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Jung-Affäre Dubiose Quellen statt offener Karten


Wusste der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung von den zivilen Opfern des Luftschlags bei Kundus? Wenn ja, würde das seine zweifelhafte Informationspolitik im September dieses Jahres zusätzlich diskreditieren. Ein Rückblick mit neuen Informationen.
Von Johannes Schneider

Schon vor zwei Monaten trieb die Lovalität seltsame Blüten: Am Dienstag, den 8. September, vier Tage nach den Luftangriffen auf zwei Tanklastzüge bei Kundus, hatte sich der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung in einer Aktuellen Stunde zu den Ereignissen in Afghanistan vor dem Bundestag erklärt. In der von einigen Kommentatoren als "wirr" empfundenen Rede bedauerte Jung mitnichten zuallererst die zu diesem Zeitpunkt schon von vielen Stellen bestätigten zivilen Opfer, sondern stellte sich zunächst in gewohnter Pose vor die eigene Truppe.

Jung betonte, man habe sich "in Kampfhandlungen bewähren" müssen, um Sicherheit zu gewährleisten. Er forderte dazu auf, den befehlenden Oberst Georg Klein "nicht allein stehen" zu lassen und warnte davor, "voreilig" von schweren Fehlern zu sprechen. Mit Verweis auf lokale Quellen, darunter Polizeichef und Geheimdienstchef von Kundus, betonte Jung, dass "bei dieser Situation Taliban und deren Verbündete getötet worden sind". Erst in einem Nachsatz sagte Jung: " Ich sage noch einmal: Wenn es zivile Opfer gegeben hat, fordert dies unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl."

Aktuellen Berichten zufolge wusste Jung da bereits seit mehreren Tagen von den zivilen Opfern des Luftangriffs. Laut einem Papier, das der BILD-Zeitung vorliegt, soll Jungs Generalität im Potsdamer Einsatzführungskommando bereits am Abend des 4. Septembers, wenige Stunden nach den Anschlägen, Kenntnis über zivile Opfer erlangt haben. Besonders brisant: Jung, der sich noch am 8. September ausschließlich auf die afghanischen Kräfte vor Ort berief, hätte über das eigene Einsatzführungskommando Kenntnis haben müssen.

Viel mehr Informationen, als zunächst angenommen

Dem Papier zufolge habe die Generalität der Bundeswehr bereits wenige Stunden nach dem Anschlag vom Regionalkommando Masar-i-Sharif "klare Hinweise auf zivile Opfer" erhalten. Zudem sei der Bericht eines deutschen Oberstabsarztes nach Potsdam übersandt worden, in dem im Zusammenhang mit dem Luftschlag von zwei Jungen, "etwa 14 Jahre alt", mit "offenem Bruch" und "Schrappnell-Verletzungen" die Rede gewesen sei.

Um zu einer sensibleren Sprachregelung zu finden, hätte Jung dieser internen Papiere indes gar nicht bedurft. Bereits um 10.43 Uhr am 4. September, dem Tag des Angriffs, hatte die Nachrichtenagentur afp unter Berufung auf einen Sprecher der Provinzregierung "Zivilisten, darunter Kinder" unter den Opfern vermeldet. Am 5. September, einen Tag nach dem Angriff, bot die taz unter Bezugnahme auf Augenzeugen und den Leiter des Kunduser Krankenhauses ein relativ gutes Bild der Lage: So hätten Augenzeugen von etwa "500 Anwohnern" gesprochen, die sich am Kerosin der steckengebliebenen Tanklastzüge bedient hätten.

Die von Jung am Abend des 4. September in der ARD-Tagesschau beschworene "sehr konkrete Gefahrenlage" für das unweit gelegene Bundeswehr-Camp in Kundus lässt sich so kaum nachweisen. Offenkundig wird durch die nun aufgetauchten Papiere hingegen noch etwas anderes: So habe der Informant, dessen Bericht den Luftschlag neben den Aussagen der US-Aufklärer entscheidend motiviert habe, laut einer Meldung des Brigadegenerals Jörg Vollmer die Tanklaster gar nicht selber sehen können. Auch diese Information sei bereits am Abend des 4. September an das Einsatzführungskommando gegangen. Jung als Oberbefehlshaber der Bundeswehr hätten diese eigentlich nicht vorenthalten werden dürfen.

Mauer-Taktik und "Wenn"-Konstruktionen

Umso merkwürdiger muten Jungs Äußerungen von vor zwei Monaten an: "Nach allen uns vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden", sagte er am Sonntag, 6. September, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, das gleiche Zitat findet sich auch in einem Interview, das Jung der BILD am Sonntag gab. Auch die am darauffolgenden Montag aus Nato-Kreisen verlautete Zahl von 125 Toten (inzwischen auf bis zu 142 gewachsen) ließ Jung durch seinen Sprecher Raabe als "absolut nicht nachvollziehbar" zurückweisen.

Raabe berief sich auf dasjenige gemeinsame Schreiben von Gouverneur, Polizeichef, Geheimdienstchef und ANA-Kommandeur von Kundus, das Jung am darauffolgenden Tag im Bundestag zitierte - freilich ohne kenntlich zu machen, das es sich bei seinen "Informationen" von verschiedenen afghanischen Behörden um ein gemeinsames Schreiben mehrerer Institutionen handelt: "Durch die Explosion wurden 56 bewaffnete Personen getötet und zwölf Personen verletzt ... Nach Gesprächen mit Dorfbewohnern und Augenzeugen wurde bewiesen, dass alle Getöteten zu den Taliban und deren Verbündeten gehören."

Am Abend desselben Tages war es ausgerechnet Jung selber, der laut Frankfurter Rundschau aus dieser Mauertaktik ausbrach - zumindest teilweise, an den niedrigen Opferzahlen hielt er weiter fest: "Wir sind an einer Aufklärung interessiert und wenn es dort entsprechende zivile Opfer gegeben hat, dann hat das selbstverständlich unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme hervorzurufen", sagte er im Fernsehen. Mit dieser "Wenn"-Konstruktion und dem Verweis auf das eine Papier der regionalen Kräfte rettete er sich im September aus der Debatte. Genau diese Sprachregelung wird mit dem Bekanntwerden der internen Papiere nun aber endgültig dubios. Vor dem Bundestag wollte sich Jung heute Vormittag zunächst nicht äußern. Sein Rücktritt als Bundesarbeitsminister ist längst nicht mehr auszuschließen.


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