VG-Wort Pixel

Neues Buch zum Euro Deutschland braucht Sarrazin nicht

Wer Stammtischparolen erwartet, wird sie diesmal kaum finden. Besser wird Sarrazins Buch über den Euro deshalb nicht. Zu widersprüchlich sind die 464 Seiten - und teils sogar peinlich.
Von Andreas Hoffmann

Eigentlich müsste man einen Verriss schreiben. Ihn tadeln, dass er Klischees bedient, damit die Stammtische hetzen können: "Man wird doch noch mal sagen dürfen…."

Aber so einfach ist die Sache mit dem Verriss nicht. Thilo Sarrazin hat sein neues Buch "Europa braucht den Euro nicht" ziemlich geschickt angelegt. Er sammelt nicht einfach Vorurteile, um gegen den Euro zu stänkern. Er kramt den studierten Volkswirt in sich hervor. In weiten Teilen ist sein Buch eine volkswirtschaftliche Analyse, die den Leser mit Wachstumsraten, Arbeitslosenquoten, Außenhandelsbilanzen oder geldpolitischen Regeln quält. Keiner soll ihm vorhalten, dass er nicht genug recherchiert hat. Damit sich der Leser nicht völlig verirrt, hat der Verlag einzelne Passagen fett gedruckt.

D-Mark in Lira tauschen

Sarrazins zentrale Erkenntnis lautet: "Ein ökonomischer Gewinn war die gemeinsame Währung in den ersten 13 Jahren nicht." Weder bei der Beschäftigung, beim Wirtschaftswachstum, beim Außenhandel oder sonstwo habe der Euro uns geholfen - und den europäischen Nachbarn habe die Währung sogar geschadet.

Toll, dieser Thilo. Schenkt allen einen ein, die den Euro als Erfolgsstory sehen. Etwa weil die Bürger nicht mehr D-Mark in Lira tauschen müssen und die Firmen leichter exportieren können.

Finanzkrise nicht eingerechnet

Wie immer bei seinen Provokationen lässt Sarrazin Zahlen sprechen. So seien die Länder außerhalb des Euroraums stärker gewachsen als innerhalb. Dort seien weniger Menschen arbeitslos, und Deutschland habe vor allem in Staaten jenseits des Euroraums exportiert.

Doch bei näherem Hinsehen sind die Beweise dünn. Nehmen wir das Wachstum. Tatsächlich sind die USA und Großbritannien seit dem Jahr 2000 viel stärker gewachsen als der Euroraum. Aber spricht das gegen den Euro? Die USA und Großbritannien wuchsen, weil an der Wall Street und in der Londoner City einige Finanzjungs dubiose Geschäfte machten, die 2008 platzten. Die Rechnung dafür reichten sie ungeniert an die Steuerzahler weiter.

Rekord bei Leistungsbilanzüberschüssen

Oder die Beschäftigung. Tatsächlich hat der Euroraum im Schnitt mehr Arbeitslose als USA oder Großbritannien. Seltsam jedoch: Fast alle Euroländer beschäftigen heute mehr Menschen als zu Beginn des Jahrtausends. Die Beschäftigungsquote der 15- bis 65-Jährigen ist gestiegen. In Großbritannien und USA ist die Quote gesunken. Kann es sein, dass Sarrazin die Statistiken nicht richtig ausgewertet hat?

Oder der Außenhandel. Richtig ist, dass Deutschlands Exporte in die Nicht-Euro-Länder stärker zulegten als in die Euro-Staaten. Aber hat deshalb der Euro versagt? China und Indien, die viel bei uns einkaufen, haben einen riesigen Nachholbedarf. Den konnten sie befriedigen, weil der Euro nicht so aufwertete, wie es die D-Mark getan hätte. Deutschland häufte noch nie so hohe Leistungsbilanzüberschüsse an wie in der Euro-Zeit.

Was der Euro gebracht hat

Dass der Euro nichts gebracht hat, ist keineswegs so eindeutig, wie Sarrazin behauptet. Zumal die EU-Staaten seit 2007 unter einer Finanzkrise leiden, die ihre Wirtschaft kräftig durchschüttelte. Aber nehmen wir mal an, Sarrazin hätte recht: Was folgt daraus? Weg mit dem Euro? Zurück zur D-Mark? Einen Nord- und Süd-Euro einführen, wie es der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel fordert? Nichts von alledem. Den Henkel-Plan lehnt Sarrazin sogar ausführlich ab. Sarrazin fordert nur, dass Deutschland nicht mehr helfen sollte. Dass man die Risiken der Retterei zurückführt. Ach ja. Und weiter?

Was an dem Buch besonders nervt, sind Sarrazins Widersprüche. Mal will er den Griechen den Geldhahn zudrehen und ihnen "selbst überlassen, ihren Weg zu finden". Dann verlangt er, dass Deutschland alle seine Zusagen einhält, also den Geldhahn eben nicht zudreht. Zum Austritt der Griechen aus dem Euro fällt ihm ein, dass sie dann die Drachme abwerten und mehr exportieren könnten. Gleichzeitig räumt er ein, dass eine Abwertung verpuffen und Inflation erzeugen könne.

Widersprüche ohne Ende

Und so geht es munter weiter: Wenn die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist das "eine verhängnisvolle Entscheidung". Aber wenn die Bank of England Staatsanleihen erwirbt, ist das eine "Unterstützung der staatlichen Wirtschaftspolitik". Eurobonds sind ganz schlimm, aber wenn der Sachverständigenrat Eurobonds in Schuldentilgungsfonds umbenennt, ist das ein "schlüssig durchdachter Vorschlag". So schaukelt er hin und her, hü und hott.

Aber: Das gehört zur Methode Sarrazin. Er will möglichst viele Aspekte berücksichtigen, um sich rausreden zu können. Denn sollte ihn jemand kritisieren, sagt er frech: "Das habe ich doch geschrieben, schauen Sie mal auf Seite xy nach."

Schreiben und handeln

Was dieses Buch zeigt, ist: Es gibt zwei Sarrazins. Den schreibenden und den handelnden Sarrazin. Der schreibende behauptet etwa, dass es billiger gewesen wäre, Griechenland in die Pleite zu schicken, als die bisherigen Hilfen zu geben. Dann hätte die EU "nur" die dortigen Banken retten müssen. Ob dies wirklich ein guter Deal gewesen wäre, muss man bezweifeln. Die Pleiten der hiesigen Landesbanken, der IKB und der Hypo Real Estate, haben den deutschen Steuerzahler bisher über 200 Milliarden Euro gekostet - mehr als das Zehnfache der Griechenlandrettung.

Und: Der handelnde Sarrazin schickt keine Bank in die Pleite. Sarrazin beschreibt nämlich, wie er als Berliner Finanzsenator auf dem Höhepunkt der Krise der Bankgesellschaft Berlin über eine Insolvenz des Instituts nachdachte, aber: "Was hätte das für die Berliner Wirtschaft bedeutet, welcher Vertrauensschaden wäre angerichtet worden. Welche Kleinunternehmen wären durch die Unterbrechung ihrer Kreditbeziehungen in den Abgrund gerissen worden? Wie viele Arbeitsplätze hätte das gekostet? Ich brauchte nicht lange, um von solchen Überlegungen Abstand zu nehmen." Wir lernen: Eine Bank in Berlin darf nicht Pleite gehen, der Bankensektor in Griechenland dagegen schon.

Eigene Heldentaten besungen

Was bleibt nach 464 Seiten Lektüre inklusive 43 Seiten Fußnoten? Verwirrung im Kopf, weil man darüber rätselt, was der Autor will. Statt klare Aussagen zu liefern, besingt er die Heldentaten seines Beamtenlebens, etwa wie er Ende der 70er Jahre das Mutterschaftsgeld erfand oder die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt zum Sparen trieb.

Die Griechen denunziert er als "orientalisch geprägtes Volk". Über die Italiener weiß er, dass "vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation" nicht zu ihren "wesentlichen Triebfedern" gehören. Aber wie es mit dem Euro weitergehen soll, erfährt man nicht. In den entscheidenden Fragen legt Sarrazin sich nicht fest.

Das Buch ist eine Enttäuschung.


Mehr zum Thema



Newsticker