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Führungskrise in der CSU: Basis erweist Stoiber letzte Ehre

In Wildbad Kreuth will Edmund Stoiber die CSU-Abgeordneten auf sich einschwören. Aber reicht das, um die Krise der CSU zu beenden? stern.de-Reporter Florian Güßgen hat die Parteibasis in Bayern besucht und eine CSU vorgefunden, die genug hat von Stoiber - und dennoch verbissen zu ihm hält.

Von Florian Güßgen, München

Es sind sanfte, gesetzte Worte, mit denen Haino Häberlein dem König huldigt. "Edmund Stoiber hat sich um Land und Partei große Verdienste erworben", sagt er. Dann setzt er das scharfe Messer an. "Aber er sollte nicht den Fehler machen, wie so mancher Großer, den Absprung nicht rechtzeitig zu schaffen", sagt Häberlein - und zitiert die Bibel: "Alles hat seine Zeit", sagt er. Und Stoibers Zeit, soll das heißen, ist abgelaufen. Häberlein ist 58. Seit 18 Jahren ist er Vorsitzender der CSU im mittelfränkischen Schopfloch. 3000 Einwohner hat der Ort, davon sind 50 CSU-Mitglieder. Das ist Stoibers Basis.

Und an dieser Basis ruckt und rüttelt es, es zischt und rauscht. Wer die CSU derzeit bei ihren Neujahrsempfängen besucht, findet die einfachen Mitglieder und die lokalen Mandatsträger der Freistaats-Partei in einer seltsam widersprüchlichen Gemütslage vor. Mehr oder minder diplomatisch, mehr oder minder wortreich, mal niederbayerisch-grob, mal oberbayerisch gebrummt, lassen sie ihrem Unmut über Edmund Stoiber freien Lauf. Sie haben endgültig genug von ihm und seiner Art. Aber ein Putsch, und hier wird es ebenso widersprüchlich wie interessant, kommt für sie noch nicht in Frage: Vergesst Berlin! Vergesst Pauli! Wenn Stoiber die CSU 2008 noch einmal als Spitzenkandidat in den Landtags-Wahlkampf führen wolle, dann würden sie auch Plakate kleben, heißt es allenthalben. "Wenn er auf den Schild gehoben wird, stehen wir hinter dieser Entscheidung", verspricht etwa Peter Mittermaier, 54, Parteimitglied aus dem niederbayerischen Straubing. Auch er ist Basis.

"Wir mögen keine Feiglinge"

Die Skepsis gegenüber Stoiber besteht in der CSU schon länger. Die "Spitzelaffäre" und das Aufbegehren der Fürther Landrätin Gabriele Pauli waren es nun, die den Keil zwischen Stoiber und seine Basis noch tiefer trieben. Vor Weihnachten verlieh Pauli dem Widerwillen der Mitglieder gegenüber Stoiber Ausdruck. Gegenüber seiner Person, gegenüber seinem Führungsstil, gegenüber seinem Umgang mit der Partei. "Sie sind nicht wichtig genug", hatte er Pauli entgegen geschleudert. Verletzt, empört bäumte sich die Partei auf. Für einen kurzen Moment. "Stoibers Weigerung hat uns weh getan", sagt Christoph Hammer, Bürgermeister im mittelfränkischen Dinkelsbühl. "Man darf die Basis nicht abkanzeln wie ein Schulmädchen", sagt Franz Josef Kraus, Bürgermeister und CSU-Chef im oberfränkischen Ebermannstadt. Dabei war es keine neue Verletzung, die der scheinbar entrückte Stoiber seiner Partei zufügte. Er riss die alte Wunde auf, die immer noch brennt und schmerzt, jene, die seine Zauderei 2005 hinterlassen hatte. Das sagen sie alle. "Ich bin Alt-Bayer", sagt ein Straubinger CSU-Veteran. "Und wir mögen keine Feiglinge." - "Ich habe damals gesagt: Ich wähle ihn nie wieder", pflichtet Werner Jähn bei, ebenfalls Straubinger CSU-Senior. Stoiber habe Bevölkerung und Parteibasis seinen Rückzug aus Berlin nie verständlich erklärt, kritisiert der Dinkelsbühler Hammer. Auch den wichtigen Erbfolgestreit zwischen Innenminister Günter Beckstein und dem jetzigen Wirtschaftsminister Erwin Huber habe er jäh abgewürgt.

"Ich würde in Kreuth nicht abstimmen lassen"

Dabei hatte sich die Situation nach der Krise Ende 2005 im Laufe des vergangenen Jahres eigentlich schon merklich beruhigt. Stoiber habe sich bemüht, sagen sie bei den Neujahrsempfängen. Er habe sich bewährt. Wie ein Rückfall erscheint die Pauli-Affäre nun. Das Krisen-Management sei schlecht gewesen, bemängelt Hammer. Ein Fehler nach dem anderen sei gemacht worden. Erst habe Stoiber nicht mit Pauli gesprochen, dann habe er noch seinen Büroleiter geschasst, so dass dies wie ein Schuldeingeständnis gewirkt habe. Und auch, dass Stoiber sich jetzt im Eilverfahren in Kreuth küren lassen wolle, vermittele nicht den Eindruck von Sourveranität. "Ich persönlich würde in Wildbad Kreuth nicht abstimmen lassen", warnt etwa der mittelfränkische Parlamentarier Jürgen Ströbel. "Man darf die Basis und die Parteitagsdelegierten nicht überfahren." An der Basis, sagt Franz Josef Kraus, der Mann aus Ebermannstadt, sei die Hälfte der Mitglieder für eine erneue Kandidatur Stoibers, die andere Hälfte dagegen. "Da steht's fifty-fifty."

Einer Rebellion redet kaum jemand das Wort

Und trotzdem. Trotz all des Fremdelns, trotz all des Widerwillens, gibt es an der CSU-Basis in diesen Tagen kaum jemanden, der Stoibers Sturz offen das Wort reden würde, zumindest nicht bei den Neujahrsempfängen in Straubing, in Dinkelsbühl, in Forchheim und beim Dreikönigstreffen in München. Im Gegenteil. Mit fast preußischer Disziplin, mit zusammengebissenen Lippen, bietet sich die entnervte Partei dem ewig-ehrgeizigen, ungeliebten Chef noch einmal aufs neue an. Ein letztes Mal. "Wenn er es machen will, dann gibt es keine Alternative", heißt es ergeben. Und schlimm sei das ja auch nicht, sagen sie, denn die CSU erziele im Freistaat allemal eine absolute Mehrheit. Sie vertrauen auf den eigenen Mythos und die Schwäche der Opposition. Dass 60 Prozent der bayerischen Wähler Stoiber ablehnen, scheint sie kaum zu jucken. Stattdessen beschwören sie, getreu der Sprachregelung der Spitze, die Geschlossenheit der Partei. "Wenn's hart auf hart kommt, schließt die CSU ihre Reihen", sagt der Straubinger Landtagsabgeordnete Josef Zellmeier.

Eine Gnaden-Kandidatur?

Eine Grund für die Loyalität gegenüber Stoiber ist schlicht Dankbarkeit. Schnöde davonjagen, das wollen sie ihn einfach nicht. Trotz allem. Dafür habe er sich zu viele Verdienste erworben, habe er zu viel geleistet, in jenen 13 Jahren seiner Regierungszeit: Die Straubinger rühmen ihn, weil er sich für das "Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe" eingesetzt hat, ein Bürgermeister sagt, er sei ein Stoiber-Fan, weil dieser ihn nach der Schließung des Bundeswehr-Standorts tatkräftig unterstützt habe. Allesamt rühmen sie ihn dafür, dass er Bayern immer und überall zur Nummer eins gemacht habe. Und für die Zwei-Drittel-Mehrheit, die er ihnen im Landtag bescherte. So einen demontiert man nicht, weder durch eine Urwahl noch durch einen Putsch, sagen sie. So einer kann nur freiwillig gehen. "Diesmal sollten wir - auch aus Dankbarkeit - mit Stoiber kandidieren", sagt Kraus. Es klingt, als erhielte Stoiber eine Gnaden-Kandidatur. Es klingt, als erwiese die Partei ihm eine letzte Ehre vor dem politischen Aus.

"Die Frau hat sich selbst disqualifiziert"

Dass er sie erhält, ist gut möglich. In manchen Landesteilen hat sich die Stimmung an der Basis gegen Pauli gewendet. "Alle lieben den Verrat, niemand liebt den Verräter", sagt einer. Besonders in den alt-bayerischen Landesteilen ist Pauli vielen suspekt. Sie unterstellen ihr Geltungssucht, Karrierepläne. Am Anfang habe sie ein wichtiges Anliegen vertreten, heißt es. Aber dann habe sie es mit ihrer Stoiber-Schelte überzogen, mit der Attacke gegen das Frauenbild des Chefs. Sie wolle sich nur profilieren. "Die Frau hat sich selbst disqualifiziert", schimpft etwa die Münchner CSU-Stadträtin Gisela Oberloher. "Sich immer in der "Bild"-Zeitung zu produzieren, mit immer kürzeren Röckchen. Das ist ihrem Anliegen nicht dienlich." Und so beginnen Paulis Angriffe, Stoiber sogar zu nutzen. "Wir können den Stoiber doch nicht absägen", sinniert der CSU-Veteran aus Straubing. "Schon allein deshalb nicht, weil wir dann ja der Pauli recht geben würden." Pauli-Sympathisanten versucht Stoiber nun überdies, mit dem geplanten Zwiegespräch zu besänftigen.

Es gibt keinen Königsmöder

Aber einerlei. Den Ausschlag für eine Spitzenkandidatur Stoibers geben voraussichtlich ohnehin weder Stoibers Leistungen noch die vermeintlich anstehende Zähmung der widerspenstigen Pauli. Entscheidend ist etwas anderes: Es gibt schlicht keinen Königsmörder, der die Kraft hätte, den König zu meucheln und sich selbst an seiner statt zu inthronisieren. Keiner der potenziellen Rebellen könnte Stoiber per Putsch halbwegs elegant und mit breiter Unterstützung Stoiber als Ministerpräsident oder als Parteichef beerben. "Damit ein Königsmörder erfolgreich sein kann", analysiert CSU-Sympathisant Klaus Günter in München, "muss sich eine Partei in einer Sinnkrise befinden. Nach der Berlinflucht war die Sinnkrise da. Da hat man Stoiber nicht entmachtet. Heute hat die Partei die Sinnkrise überwunden."

"Seehofer ist uns zu populistisch"

CSU-Mitglieder mögen wider Stoiber wettern und schimpfen, sie mögen über ihn lachen und lästern: Sobald es um seine Nachfolge geht, zucken alle mit den Schultern. "Es gibt keine Alternativen", sagt etwa Peter Mittermaier in der Straubinger Josef-von-Fraunhofer-Halle. Einen Königsmord hat, ob von Stoiber geplant oder nicht, keiner der Kandidaten im Sinn - oder im Kreuz. Innenminister Günter Beckstein, 63, der fränkische Protestant, ist zwar im ganzen Land beliebt, über ethnische Grenzen hinweg. In der Landtagsfraktion hätte er locker die Mehrheit. Er wäre, wie ein Bürgermeister sinniert, bei einem sofortigen Stoiber-Rücktritt der perfekte Übergangs-Regierungschef. Nur, Beckstein ist Stoiber gegenüber zu loyal, um anzutreten, so lange der noch Ambitionen hat. Horst Seehofer, 57, der Berliner Minister, wiederum ist bei der Basis beliebt. Er wäre, wie nun auch spekuliert wird, als Parteichef eine Alternative. Sogar Peter Ramsauer, der Landesgruppenchef, sagt das mittlerweile. Gegen einen Regierungschef Seehofer würde sich jedoch die Landtagsfraktion sperren. "Der ist uns zu populistisch", sagt ein Abgeordneter aus Niederbayern kategorisch. Wirtschaftsminister Erwin Huber, 60, Becksteins ehemaliger Konkurrent, ist wegen grassierender Unbeliebtheit aus dem Rennen. Bleibt Joachim Herrmann, der Fraktionschef in München. Der gibt sich Stoiber gegenüber als loyal, kann sich das aber auch allemal leisten. Mit seinen 50 Jahren ist er jung genug, um die jetzigen Querelen und den Abgang der älteren Generation in aller Ruhe auszusitzen. Er steht auch noch in der ersten Reihe, wenn Stoiber, im äußersten Fall, erst 2013 abtritt. Er wäre dann 72 Jahre alt.

"Das Problem sind die Wähler"

Und so bleibt der Partei derzeit nichts anderes übrig, als sich grummelnd hinter Stoiber zu stellen, während die Führung alles unternimmt, um die lodernde Glut auszutreten, um die Krise zu ersticken, um Frieden einkehren zu lassen. Ob dies gelingt, ob Voten der Landtags- und der Bundestagsfraktion in Wildbad Kreuth reichen, ist völlig offen. "Das Problem dabei", sagt der 24-jährige Straubinger Johannes Mack, "sind die Wähler." Und da müsse man auch einmal ehrlich sein. Er jedenfalls, sagt Mack, glaube nicht, dass die Wähler - mit CSU-Maßstäben bewertet - Stoiber noch einmal tolerieren würden. "Mit bayerischen Maßstäben bewertet bedeutet", sagt Mack. "Die CSU gewinnt sicher die Mehrheit. Aber eben nicht mit einem Prozentsatz von '60 plus x' oder von '50 plus x', sondern vielleicht nur mit '40 plus X." Spätestens wenn das geschehe, sagt ein fränkischer CSU-Chef, dann sei Stoiber weg. Trotz aller Verdienste. Spätestens dann werde die Basis rebellieren.