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Edmund Stoiber: "Das hat mir wehgetan"

Ein paar Wochen noch, dann ist Schluss. Dann muss Edmund Stoiber seinen Wecker nicht mehr auf 5.59 Uhr stellen. Im stern gibt der scheidende CSU- Chef erstmals einen Einblick in sein Gefühlsleben. Er spricht über seinen Sturz, den Überlebenskampf in der Politik, seine Versprecher - und die neue Leichtigkeit des Seins.

Von Tilman Gerwien

Edmund Stoiber hört auf. Er legt seine Ämter nieder und fährt nach Hause. Das klingt unglaublich. Sie galten immer als schwerstabhängig von Politik.

Finden Sie? Ich habe jahrzehntelang mit großer Leidenschaft Politik gemacht, mit vollem Einsatz. Aber "schwerstabhängig" ist ein großes Wort. Vielleicht ist dieser Eindruck entstanden, weil viele immer nur den Politiker, weniger den Menschen Edmund Stoiber wahrgenommen haben.

Sie haben sich so festgekrallt an Ihren Ämtern. Sie wollten so wenig loslassen.

Ich habe mich nicht festgekrallt! Jeder wusste ja, dass ich noch zwei, drei Jahre diese Ämter ausfüllen wollte, um dann auch an der Spitze einen Generationswechsel einzuleiten. Andere wollten etwas anderes, das musste ich akzeptieren. Das ist mir anfangs nicht leicht gefallen. Inzwischen sehe ich aber auch die positiven Seiten. Ich bekomme jetzt auch ein großes Stück persönliche Freiheit zurück, vor allem eins: Zeit. Zeit für die Familie, Zeit für Freunde, Zeit zum Lesen, zum Skilaufen. Ich bin ein leidenschaftlicher Skiläufer! Und durchaus nach wie vor ein guter, einer, der von früh um zehn bis nachmittags vier Uhr durchfährt.

Ihr letzter Tag im Amt: In der Residenz der Wittelsbacher spielen die Gebirgsschützen zu Ihren Ehren ein letztes Mal die Bayernhymne: "Gott mit dir, du Land der Bayern ..."

Also, damit habe ich mich, ehrlich gesagt, noch nicht genau befasst, wie das abläuft.

Werden Sie weinen, wie Gerhard Schröder?

Das weiß ich nicht. Bei mir wären das nicht Tränen, weil ich mein Amt verliere. Eher, weil ich ja auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und politische Freunde zurücklasse. Es wird sicherlich einen Abschiedsschmerz geben.

Betrachten Sie Politik jetzt manchmal schon ein bisschen von außen?

Noch nicht. Da schützt mich meine preußische Dienstauffassung. Ich habe die vergangenen Monate aber wie eine Bereicherung empfunden. Das war Politik aus einem ganz neuen Blickwinkel. Ich konnte gestalten, aber ohne das Muss, die persönliche Macht zu behalten. Sie müssen sich ja sonst immer behaupten, immer kämpfen. Das ist für mich eine tolle Erfahrung. Die meisten werden abgewählt, dann ist es von einem auf den anderen Tag vorbei. Oder Sie müssen zurücktreten, weil irgendein Skandal sie dazu zwingt. Das ist mir alles erspart geblieben. Ich will, dass die CSU weiterhin eine tolle Partei bleibt, und da sind alle Voraussetzungen geschaffen.

Können Sie eigentlich Zeit einfach so vertrödeln und sich treiben lassen?

Ich hatte leider zu wenig Gelegenheit dazu, aber natürlich kann ich das. Wenn Sie wüssten, wie die Familie Stoiber Urlaub macht! Das sind Zeiten, die sind nicht gekennzeichnet mit besonderen Aktivitäten, wunderschöne Wochen. Wir leben oft einfach nur in den Tag hinein.

Kennen Sie "Pappa ante Portas" von Loriot?

Nein.

Ein viel beschäftigter Mann wird plötzlich in den Ruhestand versetzt und einkaufen geschickt. Er kommt mit mehreren Paletten Senf zurück, weil es Mengenrabatt gibt. Könnte Ihnen das auch passieren?

Halten Sie mich für so tattrig?

Nein, aber vielleicht ist man nach Jahrzehnten in der Politik in Alltagsdingen nicht mehr so ...

Quatsch. Sie scheinen eine völlig falsche Vorstellung zu haben. Schauen Sie, ich lebe in Wolfratshausen. Ich hole mir am Sonntagvormittag die Zeitung am Kiosk. Ich gehe in den Laden und kaufe mir meine Brez’n. Und natürlich rede ich da mit der Verkäuferin. Die sagt dann nicht: "Oh, der Herr Ministerpräsident“, sondern: "Grüß Gott, Herr Stoiber, wie geht’s?"

Und jetzt erleben Sie eine Befreiung? Edmund Stoiber holt sich sein Leben zurück?

Wenn ich Freunde treffen wollte, war das oft so, dass ich anrief: "Du, ich bin grad in der Nähe, hab aber nur zwei Stunden Zeit, von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr." Das ist natürlich eine Zumutung. Aber "Befreiung"? Es war ja mein Leben, und ich habe das gerne gemacht. Ich frage Sie: Sie müssen jetzt hier mit mir ein Interview führen, statt sich da drüben in die Sonne zu legen wie all die anderen. Machen Sie das freiwillig? Ist das belastend? Oder müssen Sie das, weil der Chefredakteur es von Ihnen verlangt?

Von allem etwas.

So! Und so ähnlich ist es mit der Politik.

Sie waren ein großer Politiker. Und dann wurden Sie in Kreuth gestürzt, in einem billigen Hinterzimmermanöver.

Sie sagen aber Sachen ... das hören aber manche gar nicht gerne, "gestürzt".

Was wäre denn der richtige Ausdruck?

Da werden Sie von mir keinen Rückblick bekommen, ich schaue nach vorne. Klar ist, dass ich natürlich nicht von mir aus in Kreuth meine Ämter zur Verfügung gestellt habe oder zur Verfügung stellen wollte und auch niemanden selbst für die Nachfolge vorgeschlagen habe. Das hat auch jeder mitbekommen.

Hat das wehgetan?

Natürlich. Kreuth hat mir wehgetan. Ich bin ja auch ein Mensch. Wissen Sie, es sind so viele Klischees im Umlauf: der Stoiber, der ewige Macher, die Machtmaschine. Vielleicht hat das eine oder andere auch einen Wahrheitsgehalt. Nur: Wer mich gut kennt, weiß, dass es so einfach nicht ist.

Müssen diejenigen, die Sie abgelöst haben, ein schlechtes Gewissen haben?

Hoffentlich nicht. Jeder hat seine Zielvorstellungen. Ich habe ja auch für mich eine sehr klare Entscheidung getroffen: Ich hab klar und deutlich gesagt, ich will den Übergang mitgestalten. Das ist jetzt auch längst erledigt, das liegt für mich schon weit zurück. Die Bewährung für die neue Spitze heißt: den hohen Level der CSU zu halten.

Irgendwann haben die Leute gesagt: Der Stoiber hat Bayern exzellent regiert, es ist ungerecht, aber: Es reicht jetzt. Wir können ihn nicht mehr sehen. Kriegt man so was mit?

Sieben von zehn Bürgern sind mit meiner Arbeit zufrieden. Der CSU-Vorsitzende hat das Ohr beim Volk, das können Sie glauben. Mir war immer klar, dass Ämter auf Zeit sind und dass es so oder so in den nächsten Jahren einen Wechsel gibt.

Verletzt einen das nicht?

Es ist doch so: Mehr Reformen heißt nicht unbedingt größere Beliebtheit. Wir haben ab 2003 viele Reformen angepackt, den Haushalt ausgeglichen, das achtjährige Gymnasium eingeführt, den Menschen auch etwas abverlangt. Heute sehen wir, es war richtig. Ich übergebe das Land in einem optimalen Zustand.

Auf Ihrem letzten Neujahrsempfang machten alle vor Ihnen noch brav den Diener. Dann standen sie zusammen, nur zehn Meter von Ihnen entfernt, und besprachen, wie man Sie wegkriegen kann.

Vielleicht ist das ja menschlich ...

Es ist grausam, ekelhaft.

Schön ist es nicht. Aber das ist wohl überall so, in allen menschlichen Organisationen gibt es immer wieder unterschiedliche Auffassungen, es gibt Auseinandersetzungen, das ist ein permanenter Prozess, ein permanenter Kampf.

Wie im Tierreich ...

Wir sind nicht im Tierreich.

Politik als Rudelkampf, und irgendwann wird das Alphatier weggebissen.

Was heißt weggebissen? Ich bin jetzt in einer Phase, da könnte man das locker noch zwei oder drei Jahre machen, aber es muss nicht unbedingt sein. Ich glaube, dass es die sehr langen Regierungszeiten künftig so häufig nicht mehr geben wird, weil auch die Politik viel hektischer, kurzlebiger geworden ist.

Warum haben Sie all die Jahre Ihren Wecker immer genau auf 5.59 Uhr gestellt?

Weil ich meinen Tag beginne mit den Nachrichten im Radio. Um 6.00 Uhr? Das heißt, Sie haben gerade mal eine Minute, um zur Besinnung zu kommen, und dann geht es los? "Anschlag in Bagdad", "Koalition streitet über Hartz IV"? Wenn Sie das nicht können, dürfen Sie nicht Ministerpräsident oder Parteivorsitzender werden wollen.

Brauchen Sie abends lange, um vom Stress runterzukommen? Wie ist das, wenn Edmund Stoiber abends nach Hause kommt?

Ganz normal. Wir sitzen zusammen, ich spreche mit meiner Frau, was ist bei dir los gewesen? Hast du irgendwelche Sorgen? Gibt’s was bei den Kindern, was hat mich aufgeregt, was hat mich gefreut? Und dann schaut man noch mal kurz fern, eine halbe Stunde, eine Stunde, da trinke ich ein Glas Wein, versuche vielleicht noch die letzten Nachrichten zu erwischen oder auch etwas, was mich besonders interessiert, irgendein Topereignis im Sport. Das muss nicht unbedingt Fußball sein. Gott sei Dank brauche ich nicht viel Schlaf. Fünf Stunden reichen.

Waren Sie eigentlich in dieser ganzen Zeit in der Hochdruckmaschine Politik glücklich?

Na, glücklich ... Glück ist sicherlich etwas, was man im Privaten findet. Zufrieden ist der bessere Begriff. Man muss Einschränkungen akzeptieren: wenig Schlaf, ständige Erreichbarkeit, auch am Wochenende, was für die Familie nicht einfach ist. Aber Sie können was bewegen. Mir hat es ungeheuer Spaß gemacht.

Angela Merkel hat mal gesagt, nach Jahren in der Politik: "Ich kann heute keine Dinge mehr tun, die keinen Zweck erfüllen." Ist das etwas, was Sie an sich auch beobachten?

Den Satz von Angela Merkel kann ich unterstreichen. Das ist richtig. Als Student habe ich ungeheuer viel gelesen. Ich will jetzt unbedingt wieder mehr lesen. Was mich wieder sehr interessieren würde, sind die Lebenserinnerungen von Bismarck.

Schröder und Fischer waren Instinktpolitiker, Sie dagegen mussten sich immer alles hart erarbeiten. Haben Sie die beiden dafür beneidet, dass denen vieles einfach nur so zufiel?

Das habe ich so nie empfunden. Ich sage mal scherzhaft, vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Schröder die eine oder andere Akte mehr gelesen hätte. Mein Politikverständnis war ein anderes. Wenn bei Ihnen die Heizung kaputt ist, und dann kommt ein Monteur, der ist nett und charmant, aber nach sechs Stunden Werkelei ist das Haus immer noch saukalt, brauchen Sie einen Monteur, der sein Handwerk versteht. Genauso ist es in der Politik.

Können Sie verstehen, dass manche sagen: Die Figur Stoiber hat auch etwas Tragisches?

Nein. Wieso?

Er hätte was ganz Großes werden können: Bundespräsident, EU-Kommissionspräsident, "Superminister". Und immer hat es ganz knapp nicht geklappt. Sie sind oft im letzten Moment zurückgezuckt. Warum eigentlich?

Vielleicht finden Sie die Antwort in meinem großen Lehrmeister Franz Josef Strauß. Dem ging es auch so. "Die Kutsche nach Bonn ist schon unterwegs" hieß es 1983, und dann ist Strauß noch im letzten Moment aus der Kutsche ausgestiegen.

Strauß war ein großer Zauderer - wie Sie.

Ach was! Strauß hatte damals seine Gründe, und genauso hatte ich meine Gründe. Für einen bayerischen Politiker stehen Bayern und Deutschland gleichwertig nebeneinander. Es ist aus bayerischer Perspektive nicht unbedingt ein Karrierehöhepunkt, in eine Bundesregierung einzutreten. Und bei Strauß und mir war ja auch das Problem: Wie geht es in der Partei weiter, wenn ich eine andere Aufgabe übernehme?

Kaum ein Politiker hat sein Land so modernisiert wie Sie. Trotzdem gelten Sie bei vielen nicht als modern.

Ich weiß nicht, was für Sie modern ist. Ich muss ja nicht unbedingt den progressiven Hamburger Vorstellungen entsprechen, sondern dem, was die Moderne in Bayern ausmacht. Bayern war früher ein sehr armes, agrarisch geprägtes Land. Heute haben wir hier Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrttechnologie...

War es nicht ein seelenloser Modernismus? Fehlte Ihrer Politik nicht das große Gefühl?

Man sollte Politik vielleicht nicht überhöhen. Ich habe mich immer vor allem als der Vorstandschef der Bayern AG begriffen.

Sie wurden immer sehr respektiert. Wären Sie auch gern mehr gemocht worden?

Ich muss Ihnen widersprechen, wenn Sie meinen, ich bin nicht gemocht worden. Dann schaffen Sie nicht dreimal die absolute Mehrheit, sogar mit 60 Prozent. Das ist das Entscheidende. Politiker müssen aufpassen, wenn Sie nur noch geliebt werden wollen. Wenn es nur nach Beliebtheit gegangen wäre, dann hätte Genscher Bundeskanzler werden müssen. Der war jahrelang Deutschlands beliebtester Politiker.

Aber Edmund Stoiber wurde nie umarmt. Um Sie war immer Abstand.

Schmarrn! Ich habe noch nie in meinem Leben vor leeren Zelten geredet. Meine Veranstaltungen waren immer überfüllt. Schon in jungen Jahren hat mir Strauß attestiert, dass ich bierzelttauglich sei. Das war ein unglaubliches Lob. Sie müssen erst mal auf die Dauer so interessante Dinge sagen, dass 2000, 3000 Leute in ein Bierzelt gehen, auf eine politische Veranstaltung. Die Leute stehen da auf den Bänken!

Kriegen Sie mit, dass Ihre Reden zur "regellosen Regelung" zum "Problembär" oder zum Münchner Hauptbahnhof im Internet kursieren und regelrechten Kultstatus genießen?

Natürlich. Vor allem die Leute, die täglich mit dem Internet zu tun haben, erzählen mir das, ich klick das ja nicht jeden Tag an. Ich kann da natürlich auch drüber lächeln. Vielleicht macht mich das für den einen oder anderen ja sogar etwas sympathischer. Sie sagen ja selbst: "Kultstatus".

Kürzlich, auf Ihrer Russlandreise, geschahen merkwürdige Dinge ...

Ja, was denn?

In Moskau saßen Sie bis spätnachts fröhlich auf einer Hotelterrasse und orderten Champagner. In Petersburg inspizierten Sie neugierig eine Stretchlimousine mit feiernden Teenies. Ist das die neue Leichtigkeit des Seins?

Die hab ich immer gehabt (lacht).

Ehrlich? Da haben wir wohl was verpasst.

Ja, wahrscheinlich.

Kann das sein, dass wir Sie künftig noch öfter so fröhlich und ausgelassen erleben werden?

Schau’n mer mal. Vor Kurzem hat mir Otto Schily einen sehr netten, persönlichen Brief geschrieben. Das hat mich wirklich gefreut, denn der Schily und ich, wir haben uns mitunter ja auch ganz schön gefetzt über all die Jahre. Und jetzt schreibt mir Otto Schily, der seine Aufgabe wie ich mit großem Ernst und großer Disziplin wahrgenommen hat, sinngemäß: Sie werden es nicht glauben, auch das Leben ohne Politik kann sehr schön sein. Sie werden es feststellen, es gibt ein Jenseits der Politik. Das klingt doch gut, oder?

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(