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Nach dem Ende der Wehrpflicht: Bangen vor dem Ossi-Ansturm

Nach dem Ende der Wehrpflicht befürchten Experten, dass die Bundeswehr zu einem Sammelbecken für perspektivlose, junge Ostdeutsche wird. Ein Besuch auf dem Kreiswehrersatzamt Schwerin.

Von Nils Handler

Es ist ein warmer Sommertag, an dem Henrico zum Kreiswehrersatzamt Schwerin fährt. Hier lässt er sich mustern, der 19-jährige will zum Bund, freiwillig. Nicht, weil er glaubt, dem Ruf des Vaterlandes folgen zu müssen. Wichtiger ist: Er bekäme mehr Geld als ihm das Arbeitsamt derzeit zahlt. Henrico schnibbelt als Küchenhilfe vier Stunden pro Tag Gemüse, dafür bekommt er vier Euro Lohn. Die Bundeswehr ist sein Ticket in eine bessere Zukunft.

Jeden Tag lassen sich in Schwerin mehr als ein Dutzend Bewerber testen. Die Lebensläufe sind unterschiedlich, die Motive der Kandidaten nicht. Die Realschülerin, die Sanitäterin werden möchte, will sich für zwölf Jahre verpflichten, denn "da biste abgesichert". Eine angehende Pharmaziestudentin möchte gleich für 17 Jahre einrücken, damit die Bundeswehr ihr Studium bezahlt. Tino sitzt mit kurzer Hose und giftgrünem Skater-T-Shirt im Prüfungsraum, der 21-jährige wohnt wie Henrico in Rostock und will Panzergrenadier werden. Er schwärmt vom hohen Einstiegsgehalt: 1500 Euro, als Fliesenlegergeselle bekam er nur 400 Euro. Nach seiner Ausbildung hat er die Fachhochschulreife gemacht, aber fragt man ihn, ob sich das nicht in beruflichen Perspektiven auszahle, antwortet er: "Sie kommen wohl nicht von hier, was?"

Rekrutierung in Ostdeutschland

Genau diese Situation hat Michael Wolffsohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr in München, befürchtet. Die Wehrpflicht ist entfallen, nun kommen nur noch jene Bewerber, die sich etwas von der Bundeswehr versprechen. Der "Staatsbürger in Uniform" werde abgelöst durch den "Prekarier in Uniform", sagt Wolffsohn. Es drohe eine "ossifizierte Unterschichtenarmee". Schon jetzt rekrutiere das Militär ein Drittel seines Personals aus Ostdeutschland, obwohl dort nur ein Fünftel der Wehrfähigen lebe. Und der Andrang auf dem Kreiswehrersatzamt Schwerin scheint ihm Recht zu geben. Die wirtschaftliche Lage in Mecklenburg-Vorpommern ist so trostlos, dass nicht einmal die Aussicht auf einen Kampfeinsatz abschreckt.

Alle Bewerber müssen Deutsch- und Matheaufgaben lösen - und danach zum Psychologen. "Anders als früher muss heute jeder zum Gespräch", sagt Uwe Drews, Leiter des Kreiswehrersatzamtes. Schließlich gelte es sicherzustellen, dass die Kandidaten belastbar seien. Damit sich nicht erst im Gefecht zeigt, ob einer rasch die Nerven verliert, tastet die Amts-Psychologin die Biographien ab. Wer schon mal wegen Körperverletzung oder anderer schwerer Delikte vor Gericht stand, ist draußen. Aber auch der stolze Hinweis, seit einem bestimmten Datum keinen Alkohol mehr zu trinken, kann problematisch sein. "Da gehen bei mir die Alarmglocken an", sagt sie. Bundesweit schaffen es 11 Prozent der Bewerber nicht durch den psychologischen Test, in Mecklenburg-Vorpommern liege die Zahl "etwas höher", sagt die Psychogin.

Keine Sorge vor Afghanistan

Auch Henrico weiß, dass der Beruf des Soldaten kein Beruf wie jeder andere ist. Ein Bekannter von ihm war als Soldat in Afghanistan und bekommt jetzt nachts Albträume. "Der hat einen Klatsch weg" sagt Henrico, aber Angst mache ihm das nicht. "Jeder kommt damit halt anders klar." Wie er selbst die Herausforderungen bestehe, werde sich schon noch zeigen. Wolffsohn, der Uniprofessor, dem bisweilen auch mal eine zynische Bemerkung heraus rutscht, sagt: "Der Soldatenberuf kann noch so sicher sein - im Ernstfall ist er todsicher."

Den psychologischen Test besteht Henrico, eine Zusage bekommt er trotzdem nicht. Er ist schlichtweg zu dünn. 60 Kilo Körpergewicht bei seiner Größe von 1,78 Metern - das sind nach den Kriterien der Bundeswehr drei Kilo zu wenig. Es braucht schon eine gewisse Statur, um das Marschgepäck stundenlang schultern zu können. Henrico wird wieder nachhause geschickt, er soll in einem Jahr noch einmal wiederkommen.

Plattenbau, Rostock-Schmarl

Also setzt er sich in die Bahn und fährt von Schwerin zurück nach Rostock, dort wohnt er im Stadtteil Schmarl. Hochgeschossige Plattenbauten ragen über die Baumwipfel, am Bahnhofsbistro trinken glatzköpfige Männer schon mittags Bier, große Tribal-Tattoos ragen aus ihren T-Shirts. Nachts möchte man hier nicht vorbei laufen.

Henrico fährt mit dem Fahrstuhl in den neunten Stock einer der Plattenbauten. An der Tür einer Zwei-Zimmer Wohnung begrüßt ihn eine 50 Kilo schwere Dogge. "Die gehört meinem Onkel" sagt er. Drinnen läuft der Fernseher, Henrico wohnt mit seiner Großmutter und seinem Bruder zusammen. Mit seiner Mutter versteht er sich nicht besonders gut, der Vater zog nach Berlin, als Henrico elf Jahre alt war. Neben seinem Job als Küchenhilfe verdient Henrico ab und zu ein paar Euro in der Sicherheitsfirma seines Onkels, er ist sein Vorbild. "Der ist Bodybuilder und hat da auch schon Preise gewonnen" erzählt er stolz. Außerdem fährt der Onkel ein schickes Auto, auch das ist Rostock-Schmarl nicht ganz unwichtig.

De Maizière: "Ich finde das unerhört!"

Verteidigungsminister Thomas de Maizière findet Wolfssohns Prognose, die Bundeswehr werde "ossifiziert" ganz unerhört. In einem Gastbeitrag für die "Welt" schrieb er, er sei bei seinen Afghanistan-Besuchen stets beeindruckt vom staatsbürgerlichen Verständnis der Soldaten, und zwar "unabhängig davon, aus welcher Region sie kommen". Schützenhilfe erhält de Maizière von der Wissenschaft, auch unter Soziologen sind Wolfssohns Thesen umstritten. Eine Studie des US-Kongresses besagt, dass in der amerikanischen Armee Menschen aller Einkommensklassen vertreten seien, in einem Maß, das in etwa ihrem Bevölkerungsanteil entspreche - nur die am besten und am schlechtesten verdienenden Schichten seien unterrepräsentiert. Aber sind die USA, wo Soldaten ein ungleich höheres Sozialprestige genießen, überhaupt mit Deutschland vergleichbar?

De Maizière jedenfalls versucht, die Rekrutierung massiv zu steuern. Intensiv wirbt das Militär um Abiturienten, um besser Ausgebildete. Selbst die Wahl der zukünftigen Bundeswehrstandorte hängt davon ab. Aufgrund des Sparzwangs muss der Verteidigungsminister zahlreiche Kasernen schließen, im Oktober soll die Entscheidung fallen, welche das sein werden. Das reiche München würde seine Truppen gerne ziehen lassen, die Kasernengrundstücke sind wertvoller Baugrund. De Maizière lehnt das ab. Es würden "auch Soldaten mit urbaner Sozialisation" gebraucht, sagte er auf einer Veranstaltung des Deutschen Beamtenbundes Anfang Juli in Berlin. Doch das ist momentan ein Luxusproblem, die Bundeswehr hat alle Hände voll damit zu tun, überhaupt ihre Personallücken zu stopfen: Eingeplant sind 10.000 bis 15.000 Freiwillige pro Jahr, die Zahl der Bewerber liegt jedoch weit darunter.

Für Henrico ist die große Politik weit weg. Er wird nächstes Jahr wieder nach Schwerin fahren, um zu seiner zweiten Eignungsprüfung anzutreten. In den kommenden Tagen will er anfangen, mit seinem Onkel, dem Bodybuilder, zu trainieren. Es trennen ihn nur drei Kilo vom neuen Leben.