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Regierungssprecher Thomas Steg: Große Koalition im Kleinen

Ein schwieriges Stück Große Koalition geht mit dem Wechsel von Thomas Steg zur SPD zu Ende. Aber das politische Bündnis zwischen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm und ihm funktionierte besser als das Bündnis der Politiker.

Eine Nachruf von Hans Peter Schütz

Aller Anfang war schwer. Da platzierte der CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder zu Beginn der Großen Koalition in einem Interview mit dem stern den Gedanken eines Gesundheitsfonds in die erregte Debatte über die Gesundheitsreform. Prompt trat der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg vor die Berliner Journalisten und meierte Kauder lässig ab: "Wenn von dritten Wegen die Rede ist, erweist sich nicht jeder als Königsweg. Mancher könnte sich als Holzweg oder Irrweg erweisen."

Patsch, Klatsch! Jedes Wort eine politische Ohrfeige. War das Auftragsarbeit auf Wunsch der Kanzlerin? Oder ging Steg von sich aus zu weit? Die Fragen sind nie beantwortet worden. Gesichert jedoch ist Kauders Zorn über die öffentliche Watschn. Vom "roten Rotzlöffel" gar soll damals im Kauder-Büro die Rede gewesen sein.

Aller Anfang war schwer. Da saß Angela Merkel zu ihrer ersten Pressekonferenz nach der Sommerpause 2006 vor den Journalisten und patzte gleich im ersten Satz. "Die Bundesregierung ist morgen genau neun Jahre - nein, neun Monate - im Amt." Alles lachte. Eine Botschaft hatte sie nicht parat an diesem Tag, weil ihre Büroleiterin Beate Baumann dergleichen für entbehrlich hielt. Und dann saß auch noch Thomas Steg an ihrer Seite, der seit langem ein SPD-Parteibuch besitzt. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm (45), ein CSU-Mann, war zum Wiederbeginn nach dem politischen Sommerschlafs noch nicht aus dem Familienurlaub zurück. Dass sich die Kanzlerin auch mit Wilhelm an ihrer Seite wohl verhaspelt hätte - na ja. Aber weshalb hatte er aus diesem Anlass seinen Stuhl dem Stellvertreter überlassen? Jedenfalls war danach im Regierungsviertel mal wieder von "Wilhelm II." die Rede. Immer wieder sei Stellvertreter Steg vorne dran.

Gemeinsame Identität herstellen

Aller Anfang war schwer. Bald danach jedoch stimmte die Hierarchie. "Ulrich Wilhelm hat den Hut auf", sagte selbst Steg und nahm den Umstand ganz locker. Wo sich die Große Koalition bis heute immer mal wieder regelmäßig zoffte und kabbelte, funktionierte die Große Koalition im Kleinen zwischen den beiden Regierungssprechern reibungslos bis zum Ausstieg von Steg. Fast schon ein kleines Wunder. Denn sehr viel unterschiedlicher als das Duo strukturiert war, konnte es nicht sein.

Dass es dennoch so gut klappte, basiert auf dem Kauder-Struck-Grundgesetz der Großen Koalition. "Wenn es zwischen mir und Peter Struck kracht", sagt Kauder, "dann ist die Koalition am Ende." Aus Wilhelms Mund klang das so: "Wir müssen bei allen Unterschieden die gemeinsame Identität der Koalition herstellen." Wenn Steg und er gegeneinander arbeiteten, "dann bricht alles auseinander". Auf dieser Basis ist zusammengekommen, was von Hause aus nicht zusammen passte.

Der Stoiber-Macher Wilhlem

Hier der bürgerlich-konservative Wilhelm, der schon als kleiner Bub mit Politik in Berührung kam, denn der Vater saß viele Jahre als CSU-Abgeordneter und Staatssekretär im bayerischen Landtag. Der Sohn baute seine Karriere mustergültig auf: Erst lernte er das journalistische Handwerk auf der Münchner Journalistenschule, studierte danach Jura, arbeitete zunächst beim Bayerischen Rundfunk. Zu Edmund Stoiber kam er, als der bayerischer Innenminister wurde und begleitete ihn 1993 in die Staatskanzlei. Es folgten Stoibers beste Jahre, auch deshalb, weil er hinter geschlossener Tür noch Kritik und Widerworte seiner Beamten ertragen mochte, vor allem die seines - seit 1998 - loyalen Sprechers Wilhelm.

2003 wechselte der als Amtschef im Range eines Ministerialdirektors ins bayerische Wissenschaftsministeriums. Wilhelm hatte die Nase bis obenhin voll von den internen Intrigen seines Stellvertreters Martin Neumeyer. Der drängelte auf seinen Platz, indem er dem durch die Eroberung der Zweidrittelmehrheit ohnehin abgehobenen Chef nur noch nach den Lippen redete. Loyalität verträgt sich bei Wilhelm nicht mit katzbuckeln.

Merkel hatte Wilhelm bereits als Journalist kennen gelernt, als er 1990 für den Bayerischen Rundfunk ein Kohl-Porträt erarbeitete. Sehr viel näher sind sich die beiden 2002 gekommen, als Stoiber Kanzlerkandidat der Union war. Die Merkel-Vertraute Eva Christiansen soll ihn dann nach dem Wahlsieg 2005 als Regierungssprecher empfohlen haben. Beate Baumann, engste Mitarbeiterin der Kanzlerin, stimmte zu, wobei das Frauen-Trio ganz sicher auch die unverändert guten Drähte Wilhelms in die Innereien der CSU einkalkulierte. Erspart hat das der Kanzlerin die Münchner Quertreibereien nicht.

Steg, der Schröderflüsterer

Partner auf SPD-Seite war mit Steg ein Mann, der aus der Gewerkschaftsbewegung kommt. Erst arbeitete der gebürtige Braunschweiger und studierte Soziologe als Sprecher der SPD-Fraktion in Niedersachsen, zog mit Gerhard Schröder als dessen stellvertretender Büroleiter ins Kanzleramt, schrieb ihm Reden und Regierungserklärungen, die er dann in der Reichstagslobby vor Journalisten zu wahren politischen Wunderwerken hochjubelte: Immer ging der Basta-Kanzler in seinen Augen als haushoher Sieger über Merkel aus den rhetorischen Duellen hervor. Als Steg zu rotgrünen Zeiten unter Regierungssprecher Bela Anda zu dessen Stellvertreter aufrückte, begann die vermutlich härteste Zeit seiner Karriere. Intellektuell Anda weit überlegen, litt er sehr unter dem kommunikativen Unvermögen seines Chefs ebenso wie unter dessen cholerischen Anfällen im internen Umgang.

Es war für Steg kein leichter Wechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Rot. Konnte man glaubwürdig bleiben, indem man heute das vertrat, was man gestern noch des Teufels gescholten hatte? Würden ihn die Genossen einen Verräter nennen? Würde die Chemie mit Merkel und Wilhelm stimmen? Auf der ersten Reise mit der Kanzlerin nach Wien habe man bei einem Glas Wein beschlossen, mit der Vergangenheit respektvoll umzugehen, sagt er. Zuweilen beschrieb er den Stil der Kanzlerin als "herrschaftsfreien Diskurs". Der Linke hatte schließlich seinen Habermas gelesen.

Das Duo ist erfolgreich

"So unaufgeregt, wie heute das Bundespresseamt funktioniert, das hat es lange nicht gegeben", schwärmt noch heute ein führender Mitarbeiter der 600-Mann-Behörde über die Doppelspitze, die jetzt zu Ende ging. Ihre Arbeitsteilung war klar, die Herren siezten sich, obwohl ihre Büros im Presseamt beieinander lagen. Es blieb ein Stück Distanz, mit allem Respekt.

Wilhelm ist - nach Anlaufproblemen - längst ganz nahe dran an der Kanzlerin, hat ein Zweitbüro im Kanzleramt, sitzt in der Morgenlage mit den Merkel-Vertrauten und kommt mit Beate Baumann aus, auch wenn er mitunter darunter leidet, dass die als "Königskobra" gescholtene Büroleiterin Merkels Journalisten vorrangig als lästige Störenfriede betrachtet. Kanzlerinnen-Interviews lesen sich oft deshalb so kieselglatt, weil Baumanns Rotstift schon mal glättet, was Wilhelms Kuli überlebt hat.

Der Regierungssprecher hat einen Knochenjob, der Arbeitstag oft 18 Stunden. Zeit zur Lektüre des geliebten Stefan Zweig bleibt kaum. Frau und zwei Kinder leben in München, was arbeitstechnisch wahrscheinlich gut ist. Er begleitet die Kanzlerin auf vielen Reisen. In Berlin ist er für sie eine oft gewählte SMS-Adresse. Nie wird er intern laut. Gewissenhaft wie er ist, arbeitet er tagtäglich die Telefonliste der Journalisten mit Bitte um Rückruf ab. Sein Netzwerk in den Medien trägt ihn inzwischen. Und er lebt mit der Hoffnung auf "die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und auf den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann". Dafür schleppte sich der Mann mit dem leicht bayerischen Akzent auch dann preußisch pflichtbewusst ins Büro, wenn er ins Krankenbett gehörte.

Nachdenklichkeit zelebrieren

Steg hatte von den beiden den schwierigeren Job. Zwar konnte er sich auf ein eingespieltes Netzwerk in die SPD-regierten Ministerien hinein - etwa auf seinen Nachfolger Klas Vater - stützen, kennt die Akteure der Partei seit langem, saß in den SPD-Gremien dabei. Aber er wußte um das anfängliche Misstrauen, mit dem die Unionsminister und vor allem die CDU/CSU-Fraktion seine Arbeit beobachteten. Bekannt ist, dass Steg nach jeder Kabinettssitzung in die SPD-nahe Journalistenrunde "Gelbe Karte" eilte und dort die "roten" Akzente der Regierungslinie verklickerte. Im Presseamt leitete er die tägliche "Lage" der Abteilungsleiter, in der die Schwerpunkte der Pressearbeit diskutiert werden. Am besten war der Stellvertreter, wenn er in der Bundespressekonferenz Nachdenklichkeit zelebrieren durfte. Je pauschaler eine Frage, desto globaler seine Antwort. Das genoß er wie Plätschern im Wellness-Bad.

Ein Stoibermacher und ein Schröderflüsterer als Stimmen der Angela Merkel - das passte durchaus ins Bild der Kanzlerin des Ungefähren. Bei einer anderen als dem gelernten Machtmädchen wäre es schlicht nicht möglich gewesen.