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Franziska Drohsel: Neue Chefin steuert Jusos nach links

Die Jusos, die Nachwuchsorganisation der SPD, haben eine neue Vorsitzende gewählt - und damit klar für einen Linksruck votiert. Franziska Drohsel fordert mehr soziale Gerechtigkeit, Umverteilung und ruft dazu auf, nicht um jeden Preis an der Großen Koalition im Bund festzuhalten.

Von Marcus Müller

Es ist ein leerer Moment, und er zieht sich hin. Zehn Minuten schon steht Franziska Drohsel vor der Bühne im Wolfsburger CongressPark und wartet auf das Ergebnis ihrer Wahl. Es ist ein leerer Moment, weil die 27-Jährige eben in einer guten halben Stunde alles gesagt hat, was ihr am Herzen liegt. Alles, womit sie die Jusos in den kommenden Jahren in die politische Schlacht führen will. Kurz zusammengefasst ist das: Unter Franziska Drohsel werden die Jusos weiter nach links rücken. Und nun geht es darum, wie viele der Junggenossen ihr auf diesem Weg folgen werden. Dass sie es tun, ist schon vorher sicher. Drohsel hat keinen Gegenkandidaten.

Traumergebnis für die neue Chefin

An Drohsels Vorgängern im Bundesvorsitz, Niels Annen und Björn Böhning, kann man sehr schön sehen, dass es ein Politiker lernen kann, diese leeren Momente zu überbrücken. Sie flüstern Drohsel etwas ins Ohr, stecken die Köpfe zusammen, sorgen dafür, dass die Fotografen, die sie umringen, ein gutes Bild bekommen. Drohsel ist das noch fremd. Ihr rechter Daumen fummelt an ihrem Zeigefinger herum, ihr Lächeln wirkt etwas gequält. Das ändert sich erst, als es um neun Minuten vor elf endlich das Ergebnis gibt: 214 Stimmen für sie, 76 Prozent, gute zehn Prozentpunkte mehr als ihr Vorgänger Böhning vor zwei Jahren erhielt. Für die notorisch zerstrittenen Jusos ist das ein ziemlich gutes Ergebnis. Böhning hält alles über 60 Prozent "für einen Traum bei den Jusos".

Den minutenlangen Standing Ovations für Drohsel schließen sich einige Delegierte aber auch demonstrativ nicht an, weil sie - wie sie sagen - fürchten, dass die Jusos mit Drohsel ins linke Abseits geraten. Klar ist nach der etwas nervös und schnell vorgetragenen, gut halbstündigen Rede von Drohsel zumindest, dass sie deutliche Worte schätzt.

Drohsel fordert Richtungswahlkampf

Der SPD-Nachwuchs sei bereit, vor der nächsten Bundestagswahl "einen Richtungswahlkampf für mehr soziale Gerechtigkeit im Land zu führen", sagte die 27-jährige Berliner Jura-Doktorandin. Die Sozialdemokraten dürften nicht um jeden Preis an der großen Koalition festhalten. "Die SPD muss jederzeit in der Lage sein, vom Koalitionstisch aufzustehen und in den Wahlkampf zu ziehen." Der gesellschaftliche Reichtum müsse umverteilt werden. Mit dem "Bruch des Koalitions-Kompromisses" zum Post-Mindestlohn habe die Union "das Eskalationsniveau in die Höhe getrieben", sagte Drohsel weiter.

Sie nannte es einen Skandal, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufgehe. "Es ist eine Schande, dass auch Sozialdemokraten in dieser Regierung daran nichts geändert hat", kritisierte sie ihre Mutterpartei. Die SPD habe in der Sozialpolitik an Vertrauen verloren.

Die bisherige Berliner Juso-Landesvorsitzende Drohsel steht für den besonders linken Flügel der Jugendorganisation. Sie ist Mitglied der "Roten Hilfe", einer Organisation, die linke Aktivisten bei Konflikten mit Polizei und Justiz unterstützt. Die extrem linke "Rote Hilfe" wird vom Verfassungsschutz beobachtet. In ihrer auf 17 Din-A-4 Blättern aufgeschriebenen Rede geht Drohsel darauf nicht ein.

Kein Hang zu Phrasen

Sie hat zudem merklich noch keinen Politiker-Hang zu Phrasen und redet nicht in Schlagzeilen. "Es ist an der Zeit, dass sich die Politik die Handlungsmacht zurückholt", sagt sie kämpferisch gleich zu Beginn als Motto ihrer Bewerbung, während sie noch nervös von einem Bein aufs andere trippelt, sich immer mal wieder verhaspelt. Jubel mischt sich in den Applaus, als sie sagt: "Man muss nicht zum karriereorientierten Jungpolitiker mutieren."

Dass sie auf dem Weg auf die ganz große bundespolitische Bühne noch auf der Suche ist, zeigt Drohsel nach ihrer Wahl, als sie zunächst nicht weiß, wie sie mit dem kräftigen Applaus für sie umgehen soll: Setzen, stehen bleiben, winken? Irgendwann sitzt sie, blickt auf ihr Handy und lächelt über fünf SMS-Nachrichten, die Freude aus Berlin geschickt haben, die den Kongress live über das Internet verfolgt haben.

Zu den ersten Pflichten als neue Juso-Chefin gehört für Drohsel, Parteichef Kurt Beck zu seiner Rede in den Saal zu geleiten. Profi Beck übernimmt dabei den Smalltalk und schmeichelt der neuen SPD-Jungendchefin mit dem Hinweis, er habe noch spät in der Nacht einen Beitrag über den Kongress gesehen.

Beck und Zypries tun sich schwer

Becks Rede vor den Delegierten ist in weiten Teilen ziemlich langweilig und es regt sich nur selten starker Applaus. Auch SPD-Genossin und Bundes-Justizministerin Brigitte Zypries hat es schwer. "Jetzt könntet ihr mal klatschen", sagt sie an einer Stelle. Aus der Schläfrigkeit nach dem Mittagessen reißt sie dann aber die Delegierten beim Thema Rechtsradikalismus. Ihre Position, dass Rechtsextremen und Neonazis manchmal durch Gegendemonstrationen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt werde, erntet Pfui- und Buh-Rufe.

Beim Rechtsextremismus werden sich die Mutterpartei und andere Politiker ohnehin auf besonders klare Worte der neuen Juso-Chefin Drohsel einstellen müssen. Sie hatte in ihrer Rede kritisiert, dass es sich dabei oft um ein belächeltes "Softthema" handele, dass der Sache nicht gerecht werde. Drohsel war in ihrer Rede sehr laut und energisch geworden, als sie sagte: "Der Kampf gegen Rechts bleibt für uns unabdingbar."