Presseschau "Er wollte zu hoch hinaus"


Zwischen Höhenflug und tiefem Fall: Einen Tag nach der Tragödie war der Tod von Jürgen Möllemann das dominierende Thema in der deutschen Presselandschaft.

Zwischen Höhenflug und tiefem Fall: Jürgen Möllemann. Sein Leben und sein Tod dominieren die Berichterstattung in der deutschen Presse. Hier eine Übersicht.

Süddeutsche Zeitung

Das Leben und Sterben des Jürgen W. Möllemann ist die Geschichte vom öffentlichen Leben und öffentlichen Sterben eines höchst ehrgeizigen Menschen, eines Politikers mit vielen Fähigkeiten - darunter maßlose Selbstüberschätzung. Es ist die Geschichte eines Menschen, der berauscht war von sich, seiner Großartigkeit und seinem Tatendrang, die Geschichte eines Menschen, dem die Grenzen zu eng waren, die ihm die Politik, seine Partei und die Gesetze setzten. Es ist die Geschichte eines Menschen, der, weil er diese Grenzen sprengen sollte, final scheiterte. Und es ist die Geschichte eines Politikers, der die in diesem Beruf angelegte Exzessivität bis zur Neige ausgelebt hat, eines Menschen, der vor den, für die und mit den Kameras gelebt hat. Möllemann: Das ist die tragische Geschichte einer fulminanten Karriere, die in Ausweglosigkeit endete.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

(...) Wenn sich bestätigen sollte, dass Möllemann, der erfahrene Fallschirmspringer, Selbstmord begangen hat - aus welchen Gründen auch immer -, dann wäre da ein Leben mit fast schon schauerlicher Konsequenz zu Ende gebracht worden. Als Politiker war Möllemann gescheitert; seine Versuche, die FDP zu spalten oder eine neue Partei zu gründen, waren von vornherein chancenlos gewesen, man hatte den Eindruck, er selbst nehme sie nicht wirklich ernst. Dennoch werden die Freien Demokraten von seinem Tod getroffen. Die Partei, vor allem ihre Führung, die den angeschlagenen Vorsitzenden Westerwelle stützte, wird vor sich selbst nicht um eine Antwort auf die Frage herumkommen, ob die Art und Weise fair war, wie man nach der verlorenen Bundestagswahl so gut wie alle Schuld auf dem kommoden Sündenbock Möllemann ablud. Das wird die Partei, die ohnehin ausgelaugt und führungslos wirkt, noch einmal erschüttern.

Frankfurter Rundschau

Wenn der im doppelten Sinne des Wortes tiefe Fall des Jürgen W. Möllemann denn ein Menetekel sein soll, dann dafür: wie Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und die monomanische Besessenheit von nur einer einzigen Leidenschaft einen Menschen ruinieren können. Mag der Pils und Schnaps trinkende Fallschirmspringer aus Münster so gar keine Figur von klassischer Statur sein, in dieser Hinsicht erinnert er an den Ikarus der griechische Sage. An Fähigkeiten stand er seinem Vater Daedalus nicht nach. Was ihm fehlte war Maß. Er wollte zu hoch hinaus. Deshalb fiel er so tief. Kein anderer war dafür verantwortlich, nur er allein.

Bild-Zeitung (Hamburg)

Ein Selbstmord - wenn es denn einer war - ist immer der letzte Stein im Mosaik der Verzweiflung. Wie viele Steine es waren, wissen wir nie - auch nicht bei Jürgen Möllemann. Keines seiner Vergehen war so groß, dass er dafür sein Leben hätte opfern müssen. Wenn er es dennoch tat, und wenn einer wie Möllemann es tut, der eigentlich gerne lebte und möglichst aus vollen Zügen, dann will er seine Ruhe. Und die sollte man ihm gönnen. Ein letzter großer Auftritt. Tod mit dem Fallschirm. Vorhang zu! Typisch Möllemann lebte er. Typisch Möllemann ist er gestorben. Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass auch technisches Versagen mit im Spiel war - dieser letzte Auftritt würde ihm gefallen. Jetzt gilt auch für ihn: Die Toten in Frieden ruhen lassen.

Abendzeitung (München)

Zur Tagesordnung übergehen kann die Politik nach diesem tragischen Ereignis nicht. Denn es bleiben Fragen: Wie hoch darf der Preis der Politik sein? Wie hart, wie einsam, wie verzweifelt macht Politik? Möllemann schien virtuos auf der Klaviatur einer Mediengesellschaft zu spielen. Am Ende aber wusste er möglicherweise nur noch einen Ausweg: den der Verzweiflung. Wenn Politik den Menschen dienen soll, muss Politik selbst menschlich sein. Daran zu erinnern, gebietet dieser schreckliche Tod. Erst einmal aber bleibt nur Trauer. Um einen Menschen, der schillernd war, aber über Jahrzehnte unsere Republik mit geprägt hat.

Thüringer Allgemeine

Kaum jemand in der Politik war so auf das Austeilen und Einstecken trainiert wie Jürgen Möllemann. Gestern brach jedoch mit der aufgekündigten Immunität und den Durchsuchungen zweier Staatsanwaltschaften so viel auf ihn herein, dass auch sein neuer Plan einer eigenen Partei aussichtslos erschien. Als Opfer einer Kampagne bezeichnete er sich, als es für ihn in der FDP kein Halten mehr gab und er sämtliche Funktionen verlor. Das ist wohl war. Nur dass nicht Westerwelle oder Gerhardt deren Autoren waren, sondern zumeist Möllemann selbst. Er hatte zu kämpfen gelernt, als er tief fiel nach seiner Affäre als Wirtschaftsminister und ebenso nach verlorenem Machtkampf mit Klaus Kinkel. Aber aus den Wiederaufstiegen schlussfolgerte er, keine Grenzen zu akzeptieren, um sich durchzusetzen.

Rheinische Post

Möllemann war eine einzigartige Figur im Politikbetrieb. Selbst mittendrin war er noch stets ein Außenseiter. Er war ein Blender und Beweger zugleich. Ein Medienmann: Wir haben unsere Geschäfte mit ihm gemacht, er die seinen mit uns. Keiner hat polarisiert wie er, der «Riesenstaatsmann Mümmelmann» (Strauß), der «Quartalsirre» (Solms), das «intrigante Schwein» (Schwaetzer). Showmann und Trickser, Charismatiker und Populist bis in die Verantwortungslosigkeit. Kühn, couragiert, respektlos, skrupellos, intrigant. Große Siege, tiefe Niederlagen.

Neue Westfälische

Möllemann hat die Aufmerksamkeit der Medien gesucht und genossen wie kaum ein zweiter Politiker. So skrupellos, wie er innerhalb der FDP Drähte zog, Entscheidungen beeinflusste und Einfluss ausübte, so routiniert und professionell sorgte er dafür, dass sein Tun ins rechte Licht gesetzt wurde. Es ist kein Zufall, dass seine sportliche Liebe dem Fallschirmspringen galt. Spektakulärer als vom Himmel fallend kann sich kein Politiker in Szene setzen.

Cellesche Zeitung

Um den erfahrenen Medienstar und Vater der liberalen 18-Prozent-Strategie drohte es verdammt einsam zu werden auf seinem Einzelsessel in der letzten Reihe des Bundestages. Sollte ihn der Gedanke an seine immer näher rückende politische Bedeutungslosigkeit abseits jeglicher mit Macht und Einfluss gefüllter Fleischtöpfe derart gequält haben, dass er gestern Mittag mit Absicht die lebensrettende Reißleine nicht mehr zog? Wir werden die Ursache für diesen Todessturz möglicherweise nie erfahren. Fest steht nur eines: Der Mann aus Münster starb so wie er gelebt hatte: spektakulär.

Westfälischer Anzeiger

Ein inszeniertes Leben ist vorbei. Einer der schillerndsten deutschen Politiker ist tot, und allem Anschein nach hat er auch sein eigenes Ende inszeniert. Freier Fall ohne Fallschirm: Jürgen W. Möllemann starb so spektakulär, wie sein Leben stets gewesen ist. Möllemann muss gespürt haben, dass seine Karriere diesmal unwiderruflich zu Ende war. Von der eigenen Partei verstoßen, von der Staatsanwaltschaft verfolgt, von der öffentlichen Meinung ins Abseits gedrängt, vom Parlament auf den letzten Sitz verbannt und gestern auch noch der Immunität beraubt: Die Kette von Demütigungen wurde immer länger. Für den 57-Jährigen selbst offenbar zu lang.

Braunschweiger Zeitung

Der große Strippenzieher Jürgen Möllemann war zuletzt ein Mann im Abseits. Von der FDP verstoßen, mit der Justiz im Clinch, seiner Immunität als Abgeordneter beraubt, die Polizei im Haus. Talkshows waren das, was blieb. Und er nutzte sie mit Kampflust. Dass der Fallschirmspringer-Tod kein Unfall gewesen sein soll - schwer vorstellbar, so wie man Möllemann noch am Sonntag erlebt hat. Aber wer weiß schon um die innere Einsamkeit eines Mannes, den alle kennen und den doch niemand kannte. Der Tod eines Menschen ist eine zu ernste Sache, als dass Spekulationen oder billige Schuldzuweisungen erlaubt wären. Der Zeitpunkt gibt dem Tod Jürgen Möllemanns allerdings besondere Tragik. Die Erschütterung auch seiner Gegner ist echt: Deutschlands Politik hat gestern eine in ihrer Art einmalige Persönlichkeit verloren.

Passauer Neue Presse

Anzunehmen, ein solches Vollgas-Leben, immer am Limit, könne nur auf solch spektakuläre Weise enden, ist gleichwohl falsch. Die Spielernatur Möllemann hat sicherlich auch finale Konsequenzen seiner Strategien ins Kalkül gezogen. Unbezweifelbar war er an ein Ende angekommen, von der eigenen Partei verstoßen, selbst von Hans- Dietrich Genscher verlassen, ohne Aussicht auf ein Comeback, auf eine Rückkehr in die heiß geliebte Politik. Doch wenn es denn tatsächlich Selbstmord war, wenn Möllemann dieses Mal nicht wieder aufstehen wollte, dann mag der Gedanke an den Schutz der Familie eine Rolle gespielt haben. Hätte der Absprung wie geplant am Mittwoch stattgefunden, die Immunität des Abgeordneten Möllemann wäre nicht aufgehoben worden, die Fahnder hätten das Heim in Münster nicht durchsucht. Jürgen W. Möllemann war von einer Kaltblütigkeit, die das als möglich erscheinen lässt.

Nordwest-Zeitung

Deutschland hat einen Hauptdarsteller auf der politischen Bühne verloren. Wegbegleiter wussten seinen Mutterwitz zu schätzen, Parteifreunde bewunderten seinen Instinkt, Gegner litten unter seinen scharfzüngigen und pointierten Attacken. Der Erfinder von Projekt 18 und Kanzlerkandidatur erweckte gleichermaßen die Liberalen aus dem selbst verordneten Tiefschlaf, wie er sie anschließend ins Tal der Tränen stieß. Jürgen W. Möllemann konnte zielgerichtet und strategisch jahrelang Beziehungen und Projekte aufbauen, um sie in wenigen Augenblicken brachial und emotional wieder zu zerstören. Kontinuität war seine Sache nicht. Für die FDP blieb er stets die brisante Mischung aus genialen Einfällen und unberechenbaren Ausfällen. Allzu oft verwechselte er Aufsehen mit Ansehen. Möllemann polarisierte, Kompromiss kam in seinem Wortschatz nicht vor.

Badisches Tagblatt

Tage wie der gestrige, an dem Jürgen W. Möllemann offenbar selbst seinem Leben ein Ende setzte, machen bestürzt und zeigen: Trotz aller Inszeniertheit und sterilen Professionalität hat Politik tiefe menschliche Züge, und diese führen zu solchen Tragödien. Möllemann war ein Vollblutpolitiker, der in der Politik und für sie lebte. (...) Wie in der Politik hat er das Ruder selbst in die Hand genommen. (...) Und weil er so war, wie er war, konnte er auch jetzt nicht akzeptieren, was ihm widerfuhr und nicht zulassen, dass seine politische Zukunft von Vorgängen zerstört wird, für die er aber offenbar selbst die Verantwortung trägt. Er nahm es wieder selbst in die Hand, beraubte sich seiner Zukunft im elementarsten Sinn und wählte entsprechend seinem Hang zu großen Inszenierungen einen spektakulären Abschied aus der Politik und der Welt.

General-Anzeiger

Man muss von der Kritik, die man zu seinen Lebzeiten an ihm geübt hat, kein Quäntchen zurücknehmen und kann dennoch ehrlich um ihn trauern. Jürgen W. Möllemann war eine der farbigsten Figuren der deutschen Politik. Ein Freund des klaren Wortes - bis hin zu dessen Unangemessenheit. Ein Mann mit Courage, wenn es galt, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Einer ohne Scham vor Selbstdarstellung - ohne die falsche und ohne die richtige. Gute Politik musste für ihn stets auch einen Unterhaltungswert haben. «Möllemann lässt uns nicht im Stich», pflegten wir Journalisten zu sagen, wenn der FDP-Mann wieder einmal einen seiner Überraschungscoups gelandet hatte. Natürlich schwang in diesem Satz auch Belustigung mit, aber eben nicht nur.

Lübecker Nachrichten

Vor dem Altar und am Grab enden alle Streitigkeiten, heißt es. Im Fall Möllemann darf man befürchten, dass dies wohl nicht in letzter Konsequenz gelten wird. Noch schweigen die Waffen, niemand wetzt öffentlich die Messer. Aber der Mann aus dem Münsterland hat sich zu viele Feinde geschaffen; er hat Gräben gerissen und oft genug Wunden geschlagen, die nicht vernarben wollen. Vielleicht nicht einmal nach seinem Tod. Jürgen Möllemann war nie jemand, der jemandem etwas ins Ohr flüsterte. Er blaffte Freund und Feind gleichermaßen seine Sicht der Dinge ins Gesicht, immer mit offenem Visier und immer abwehrbereit. Jetzt ist er tot und kann sich nicht mehr wehren. Das erhöht die Versuchung, alte Rechnungen zu begleichen. Genug schmutzige Wäsche wird sich finden lassen.

Leipziger Volkszeitung

Fahnen auf halbmast, Schweigeminute, bewegende Worte. Die Republik gönnte Jürgen W. Möllemann ein respektvolles Abschiedsritual. Doch in Wahrheit war es eher Bestürzung denn Trauer, die sein Tod auslöste. Das Adieu der politischen Klasse gilt einem Mann, der sie prägte und symbolisierte, am Ende aber trotz zweier Abgeordnetenmandate nicht mehr dazu gehörte. Dass er von Freund und Feind verlassen war, den Medien nur noch als politischer Paradiesvogel diente, hatten andere längst vor ihm erkannt. Er selbst war weiter von den politischen Realitäten entfernt als die angestrebten 18 Bundestags-Prozente für die FDP von deren tatsächlichem Wahlergebnis.

Kölner Stadt-Anzeiger

Möllemann, der sich stets als politischer Antreiber verstanden hat, ist zum Getriebenen geworden. Jahrzehntelang lebte Möllemann vom Nimbus des «Stehaufmännchens», dem keine Krise dauerhaft etwas anhaben konnte. Damit war er der Schrecken seiner Kontrahenten, zuletzt aber muss er dieses Image als bleierne Last empfunden haben, die ihn im politischen Absturz unerbittlich weiter nach unten zog. Mit dem Verlust seiner Ämter und seines Einflusses scheint Jürgen Möllemann auch die Macht über sich selbst entglitten zu sein. Dieses persönliche Scheitern steht nicht für den Zustand unseres politischen Betriebs. Aber es mahnt dazu, Politiker nicht erst dann in die Schranken zu verweisen, wenn sie durch Maßlosigkeit Schaden hervorrufen - für andere und für sich selbst.

Stuttgarter Nachrichten

Charisma hatte Jürgen W. Möllemann. Sich in Szene zu setzen, mit den Medien zu spielen, auch Populistisches mit sicherem Instinkt aufzusaugen, das beherrschte er wie kaum ein anderer. Möllemann, daran kann es keinen Zweifel geben, hatte klare politische Überzeugungen, für die er auch dann eintrat, wenn es unbequem wurde. Das tut nicht jeder und darin lag seine Unverwechselbarkeit. Allerdings war die undiplomatische Direktheit, mit der er seine Ziele verfolgte, auch sein größtes Handicap. Die Rigorosität beispielsweise, mit der er seine Sichtweise der israelischen Palästina-Politik in Deutschland populär zu machen versuchte, hat seinen Absichten und der Sache selbst eher geschadet. Möllemann hat vieles gut gemeint und schlecht gemacht. Am Ende war er gescheitert, ohne fremde Schuld.

Neue Osnabrücker Zeitung

Der tragische Tod von Jürgen Möllemann muss lückenlos aufgeklärt werden. Dies gilt sowohl für die näheren Umstände als auch für die möglichen Hintergründe. So ist der zeitliche Zusammenhang mit staatsanwaltlichen Durchsuchungen frappierend. Was wusste der frühere FDP-Politiker im voraus von den internationalen Razzien? Fühlte er sich etwa durch vermeidbare Indiskretionen derart in die Enge getrieben, dass er sich zu einer Verzweiflungstat hinriss? Vor allem aber stellt sich die Frage, ob die Behörden neue Beweise sicherstellen konnten, die die Parteispendenaffäre der nordrhein- westfälischen Liberalen in ein völlig anderes, dramatischeres Licht rücken. So darf nicht die geringste Spekulation über Korruption oder Käuflichkeit politischer Entscheidungen im Raum stehen bleiben.

Saarbrücker Zeitung

Er, der in noch so aussichtslosen Situationen immer bravourös zu kämpfen verstand, er sah diesmal offenkundig für sich keinen Ausweg und keine Zukunft mehr. Ein Gefallener, ein Mann ohne jede Macht und ohne Einfluss, von den meisten alten Freunden oder Weggefährten gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. Heillos verheddert in einem üblen Netzwerk von Straftaten. Springer, Tod und Teufel. Männer, wie er einer war, enden nicht selten auf so tragische Weise. Der Tod als Inszenierung. Er trat gestern gegen 12.50 Uhr ein. Sagt die Polizei.


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