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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Merkel muss deutsche Wähler enttäuschen, um Griechenland zu retten

Nur wenn Angela Merkel sich schwach zeigt, gibt es eine Lösung für die Krise mit Griechenland. Das Treffen zwischen Alexis Tsipras und der Kanzerlin war der Beginn ihrer neuen, klugen Strategie.

Von Andreas Hoffmann

Nicht nur die Griechen müssen sich ändern. Auch die Deutschen müssen Zugeständnisse machen, wenn eine Lösung für die Euro-Krise her soll

Nicht nur die Griechen müssen sich ändern. Auch die Deutschen müssen Zugeständnisse machen, wenn eine Lösung für die Euro-Krise her soll

Und nun? Wird jetzt alles gut? Angela Merkel und Alexis Tsipras haben sich getroffen. Sie haben zu Abend gegessen, für die Presse posiert und geredet. Ziemlich lang. Fünf Stunden im Kanzleramt. Alles paletti, oder?

Nein. Nichts ist paletti. Merkel und Tsipras sind sich näher gekommen, ein wenig. Sie trennt aber noch viel, wie die Pressekonferenz zeigte; als Tsipras in einem längeren Monolog die Euro-Rettungspolitik der vergangenen Jahre kritisierte, schien sich die Kanzlerin unwohl zu fühlen. Ihre Augen wanderten zur Decke, ins Publikum und sonst wohin. Das Gesicht fror ein.

Angela Merkel ist die Architektin dieser Rettungspolitik, die mächtigste Frau Europas, und die vermutlich am längsten amtierende Regierungschefin der Welt. Und neben ihr steht dieser 40jährige Kerl im offenen Hemd und tritt gerade ihre Politik in die Tonne. Nein, das gefällt ihr nicht, aber sie lässt sich wenig anmerken. Sie hat viele Politiker kommen und gehen sehen. Sie ist noch da.

Zu wenig europäische Politik

Das Problem der Eurokrise ist nicht Griechenland oder Deutschland. Es sind nicht die Spannungen zwischen den Ländern. Es ist nicht die chaotische Tsipras-Truppe, die das Regieren lernt. Das Problem der Eurokrise ist, dass es zu wenig europäische Politik gibt. Alle Staatenlenker von Merkel über Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande, Italiens Regierungschef Matteo Renzi, Großbritanniens Premierminister David Cameron bis zu Tsipras denken national. Sie fahren nach Brüssel und wollen viel für ihr Land herausholen. Merkel ist da nicht anders als Tsipras. Gewiss, sie mag von der Sparpolitik in Europa überzeugt sein, aber sie verfolgt sie auch, weil sie weiß: Sparen kommt hierzulande verdammt gut an. Die Deutschen sind verrückt danach.

Tsipras verhält sich ähnlich. Er weiß, dass er in Athen und Thessaloniki Beifall erhält, wenn er Merkel oder Brüssel kritisiert. Das stärkt seinen Rückhalt bei seiner Partei, gibt den Bürgern das Gefühl: Der wehrt sich. Der lässt sich nicht alles gefallen. Damit lenkt er von den Schwächen seiner Regierung ab. Sanftmut in Berlin, Polemik in Athen.

Verstehen kann man das Verhalten. Politiker werden daheim gewählt. Nicht die Griechen entscheiden über Merkels politisches Schicksal, sondern die Deutschen, und wer wieder gewählt werden will, muss sich um seine Basis kümmern. Nur hilft nationales Denken nicht gegen die Krise. Sie stoppt nicht an den Staatsgrenzen. Sie überwindet sie. Sollte Griechenland in die Pleite rutschen oder aus der Euro-Zone ausscheiden, leidet der Kontinent; die Europäer würden als zerstrittener Haufen wahrgenommen, der seine Probleme nicht löst.

Kluge Kanzlerin

Was das heißt? Jede Seite muss sich ändern. Und jede Seite muss die eigenen Wähler enttäuschen. Nicht nur die Griechen. Auch die Deutschen. Viele unserer Politiker, Manager, Ökonomen und Medienfürsten gebärden sich wie 800-Pfund-Gorillas, weil unsere Wirtschaft gut läuft und viele Leute einen Job haben. Jedem, der es nicht hören will, sagen sie, wo es in Europa langgehen soll; etwas Demut könnte nicht schaden. Vor gut zehn Jahren galten die Deutschen als der "kranke Mann Europas", und wer weiß schon, ob wir diesen Titel nicht eines Tages zurückbekommen.

Auf der Pressekonferenz sagte Angela Merkel, dass sie nur ein "Mitgliedsland unter 19 Eurostaaten" vertrete. Dass "Europa, darauf aufgebaut ist, das jedes Land gleich wichtig" sei. Die mächtige Angela Merkel machte sich schwach. Das war klug, weil sie weiß, nur wenn sie sich schwach zeigt, gibt es eine Lösung. Doch Worte werden nicht reichen. Die Kanzlerin wird auch liefern müssen, Zugeständnisse machen, die Sparpolitik lockern, hiesige Wähler enttäuschen. Nur so wird die Krise gelöst. Das ist Merkels Hausaufgabe.

Bei der Pressekonferenz von Merkel und Tsipras fühlte sich Andreas Hoffmann an Koalitionsverhandlungen erinnert. Der Andrang war so riesig, dass viele Journalisten keinen Platz fanden. Er twittert unter @AndreasHoffman8.