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Auf Tour mit dem Außenminister: Der Menschen-Fischer

Mit einer Bus-Tour durch das Land will der Ober-Grüne Joschka Fischer das Ruder noch einmal herumreißen. Er kämpft für Rot-Grün, für Schröder – und für sich selbst. Innerhalb von wenigen Monaten hat er sich neu erfunden. Ein Bericht aus Fischers Bus.

Von Florian Güßgen

Fischer ist angriffslustig. "Wenn Du nach Hause fährst, dann sag' dem Edi doch, dass er sich schämen soll", schleudert er dem weißen-blauen Regenschirm entgegen, der sich vor seiner grünen Bühne aufgebaut hat. Es ist Mittag. Es regnet. Und Fischer packt sich den Zwischenrufer, zumindest rhetorisch, spielt mit ihm, führt ihn vor - nicht bösartig, sondern augenzwinkernd, stellvertretend für Edmund Stoiber, den bayerischen Regierungschef. Fischer greift an, aber er verletzt nicht, er hat Biss, aber spart sich die Häme. Er ist ein anderer als noch vor ein paar Monaten. So mögen ihn die Menschen. So fängt er sie ein, der Menschen-Fischer.

Enthemmtes Fischer-Bashing

Was haben sie ihn gescholten, geprügelt und getreten. Die Visa-Affäre, dieser unselige Auftritt vor der Parteizentrale der Grünen, dann das Zwölf-Stunden-Verhör vor dem Ausschuss. Schlecht sah er aus damals - verdrießlich, unwillig, angreifbar. Uncool. Die Wähler hatten ihn nicht mehr so lieb wie zuvor, verstießen ihn von Platz eins der Beliebtheitsskala, zogen ihm den biederen Wulff aus Niedersachsen vor. Allein das war eine Schmach für Joschka Fischer, den Ober-Grünen, den Ober-Außenminister, den Ober-Politiker. Auch die Journalisten - wir - betrieben enthemmt Fischer-Bashing, Rache für manche hochmütig-hämische Maßregelung durch einen unwirschen Meister-Redner. Easy shots.

Eine Sommerreise als Feldzug

Vorbei. Diesen Fischer gibt es nicht mehr. Seit dem 22. Mai ist Fischer wieder Joschka - und Joschka will es noch einmal wissen. Rot-Grün chancenlos? Von wegen. Fischer ist Spitzenkandidat der Grünen, er ist ihr Zugpferd, alles haben sie auf ihn zugeschnitten, alles hängt von ihm ab. Und er will es allen zeigen. Mit einem Bus, mit seiner Tour, mit unzähligen Auftritten, Reden, Interviews. "Sommerreise" nennen die Grünen das. Fünfeinhalb Wochen will Fischer durch das Land fahren. Ohne Unterlass. Allein die Dauer der Reise ist eine Botschaft. Das ist Fischers Feldzug, soll das heißen, sein langer Weg zum Wähler. Er, der Joschka, kämpft bis zum Wahltag um Regierung, um Amt, um Ansehen. Für die Grünen, für die SPD, für sich und für Gerhard Schröder. Der letzte Aufrechte der rot-grünen Tafelrunde. Bei 35 Prozent liegt die Koalition derzeit in den Umfragen, 28 für die SPD, sieben für die Grünen. Aussichtslos? 14 Prozentpunkte Rückstand auf Schwarz-Gelb? Aufgeben ist etwas für Hasenfüße und verwirrte Sozialdemokraten. Nicht für einen wie Fischer. Das ist die Botschaft.

Fischer ist immer noch eine Attraktion

Am Montag ist er in Berlin gestartet. An diesem Donnerstag, dem vierten Tag der Reise ist er im Norden, ganz oben in Deutschland, in Heiligenhafen an der Ostsee. Auf dem malerischen Marktplatz vor dem Backstein-Rathaus haben sie eine Bühne aufgebaut, umhüllt von einer froschgrünen Plane. Am Rand der Bühne steht ein Eimer mit Sonnenblumen. Fischers Vor-Gruppe jault "Wild Horses" von den Rolling Stones. Aber selbst davon lassen sich die Fans nicht vergraulen. Tausend Menschen sind gekommen. Trotz des Regens. Sie spannen Regenschirme auf. Sie wollen Joschka sehen. Noch immer fasziniert er sie, noch immer interessiert er sie, dieser Mann, der es vom Steinewerfer zum Außenminister geschafft hat. Sie können nicht von ihm lassen.

"Ich spreche zu Ihnen als Ihr Außenminister"

Um kurz nach zwölf am Mittag rollt der große grüne Joschka-Bus über die Schlamerstraße auf den Marktplatz von Heiligenhafen. "Joschka kämpft" steht in weißen Lettern auf dem Wagen. "Mach mit." Ein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, dann legt Fischer los. Stoiber, der "Randalierer", der "putzige Gysi", die Rente, die Bürgerversicherung, der Verbraucherschutz, die Atomenergie - Fischer spult das ganze Programm herunter. Mit Leidenschaft. Kämpferisch. Selbst für die Sozialdemokraten fühlt er sich zuständig. Sie dürften nicht verzagen, ruft er - und warnt sie vor einer großen Koalition. Der Sieg am 18. September sei noch zu schaffen. Fischer will sie alle mitziehen, auch Schröders Leute. Einer für alle. Endlich. Er redet sich heiß, redet schnell. Nur, wenn er zur Außenpolitik kommt, etwa zur Krise um das iranische Atomprogramm, dann senkt er seine Stimme, dann wird er staatsmännisch. "Ich rede nun nicht als Wahlkämpfer zu ihnen, sondern als ihr Außenminister", sagt er feierlich. "Ihr Außenminister". Das sagt er mehrmals - bevor er sich über seine potenziellen Nachfolger mokiert. Westerwelle. Gerhardt. Stoiber. Die Namen lassen das Publikum aufstöhnen.

Der Politik-Zocker

Aber es ist ohnehin weniger wichtig, was er sagt. Wichtig ist, wie er es sagt, in welcher Verfassung er sich zeigt, wie er aussieht, wie viel er wiegt - und da schneidet er allenthalben gut ab. Er hat abgenommen, ein wenig zumindest, und er wirkt frischer als noch im April oder im Mai. Sicher, manchmal, da steht dem 57-Jährigen die Müdigkeit im Gesicht. Aber jene Verdrießlichkeit, die er noch vor Monaten ausstrahlte, die ihm diese schlechten Sympathiewerte bescherte, die ist weg. Dass er mit dem Rücken zur Wand steht, das spornt ihn an. "Ich bin ein erfahrener Wahlkämpfer - vielleicht nach Jahren der erfahrenste", sagt er irgendwann im Laufe des Tages. Ich packe Euch alle ein, heißt das übersetzt.

Kreide statt Journalisten

Fischers Tour-Bus ist extra für ihn hergerichtet. In kürzester Zeit haben sie sein Porträt auf den Wagen geklebt. Jetzt weiß jeder, der den Wagen sieht, dass da der Außenminister drin sitzt. Im Innenraum ist die Stimmung geschäftig. Im hinteren Teil des Busses gibt es einen Privatbereich mit Bett, vorne sitzen ein paar Journalisten, Fischers Helfer - und die Sicherheitsleute. Der Außenminister ist zugänglich in diesen Tagen. Er setzt sich zu den Journalisten, plaudert ein wenig hier, ein wenig da. Die Zeiten, in denen ein missgelaunter Fischer Journalisten niedermachte, sind vorerst vorbei. Ein Interview? Klar, gerne. Fischer macht dieser Tage fast alles. Es ist, als ob er Kreide fräße statt Journalisten. Er ist im Wahlkampf. Mittags stoppt der Tross in Hohwacht an der Ostsee, eine halbe Stunde von Heiligenhafen entfernt. In einem Restaurant mit Reetdach, direkt am Meer, wird gegessen. Man hat einen wunderschönen Ausblick, es ist ein wunderschönes Motiv. Fischer posiert vor der Meereskulisse für die Fotografen, setzt sich, in Denkerpose, auf einen Steinhaufen - Joschka on the rocks. Seine Lebensgefährtin hat er auch mitgenommen auf die Tour. Aber das ist privat. Fischer will sie raushalten. Für den unerwarteten Wahlkampf habe er den Südfrankreich-Urlaub streichen müssen, sagt er. Das ist jetzt so eine Art Ausgleich. Fischer, der Privatmensch, Fischer, der Politiker. Bei einem, bei dem sogar die eigenen Pfunde ein Mittel der Politik sind, verschwimmen die Grenzen.

"Das ist ein Männerding"

Sie wollen gewinnen. Sie, das sind nicht nur die Grünen, sondern das sind vor allem Schröder und Fischer. Die beiden sind sich so ähnlich - beide Spielernaturen, Zocker, Draufgänger. Sie sind risikofreudig, scheinbar nahbar - und Medien-Meister. Aber weshalb? Eigentlich hat dieses Duo doch alles gewonnen, was es so zu gewinnen gibt in diesem politischen Spiel. 1998 haben sie den großen Coup gelandet und den "Dicken", Helmut Kohl, auf die Straße befördert. 2002 haben sie aus einer schier aussichtlosen Situation heraus noch einmal gesiegt, dank Flut und Irak. Warum tun sie sich das noch einmal an, warum noch einmal all diese Auftritte, dieses Freundlichsein, dieses Menschenfischen? Warum noch einmal die Nummer mit den Zwischenrufern? Ist es die Eitelkeit? Die Macht? Das Spiel? "Das ist ein Männerding", sagt eine Beobachterin in Heiligenhafen. "Immer dieses Gewinnen-Wollen." Vielleicht ist das so. Irgendwann am Nachmittag gibt es im Bus eine gute Nachricht. "Der Chef ist wieder der beliebteste Politiker", sagt einer. Es bewegt sich was. Von wegen Wulff. Das gibt Auftrieb, das motiviert.

"Bei Euch geht's ja zu wie bei der CDU"

Nach dem Essen fährt Fischer nach Kiel. Pressegespräch. Danach geht es schnell in die Kieler HDW-Werft. Hier riecht es nach körperlicher Arbeit, nach Maloche, nach IG Metall, nach Sozialdemokratie - eigentlich nach allem, was nicht grün ist. Aber jetzt liefert das Werft-Gelände eine hervorragende Kulisse für eine Partei, die ihr Öko-Image garnieren will mit Arbeitsmarkt-Kompetenz. Einen ganzen Bus von Journalisten haben sie zur Fischer-Berichterstattung angekarrt. Das gemeine Volk ist nicht dabei. Das kommt überhaupt nie ganz ran an ihn, den Außenminister. Fischer bekommt einen weißen Helm mit einer schwarzen Namensplakette - wie die hohen Tiere des Werftenverbundes auch, zu dem HDW seit Anfang des Jahres gehört. Die Journalisten dürfen sich blaue Helme aufsetzen. In Halle 10 des Geländes, am Bauplatz 3, müssen ein paar Arbeiter extra nachsitzen, um dem Minister zu zeigen, wie sie an einem Schiffskörper arbeiten. Die HDW-Chefs erzählen Fischer etwas von China, Rohstoffen und Konkurrenz. Er nickt verständnisvoll. Aber eigentlich ist es egal, was die erzählen. Es geht um die Bilder. Draußen liegen zwei große, blau-weiße Container-Schiffe. Die Motive werden immer besser. Die Fotografen drängeln. Fischer wird ungehalten. Das einzige Mal an diesem Tag. "Bei Euch geht's ja zu wie bei der CDU", sagt er, halb im Spaß, halb genervt. Die Blauhelme erdrücken die Weißhelme fast.

5,8 Kilometer in vierzig Minuten

Nach HDW hat Fischer eine Pause. Eigentlich. Statt im Hotel auszuspannen, geht er laufen, rennen. Fünf Mal pro Woche, sagt er, mache er das im Schnitt. Sechs Minuten braucht er für einen Kilometer, bis zu zwei Stunden schafft er schon wieder. "Wenn er beim Laufen war", sagt einer von seinen Helfern, "ist er in den Veranstaltungen noch wacher". An diesem Abend in Kiel schafft er die zwei Stunden nicht. Aus Zeitmangel. Vierzig Minuten läuft er, 5,8 Kilometer insgesamt, am Ostsee-Kanal entlang und ein bisschen durch einen Wald, es gibt kaum Steigungen. Es dauere, bis er richtig warm werde, auf Touren komme, erzählt der Außenminister einem, der mit ihm läuft. Gerne hätte er eine zweite Runde gedreht. Fotografieren lässt er sich beim Joggen ohnehin am liebsten, wenn er ankommt, wenn er warm ist, dampft - das sieht gut aus.

Duschen, umziehen, wahlkämpfen

Duschen, umziehen, wahlkämpfen. Vielleicht zwanzig Minuten hat Fischer Zeit, bevor er wieder in den Bus muss. Und dann in die Kieler Halle 400. Rappelvoll ist die, auch auf der Empore stehen sie schon. Auch hier wollen die Menschen ihn sehen. Die Atmosphäre ist enger, dichter als auf dem Marktplatz, die Menschen sind näher dran, Konzertatmosphäre. Fischer spult das Programm herunter, legt bei Stoiber noch ein wenig nach. Die Stimmung ist aggressiver als in Heiligenhafen. "Was ist mit Iran?", ruft einer dazwischen, eine Frau will lautstark wissen, wie die Grünen Arbeitsplätze schaffen wollen in Schleswig-Holstein. "Die Grünen vernichten Arbeitsplätze", ruft die Frau. "Wo denn?", antwortet der Minister. "In Hamburg, überall," tönt es zurück. "In Hamburg? Überall? In der ganzen Welt?" fragt Fischer. Er überzieht und nimmt dann das Tempo raus. "Sie überschätzen uns", sagt er. Das Publikum lacht. "Am Ende sagen Sie noch, der Feldhamster vernichte Arbeitsplätze", setzt er nach. Er macht das nicht aggressiv, nicht von oben herab, sondern er tänzelt die Zwischenruferin aus. Kreide, Kreide, Kreide - und viel Charme. Das wirkt. Auf eine Stunde war die Veranstaltung angesetzt. Sie dauert länger.

Die Schülerinnen von Halle 400

Später, fast am Ende dieses Tages, stehen ein paar Schülerinnen vor dem Eingang der Kieler Halle 400. Sie sind gekommen, um Fischer zu sehen. Typische Grünen-Anhänger sind sie nicht, sie waren einfach neugierig auf den Außenminister. "Es hat mir gefallen, wie er auf die Zwischenrufer eingegangen ist", sagt eine. "Das hat er gut gemacht. Das war lustig." Der Menschen-Fischer hat sie eingefangen. Trotz allem. Das ist der Zweck seiner Reise. Und so wird er sich langsam warm laufen in den nächsten Wochen, Termin um Termin abhaken, Ort um Ort abfahren, über Merkel und über Westerwelle schimpfen und die Sozialdemokraten motivieren. Und er wird laufen, fünf Mal die Woche. Im Schnitt. Und nett sein. Und Interviews geben. Und Zwischenrufer packen. Wenn die Wähler Schröder und ihn nicht mehr wollen, wenn sie Rot-Grün weg haben wollen, dann soll es wohl so sein. Aber dann will er diese Phase seines langen Weges zumindest so beenden, wie es ihm gebührt. Im Feld, vor Ort, in der Bütt. Das letzte Bild dieses Wahlkampfes soll einen Fischer in Fahrt zeigen, einen schwitzenden Fischer. So gefällt er sich.