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Spitzenkandidatin der Grünen Baerbock als Kanzlerkandidatin: "Annalena ist noch keine Angela"

Annalena Baerbock im RTL-Interview.
Sehen Sie im Video: "Für den Status quo stehen andere" – Annalena Baerbock im Interview zur ihrer Kanzlerkandidatur. Videoquelle: RTL.de
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Annalena Baerbock geht für die Grünen als Kanzlerkandidatin ins Rennen. Ein historischer Schritt. Dennoch könnte die fehlende Regierungserfahrung eine Hürde werden. Denn Baerbock ist nicht gleich Merkel, kommentiert die Presse im In- und Ausland. 

Sie soll es machen: Annalena Baerbock soll für die Grünen als Kanzlerkandidatin in den Bundestagswahlkampf einsteigen. Erstmals in ihrer Geschichte haben die Grünen mit ihrer Parteichefin damit eine Kanzlerkandidatin nominiert. Die 40-Jährige will Deutschland grundlegend verändern: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Land einen Neuanfang braucht", sagte sie am Montag nach der Entscheidung des Parteivorstands. "Ich trete an für Erneuerung. Für den Status quo stehen andere."

"Die Grünen wollen eigentlich nicht den Kanzler stellen"

Die Nominierung sorgt nicht nur in Deutschland für Aufsehen – auch im Ausland kommentiert die Presse die Kandidatur Baerbocks. Die Pressestimmen:

"Frankfurter Rundschau": "Annalena Baerbock hat in ihrer Nominierungsrede vom 'Mut, Dinge jetzt wirklich anders zu machen', gesprochen und gesagt, 'ein bisschen Klimaschutz' werde nicht funktionieren. Wenn sie das ernst meint gibt es für den Flirt mit der Union, dem sich die Bundes-Grünen in den vergangenen Monaten immer wieder hingegeben haben, keine Basis. Folgerichtig kann die Kombi aus Schwarz und Grün im Bund keine Option sein. Denn das hieße doch: Wir haben einen guten Plan, aber wir glauben nicht wirklich daran. Allen wohl und niemand weh – diesen Weg gibt es nicht. Denn die enormen Probleme – der Klimawandel, die Pandemie und ihre Folgen, wachsende soziale Ungleichheit, sich ausbreitender Rechtsextremismus und immer mehr Menschen, die in die 'Querdenken'-Szene abdriften – lassen sich nur mit frischer Kraft und klarem Profil anpacken." 

"Badische Neueste Nachrichten": "Der grüne Teppich fliegt im Moment wieder wie im Jahr 2011, als urplötzlich in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in eine Staatskanzlei einzog. Ob Annalena Baerbock ein ähnliches Kunststück wie ihrem ergrauten Stuttgarter Parteifreund gelingen kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Sollten sich die Konservativen weiter so zerlegen, kann der Höhenflug durchaus bis ins Kanzleramt reichen."

"Aachener Zeitung": "Auch nach Angela Merkels Abschied bleibt das Kanzleramt in Frauenhand. Diese Perspektive ist seit Montag überhaupt nicht unrealistisch und für viele Menschen auch außerhalb der Grünen verlockend. Und sie erscheint mittlerweile sogar immer mehr Mitgliedern von CDU und CSU attraktiv. So weit ist es gekommen. In keinem der mehr als 50 Jahre, in denen es die Partei der Grünen gibt, war es vorstellbar, dass deren Spitzenpolitikerin die beiden Vorsitzenden von CDU und CSU ernsthaft bitten muss, Eintracht zu halten. Und dieser Appell von Annalena Baerbock wird nicht als billiger Wahlkampfeffekt empfunden, sondern als angemessen – auch von nicht wenigen Mitgliedern der beiden C-Parteien."

"Volksstimme": "Die Grünen wollen eigentlich nicht den Kanzler stellen. Deswegen konnten Sie es sich leisten, die Wahl ihres Kanzlerkandidaten nicht von Umfragen oder der Qualifikation abhängig zu machen. Zweifellos hätte dann Robert Habeck das Rennen machen müssen.

Für die Partei und ihre Ziele, nämlich zweitgrößte Partei und einflussreicher Partner in einer Regierungskoalition zu werden, ist Annalena Baerbock die richtige Kandidatin. Jünger, weiblich, klug und mit einem frischeren Stil ist sie der Kontrast zu den Kandidaten von CDU und SPD. Sie trägt das Image der Grünen. Und anders als in der Union haben sich die Kontrahenten um die Spitzenkandidatur nicht gegenseitig geschwächt. Habeck wird den Grünen weiter Stimmen bringen. Und man traut ihm ein Ministeramt zu. Dafür, dass die beiden in Stilfragen unangefochten vorne liegen, hat auch der verbissene Kampf der schon etwas älteren, aber viel älter wirkenden Herren aus der Union gesorgt."

"Augsburger Allgemeine": "Dass ihr im Gegensatz zu Robert Habeck jede Regierungserfahrung fehlt, verzeihen ihr die Grünen großzügig. (...) Viele Deutsche allerdings werden sich sehr wohl fragen, ob sie eine der größten Volkswirtschaften der Welt einer Frau anvertrauen wollen, die noch nicht einmal ein Landratsamt geführt hat, geschweige denn ein Ministerium. Gutes Regieren, das wird gerne unterschätzt, ist auch Handwerk – und das will erlernt und beherrscht werden. Einfach mal rasch die Finanzierung der Nato infrage zu stellen oder den Kohleausstieg mal rasch um acht Jahre vorziehen zu wollen, wie die Oppositionspolitikerin Baerbock es tut – das kann eine Kanzlerin sich nicht erlauben." 

Grünenspitze wählt Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin

"Süddeutsche Zeitung": "Jetzt ist es also so weit: Die Grünen ziehen mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl. (...) Dass es Annalena Baerbock geworden ist, kommt nicht wirklich überraschend, allen Inszenierungen zum Trotz. Die viel größere Überraschung an diesem Tag wäre Robert Habeck gewesen. Ihn zu nominieren, hätte der Grünen-Spitze zumindest in die eigene Partei hinein mehr Widerspruch beschert. (...) Ja, ob das Experiment Baerbock eine Chance hat, hängt von Habeck mindestens genauso ab wie von der Ab-jetzt-Kanzlerkandidatin.(...) So schön das jetzt für Baerbock als Frau an der Spitze sein mag – die Grünen werden ohne ein echtes Team mit noch deutlich mehr Leuten nicht lange überleben."

"Rhein-Zeitung": "Es ist klug, den Wählerinnen und Wählern bei zwei männlichen Kanzlerkandidaten eine weibliche Alternative zu bieten. Dass eine Frau an der Spitze anders agiert als Männer, haben 16 Jahre unter Kanzlerin Angela Merkel nur zu gut gezeigt. Egomanie, Eitelkeit oder emotionale Ausbrüche gab es bei ihr nie, stattdessen verantwortungsvolles, manchmal langatmiges Abwägen, diplomatisches Verhandeln und Ausdauer bis zum Abwinken. Doch das Geschlecht allein ist kein Qualifikationsmerkmal. Auch wenn Baerbock als inhaltlich stark gilt, wird sie im Wahlkampf nur bestehen können, wenn sie Zweifel an mangelnder realpolitischer Erfahrung beiseiteschieben kann und Habecks Kompetenzen einbindet. Ohnehin wird die große Herausforderung der Grünen sein, sich Vertrauen in der Wirtschaft zu erwerben."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "(…) Es wäre eine Ironie der Geschichte gewesen, wenn ausgerechnet die Grünen bei nahezu gleicher Qualifikation sich für den Mann entschieden hätten. Annalena Baerbock wird sich aber nicht nur deshalb im Wettbewerb um die Kanzlerkandidatur gegen Robert Habeck durchgesetzt haben, weil sie als Frau einer Frau (und durchaus "grünen" Kanzlerin) nachfolgen will. Baerbock ist trittsicherer als Habeck, hat Erfahrung in Ostdeutschland gesammelt und ist ein Medienliebling, der sogar Habeck noch in den Schatten stellt. Nur eines fehlt ihr, was Habeck hat: Regierungserfahrung. (…) Die Kanzlerkandidatur an sich, aber auch Baerbock als Kandidatin sind eine Versicherung, nicht in die Falle zu laufen, die ihnen in der Vergangenheit noch jeden Höhenflug verhagelt hat: auf eine rot-rot-grüne Perspektive festgelegt werden zu können. (…)" 

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Nun beginnt der schwierige Teil der Reise: Die Grünen müssen den Schwung über die nächsten fünf Monate bis zur Bundestagswahl aufrechterhalten, um ihr Ziel zu erreichen. Sie müssen der von der Pandemie wund geriebenen Gesellschaft eine Perspektive bieten. Die coronabedingte Lust auf Normalität aber passt nicht unbedingt zur Grünen-Erzählung von einem Aufbruch. Das Vertrauen in die Kraft der Gemeinsamkeit, auf das die Grünen setzen, kontrastiert mit dem Scheitern von Bund und Ländern bei der Teamarbeit. Die Grünen versuchen, mit Dynamik dagegenzuhalten und mit der Umarmung all derer, die ihnen bislang skeptisch gegenüberstehen."

"Stuttgarter Zeitung": "Wenn es denn so käme, dass die Kandidatin auch Kanzlerin wird, wäre das die größtmögliche Sensation dieses Superwahljahrs. Es käme einem Umbruch gleich wie letztmals 1969, als Willy Brandt Bundeskanzler wurde – erstmals ein Sozialdemokrat. Nun schickt sich ausgerechnet die kleinste Oppositionspartei im bisherigen Bundestag an, eine ähnliche Zeitenwende zu erzwingen."

"Kommersant", Moskau: "Eine der populärsten Parteien der BRD, Bündnis 90/Die Grünen, hat sich auf ihre Kanzlerkandidatin für die Parlamentswahl im Herbst festgelegt. Die Co-Vorsitzende Annalena Baerbock ist es geworden. Die Politikerin, die sich nicht nur einmal zu Russland kritisch geäußert hat, hat reale Chancen, nicht nur Mitglied der künftigen Bundesregierung zu werden, sondern auch Angela Merkel auf dem Sessel der Kanzlerin zu beerben. Aber Annalena ist noch keine Angela – so sehr sie auch zur Härte gegen Russland aufruft.

Auf eine Frage am Montag zum künftigen Verhältnis zu Russland rief Baerbock dazu auf, klar in der Sache zu sein, aber bei gleichzeitiger Härte den Dialog aufrecht zu erhalten. Die Partei, zu der Frau Baerbock gehört, ist schon traditionell nicht für Sympathien für Russland bekannt.

Vor der vergangenen Parlamentswahl schätzten die Grünen die Politik des Kremls negativ ein und gaben im Wahlprogramm Moskau die Verantwortung für eine Zuspitzung der internationalen Spannungen, für Angriffe auf die Freiheit des Wortes und auf den Rechtsstaat sowie für eine aggressive Großmachtpolitik. Im aktuellen Wahlprogramm (liegt erst als Entwurf vor) werden Russland und China als autoritäre Staaten benannt. Aber Hoffnung auf eine Zusammenarbeit gibt die Bemerkung dort, dass eine sozial-ökologische Transformation in der Welt ohne sie nicht möglich sein wird." 

"de Volkskrant", Amsterdam: "Im Rennen um die Nachfolge von Angela Merkel als Bundeskanzlerin macht nun mit Annalena Baerbock doch noch eine Frau mit. Nicht im Namen der CDU, sondern der Grünen, einer Partei, die in den letzten 20 Jahren eine Metamorphose von einer linken, innerlich zerstrittenen Protestpartei zu einer straff organisierten Partei der progressiven Mitte mit starkem Regierungswillen durchgemacht hat. (...)

Doch die in Deutschland bereits gängige Bezeichnung von Baerbock als 'neuer Merkel' ist unpassend. Annalena Baerbock, Jahrgang 1980, betreibt Politik namens einer Generation – oder zumindest dem gebildeten, progressiven Teil davon. Es ist eine Generation, die kaum in Führungspositionen des hierarchischen deutschen politischen Systems vorgedrungen ist. Es ist auch eine Generation, die im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, die von sich aus international denkt (Baerbock hat als Schülerin ein Jahr in den USA gelebt und sie hat in London studiert), die danach strebt, Karriere und Kinder zu vereinbaren, und die es gewohnt ist, ein öffentliches Bild von sich in den Sozialen Medien zu kultivieren."

"La Repubblica", Rom: "In den vergangenen Wochen sind keine Informationen über das mögliche Ergebnis der Beratungen durchgesickert. Die Grünen schienen eine kompakte Phalanx hinter zwei Vorsitzenden zu sein, die sie bisher ohne Personalstreitigkeiten gelenkt haben, die sich nicht auf Kosten des anderen ins Rampenlicht stellten und die der Basis zuhörten. Im Übrigen bleiben mit Blick auf die Inhalte das Zuhören der Basis und die interne Diskussion extrem lebhaft und unterscheiden die Grünen von anderen Parteien.

Die Grünen scheinen ihre zerzauste Vergangenheit, ihre historische Aufteilung in Realos und Fundis, in Pragmatiker und Idealisten begraben zu haben, und jetzt scheinen sogar die Streifzüge nackter Aktivisten sowie die Schreie und kreativen Aktionen auf den Parteitagen der ersten drei Jahrzehnte der Geschichte anzugehören." 

Spitzenkandidatin der Grünen: Baerbock als Kanzlerkandidatin: "Annalena ist noch keine Angela"

"NZZ", Zürich: "Mag doch der womöglich bald gewichene Kanzlerwahlverein Union seine Lust am absoluten Desaster zelebrieren, die Grünen stellen unterdessen unmissverständlich den Anspruch auf Regierungsmacht. Diese neue Disziplin und Professionalität ist beeindruckend. Sie sollte jedoch nicht den Blick auf das verstellen, was Annalena Baerbock bei ihrer Antrittsrede als Kanzlerkandidatin als eine 'Politik für die breite Masse der Gesellschaft' bezeichnete.

Denn hinter den gefühligen Geschichten über ihren Besuch bei der Pariser Klimakonferenz samt mitreisendem Säugling und den erwartbar abgedroschenen Allerweltsphrasen offenbart ein genauerer Blick auf das Wahlprogramm der Grünen viel, aber gewiss nicht jene 'Veränderung', die Deutschland tatsächlich nötig hätte. In dem Papier zeigt sich ein zutiefst etatistisches und dirigistisches Gesellschaftsbild, in dem der regulierende Staat viel und die individuelle Freiheit wenig zählt. Den Grünen schwebt ein Deutschland als eine Art Besserungsanstalt vor."

"Die Presse", Wien: "Die Kür stieß in der Partei allenthalben auf Applaus – und dies nicht allein wegen des strategischen Kalküls, gegen die männerdominierte Konkurrenz mit der einzigen Frau und einem relativ frischen Gesicht an der Spitze in die Wahlschlacht zu ziehen. Die Grünen bilden besser als ihre Mitbewerber den Zeitgeist ab, der auch vom Bewusstsein um die Gefahr des Klimawandels beflügelt wird. Die Altvorderen der Partei staunten nicht schlecht, wie reibungslos, ohne Untergriffe, Zwischenrufe und Quertreibereien die Debatte in der K-Frage lief. Wie zwei 'Realos' die Machtfrage unter vier Augen ausmachten, widersprach allen 'hehren' basisdemokratischen Prinzipien."

rw DPA AFP

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