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Berlin³: Der OB, Corona und die Alten: Lasst Boris Palmer reden, verdammt noch mal

Was der Tübinger Oberbürgermeister gesagt hat, ist eine Binse: Wir schützen vor allem ältere Menschen vor der Seuche. Dafür wollen viele Grüne ihn nun aus der Partei schmeißen. Das ist mindestens so unerträglich wie Boris Palmer selbst.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne)

Es ist legitim, eine Diskussion darüber anzustoßen und zu führen, welche Folgen der Shutdown für die Gesellschaft hat, meint unser Autor zum Zitat von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) 

DPA

Heute, liebe Kinder, nehmen wir virtuell – Achtung, Corona! Digitalunterricht – mal dieses Thema durch: Sätze, die nicht die Welt verändern, aber eine Politikerlaufbahn beenden können. Als Beispiel haben wir aus aktuellem Anlass Boris Palmer ausgesucht und seinen Satz: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären."

Seine Parteimitmenschen (von -freunden sollte man diesem Zusammenhang eher nicht sprechen) packen nun die unterschiedlichsten Sanktionskaliber aus. Zu den kleineren gehört die Drohung, ihn 2022 nicht mehr als Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl aufzustellen. Andere möchten ihn wegen Kratzspuren am schönen Parteilack, Pardon, wegen der "parteischädigenden und teilweise menschenfeindlichen Äußerungen" gleich ganz aus der grünen Kuschelgemeinschaft verstoßen. Und der nette Herr Habeck packte bei "Anne Will" vor Millionenpublikum mit Maximalbittermiene seinen ganzen Parteichef-Ekel in die sieben Worte: "Der Satz von Boris war falsch, herzlos." Seine "Geduld" mit Palmer sei im Übrigen "am Ende". Auwei, Papa Robert sehr, sehr böse. 

Palmer hat schon viel Stuss geredet

Was lernen wir aus alledem? Nun, zuerst: Musste ja so kommen. Es gibt in der Politik ein paar Abläufe, die besitzen fast naturgesetzlichen Charakter. Zum Beispiel: Ein Politiker mit dem Talent zum griffigen Formulieren sagt einen Satz, der sich wunderbar aus dem Zusammenhang reißen lässt, entfacht damit einen gehörigen Medienrummel – und prompt empört sich darüber eine Hundertschaft in ihrer Weltanschauung und/oder Eitelkeit verletzter Parteifreunde, denen sowohl das Talent zum griffigen Formulieren abgeht wie auch die Toleranz, abweichende Meinungen zu ertragen; aber zumindest können sie dank ihres öffentlichen Empörtseins auch mal in den Medien mitrummeln. Verbreitet ist dieses Phänomen vor allem in der SPD und bei den Grünen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und damit vom Allgemeinen wieder zu Boris Palmer im Speziellen. Man muss ihn wirklich nicht mögen. Der Tübinger Oberbürgermeister hat in seinem Leben schon viel Stuss geredet. Er hat dafür auch immer wieder ordentlich und meist zu Recht auf die Fresse gekriegt, vorzugsweise von seinen eigenen Parteifreunden. Sie haben ihm damit zu einem bundesweiten Bekanntheitsgrad verholfen, den kaum ein anderer OB einer Stadt mit rund 90.000 Einwohnern aufweisen dürfte. Weil Palmer nicht so langweilig daherstanzt wie die meisten anderen Politiker, wird er gerne interviewt oder in Talkshows eingeladen. Zu den Fast-Naturgesetzen gehört im Übrigen auch, dass einige derjenigen, die ihn interviewt oder eingeladen haben, sich danach gerne über seine Äußerungen echauffieren. Aber auch das ist eine andere Geschichte. In Tübingen ist Palmer übrigens 2014 mit 61,7 Prozent wiedergewählt worden. Da hatte er schon einige rausgehauen.

Was Boris Palmer wirklich gesagt hat

Die Grünen waren mal eine diskussionswütige Partei, in der Worte und auch Farbbeutel flogen. Sie haben sich untereinander zerfleischt und bekriegt. Nicht immer ging es dabei nur um die Sache. Aber sehr oft doch. Heute dominiert offenbar die Wut über die Diskussion. Womöglich hätten sich früher auch ein paar Grüne mehr die Zeit genommen, sich das ganze Sat.1-Interview mit Palmer anzuhören – oder wenigsten die 53 Sekunden, die es kostet, um Palmers komplette Antwort auf die Frage mitzukriegen, was er denn von Wolfgang Schäubles Aussage halte, nicht alles sei dem Schutz des Lebens unterzuordnen – einer, wenn man so will, unangreifbaren, allgemeinen Schwurbelvariante der Palmer-Äußerungen. Sie hätten dann das gehört:  

"Ich glaube, dass es ihm darum geht, dass wir alle irgendwann mal sterben und auch das Grundgesetz das nicht verhindern kann. Und wenn Sie die Todeszahlen anschauen durch Corona, dann ist es bei vielen so, dass eben Menschen über 80 insbesondere sterben, und wir wissen: Über 80 sterben die meisten, irgendwann. Also ist Corona nicht wie Ebola eine Krankheit, die 20-Jährige mitten aus dem Leben reißt, sondern tödlich ist sie für hochaltrige Menschen, fast ausschließlich. Und insoweit müssen wir abwägen. Ich sag's Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen, aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der UNO dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzlich das Leben kostet. Da sieht man: Es (der shutdown; die Red.) ist ein Medikament mit Nebenwirkungen, wir müssen es richtig dosieren."

Ja, das ist alles ein wenig sehr salopp daher geplauscht. Aber Palmer sagt an keiner Stelle, auch davor und danach nicht, man solle die erkrankten Alten sterben lassen, ganz im Gegenteil. Und dass wir vor allem die älteren Menschen schützen, ist keine Provokation. Es ist eine Binse.

Erik Marquardt auf Lesbos.

Und ja, natürlich, man darf das alles für falsch halten. Auch für herzlos. Das ist legitim. Es ist aber mindestens genauso legitim, die Diskussion darüber anzustoßen und zu führen, welche Folgen der Shutdown für die Gesellschaft hat, weltweit. Und welche Möglichkeiten es gibt, diese Folgen zu lindern, die Einschränkungen zu lockern und zugleich die Hochrisikogruppen zu schützen.

Die Diskussion wird kommen, eher über kurz als lang. Sie wird nicht einfach werden. Die Grünen können dann immerhin sagen: Wir sind nicht dabei gewesen. Wir mussten ja Boris Palmer zum Schweigen bringen.