das aber jetzt noch nicht exakt vorhersagen. Aber: "Wenn wir den Umbau der Industrie hinkriegen, dann haben wir wieder CO2-Ausstoß weniger." Doch was, wenn nicht?

In einem Punkt wurde der CDU-Kandidat dann doch noch sehr klar: Mit der AfD werde er nicht reden, nicht kooperieren und nicht koalieren. "Eine rechtsextreme Partei, die gegen andere hetzt, hat in deutschen Parlamenten nichts verloren", so Laschet. Den Einwand, dass er mit dieser Äußerung spalte, wollte er nicht gelten lassen. "Mit denen will ich nichts zu tun haben, das ist meine Meinung, die kann ich ja äußern." Man könne kritisch sein, ohne gleich rechtsradikal zu werden. In der Sache zuhören und miteinander reden, das müsse aber möglich bleiben, wenn die Meinungen weit auseinanderliegen. Ein bisschen hört man ihn da doch noch raus, den freundlichen Mann aus Aachen. "Warten wir einfach ab, was die Wähler in 17 Tagen entscheiden", mag er zum Schluss nicht auch noch über Koalitionen reden. Dieser Wahlkampf ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.


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