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Kommission "Digitale Gesellschaft": Der geschmeidige Herr von Notz

Auch die Grünen hatten das Thema Internet verpennt - die Enttäuschten wählten die Piratenpartei. Nun soll es Konstantin von Notz richten, ein Adeliger mit iPhone. stern.de hat ihn besucht.

Von Theresa Breuer und Lutz Kinkel

Raum 1624, Jakob-Kaiser-Haus, Berlin: Es war ein Umzug, von einem Büro zum anderen, wie zig andere nach der Bundestagswahl. Der Abgeordnete Christian Ströbele, Grüne, zog aus. Der Abgeordnete Konstantin von Notz, Grüne, zog ein.

Und doch zeigt dieser Wechsel wie ein Gleichnis den Generationswechsel der Partei.

Ströbele, 71, repräsentiert den linken Flügel der Grünen und denkt über eine Koalition mit der Linkspartei nach. Von Notz, 37, ist Realo und hält ein Bündnis mit der CDU für möglich. Ströbele trägt Strubbelfrisur, von Notz hat Gel in den Haaren. Hier der Strickpulli, dort das schwarze Sacko. Beide sind Juristen. Aber nur einer ist promoviert - und adelig. Von Notz haftet, auch wenn er das nicht so ausspielt wie Karl-Theodor zu Guttenberg, etwas Großbürgerliches an. Der Grüne sagt "Verzeihung", wenn er sich im Bundestag räuspern muss.

Und noch ein großer Unterschied fällt auf. Wer Ströbele jemals auf das Internet ansprochen hat, erhielt gewöhnlich zur Antwort: "Das machen meine Mitarbeiter". Von Notz spielt lässig mit seinem iPhone. Er ist innen- und netzpolitischer Sprecher der Fraktion. Und Mitglied der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" die sich an diesem Mittwoch konstituiert. Sie soll klären, was der Medienwandel für Deutschland bedeutet.

"Eine Bereicherung für die Grünen"

Von Notz hat bereits in einer schier endlosen Reihe von Pressemitteilungen, Stellungnahmen, auf Podien und Konferenzen, Position bezogen. Gegen Zensur im Internet. Für mehr Datenschutz in den sozialen Netzwerken. Gegen die Intransparenz von Behörden. Für mehr demokratische Teilhabe. Es sind Positionen, wie sie auch die Piratenpartei vertreten könnte. Deren Erfolg bei der Bundestagswahl - 2 Prozent - hat die Grünen aufgeschreckt. Von Notz ist ihr Kandidat, um die verlorenen Netizens wieder zu gewinnen. "Von Notz? Kenne ich nicht", ätzt ein Sprecher der Piratenpartei im Gespräch mit stern.de.

Das wird sich vermutlich ändern. Denn von Notz hat beste Karten, in die erste Reihe der Grünen aufzusteigen. Wenn Parteichef Cem Özdemir wohlwollend über den Nachwuchs spricht, vergisst er nicht, dessen Namen zu erwähnen. Und weil der Adelsmann nicht dazu neigt, seine politischen Gegner im eigenen Lager zu provozieren, sondern höflich und verbindlich bleibt, können offenbar auch die Linken mit ihm leben. Er sei eine "Bereicherung für die Grünen", lobt Ströbele. Weil er so jung und kompetent in Sachen Netzpolitik sei. "Trojaner", sagt Ströbele zu stern.de, "das waren für mich lange nur Figuren der griechischen Mythologie." Hätte er in den frühen Siebzigern Adeligen wie von Notz nicht am liebsten Farbbeutel an den Kopf geschmissen? "Auf gar keinen Fall", beteuert Ströbele. "Er ist eben Teil einer neuen Grünen-Generation, die ein bisschen US-amerikanisch auftritt - locker wie Obama."

Vorbilder: Fischer und Clinton

Von Notz steht auf den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Und auf Joschka Fischer. Das seien seine politischen Vorbilder, sagt er beim Treffen mit stern.de. Clinton, weil der sich so durchgebissen habe in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf. Fischer, weil der so eine große politische Wandlung durchgemacht habe: vom Straßenkämpfer zum Außenminister. Zwei Karrieren, die nach ganz Oben führten. Da will von Notz offenbar auch hin. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht. "Konstantin vertritt innerhalb der Fraktion seine Meinung, auch wenn diese von der Fraktionsspitze abweicht", attestiert ihm Gesine Agena, die Sprecherin der grünen Jugendorganisation.

Von Notz wurde in Schleswig-Holstein geboren, wächst aber in Frankfurt am Main auf, Fischers alter Heimatstadt. Auf der Freiherr-vom-Stein-Schule gehört er zu den engagierten, aber immer freundlichen Schülern, sagt sein ehemaliger Gemeinschaftskunde-Lehrer Hans Lindenthal. Seinen Zivildienst leistet von Notz in der Frankfurter Bahnhofsmission ab, einem Ort, um den das bürgerliche Publikum normalerweise einen großen Bogen macht. Auch hier bekommt von Notz sehr gute Kopfnoten. "Korrekt und höflich", sei er gewesen, erzählt sein ehemaliger Zivi-Kollege Leif Murawski, "und erstaunlich souverän im Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen". Sie hätten es damals viel mit älteren Obdachlosen, Prostituierten und Drogenabhängigen zu tun gehabt.

Noch während des Jurastudiums in Heidelberg tritt von Notz 1995 den Grünen bei. "Ich hatte das ewige Diskutieren über theoretische Politik in meinem Freundeskreis satt - auf dem Sofa haben alle recht, was zählt, ist aber auf dem Platz", sagt er. Auf dem Platz steht er erstmals in Mölln, Schleswig Holstein, wohin er nach dem Studium zieht. Von Notz engagiert sich im grünen Kreisverband, tritt sogar als Kandidat für die Bürgermeisterwahlen an. Zu seinen Mentoren gehört der grüne Kreistagsabgeordnete Burkhard Peters, ein Alt-68er. Er habe mal mit dem Jungspund über Haschisch diskutiert, erzählt Peters stern.de. Die Positionen waren rasch verteilt: Peters für die Liberalisierung, von Notz dagegen . "Er hat mich schließlich überzeugt", räumt Peters ein. "Ich habe schnell gemerkt, dass er ein politisches Ausnahmetalent ist."

Ideologie war gestern

Nun sitzt das Talent im Bundestag, neben vielen anderen frischen grünen Talenten, dem Verteidigungspolitiker Omid Nouripour zum Beispiel, dem Haushälter Alexander Bonde oder auch der jüngsten Frau im Bundestag, Agnieszka Malczak, 24, Spezialgebiet Abrüstung. Diese Reihe ist kaum sichtbar, weil die Altvorderen, namentlich Jürgen Trittin und Renate Künast, in den großen Debatten vorturnen. Sie legen dabei eine Aggressivität an den Tag, die sich ein Mann wie von Notz erst noch zulegen muss. "Nett" ist das meistgehörte Wort, wenn Dritte über ihn reden, "Vernunft" ist das meistgehörte Wort, wenn er selber spricht. Nicht einmal über die FDP mag er sich so richtig aufregen. Zwar seien die Liberalen derzeit "untragbar", sagt von Notz. "Aber selbstverständlich gibt es auch in der FDP Positionen, beispielsweise im Bereich der Bürgerrechte, die nicht per se unvernünftig sind."

Selbst Gesine Agena, die in Andrea Ypsilantis Frankfurter Institut für "Solidarische Moderne" sitzt und dort über rot-rot-grüne Bündnisse nachdenkt, fällt es schwer, sich von dem sympathischen Herrn von Notz abzugrenzen. Wie sie ihn erlebt hat? Im Oktober 2009 habe von Notz an einem Bundeskongress der Grünen Jugend teilgenommen, erzählt Agena. Dort sei "alles immer ein bisschen improvisiert und nicht so schick wie zum Beispiel auf Parteitagen". Vor einer Abstimmung passierte ein administrativer Gau. "Es fehlten Stimmkarten und alle waren total im Stress", sagt Agena. "Plötzlich sah ich, wie Konstantin, im Jackett und mit zurück gegelten Haaren, mit einer Praktikantin da saß und seelenruhig 500 Stimmzettel faltete."

Ideologie war gestern. Pragmatismus ist heute. Vielleicht passt Konstantin von Notz deshalb so perfekt in die neue, grüne Landschaft.

Von:

Theresa Breuer und