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Béla Anda: Der Sagenichts

Wie würde wohl Regierungssprecher Béla Anda seinen eigenen Rausschmiss verkaufen? Er sollte sich allmählich Gedanken darüber machen.

Wissen Sie, wer so redet? "Es wäre nicht falsch, davon auszugehen, wenn man annehmen würde, dass dieses Gespräch noch diese Woche stattfinden könnte"? Richtig! Béla Anda, rotgrüner Regierungssprecher. Wer das weiß, ist weit überdurchschnittlich informiert. Denn wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa für den stern herausfand, kennen namentlich ganze sechs Prozent der Bundesbürger Kanzlers Sprachrohr. Ziemlich wenig für den Chef des Bundespresseamtes (BPA), einer Behörde mit 630 Beschäftigten und einem 80-Millionen-Haushalt, davon 35 Millionen für Werbekampagnen, um die Wohltaten von Rot-Grün unters Volk zu bringen.

Das missglückt zuweilen spektakulär. So bei der Plakataktion zur Rentenreform, die verkünden sollte: "Später eine Rente". Grafisch ungeschickt umgesetzt, las sich der Spruch beim ersten Augenschein: "Später keine Rente". Ein Flop auch die Werbebotschaft "Deutschland bewegt sich" - wohin, das blieb ungesagt.

"Besondere Vermittlungsschwierigkeiten"

Als Gerhard Schröder seinen Verzicht auf den SPD-Vorsitz bekannt gab, klagte er wortreich über die "besonderen Vermittlungsschwierigkeiten" bei der Umsetzung seiner Reform-Agenda. Klaus Harpprecht, ehemaliger Medienberater des SPD-Kanzlers Willy Brandt, wusste dafür in der "Süddeutschen Zeitung" eine Erklärung: den "quasi nicht existenten Pressechef". Und beim Scherbengericht im SPD-Parteirat warfen frustrierte Genossen die Frage auf: "Was macht eigentlich das Bundespresseamt?" Offenkundig zu wenig.

Die Behörde ist ein Wasserkopf mit wenig Inspiration. Einer der Vorgänger Andas, Johnny Klein, lästerte einmal: "Die Hälfte der Belegschaft kann man rausschmeißen, dabei ist egal, welche." An der Spitze steht Anda im Range eines Staatssekretärs. Erster stellvertretender Sprecher ist Hans-Hermann Langguth, der auf dem Ticket der Grünen ins Presseamt gekommen ist. Zweiter Stellvertreter ist Thomas Steg, ein alter Schröder-Spezi seit hannoverschen Tagen. Dann gibt es noch einen Stellvertretenden Chef des Presseamts, den Ministerialdirektor Herbert Mandfelartz. Die Herren kassieren alle um die 10 000 Euro im Monat. So teuer war die Amtsspitze noch nie. In der Bonner Außenstelle sind rund 180 Beamte kaltgestellt, wohin sie - entweder unfähig oder Inhaber des "falschen" Parteibuchs - abgeschoben wurden. Kanzleramtschef Frank Walter Steinmeier nennt das Presseamt gern "Abraumhalde".

Chef Anda ist ein begabter Sagenichts. Locker und leise redet er eine Viertelstunde über die Regierungspolitik, ohne den Hauch einer Botschaft im Wortschwall zu verstecken. Viele suchen nach der Antwort auf die Mutter aller Fragen: Sagt er nichts, weil er nichts weiß, oder schweigt er, weil er nichts sagen will? Besserung ist nicht in Sicht, denn Anda ist ein Politik-Verkäufer, dem es an Produktinformation mangelt. Sein Amtsvorgänger Uwe-Karsten Heye hatte Zugang zu Schröders Küchenkabinett. Anda bleibt ausgesperrt. Er müsse oft erst recherchieren, wie die strategische Linie des Kanzlers sei, klagt er zuweilen. Kanzleramtschef Steinmeier führt derweil vertrauliche Gespräche mit Journalisten, von denen Anda nichts erfährt. Widerspruch traut er sich nicht. "Die Angst vor Steinmeier lähmt ihn", berichten Insider. Und davon, dass er mit seinen Stellvertretern Langguth und Steg heillos über Kreuz sei.

Tom Cruise light

Dabei hatte alles so gut angefangen. Als Anda, 40, nach dem Machtwechsel im Februar 1999 das Presseamt betritt, zunächst als stellvertretender Sprecher unter Heye, schwärmen die Sekretärinnen. Endlich ein charmanter Chef, einer, der stets lächelt, wenn er über die Flure huscht. Immer im dunklen Anzug, mit den geschmackvollsten Krawatten, den elegantesten Hemden. Tom Cruise light. Später lachten auch die Journalisten. Im Mai 1999 droht Schröder erstmals im Kabinett mit Rücktritt, der Eklat wird unverzüglich "Bild" und "Welt" hinterbracht. Als Anda der Indiskretion verdächtigt wird, fällt er vor Schreck buchstäblich in Ohnmacht. Diagnose: plötzliche Kreislaufschwäche.

Der sanfte Schöne beherrscht zuweilen aber auch die harte Tour. So stauchte er einmal einen gestandenen Ministerialrat so lautstark zusammen, dass dem die Tränen in die Augen traten. Trifft er jedoch auf Widerstand, dreht er bei. So lassen sich bei der täglichen Schaltkonferenz zwischen Anda und den Ressorts selbstbewusste Ministersprecher wie Walter Lindner (Auswärtiges Amt), Klaus Vater (Gesundheit und Soziales) oder Norbert Bicher (Verteidigung) längst nicht mehr auf Sprachregelungen verpflichten.

Nachhaltigen Schaden nahm Andas Autorität im Presseamt durch die "Disketten-Affäre", in der er sich bei einer Lüge ertappen ließ. Nach einem Schröder-Besuch in Washington hatte der Fotograf Klemens Beitlich Anda gebeten, eine Diskette mit 160 Digitalfotos nach Deutschland mitzunehmen. Dort kam sie nie an. Erst behauptete Anda, er habe die Diskette gar nicht bekommen, schließlich stehe er "für solche Botendienste als Regierungssprecher nicht zur Verfügung". Dumm nur, dass er Beitlich auf dessen Telefon-Mailbox mitgeteilt hatte, die ihm übergebene Diskette sei leider verschwunden. Jetzt erinnerte sich Anda anders: Zwar habe er die Diskette bekommen, doch sei sie ihm im scharf bewachten Waldorf-Astoria-Hotel aus der Aktentasche gestohlen worden. Beitlich ist überzeugt, Anda habe die Fotos verschwinden lassen, weil sie zeigten, wie Präsident Bush dem Kanzler im Weißen Haus "brüsk den Rücken zudrehte".

Die schützende Hand von Schröder-Köpf

Andas Weg an die Spitze des Presseamts begann mit einer Schröder-Biografie, in der der ehemalige "Bild"-Journalist zusammen mit dem Kollegen Rolf Kleine detailreich den Aufstieg des Niedersachsen beschrieb. Schröder-Kenner Jürgen Trittin ätzte: "Was hier von Gerhard Schröder über Gerhard Schröder preisgegeben wird, ist das, was Gerhard Schröder über Gerhard Schröder preisgeben will." Damals schwebte zudem die schützende Hand von Doris Schröder-Köpf über Anda. Er hatte als erster Journalist von ihrer Liaison mit dem Kanzler gewusst, dies aber auf Bitten des Paares nicht geschrieben. Dafür sind sie ihm bis heute dankbar. "Schröder gibt Leuten, die ihm in schwierigen Zeiten beigestanden haben, keinen Arschtritt", heißt es im Kanzleramt.

Damit dürfte es indes bei der zur Jahresmitte erwarteten Kabinettsumbildung vorbei sein. Kanzler-Vertraute haben Anda als Problemfall markiert, wollen aber auf das große Revirement warten, um den Fall geräuschlos zu lösen. Die Kanzlergattin, so heißt es, habe ihre schützende Hand schon abgezogen. Und auch Schröder selbst wolle den zuweilen hilflos Stammelnden nicht länger ertragen.

Hans Peter Schütz, Mitarbeit:Hoidn-Borchers/Gerwien / print