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Guttenbergs Zapfenstreich: Ketzer sollen draußen bleiben

Die Plagiatsaffäre ist um einen Dreh reicher: Ausgerechnet die Guttenberg-Kritiker Schavan und Lammert wurden erst am Mittwochabend, 17.35 Uhr zum Zapfenstreich eingeladen - per Mail. Beide sind not amused.

Von Lutz Kinkel

So ein Zapfenstreich, die Verabschiedung einer namhaften Persönlichkeit aus der Politik, ist großes Theater: Fackelzug, blitzblanke Uniformen, Orchester. Karl-Theodor zu Guttenberg, Verteidigungsminister und Doktor a. D., hat sich gewünscht, dass auf dem Hof des Bendlerblocks Smoke on the Water von Deep Purple gespielt wird. Kanzlerin Angela Merkel wird lauschen und ein möglichst unbewegtes Merkelgesicht machen.

Viele Minister werden dort sein, Staatsekretäre und Abgeordnete. Aber zwei Politiker werden fehlen. Sozusagen ausdrücklich fehlen. Es sind Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Sie gelten in der Union als Ketzer, weil sie Karl-Theodor zu Guttenberg in der Plagiatsaffäre nicht in Nibelungentreue zur Seite standen. Schavan hatte gesagt, sie "schäme" sich für erschwindelte Doktorarbeit, Lammert sprach davon, dass der Textklau aus Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags "deprimierend eindeutig" sei. Beide bewiesen damit Rückrat - und wurden nun abgestraft. Mit einer Einladung, die sich auch als Ausladung interpretieren lässt.

"Mit erneuter Bitte ..."

Die Mail der protokollarischen Abteilung des Verteidigungsministeriums, die stern.de vorliegt, traf am Mittwochabend um 17 Uhr 35 und 23 Sekunden ein. Sie richtet sich an einige Mitglieder des Verteidigungs- und Haushaltsausschusses sowie an die ungeliebten Kritiker Guttenbergs, darunter SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und Linken-Parteichef Klaus Ernst. Und, wohl zur Überraschung aller Empfänger, auch an Schavan und Lammert. Der Inhalt im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
entschuldigen Sie bitte die Art der Übermittlung, aber auf Grund der Kurzfristigkeit und technischer Probleme bleibt uns im Moment keine elegantere Möglichkeit der Einladung.
Sie sind hiermit herzlich zum Großen Zapfenstreich aus Anlass der Verabschiedung von Bundesminister a.D. zu Guttenberg am morgigen Donnerstag eingeladen.
Beginn des Empfangs im Gästekasino BMVg: 17.00 Uhr
Beinn des Großen Zapfenstreichs: 18.30 Uhr
Bitte melden Sie sich an der Wache Stauffenbergstraße, Ihre Namen stehen auf der Gästeliste und Sie erhalten unkompliziert Zugang.
Mit erneuter Bitte um Entschuldigung für diese stillose Form der Einladung.
Mit freundlichen Grüßen [Name des Protokollbeamten]

Terminquickie erster Güteklasse

17 Uhr 35 und 23 Sekunden am Mittwochabend - das ist, im politischen Berlin, nicht nur kurzfristig, sondern ein Terminquickie erster Güteklasse. Die Kalender von Ministern und Abgeordneten sind in der Regel prallvoll, jede Minute ist Wochen im Voraus verplant. Was Schavan und Lammert aber noch viel mehr ärgert ist, dass sie die Maileinladung parallel zur Opposition erhielten, der Mailverteiler liest sich mit wenigen - absichtlich hineingemischten? - Ausnahmen wie eine Ketzerliste in Sachen Guttenberg. Schavan und Lammert reagierten verschnupft: Beide sagten ab. Lammert spricht an diesem Donnerstagabend, oh Ironie der Militärgeschichte, auf dem Weltfriedenstag der Gemeinschaft Katholischer Soldaten in Bonn.

Und das Verteidigungsministerium? "Es gab beim Protokoll einen blöden Bürofehler", murmelt ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage von stern.de. Das habe auch etwas mit dem Stromausfall im Bundestag zu tun gehabt. Weitere, schriftlich gestellte Fragen ließ das Ministerium unbeantwortet.

"Blöder Bürofehler"?

Vermutlich mit gutem Grund. Tatsächlich war das Verteidigungsministerium von dem Stromausfall am Dienstag nicht betroffen. Und dass der Zapfenstreich stattfinden würde, stand schon am vergangenen Freitag fest. Seitdem verschickte der Leitungsstab Protokoll des Ministeriums schriftliche Einladungen, hübsche, gedruckte Karten, auf denen der Empfänger in einer eleganten Schreibschrift eingetragen ist. Auf Nachfrage von stern.de bestätigte die FDP, dass ihre fünf Minister ordungsgemäß schriftlich eingeladen worden sind, auch die Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger. Homburger bekam ihre Einladung zu Beginn dieser Woche, in den Ministerien liefen die Karten am Dienstag auf. Auch bei Guido Westerwelle, der sich seit der Bundestagswahl einen scharfen Wettbewerb mit Guttenberg geliefert hatte.

Und dann, blöder Bürofehler, vergaß das Protokoll ausgerechnet Kabinettsmitglied Schavan und den zweiten Mann im Staat, Parlamentspräsident Lammert? Kaum zu glauben. Viel mehr spricht für die These, dass es Guttenberg selbst noch beim Abschied mit einem Wort von George W. Bush hält: "You're either with us or against us."

P.S. In einer früheren Version dieses Artikels haben wir berichtet, dass der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Jörg van Essen, seine schriftliche Einladung zum Zapfenstreich schon in der vergangenen Woche erhalten hatte. Dies war nicht korrekt. Herr van Essen hat die Einladung erst am Mittwochvormittag bekommen.