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Kanzler-Sprecher Steg: Merkels Ex soll Steinmeier retten

Es ist schon kurios: Wenige Wochen vor der Bundestagswahl wechselt der allseits geachtete Merkel-Sprecher Thomas Steg als PR-Stratege ins Wahlkampfteam des Angreifers Frank-Walter Steinmeier. Bei seinem Auftritt vor der Bundespressekonferenz zeigte er sich gewohnt souverän. Im Unionslager fürchten sie nun, dass Steg die Schwächen der Kanzlerin zu gut kennt - und wittern Verrat.

Von Ulrike Posche

Es herrschte schon ein wenig "I did it my way"-Stimmung im Saal, als Thomas Steg, 49, am Freitagmittag vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz saß und mit seinem Vortrag begann. Der Stellvertretende Regierungssprecher gab sich zwar wie üblich professionell. Aber in der Luft lag Wehmut. Seine Stirn war in Quer- und Längsfalten gelegt. Die Stimme dunkel und ruhig, als käme sie aus dem Äther eines alten Grundig-Radios. Die Augen hinter der modischen Brille - geradeaus.

Steg verkündete, dass die Bundeskanzlerin den russischen Präsidenten Medwedew zu deutsch-russischen Konsultationen einladen werde. Er verkündete dies und das. Und schließlich auch sein eigenes - vorläufiges - Ende. Jedenfalls dasjenige als Sprecher der Bundeskanzlerin und als Vize des blonden Bayern Ulrich Wilhelm. Es ist selten, dass die Beurlaubung eines stellvertretenden Sprechers so großes Bedauern auf der einen und Hoffnung auf der anderen Seite auslöste. Denn eine ganze Woche lang ist rings um das Regierungsviertel die Frage gewogen und diskutiert worden: Geht der SPD-Mann oder bleibt er?

Hochkommissar für Steinmeiers Pressearbeit

Er geht, das ist nun gewiss. Zum Ende des Monats wechselt Thomas Steg die Seiten. Er soll als eine Art Hochkommissar das brach liegende Feld des Medienmanagements für SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier befruchten. Er soll den Herausforderer und die Seinen aus dem tiefen Tal der schlechten Umfragen führen, wie einst Mose das Volk Sinai aus Ägypten. Er soll ihn mit sanftem Säuseln und klugen Kampagnen ins Kanzleramt zaubern. Er soll gewissermaßen Unmögliches wahr machen. Nicht mehr und nicht weniger. Auf Steg ruhen jetzt alle Hoffnungen. So wie im Jahr 2002 die Elbe-Flut und der Irak-Krieg die Wende im Wahlkampf brachten; wie im Jahr 2005 Merkels Finanzexperte Paul Kirchhoff, "der Professor aus Heidelberg" den Umschwung für die SPD brachte, so soll diesmal Thomas Steg die Stimmung rum reißen.

Das finden die einen gut und andere schade. Zur letzten Gruppe gehört die Kanzlerin.

"Mit angemessenem Bedauern" habe sie reagiert, heißt es aus Regierungskreisen. Es kommt nämlich nicht häufig vor in der Geschichte der Bundesrepublik, dass der Redenschreiber und Regierungssprecher eines SPD-Kanzlers anschließend als Regierungssprecher eines CDU-Kanzlers fungiert hätte. Und zwar zu beider Zufriedenheit. Doch die Große Koalition hat genau dies 2005 möglich gemacht.

Als Angela Merkel am Nachmittag des 22. November 2005 in der Lobby des Kanzleramtes ihren Vorgänger Gerhard Schröder verabschiedete, blieb nur Thomas Steg zurück. Ein unglücklich wirkender Mann mit blankem Kopf und feuchten Augen. Man sah ihm seine innere Zerrissenheit als, als er schließlich zur neuen Kanzlerin in den Aufzug stieg und ihr das Büro zeigte.

"Wir versuchen es miteinander"

Er war ja, wie Merkel wenige Tage später zu ihm sagen würde, "der einzige mit Regierungserfahrung". Die SPD schlug ihn deshalb als Stellvertretenden Regierungssprecher vor. Und Merkel beschloss, "es miteinander zu versuchen".

Bis dahin hatte der gebürtige Braunschweiger 15 Jahre lang für Schröder gearbeitet. Erst in Hannover, seit 1998 in Bonn und Berlin. Er war Stellvertretender Büroleiter und mit seinem kongenialen Partner Reinhard Hesse zugleich Redenschreiber und SpinDoctor. Meist sah man die beiden spätnachts noch im Restaurant "Manzini" an der Ludwigkirchstraße oder im "Florian" am Savignyplatz über den Manuskripten brüten. Steg, Pfeife rauchend und Wein trinkend. Der früh verstorbene Hesse hinter Weißbier und Zigaretten. Als Schröders Regierungssprecher ging, rückte Steg zum Vize des neuen Sprechers Bela Anda auf.

Bei Journalisten galt der promovierte Sozialwissenschaftler und Psychologe schnell als der eigentliche Politik-Erklärer im Hause Schröder. Analytisch scharf und immer geschliffen wie ein facettiertes Weinglas kamen seine Antworten, wenn er nach der Frage erst einmal lange geschwiegen, an der Pfeife gesogen und dem Rauch nachgesonnen hatte. Steg war für Journalisten ein sichere Bank, ein perfekter Beobachter, ein großer "Formulator". Er hat das Talent, jede zarte Stimmung in Worte zu fassen.

Doch dass er 2005 so geschmeidig ins andere Lager gewechselt war, war ihm - wenngleich es nicht sein eigener Wunsch gewesen war - von vielen übel genommen worden. Nicht selten fiel in den Reihen der Sozialdemokraten das Wort "Verräter", wenn von ihm die Rede war. Er verkaufe die Kanzlerin besser, als er es müsste, warfen ihm viele vor.

Und in der Tat gelang es Steg, in kurzer Zeit ein ebenso vertrauensvolles Verhältnis zu Angela Merkel aufzubauen, wie er es zuvor zu Schröder hatte. Nur drei Tage nach Amtsantritt nämlich klingelte nachts sein Telefon. Das Lagezentrum wusste nicht, bei wem von den Neuen man sich sonst hätte melden sollen: Im Irak sei eine Deutsche entführt worden. Steg rief sofort Merkels Büroleiterin an, und riet ihr, die Kanzlerin zu informieren. Dass sie deshalb nicht am Morgen von Pressemeldungen über Susanne Osthoffs Geiselnahme kalt erwischt wurde, hat sie ihm gedankt. Von dem Moment an wusste sie wohl: Dem kann ich trauen.

Bereits Ostern 2006 hatte Steg dann erneut Gelegenheit, ihr feinfühlig Unangenehmes zu unterbreiten. Paparazzi hatten die Politikerin im Badeurlaub auf Ischia abgeschossen und dabei am Rande der "Aphroditen-Therme" jenen Moment erwischt, in dem der nasse Badeanzug zwar bereits unten, der trockene aber noch nicht oben ist.

Britische Boulevardzeitungen hatten die Bilder gedruckt. Steg, der in Berlin Stallwache hatte, musste sie nun so elegant darauf hinweisen, wie man das am Telefon eben kann. Als er erklärt hatte, was genau auf den Bilder zu sehen ist - und was nicht, sagte sie: "Und mein Mann sagt gleich: Warum gehste eigentlich nicht in die Umkleidekabine - wie jeder andere vernünftige Mensch?"

Das Dekolleté der Kanzlerin

Steg sprach, wo es was zu sagen gab und schwieg, wenn er nicht gefragt wurde. Vor allem schwieg er über Vertrauliches. Manche in Merkels Umfeld fürchten, er könne Steinmeier nun mit Details und eben jenem Vertraulichem versorgen und für den Wahlkampf fit machen. Er kenne schließlich alles, wisse um Stärken, Schwächen und Strategien im CDU-Lager. Er verstünde es sicher, verantwortungsvoll damit umzugehen, soll Merkel ihren Leuten gesagt haben, davon sei sie überzeugt.

Im vergangenen Jahr reiste sie mit Thomas Steg auf Einladung des norwegischen Königshauses nach Oslo, um dort das neue Opernhaus einzuweihen. Schon als sie aus dem Auto stieg, dachte ihr Sprecher: "Das gibt Diskussionen! Das gibt Erklärungsbedarf!" Die Kanzlerin verblüffte mit einem überaus appetitlichen Dekolleté. Einem, das in Regierungskreisen selten ist. Die Reaktion war enorm. "Schockierend", fanden manche Zeitungen. "Die Bundeskanzlerin ist ein bisschen erstaunt gewesen", kommentierte anderntags ihr Deuter die europaweite Dekolleté-Debatte. "Dass dieses Abendkleid, eine Neukomposition, ein Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin, für eine solche Furore gesorgt hat, lag nicht in der Absicht der Bundeskanzlerin", so Steg.

Er konnte das sagen, ohne zu lachen, ohne auch nur ein einziges Mal zu lächeln. Er sprach, als habe er eine Spiegelstrich-Formulierung aus dem Lissabon-Vertrag zu erklären. Nur eine eigene Bewertung der Angelegenheit konnte er sich nicht verkneifen: Er hoffe, dass das norwegische Königshaus ein Nachsehen habe, weil die Abendgarderobe der königlichen Familie nicht so im Mittelpunkt gestanden habe. Merkel dagegen habe "sehr viel Anerkennung" für ihre Kleidung erfahren.

Thomas Steg, der als Dozent der Freien Universität Berlin Vorlesungen über den "Kampf um Aufmerksamkeit" hält, will nun erst einmal mit seinen Buddys aus Showgeschäft und Fernsehen über Mecklenburgs Seen schippern. Am Mittwoch dann gbit er ein letztes Gastspiel in der Bundespressekonferen - es wäre die 360., bei einer krummen Zahl wollte er es nicht belassen. Dann wird er den Kampf um die Aufmerksamkeit für Frank-Walter Steinmeier aufnehmen. Und Wahlkampf hin oder her: Wie üblich wird er vor dem Schlafengehen noch einmal bei Angela anrufen.

Denn daran ist Frau Steg nun mal seit vielen Jahren gewöhnt.