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Merkel im bayerischen Bierzelt: Dobrindt? Wer ist das?

Was sagt sie zum Griechen-Rauswerfer Dobrindt? Was zum CSU-Eurokurs? Bei ihrem Bierzelt-Auftritt im bayerischen Abensberg lässt Merkel alles an sich abperlen - und kommt besser an als ihr Widersacher.

Von Florian Güßgen, Abensberg

Am Schluss kommt dann doch noch alles ganz dicke für Angela Merkel. Das steht die Kanzlerin nun auf der Bühne, umringt von Schonheitsköniginnen mit Krönchen auf dem Haupt und Hopfenblüten um den Hals, rechts neben ihr der CSU-Haudrauf Alexander Dobrindt. Tapfer hat die CDU-Chefin die Bayernhymne mitgesungen, und, klar, auch die deutsche Nationalhymne, entschlossener als die ganze Fußball-Nationalmannschaft zusammen. Da scheint also schon alles vorbei, überstanden. Und dann das. Dann tritt da doch tatsächlich dieser fesche, leicht ölige durchtrainierte bayerische Bursche in Lederhosen neben sie - und fängt an zu singen, ach was zu jaulen. Was wohl? "Angie". Von den Stones. Das Zelt jubelt. Das erste Mal lassen die über 3500 Leute an diesem Vormittag ihren Gefühlen freien Lauf. Gröhlen, singen. Und sie kann nicht weg. Das steht sie nun, die Kanzlerin, und muss sich in diesem Moment wünschen, im Boden zu versinken. Zehn Euro-Gipfel, ohne Unterlass, so scheint es wären ihr lieber, als jetzt hier einen auf emotional machen zu müssen. Zaghaft klatscht sie mit, verlegen, fast stoiberhaft linkisch. Arme Kanzlerin. Zwei, drei Minuten dauert die Pein, bevor Merkel wieder raus darf aus dem Zelt. Kurz nach Mittag ist es soweit.

Gestern China, heute Bierzelt

Und dennoch benötigt Merkel an diesem Vormittag kein Mitleid. Im Gegenteil. Ihren Auftritt in Niederbayern hat sie gut, vielleicht sogar sehr gut gemeistert. Gestern China, heute Bierzelt, das ist schon ein beachtlicher Parcours. Aber es ist nicht nur das. Sie hat auch einen politischen Sieg errungen - gegen die Schwesterpartei, auf deren Boden. Der Abensberger "Gillamoos", 1313 erstmals urkundlich vermerkt, ist ein Jahrmarkt mit Volksfest. Pfannen gibt's dort genauso wie Steckerlfisch und Riesenrad. Seit einigen Jahrzehnten ist der "Gillamoos" aber auch ein Ort fürs deftige politische Dreinschlagen, fast schon in einer Liga mit dem Aschermittwoch in Passau.

Das Volksfest beginnt am Donnerstag. Und immer am Montag, dem letzten Tag, treten in verschiedenen Bierzelten politische Schwergewichte fast aller Parteien auf. Zeitgleich. Für die SPD war diesmal Christian Ude da, der Spitzenkandidat für die Landtagswahlen 2013, für die FDP der erfolgreiche Nordrabauke Wolfgang Kubicki, Fraktionschef im Kieler Landtag mit Lust auf mehr, und für die Grünen der "gesetzte" Möchtegernkandidat für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin. Die Freien Wähler ließen ihren starken Mann in Bayern sprechen, Hubert Aiwanger.

Brisanz hatte Merkels Trip in den Ort unweit von Ingolstadt vor allem wegen Dobrindt. Vor gerade mal einer Woche war der CSU-Generalsekretär ihr mächtig in die Parade gefahren, als er via "Bild" und munterem Segelfoto verkündete, dass am Austritt Griechenlands aus der Eurozone eigentlich kein Weg vorbeiführen würde. Für Merkel, die sich erst kurz zuvor vorsichtig für Griechenland stark gemacht hatte, war das nichts anderes als eine schallende Ohrfeige. Wie würde Dobrindts Fußvolk, die Partei-Honoratioren auf dem Land, aber auch die CSU-nahen Wähler nun auf Merkel reagieren? Wie auf Dobrindt, der sie an Seehofers statt ins Zelt begleiten sollte? Ausgerechnet er! Würde sie Dobrindt maßregeln?

Bemerkenswerte Europhilie

Die Neugier auf Merkel war groß. Seit halb acht Uhr morgens war das "Hofbräuzelt" geöffnet, viel früher als in den vergangenen Jahren. Sofort flossen Bier, Radler und Spezi, wurden Weißwürste gezuzelt. Um acht waren alle Tische gut gefüllt, die Kapelle begann zu spielen, ab halb zehn wurde niemand mehr hereingelassen. Über 3.500 Menschen waren da. In Tracht, Lederhosen, Dirndl. Gut gelaunt, gespannt auf Merkel. Vor zehn Jahren war die CSU-Chefin schon einmal hier aufgetreten, aber eben noch nicht als Kanzlerin. Schon vor ihrer Ankunft ist jedoch bemerkenswert, dass sich in dem Zelt weder die CSU-Kommunalpolitiker noch einfache CSU-nahe Besucher hier vollmundig hinter Dobrindt stellen. Im Gegenteil. Wenn Dobrindt mit seinen Griechenland-Äußerungen die berüchtigte Lufthoheit über den Stammtischen erlangen wollte, zumindest hier hat er sie verfehlt. Nein, sagte ein CSU-Mann aus Aiglsbach. Der Generalsekretär sei zu weit gegangen. "Wir brauchen den Euro." Der Mann ist jetzt Rentner. Aber früher, da habe er für Audi gearbeitet, berichtet er, in Ingolstadt. "Wir leben vom Export", sagte er. Ähnlich klingt ein anderer Rentner aus Saal an der Donau. Nein, Dobrindt vertrete nicht die Mehrheit in der CSU, sagt er. Ein dritter Mann, ein junger, pendelt jeden Tag von Abensberg nach München. Er arbeitet für eine Speditionsfirma. Am Euro will auch er nicht kratzen. "Das wäre Wahnsinn", sagt der Mann in Tracht, der Karten spielt - Watten, während sie auf Merkel warten. Die in Buchform gegossenen Fantasien vom früheren Strauß-Einflüsterer Winfried Scharnagl, dass Bayern es alleine könne, hält er für absurd. "Da Euro derf ned verrecka", brüllt ein weiterer. Diese Europhilie in der bayerischen Provinz ist, nun ja, überraschend. Sicher ist, dass der Bierzelt-Besuch in Abensberg eher ein Heimspiel für Merkel ist als für Seehofers Generalsekretär.

Als Merkel dann, eine halb Stunde verspätet, zum Defiliermarsch und im Gefolge der Kapelle "Schwarzes Blech" in das Zelt einzieht, bestätigt sich die Stimmung. Sie ist der Star. Neben ihr läuft Dobrindt, aber den kanzelt der örtliche Landtagsabgeordnete bei seiner ansonsten launigen Begrüßung nur ab: "Lieber Alexander, sag' bitte nie wieder Falschmünzer." So hatte Dobrindt Mario Draghi, den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), in seinem Interview genannt. Merkel behandelt Dobrindt in ihrer Rede merkeltypisch: sie gibt ihm gar nicht erst die Genugtuung, groß auf sein Griechenland-Interview einzugehen. Mehr noch: sie sagt kein Wort dazu, ignoriert ihn regelrecht, gerade als wolle sie den Menschen im Zelt, der CSU, aber auch der Welt sagen: "Der ist nicht satisfaktionsfähig. Wenn der kläfft, muss das niemanden jucken."

Beifallsstürme löst Merkel keine aus

Nein, Dobrindt ist in Merkels Rede kein Thema. Statt dessen singt sie das Hohelied der bayerischen Leistungsfähigkeit, der Familie, preist die bayerische Haushaltspolitik, lobt den Bildungsstandort, die Traditionsverbundenheit der CSU, verspricht, für Seehofer auch 2013 in den Landtagswahlkampf zu ziehen. Das alles verknüpft sie mit einem klaren Bekenntnis zu Europa und zur europäischen Solidarität. Die EU müsse eine "Stabilitätsunion" werden, sie müsse Schluss machen mit der "Schuldenunion". Das gelinge nur, wenn die anderen Länder zum Sparen verpflichtet würden. Die Finanzwelt dürfe sich nicht abkoppeln, sagt sie an die Adresse von Spekulanten. Auch auf sie müsste der "Geist der sozialen Marktwirtschaft" ausgedehnt werden. Die CDU-Chefin spricht über die Energiewende, Umweltschutz, die Konkurrenz mit China. Das alles sind Standardelemente von Merkel-Speak. Sie weicht davon in Abensberg keinen Jota ab. Im Zelt ist es da längst ruhig geworden. Beifallsstürme löst sie so auch nicht aus.

Der Jubel am Ende ist entsprechend verhalten, viele Zuhörer reagieren ein wenig sauertöpfisch. "Das war zu wenig emotional", sagt ein CSU-Mann aus dem Ort Train. "Die reißt keinen mit", ein anderer, erfahrener Gillamoos-Besucher. "Für ein Bierzelt war das zu wenig. Der Stoiber war da ein ganz anderes Kaliber." Manche sind auch enttäuscht, dass die Kanzlerin so gar nichts zu Dobrindt gesagt hat. Im Zelt gehöre es bisweilen dazu, es krachen zu lassen, heißt es. Und dennoch sind das eher Stilfragen, ist das eher Kritik an Merkels Rhetorik als an ihren Inhalten. Jemand, der sich über ihr Europa-Bekenntnis aufregt, lässt sich jedenfalls nicht finden. Und so kann Merkel nach ihrem zweiten Gillamoos-Besuch eine positive Bilanz ziehen. Sie mag nicht das Zeug haben zur grandiosen Rhetorikerin, aber für Dobrindt hat's locker gereicht. Da lässt es sich sogar verschmerzen, von einem Burschen mit strammer Waden auf offener Bühne als "Angie" angeschmachtet zu werden. Als Merkel zum neuen CSU-Hit "An Tagen wie diesen" das Zelt verlässt, ist sie wieder ganz bei sich.

Florian Güßgen