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Gesine Schwan: Kluger Kopf mit Turmfrisur

Alle reden über ihre Haare. Dabei hat Bundespräsidenten-Kandidatin Gesine Schwan weit mehr zu bieten. Eine wie sie täte dem Land gut. Schade eigentlich, dass sie es nicht wird.

"Macht", sagt Gesine Schwan und lächelt, "Macht bedeutet für mich, Menschen und Interessen zusammenzuführen, um etwas Gemeinsames zu erreichen." Das hat sie so schön gesagt. Immer, wenn sie so redet, möchte man ihren Worten am liebsten noch ein wenig nachschmecken: Zusammenführen. Menschen und Interessen. Gemeinsam. Etwas erreichen…

Aber es ist keine Zeit. Gleich will sie in Slubice gegenüber von Frankfurt/Oder einen Kongress eröffnen. Sie wird dann mit polnischen Wissenschaftlern reden - auf Polnisch. Sie wird so schnell sprechen, dass die Polen kaum zu Wort kommen. Mit hohen Schuhen und Trippelschritten läuft die Professorin über die Oderbrücke. Sie redet von Demokratie. Der Wind weht, sie hält die Hand schützend über ihre Turmfrisur, und hinter sich her zieht sie einen klugen Assistenten, der mit Vornamen "Thymian" heißt. Es ist alles so unglaublich. Diese Frau ist so unglaublich.

Sätze, die man lange nicht mehr gehört hat

Abends sitzt die Turmfrisur in Deutschlands Fernsehstudios und sagt Sätze wie: "Vertrauen ist die wichtigste Ressource für eine Demokratie." Oder: "Gelingen können Reformen nur, indem sich alle gegenseitig zeigen und sagen, wovor sie beim anderen Angst haben." Solche Sätze hat man lange nicht mehr gehört in Deutschland. Am Ende sagen die Moderatoren immer, sie hätten auch Herrn Köhler eingeladen, aber der wolle nicht kommen. Das gefällt Schwan - dass er sich nicht zeigt, der Herr Köhler.

Wenn am 23. Mai in Berlin der Bundespräsident gewählt wird, dann hat Gesine Schwan eigentlich keine Chance gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds. Selbst wenn alle Delegierten von Rot-Grün und PDS die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina wählen, müsste sie immer noch 23 Stimmen von CDU, CSU und FDP herüberziehen, um Staatsoberhaupt zu werden.

Aber die schwarz-gelben Wahlmänner in der Bundesversammlung wissen: Wenn Köhler nicht gewinnt, ist auch Angela Merkel erledigt, denn sie hat den Ökonomen brutalstmöglich als Kandidaten im eigenen Lager durchgesetzt. Merkel aber wird noch gebraucht. Sie soll 2006 endlich die Macht für die Union zurückgewinnen. Vielleicht denken sie in der Union, Köhler soll sich gar nicht zeigen, er soll einfach so tun, als wäre er schon Bundespräsident.

Einblick in eine gediegene Welt

Sie aber zeigt sich. Gesine Schwan öffnet der "Bunten" die Tür ihres Hauses im feinen Berlin-Nikolassee und gibt Einblick in eine gediegene, bildungsbürgerliche Welt, von der wir vergessen hatten, dass es sie noch gibt. Unter den Füßen knarzt das Parkett. Wir sehen einen Flügel und einen abgeschabten blauen Lieblingssessel. Im Arbeitszimmer biegen sich die Regale unter mehr als 2000 Büchern.

Draußen erzählen sie uns seit Jahren, dass ein Ruck durchs Land gehen soll. Dass wir uns ändern müssen, dass wir schneller und billiger werden müssen, um wieder "fit für die Weltmärkte" zu sein. Von Gesine Schwan erfahren wir, dass sie mit ihrem Lebensgefährten in abendlichen Mußestunden manchmal gemeinsam musiziert. Als ihre Lieblingsbeschäftigung gibt sie an: "Spannende Gespräche führen". Irgendwie geht es bei dieser Wahl nicht nur um die Frage, wer Präsident wird, Frau Schwan oder Herr Köhler. Irgendwie geht es um mehr.

"Gedämpft, sorgenvoll, resigniert" erlebt Schwan die Deutschen, wenn sie unterwegs ist und ihre Reden hält. Man weiß nicht, ob alle immer alles verstehen, wenn die Professorin spricht, manchmal verirren sich auch Politologismen wie das "Modell der antagonistischen Kooperation" in ihre Reden. Aber das macht nichts. In Hannover sagt sie vor SPD-Wahlmännern und -frauen, dass es ein Unding sei, wenn man von den Menschen verlange, bis zum 45. Lebensjahr alles erreicht zu haben - Blitzkarriere und Familie und am besten noch dreimal umziehen. Und dass die "schnelle Vernutzung von Menschen ein Gift für die Gesellschaft ist".

Neue Töne für die Genossen

Das sind neue Töne für die Genossen, die seit Monaten eine Agenda-2010-Rede nach der anderen über sich ergehen lassen. Diese Agenda-Rhetorik kennt nur bittere Sachzwänge und Reformen, die schmallippig als "unabweisbar" und "alternativlos" hingestellt werden. Aber sie kennt keine Vision, für die es sich zu leben lohnt. Als Gesine Schwan fertig ist, ruft eine Zuhörerin erleichtert in den Saal: "Endlich mal was anderes!" Wie ausgehungert die Partei ist, zeigt die Tatsache, dass in hohen SPD-Kreisen immer wieder darüber diskutiert wird, die Uni-Präsidentin ins Kabinett zu holen - als Bildungsministerin. Schwan sagt, dass sie daran kein Interesse hat: "Ich wollte nie Ministerin sein, dafür würde ich meinen Job in Frankfurt nicht aufgeben."

Noch heute wirkt ihre Kandidatur wie handgemacht. Die Professorin für Politikwissenschaften stand gerade auf dem Campus von Harvard, als Gerhard Schröder sie auf dem Handy anrief, um sie zu fragen, ob sie antreten wolle. Das Gespräch lief ungefähr so:

Schröder: "Hallo, Gesine, wo bist du gerade?"
Schwan: "In Harvard."
Schröder: "Kein schlechter Platz. Hättest du was dagegen, wenn wir dich als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen? Der Franz Müntefering sitzt auch hier. Der ist auch dafür."
Schwan: (schweigt)
Schröder: "Du bist so still."
Schwan: "Ich habe eine Loyalität zu meiner Uni. Ich kann das nur machen, wenn sie eine sichere Zukunft hat, auch finanziell."
Schröder: "Darüber kann man reden."

Dann war sie Kandidatin. Am nächsten Morgen ging es mit dem Flugzeug von Boston nach New York, zur ersten Pressekonferenz. Sie fragte sich: Was will ich eigentlich? Sie hatte nur noch eine Stunde Zeit. Die Professorin nahm ein Blatt Papier und machte sich eine Liste mit ihren sechs wichtigsten Punkten. Sie schrieb: 1. Vertrauen. 2. Bildung. 3. Die normative Ausrichtung von Reformen. 4. Frauen. 5. Interkulturelle Kommunikation. 6. Familie.

Es fiel ihr nicht schwer, das aufzuschreiben. Denn irgendwie steckte in diesen sechs Punkten, in professorale Sprache gehoben, ihr ganzes Leben - sie musste es nur in sich abrufen.

Am Mittagstisch durfte nicht berlinert werden

Es ist nur auf den ersten Blick eine klassische 68er-Biografie. Die Empörung über Adenauer-Spießerei und Muff unter den Talaren teilte sie mit ihren Altersgenossen, die an der Freien Universität Berlin studierten. Aber Schwan hatte neun Jahre am elitären Französischen Gymnasium hinter sich, und sie war dort die Klassenbeste. Zu Hause am Mittagstisch durfte nicht berlinert werden.

All das sorgte dafür, dass gesellschaftlicher Protest bei Gesine Schwan von Anfang an bürgerlich veredelt war. Gegen die Überhand nehmenden Graffiti ließ sie später, als sie Dekanin am Fachbereich Politikwissenschaften der FU war, die Porträts von Widerstandskämpferinnen in die frisch geweißten Flure hängen. Und wenn sie heute im Intercity fährt, und die Zugtoilette ist verstopft, würde sie zum Schaffner nie sagen: Die Toilette ist voll gekackt. Sie sagt: "Die Toilette sieht ein bisschen unerfreulich aus."

"Ich bin keine Feministin"

Eine gewisse altbürgerliche Starrköpfigkeit hat sie sich dabei immer erhalten: Anfang der Achtziger legte sich Genossin Schwan sogar mit dem großen Willy Brandt an, weil sie seinen liebedienerischen Umgang mit kommunistischen Diktatoren verurteilte. Und noch heute bringt sie es fertig, auf einer Veranstaltung von Frauen-Aktivistinnen in der Berliner Humboldt-Uni zu sagen: "Ich bin keine Feministin. Es tut mir leid, aber ich wurde nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin."

Bei Merkel und Westerwelle denken sie, dass all das keine Rolle mehr spielt. Schließlich kritisiert ja auch Horst Köhler die Unternehmer, und er redet nicht nur über Wirtschaft, sondern auch über seine Gottesfürchtigkeit und seine Familie. Und der CDU-General Laurenz Meyer hält seine Partei sogar für fürchterlich modern, weil sie in Hamburg einen Schwulen zum Bürgermeister gewählt hat.

Vielleicht hätte Meyer dazukommen sollen

Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht hätte Meyer dazukommen sollen, als Gesine Schwan neulich an ihrer Viadrina-Universität ein neues Hörsaalgebäude einweihte. Nach der großen Dame der "Zeit" nannte sie es "Gräfin-Dönhoff-Gebäude". Allerlei stiftender Adel war da, die Damen wurden mit Handkuss begrüßt, und in der ersten Reihe beugte Richard von Weizsäcker das silbrige Haupt. Im Halbdunkel der Aula schien der alte Herr manchmal einzuschlafen. Aber das täuschte, er hörte hellwach zu. Er saß da wie das gute Gewissen Deutschlands. Es ist ein wenig müde geworden. Aber es will seine moralischen Festungen nicht räumen.

In diesem Milieu sitzt sie, die "kulturelle Mehrheit", die 2002 Edmund Stoiber als Kanzler verhindert hat. Die Mehrheit, die sie bei der CDU nicht verstehen und nicht zu fassen kriegen. Schwan, das ist die Welt der hohen Bücherregale, der Uni-Gremien, "Zeit"-Abonnenten und Gleichstellungsbeauftragten (auf die sie selbst nie angewiesen war). Köhler, das sind die mahagonigetäfelten Konferenzsäle der Hochfinanz. Das ist das eigentlich Faszinierende am Wettlauf zwischen Frau Schwan und Herrn Köhler: Sie stehen für unterschiedliche Welten, und erst jetzt, wo die beiden gegeneinander antreten, merkt man, dass es diese unterschiedlichen Welten überhaupt noch gibt.

Linke Bürgerlichkeit gegen rechte Bürgerlichkeit

Darum wirkt es auch so schräg, wenn Merkel und Westerwelle immer betonen, sie hätten sich auf einen "bürgerlichen Kandidaten" geeinigt. Es zeigt, dass sie nichts begriffen haben, weil sie Bürgerlichkeit immer nur in ihren eigenen Kategorien denken können. Auch Schwan ist eine bürgerliche Kandidatin - nur eine von links. Schwan gegen Köhler heißt: linke Bürgerlichkeit gegen rechte Bürgerlichkeit.

Gesine Schwan kann lange reden über Familien, die EU-Verfassung oder die Menschen im Osten. Aber das ist nicht der Grund, warum ihre Zuhörer am Ende sagen: Endlich mal was anderes! Viel wichtiger ist die Botschaft dahinter, die von der Universitätsprofessorin gleichsam subkutan verabreicht wird: Es kann auch einen Wert haben, 2000 Bücher im Schrank zu haben. Es hat einen Wert, auch wenn es nicht unmittelbar verwertbar ist. Wir wollen Kinder kriegen oder Hausmusik machen oder uns für römische Geschichte interessieren. Wir wollen uns nicht nur noch bereithalten für die Weltmärkte. Wir sind nicht nur Kostenfaktoren. Wir sind auch noch Menschen.

Im Mainzer Landtag rauscht die Turmfrisur in den Fraktionssaal der CDU. Die Abgeordneten applaudieren, Gesine Schwan sagt: "Vorsicht, ich bin die falsche Kandidatin!" Dann redet sie über Familie und Europa. Sie sagt, Reformen dürften nicht nur heißen: "Die Löhne gehen runter, die Sozialleistungen werden gekürzt." Die Abgeordneten nicken. Der Pressesprecher der CDU sagt hinterher: "An sich ist das 'ne ganz interessante Person." Aber natürlich werde man Köhler wählen, wegen des ökonomischen Sachverstands.

Schwan als das Schalke der Politik

Wenn das so weitergeht, wird Gesine Schwan am Ende noch das, was im Fußball vor ein paar Jahren Schalke 04 war: "Meister der Herzen". Die Frau, die besser war, aber nicht Präsidentin werden durfte, weil Angela Merkel unbedingt Kanzlerin werden wollte. Wenn es so kommt, dann hat Merkel ein Problem.

Eine Fahrt im Auto, eine von unzähligen von Frankfurt/Oder nach Berlin. Aus dem Wagenfenster sieht man die nagelneuen Hallen der großen Chip-Fabrik, die jetzt leer stehen, weil die Investoren aus Dubai und Amerika abgesprungen sind. Da sind wir wieder beim Thema Vertrauen, meint Gesine Schwan. "Bei der Chip-Fabrik wurde Vertrauen enttäuscht. Es geht aber nicht ohne Vertrauen. Grundanständigkeit und Fairness sind wichtig für eine Demokratie." Jetzt redet sie schon wieder so schön. Sie wird die Wahl verlieren. Aber das ist jetzt schon gar nicht mehr so wichtig.

Tilman Gerwien / print