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Bahn: Bundesregierung ringt um Mehdorn-Nachfolge

Nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn schießen die Spekulationen um seine Nachfolge ins Kraut. Ausgemacht scheint bislang lediglich, dass sich die Regierung schnell auf einen neuen Bahn-Chef einigen will - angeblich ohne Rücksicht auf sein Parteibuch.

Obwohl Hartmut Mehdorn als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn schon lange heftig umstritten war, wollte die Bundesregierung vor der Bundestagswahl nicht an die Personalie ran. Doch nun, nachdem die Datenaffäre den scheinbar "Unabsetzbaren" zum Rücktritt gezwungen hat, will die Bundesregierung zügig über einen Nachfolger im Amt des Bahn-Chefs entscheiden. Schon am späten Dienstagabend wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier, Kanzleramtschef Thomas de Maizière und die Ressortchefs des Verkehrs-, des Finanz- und des Wirtschaftsministeriums zusammenkommen, um über das Thema zu beraten.

Auf den künftigen Bahn-Boss kommt eine Herkules-Aufgabe zu. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) betonte bereits unmissverständlich, der neue Chef müsse schnell Vertrauen zurückgewinnen und die Unternehmenskultur verbessern. Er gehe davon aus, "dass wir relativ schnell eine gute, tragfähige Lösung präsentieren können", so Tiefensee. Die Regierung werde sich "sehr schnell verständigen, der Aufsichtsrat zumal". Tiefensee versprach, die Regierung werde "nicht nach dem Parteibuch schauen". Als Bedingung nannte der Minister aber Erfahrung bei der Führung eines großen Unternehmens. In der derzeitigen wirtschaftlichen Situation brauche man jemanden, der in seinem neuen Amt schnell Fuß fasse.

"Da ist nichts dran"

Obwohl diverse Namen möglicher Nachfolger am Montag diskutiert wurden, steht offenbar noch nichts fest. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm dementierte umgehend eine Meldung der "Rheinischen Post", wonach Kanzlerin Merkel Airbus-Chef Thomas Enders für den Posten des Bahn-Chefs favorisiere. Auch ein Sprecher des Airbus-Mutterkonzerns EADS sagte: "Da ist nichts dran." Auch Bahn-Finanzvorstand Diethelm Sack wird einerseits als Nachfolger gehandelt, wird jedoch nach Informationen des "Handelsblattes" eher ebenfalls zurücktreten. Er habe seit langem sein berufliches Schicksal mit dem Mehdorns verbunden und werde daher nun die Konsequenzen ziehen.

In den Medien wird indes über weit mehr Nachfolge-Kandidaten spekuliert. In der ZDF-Sendung "heute" wurde der Chef des Frankfurter Flughafens, Wilhelm Bender, als Kandidat für die Nachfolge genannt. Fraport-Sprecher Klaus Busch sagte allerdings, er habe davon bisher nichts gehört. Zu den möglichen Kandidaten gehört angeblich auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise.

Auf eine Doppelspitze tippen hingegen die "Financial Times Deutschland" und die "Welt": Berichten der Zeitungen zufolge könnte es bei der Bahn künftig zwei Chefs geben. In diesem Szenario würde ein Manager die Bahn-Holding leiten, ein anderer die 2008 ausgegründete Betriebstochter DB Mobility Logistics (ML).

Gewerkschaftsvertreter und Politiker der Bundestagsfraktionen forderten vom neuen Bahn-Chef ein Bekenntnis zu einem integrierten Unternehmen und stellten den geplanten Börsengang grundsätzlich infrage. Tiefensee sagte zur Zukunft der Bahn: "Meine Position ist unverändert: Die Bahn bleibt ein integrierter Konzern, in dem das Netz auf Dauer beim Bund und damit in der Hand der Bürger bleibt. In der nächsten Legislaturperiode sollten wir die Teilprivatisierung nicht weiter verfolgen." Der Verkehrsclub VCD beschwor ein Ende "der weltweiten Expansion des Konzerns in bahnfremde Sparten, mit regelmäßigen Fahrpreiserhöhungen und gleichzeitigen Angebotskürzungen". Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle erwartet vom neuen Bahn-Chef zudem Aufklärungsarbeit. Mit dem Rücktritt Mehdorns sei "der Sumpf nicht trocken gelegt".

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier sagte, er sei zuversichtlich, dass man noch in dieser Woche einen "hochkompetenten, engagierten" Nachfolger präsentieren könne. Dieser müsse sicher nicht aus den "klassischen" Parteischienen kommen. Er sei optimistisch, dass eine Einigung mit der Union in dieser Personalfrage gelinge. Die SPD besteht nach einer Meldung der "Bild"-Zeitung auf einer einvernehmlichen Entscheidung über den Nachfolger Mehdorns. Dafür wird Steinmeier sorgen müssen, da SPD-Vorsitzender Franz Münteferung ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer nicht an den Beratungen zur Mehdorn-Nachfolge teilnehmen werden. Die Bahn ist Sache der Regierung, nicht der Parteien.

Nach den Worten Steinmeiers kam der Rückzug Mehdorns wegen des Vorlaufs und der Schlagzeilen vom letzten Wochenende "zum richtigen Zeitpunkt". Mehdorns Verdienste um den Konzern blieben unvergessen. Auch unter einem Nachfolger müsse die Deutsche Bahn international ein "wichtiger Player" bleiben.

Merkel dankte Mehdorn "sehr herzlich" für seine Arbeit für die Bahn. Er habe das Unternehmen wirtschaftlich saniert und zu einem weltoffenen Logistik-Unternehmen gemacht, das weltweit große Anerkennung genieße. "Das ist ganz wesentlich mit seiner Handschrift verbunden", sagte die Kanzlerin.

Der stern und stern.de hatten die Daten-Affäre Mitte Januar aufgedeckt. Die Bahn hatte Daten von mehreren hundert leitenden Mitarbeitern auf Korruptionsverdacht überprüfen lassen. In den folgenden Wochen räumte die Bahn insgesamt fünf große Kontrollaktionen in den Jahren 1998 bis 2006 ein. Dabei wurden Stammdaten von teils mehr als 170.000 Bahnmitarbeitern wie Privatadressen und Kontonummern mit denen von Lieferfirmen abgeglichen. So sollten laut Bahn Scheingeschäfte und andere Betrügereien aufgedeckt werden. Die Affäre spitzte sich am vergangenen Freitag zu, nachdem Sonderermittler den Aufsichtsrat über flächendeckende Kontrollen von Mitarbeiter-E-Mails in den Jahren 2005 bis Oktober 2008 informiert hatten.

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters