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Erster Linker Ministerpräsident: Was Bodo Ramelow in Thüringen anders macht – und warum er damit so erfolgreich ist

Der Linke Bodo Ramelow war einst ein Wüterich. In Thüringen führt er seit fünf Jahren die rot-rot-­grüne Koalition, als erster Linker Ministerpräsident Deutschlands. Am Sonntag will er wiedergewählt werden – trotz oder gerade wegen einer erstarkenden AfD.


Manchmal setzt sich Bodo Ramelow eine Mütze auf, schiebt die Sonnenbrille ins ­Gesicht und geht, so getarnt, mit seinem Hund im Wald spazieren. Doch trifft er zwischen Buchen und Fichten auf Bürger, sagen die oft trotzdem: "Guten Tag, Herr Ramelow." Und wenn er fragt, wie sie ihn erkannt hätten, antworten die Leute: "Sie gar nicht, aber das da ist doch Attila!"

Attila ist in Thüringen fast so berühmt wie sein Herrchen. Der Jack-Russell-Terrier ist nicht nur "First Dog" des ­Freistaates, er hat sogar einen eigenen Twitter-Account. Und weil er sein Körbchen in der Erfurter Staatskanzlei über die Wahl am 27. Oktober hinaus behalten soll, erzählt Herrchen wieder und wieder und überall im Land diese Waldgeschichte. Die Menschen schmunzeln dann, das ist gut für Herrchen. Und gut für Herrchens  ­Partei.

Erster und einziger Ministerpräsident der Linken

Ramelow ist so etwas wie ihr letzter Hoffnungsträger. Ausgerechnet ein 63-jähriger Wessi, der vor drei Jahrzehnten in den Osten kam, ist der erfolgreichste Linke der Republik. Ausgerechnet ein betont bekennender Christ und "staatlich anerkannter Legastheniker", wie er selbst fast stolz bekundet, ihr erster und einziger Ministerpräsident.

Seit fünf Jahren führt er die rot-rot-­grüne Koalition. Und weil die Linke bei den vorangegangenen Wahlen von Europa bis Sachsen einen dramatischen Niedergang betrauern musste, setzt sie nun alles auf Thüringen. Und die Thüringer Genossen alles auf Bodo. Zur Sicherheit haben sie auf den Plakaten weggelassen, was das Bild des Landesvaters stören könnte, ein Partei­logo etwa.

Der Landesvater hat im Fond seiner Dienstlimousine Platz genommen. Es geht von Suhl zurück nach Erfurt. Draußen fliegen die Hügel des Thüringer Waldes vorbei, über dessen Wipfeln ein riesiger Vollmond aufgeht. Er leuchtet auf ein Bundesland, das so zerrissen ist wie kein zweites. Links gegen rechts, mehr noch: ganz links gegen ganz rechts. In allen Umfragen führt die Linke, meist gefolgt von der AfD. Eigentlich eine dramatische Situation, doch ­Ramelow hat das karierte Jackett ausge­zogen und wird poetisch: "Ist es das Erhoffte oder das Erreichte, das uns verzweifeln lässt?", fragt Peer Gynt. Er sei jedenfalls noch längst nicht fertig, sagt er. Seine Wahl 2014 galt als historisch, jetzt will er zeigen, dass es keine Laune der Geschichte war, sondern der Beginn einer neuen Normalität. Die Zahlen geben ihm recht: Seine Partei liegt in Umfragen bei 28 Prozent, einen Punkt über ihrem letzten Wahlergebnis.

Ministerpräsident Ramelow mit einem Korb selbst geernteter Kartoffeln auf einem Feld in Heichelheim

Ministerpräsident Ramelow mit einem Korb selbst geernteter Kartoffeln in Heichelheim. Sonntag wird der neue Landtag gewählt.

DPA

Es komme eben darauf an, sagt er, erstens, wie man regiert und vor allem, zweitens, was hinten herauskomme, da hat er seinen Kohl gefressen. Unter Punkt eins hält er sich zugute, einen neuen Stil in der thüringischen Politik eingeführt zu haben. Oberste Regel: "Kein Streit am Kabinettstisch." Anstatt die kleinen Partner zu unterdrücken, woraufhin die sich bei jeder Gelegenheit rächen, hat Ramelow auf Partnerschaft gesetzt, alles andere wäre auch Wahnsinn gewesen in einer Koalition, die mit einer Stimme Mehrheit regiert.

Anfangs, im Herbst 2014, hatten noch Tausende Menschen mit Kerzen in den Händen auf dem Erfurter Domplatz demonstriert, gegen Ramelow und seine Koalition. Dagegen, dass Thüringen wieder "rot beflaggt" werde, wie der ehema­lige Sprecher der DDR-Oppositionsbewe­gung "Neues Forum" geklagt hatte. Dagegen, den wirtschaftlichen Erfolg des Landes aufs Spiel zu setzen, wie der damalige Präsident der Industrie- und Handelskammer gewarnt hatte. Ramelows Ehefrau Germana, eine Italienerin, es ist seine dritte, erhielt Drohanrufe. "Was glauben Sie, was da los war? Wir haben da einiges durch", sagt ­Ramelow. Er sitzt jetzt fast reglos auf dem Rücksitz der dunklen Limousine.

Stolz und Schläge

Ramelow hat es viel weiter gebracht, als es vorgesehen war für einen, der aufwuchs in Osterholz-Scharmbeck, nördlich von Bremen – direkt an der Bahnlinie, mitten in Armut, als Kind von Flüchtlingen. Der Vater, krank seit dem Krieg, stirbt, da ist der Junge elf. Die Mutter, überfordert, die vier Kinder durchzubringen, verprügelt den vermeintlich faulen Schüler mit der Peitsche. Aus dieser Zeit hat Ramelow nicht nur den norddeutschen Klang behalten, auch sein proletarischer Stolz ist geblieben und: eine gewisse Härte.

Stille breitet sich aus im Wagen. Es ist kein leichtes Gespräch mit diesem ­Ministerpräsidenten. Das liegt auch an ­seiner ewig unberechenbaren Laune. Wenn er eine Unterstellung wittert oder gar eine Falle, dann ist Schluss mit Geschichten über Attila. Dann beißt Herrchen selber zu – und es wird sehr eng im geräumigen Fond.

Vor annähernd 30 Jahren, es war der 28. Februar 1990, ist Ramelow das erste Mal als Gewerkschafter in den Osten gekommen. Im Erfurter Centrum Warenhaus hatten die Kolleginnen und Kollegen nach einem Westgewerkschafter gerufen, und weil Ramelow Verwandtschaft im Osten hatte, die er öfter mal besuchte, schickte man ihn aus Hessen nach drüben. "Was soll ich denen denn erzählen?", hatte Ramelow gefragt. "Dir wird schon was einfallen", hatte sein Chef gesagt.

Ramelow mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe und Hund Attila beim Spaziergang in Erfurt

Der Unscheinbarste in der Familie: Ramelow mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe und Hund Attila in Erfurt

DPA

Ramelow fiel etwas ein, und er kam wieder, immer wieder, und weil er mit seiner ersten Frau schon in Trennung lebte, blieb er irgendwann ganz in Thüringen, um die Gewerkschaft Handel, Banken & Ver­sicherungen (HBV) aufzubauen. Um gegen Kündigungen zu kämpfen und für Tarifverträge. Um Streiks zu organisieren und Abfindungen zu verhandeln. Wilde Zeiten, "man wusste morgens nicht, wie und wo der Tag enden wird", erinnert sich Ramelow, als er an einem Freitagabend auf der Bühne der Alten Oper in Erfurt sitzt. "Gregor Gysi trifft Bodo Ramelow. Zwei Leben in Ost & West" heißt die Veranstaltung. Die meisten Geschichten der beiden linken Herren spielen in den Nachwendejahren, die den Osten bis heute im Griff halten.

Ramelow lernte Gysi kennen, als die Kali-Kumpel in Bischofferode in den Hungerstreik traten, um gegen die Schließung ihres Werks zu protestieren. Die PDS unterhielt damals vor Ort ein Verbindungs­büro, und Ramelow führte die Verhandlungen mit den neuen Eigentümern des Kaliwerks, als Privatmann, wie er sagt, die Gewerkschaft hatte sich jede Ein­mischung verbeten. Doch ebendieser Privatmann war es, der die Abfindungen für die Arbeiter rausholte; und der PDS-Mann Gysi war es, der dafür sorgte, dass auch die Kumpel, die unten in den Stollen ausgeharrt hatten, die Vereinbarung unterschrieben. Tief in der Nacht kommt es zu einer Szene, die wie geschrieben scheint für ein bitter­süßes Buddy-Movie: Die beiden Männer lehnen erschöpft an Gysis Wagen, es sind schon viele Tränen und viel "Kumpeltod" geflossen, wie der Schnaps hieß, den die Arbeiter als Deputat erhielten, und Gysi fällt plötzlich ein, dass er den Kofferraum voll mit Böllern und ­Raketen hat, es ist Silvester, und der Fahrer zündet die Raketen, Gysi und Ramelow beginnen, sich mit Knallern zu bewerfen.

Der Mann fürs Grobe

Gysi hätte diesen ruppigen Ramelow schon damals gern im Bundestag gehabt, doch der lehnte ab. Er kam erst 2005 nach Berlin, um "Architekt" der neuen Linken zu werden, wie er sich ganz unbescheiden selber nennt. Als Fusionsbeauftragter der PDS treibt er den Zusammenschluss mit der westdeutsch geprägten WASG voran. Gysis Consigliere geht forsch voran. "Und ist der Laden noch so klein, einer muss der Grobe sein", sagt Ramelow über diese Phase. So schlug er auch in der Berliner Parteizentrale ein, von wo aus er zwei erfolgreiche Wahlkämpfe managte: "Ich habe einen schlechten Ruf und nicht die Absicht, daran etwas zu ändern."

Inzwischen ist Ramelow ruhiger geworden, leiser, auch weil er nach zwei erfolglosen Anläufen erkannt hatte, dass ein Raufbold wohl nie Ministerpräsident wird. Manchmal aber bricht sich noch der Vulkan Bahn. Dann trifft es, ganz willkürlich, immer den Nächstbesten: Kabinettskollegen, Mitarbeiter, Reporter oder, wie an jenem Julitag in Hirschberg, wo Ramelow auf seiner Sommertour Station machte: Demonstranten.

Auf dem Video ist später zu sehen: Ramelow, hellblaues Poloshirt, blau-grau karierte Schiebermütze, stocht wie ein Wutbürger auf demonstrierende Wald­besitzer zu. Die bärtigen Männer fürchten einen Kahlschlag in ihren Wäldern. Sie halten Fotos mit toten Fichten in die Höhe, aber bevor man versteht, worum es geht, ruft Ramelow immerzu, dass überhaupt nichts abgeholzt werde, "hier wird 30 Jahre lang umgeförstert!". Die Umweltministerin versucht es mit mehr Ruhe, doch ­Ramelow brüllt, mit den Armen rudernd: "Der Wald verreckt, seht ihr das nicht!"

Ramelow in der Diskussion mit seinen Kritikern

Unter der präsidialen Schale steckt ein Kämpfer: Der Ministerpräsident sagt Kritikern bei seiner Sommertour in Hirschberg die Meinung

DPA

Dieser Auftritt war eigentlich eine PR-Katastrophe. Doch bei vielen Leuten kam sein Ausraster trotzdem gut an. Weil Ramelow – als Legastheniker seit Kindheitstagen gewohnt, sich jedes Detail merken zu müssen – auch diesmal besser informiert war als alle anderen. Vielleicht auch, weil gebrüllte Ehrlichkeit eher verziehen wird als strategisch kühle Lüge. Sicher, weil Ramelow ganz er selbst zu sein schien.

Manchmal aber gewährt dieses laute Raubein auch einen Blick auf seinen weichen Kern. Etwa wenn er erzählt, dass er jahrelang nicht am Gutenberg-Gymnasium vorbeigehen konnte. Dort war beim Amoklauf 2002 die Frau eines guten Freundes umgekommen. Ramelow hielt diesen Ort des Schreckens einfach nicht aus. Irgendwann hat er sich psychologische Hilfe geholt. Heute wohnt er sogar in der Nähe des Gebäudes seines inneren Horrors.

AfD sitzt Bodo Ramelow im Nacken

Und als Anfang des Jahres sein Herausforderer Mike Mohring mit einem wackeligen Selfie-Video seine Krebserkrankung öffentlich machte, schenkte Ramelow dem Christdemokraten einen kleinen Engel. Das war mehr als eine Höflichkeit. "Die Kappe, die er trug, hat etwas bei mir ausgelöst", hat Ramelow später erzählt. Er hat diesen Horror, die Angst und die Qualen in seiner Familie selbst zweimal durchleben müssen: Seine beiden Söhne aus erster Ehe haben die Krankheit nur knapp überlebt.

Suhl, Hotel Michel, wieder einer dieser Wahlkampfabende. Man ist unter sich, jedenfalls gibt Ramelow den gut hundert Zuhörern das wohlige Gefühl, ihre Sorgen und Nöte nur zu gut zu verstehen. Der Abend ist aber auch eine Vorführung dessen, was Ramelow den "Gebrauchswert" seiner Partei nennt. Während die Linke bundesweit fast überall verzweifelt nach Gründen sucht, für die sie gewählt werden soll, kann Ramelow diesen Wert für Thüringen präzise vorrechnen: Ab dem kommenden Jahr sind zwei Kita-Jahre gebührenfrei. "Das bringt für 20.000 Familien 3000 Euro Netto-Entlastung." Außerdem haben sie die Straßenausbaubeiträge abgeschafft und den Kindertag zum neuen arbeitsfreien Feiertag erklärt.

Nur scheint auch Ramelow bislang keinen passenden Gebrauchswert gefunden zu haben, der die Menschen davon abhielte, die AfD zu wählen. Die Partei sitzt ihm im Nacken, laut Umfragen mit bis zu 25 Prozent. Gleichzeitig soll sie sein bester Wahlhelfer werden. Denn je größer die Angst vor einem Wahlsieger namens Björn Höcke, desto mehr Wähler versammeln sich hinter dem Amtsinhaber. Das hat in Sachsen funktioniert, so lief es in Brandenburg. Von dieser Logik soll in Thüringen auch Ramelow profitieren, hoffen seine Strategen.

Die Ministerpräsidenten-Limousine rollt jetzt durch das nächtliche Erfurt. ­Ramelow muss noch bei einer Party anhalten, ein Wahlkämpfer hat Geburtstag. Eine letzte Frage, Herr Ramelow: Was, wenn es am Ende für keinen reicht, weder für sein Rot-Rot-Grün noch für das von CDU-Mann Mohring ersehnte Viererbündnis der Parteien der alten Bonner Republik?

"Bricht auch kein Chaos aus", sagt Ramelow. Er kann nicht verstehen, welche Hysterie entsteht, sobald das Wörtchen "Minderheitsregierung" fällt. Seine Koalition hat vorsorglich schon mal einen Haushalt für 2020 durch den Landtag gebracht, auf Vorrat sozusagen. Er könnte also einfach weiterregieren, nein, sagt er, er müsste es sogar, denn so verlange es die Landesverfassung. "Ich bleibe so lange im Amt, bis ein anderer Ministerpräsident gewählt wird", sagt Ramelow. Wie lange auch immer.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.