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Barbara und Claudia Stamm: "Es ging um Cannabis, Mutti"

Das gab es noch nie: Mutter Barbara Stamm vertritt die Christsozialen im Landtag, Tochter Claudia die Grünen. Dass sie nicht das erste grüne Schaf in ihrer schwarzen Verwandtschaft ist, berichtet Claudia Stamm im stern-Interview. Ein Gespräch über Schwarz-Grün in Politik und Familie.

Barbara Stamm, Sie entstammen einer tiefschwarzen Familie, sind seit 40 Jahren Mitglied der CSU. Ihre Tochter Claudia ist eine Grüne. Was ist schiefgelaufen?

Barbara Stamm: Komisch, ich werde das oft gefragt. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn meine Tochter zur CSU gekommen wäre. Aber sie hat nun mal ihren eigenen Kopf.

Sie finden nichts Ungewöhnliches daran: Mutter sitzt für die CSU im Landtag, Tochter für die Grünen?

Barbara Stamm:

Es gab schon empörte Reaktionen. Ein Mann sprach als "Stimme des Volkes" auf meinen Anrufbeantworter: Er habe mich immer gewählt, aber da er nun wisse, dass meine Tochter bei den Grünen ist, könne er mich nie mehr wählen.

Claudia Stamm:

Wir haben auch sehr schöne Briefe bekommen, darunter viele Komplimente an dich für die tolerante Erziehung deiner Kinder.

Barbara Stamm:

Unsere drei Kinder haben zu Hause nichts anderes erlebt als Politik. So gesehen bin ich froh, dass sich meine Tochter überhaupt politisch engagiert. Nur weil sie bei den Grünen gelandet ist, heißt das noch lange nicht, dass in unserer Familie etwas schiefgelaufen ist.

Sie haben sich nie gewundert über die Ansichten Ihrer Tochter?

Barbara Stamm: Ach Gott, was heißt "gewundert"? Ich habe sie doch zu Hause erlebt. Vor allem in der Ausländerpolitik hatten wir früh verschiedene Meinungen. Da hat es zwischen Claudia und mir schwer gekracht.
Claudia Stamm: Bei Frauenthemen aber auch. Besonders über Abtreibung und den Paragrafen 218 haben wir uns immer wieder gestritten.
Barbara Stamm: Aber in Frauenfragen war ich emanzipierter, als du mich hingestellt hast.

Sie haben nie versucht, Ihre Tochter auf Ihre Seite zu ziehen?

Barbara Stamm:

Ich konnte in Streits unversöhnlich sein. Aber sie auf meine Seite gezogen? Nein, habe ich nie versucht. Claudia, wenn ich jetzt etwas Falsches sage, berichtige mich bitte.

Claudia Stamm:

Nicht nötig.

Barbara Stamm:

Unsere drei Kinder sind früh ihre eigenen Wege gegangen. Unser Sohn Thomas ist zum Zivildienst nach Israel. Als Mutter hat mich das damals tief getroffen. Ich dachte, mein Sohn muss doch in die Bundeswehr! Heute finde ich es toll, dass er das gemacht hat.

Claudia, wann haben Sie gemerkt, dass das mit Ihnen und der Partei Ihrer Eltern nichts wird?

Claudia Stamm:

Relativ früh. Als Kind habe ich noch geholfen, CSU-Flugblätter zu verteilen. Mit 14 bin ich in die Schüler-Union. Dort habe ich es aber nicht lange ausgehalten: zu konservativ, zu karrieremäßig orientiert.

Was ist passiert, dass Sie als junge Frau im erzkatholischen Würzburg aufbegehrten?

Claudia Stamm: Mein Onkel spielte dabei eine große Rolle. Er war das grüne Schaf in der schwarzen Familie. Lebte in Berlin in besetzten Häusern, arbeitete als Entwicklungshelfer in Afghanistan. Und eine meiner besten Freundinnen war Punkerin. Mit ihr war ich viel unterwegs. Ich fühlte mich oft zwischen zwei Welten.

Claudia, ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist Gleichstellungspolitik. Weil Sie früh erfahren haben, dass in Bayern nur der Mann das Sagen hat?

Claudia Stamm:

Nein. Das hat eher mit meiner Mutter zu tun.

Barbara Stamm:

Jetzt bin aber gespannt.

Claudia Stamm:

Meine Mutter ist eine emanzipierte Frau. Aber was sie privat lebte, vertrat sie politisch nicht immer. Konnte sie in der CSU wohl auch nicht …

Barbara Stamm:

Findest du?

Claudia Stamm:

Du bist doch in deiner Partei oft angeeckt.

Barbara Stamm:

Ich habe mich in der CSU mitunter auch schwergetan, das stimmt.

Claudia Stamm:

Meine Mutter ist von ihren eigenen Parteifreunden bekämpft worden. 1990 kandidierte sie als Oberbürgermeisterin von Würzburg. Da begann eine regelrechte Schlammschlacht von Teilen der CSU, das ging bis hin zu privaten Verleumdungen.

Barbara Stamm:

Da hat mir Claudia sehr beigestanden.

Claudia Stamm:

Diese Kampagne hat mich so empört, dass ich mich zusammen mit meiner Mutter für die CSU-Wahlbroschüre fotografieren ließ. Obwohl ich mit der CSU nichts am Hut hatte.

Barbara Stamm:

Ich hoffe, ich übertreibe nicht, Claudia, wenn ich sage, dass wir uns danach wieder nähergekommen sind.

Claudia Stamm:

Ja, obwohl ich nach Berlin zog und gelbe Haare mit grünen Punkten hatte. Du hast mich so sogar in eine Fernsehtalkshow mitgenommen. Ich saß im Publikum.

Barbara Stamm:

Das war die Sendung mit den Drogen …

Claudia Stamm:

Es ging um Cannabis, Mutti. Nicht um harte Drogen. Und du hast die harte bayerische Linie vertreten.

Was denken Sie, wenn Sie Ihre Tochter im Landtag auf den Oppositionsbänken der Grünen sitzen sehen? Schade? Oder: Gut so?

Barbara Stamm: Wenn ich ins Plenum komme, schaue ich zuerst mal, ob sie da ist.
Claudia Stamm: Ach?
Barbara Stamm: Ganz grundsätzlich freue ich mich natürlich, dass sie im Parlament sitzt.

Mussten Sie als Landtagspräsidentin Ihrer Tochter schon eine Rüge erteilen?

Barbara Stamm:

Nein. Obwohl sie mit Zwischenrufen schon gut erprobt ist.

Claudia Stamm:

Ich weiß noch nicht mal, wann es eine Rüge gibt. Darf man "Scheiße" im Parlament laut sagen?

Vergreift sich Claudia mal im Ton?

Barbara Stamm:

Neulich hat sie ihre erste Rede gehalten. Ich saß nicht im Präsidium, das muss sie befreit haben.

Claudia Stamm:

Ich habe auf die Regierungserklärung der CSU-Familienministerin Haderthauer geantwortet - polemisch. Hinterher, als ich meine Mutter gesehen habe, war mir gleich klar: Meine Rede hat ihr nicht gefallen.

Barbara Stamm:

Mir hat nur der Ton nicht gepasst.

Claudia Stamm:

Als Frau Haderthauer so idyllisch über die Familie daherredete, klang das für mich nach Kinder, Kirche, Küche. Da habe ich sie halt angegriffen.

Ihre Tochter hat ihren Landtagswahlkampf 2008 als junge Mutter absolviert. Wäre das Anfang der 70er Jahre auch denkbar gewesen?

Barbara Stamm: Als ich 1974 für den Landtag kandidierte, war ich schwanger. Ein CSU-Mann sagte zu mir, er habe nichts gegen mich persönlich, aber Frauen im gebärfähigen Alter hätten in der Politik nichts zu suchen.

Wann wird es die erste schwarzgrüne Koalition in Bayern geben?

Barbara Stamm:

Zwischen CSU und Grünen gibt es heute viele Gemeinsamkeiten. Das hätte ich mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können. Wann daraus mal eine Koalition entsteht, weiß ich nicht.

Claudia Stamm:

Die Unterschiede sind größer als die Gemeinsamkeiten. Nehmen wir nur mal die Kernenergie. Der Störfall in Krümmel zeigt doch, wie unhaltbar die Position der CSU ist.

Barbara Stamm:

Wir sollten die AKW unter keinen Umständen früher abschalten. Mal abgesehen davon: Bayern ist beim Ausbau regenerativer Energien führend.

Claudia Stamm:

Das ist nun wahrlich nicht das Verdienst der CSU. Dafür hat die rot-grüne Regierung im Bund gesorgt. Und was die Laufzeitverlängerung für AKW betrifft - die großen Energieunternehmen würden damit nur zusätzliche Milliardengewinne machen. Sonst bringt das nichts.

Sollte es zu Schwarz-Grün kommen - eine Stamm als Ministerin ist auf jeden Fall dabei?

Claudia Stamm:

Ich nicht!

Barbara Stamm:

Und ich nicht mehr.

Interview: Jens König und Georg Wedemeyer / print