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Weltklimabericht "Es gibt keinen Spielraum mehr für Manöver, Verzögerungen oder Zaudern bei dieser Krise"

USA, Clarkston: Ein Flugzeug wirft Feuerschutzmittel auf das westliche Ende des Asotin Complex Fire ab
USA, Clarkston: Ein Flugzeug wirft Feuerschutzmittel auf das westliche Ende des Asotin Complex Fire ab. Die Extremhitze im Westen Nordamerikas mit Temperaturen bis knapp 50 Grad wäre einer Studie zufolge ohne den Klimawandel so gut wie unmöglich gewesen.
© Pete Caster/The Lewiston Tribune via AP / DPA
Nicht erst seit gestern ist klar, dass der Klimawandel real und spürbar ist. Doch gestern hat der Weltklimarat seine Warnungen noch einmal deutlich präzisiert und sogar verstärkt – so kommentiert die Presse den IPCC-Bericht.  

"Frankfurter Rundschau":

"Es ist nun wirklich genügend Wissen angehäuft, um ein schnelles Umsteuern zu rechtfertigen. Zumal die Lage dramatischer ist, als selbst die Experten lange glaubten. Die Konsequenz daraus ist, Politik, Wirtschaft, Bürgerinnen sowie Bürgern bleibt weniger Zeit als gedacht, um zu reagieren. Laut Weltklimarat gibt es noch die Chance, die globale Temperatur bis 2100 bei 1,5 Grad plus zu stabilisieren. Das bedeutet: Die globalen Treibhausgas-Emissionen müssen bis 2030 halbiert werden. Danach müssen erhebliche Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden, etwa durch Aufforstung, eventuell auch technische Lösungen. Das würde zwar einen technologischen und ökonomischen Crashkurs bedeuten, aber immer mehr Menschen scheint zu dämmern, dass ein Verzicht auf einen radikalen Umbau am Ende viel schmerzhafter und teurer wird. Die Frage ist, ob und wann die Regierenden das begreifen und in Taten umsetzen. Bisher ist dieses optimistischste der vom IPCC vorgelegten Szenarien unrealistisch."

"The Guardian" (London):

"Die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie haben uns gelehrt, dass die größten Herausforderungen von politischen Führungskräften bewältigt werden können, die erkennen, dass außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Bislang gibt es jedoch wenig Anzeichen dafür, dass die Regierung von Boris Johnson bereit ist, die Klimakrise auf die gleiche Weise zu behandeln. Die eindeutigen Schlussfolgerungen der IPCC-Studie und die wichtige Rolle Großbritanniens bei der Organisation der 26. UN-Klimakonferenz machen diese Position unhaltbar. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig. Das Urteil ist klar. Es gibt keinen Spielraum mehr für Manöver, Verzögerungen oder Zaudern bei einer Krise, deren Bewältigung in der Verantwortung dieser Generation liegt."

"Südwest Presse" (Ulm):

"Aber ob es nun irrsinnige Hitzerekorde in Kanada gibt, brennende Wälder in Südeuropa oder Überflutungen hierzulande – nichts führt zu wirklichem Umdenken. CO2-Ausstoß senken? Ja, aber nur wenn keine Arbeitsplätze gefährdet sind. Oder der Exportüberschuss, die soziale Verträglichkeit, unsere gute Stimmung. Blöd nur, dass das alles noch viel bedrohter ist, wenn wir die Temperaturerhöhung auf diesem Planeten nicht stoppen. In anderen Teilen der Welt flüchten die Menschen längst vor den Folgen der Erderwärmung. Der Rest ist Anpassung an sich verändernde Bedingungen. So gut es eben geht. Bis es nicht mehr geht? Unsere Entscheidung."

"Badische Neueste Nachrichten" (Karlsruhe)

Noch ist es nicht zu spät, ist ein Gegensteuern noch möglich. Das Wissen ist vorhanden, ebenso der Weg, der gegangen werden muss. Oder will der Mensch, die vermeintliche Krone der Schöpfung, zu dem Wesen werden, das trotz seiner Intelligenz und allen Erkenntnissen zum Trotz, seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört? Die Erde kommt ohne den Menschen aus, nicht aber der Mensch ohne die Erde.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Drei Monate wird es noch dauern, bis sich die Staats- und Regierungschefs der Welt in Glasgow darüber verständigen müssen, wie sie die Dynamik des Klimawandels und dessen zerstörerische Folgen für das Ökosystem Erde doch noch so eindämmen können, dass dieser Planet auch in hundert Jahren weiterhin unter menschenwürdigen Bedingungen bewohnbar sein wird. Ganz so viel Verantwortung haben die Politiker, die sich um ein Mandat für den nächsten Deutschen Bundestag bewerben, nicht – aber auch nur noch wenige Wochen, um den Bürgern zu erklären, wie sie es im Fall des Falles mit dem Klimaschutz hielten."

"Stuttgarter Zeitung":

"Wenn man liest, was die Experten zusammengetragen haben, kann einem Angst und Bange werden: Die Erwärmung der Erdatmosphäre schreitet viel schneller voran als bislang angenommen. Bereits 2030 könnte die Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad höher liegen als im vorindustriellen Zeitalter. Gletscher und Eiskappen der Pole schmelzen, die Meeresspiegel steigen, Meeresströmungen verlieren an Kraft. Ernst zu nehmende Zweifel daran, dass der Mensch den Klimawandel zu verantworten hat, gibt es unter Fachleuten nicht mehr. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Noch lässt sich der Temperaturanstieg begrenzen. Dafür müsste der Ausstoß klimaschädlicher Gase radikal sinken. Und zwar rasch."

"De Standaard" (Brüssel):

"Seit dem letzten IPCC-Bericht sind aber auch Fortschritte in der internationalen Zusammenarbeit erzielt worden. Die Ansprüche sind größer geworden. Der Europäische Green Deal ist das beste Beispiel dafür. Aber gleichzeitig sind die Herausforderungen gewachsen und die erwarteten Probleme sind schneller akut geworden. Wie uns die Corona-Krise gelehrt hat, werden Rechte und Freiheiten durch eine existenzielle Bedrohung eingeschränkt. Die Klimakrise könnte uns noch stärker unter Druck setzen. Schon jetzt wird den Politikern vorgeworfen, dass sie nicht in der Lage sind, die durch die Erwärmung verursachten Naturkatastrophen zu bewältigen. Ergreifen sie jedoch die erforderlichen Maßnahmen, setzen sie ihre Wiederwahl aufs Spiel. Eine daraus resultierende politische Instabilität ist das Letzte, was wir in dieser Situation brauchen können."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Es ist nicht so, dass die Welt nicht begriffen hätte, was uns die Klimaforscher sagen. Seit 1992 gibt es das Klimarahmenabkommen der UNO. Seit 2015 will uns das Pariser Klimaabkommen auf den Pfad von null Emissionen bringen. Die großen Treibhausgas-Emittenten China, die USA und die EU bekennen sich zu ehrgeizigen Plänen im Klimaschutz. Auch die Schweiz visiert den Weg bis 2050 an. Junge Menschen machen Druck auf die Politik und die Wirtschaft, nicht mehr mit dem Feuer zu spielen. Doch auch wenn die Nachfrage nach Solar- und Windstrom steigt, die Autoindustrie nun den Schritt zur Elektromobilität glaubwürdig macht und die Forschung intensiv nach alternativen Treib- und Brennstoffen sucht – es erreichen uns auch andere Nachrichten: Milliarden fliessen nach wie vor in die Verbilligung fossiler Energie, Regierungen setzen nur wenige Prozent der Corona-Finanzhilfen für die Energiewende ein, und der Verbund der Wirtschaftsmächte G20 sträubt sich gegen verbindliche Klimaziele."

"Augsburger Allgemeine":

"Die soziale Frage mit der Klimafrage zu vereinen, wird eine Menschheitsaufgabe gewaltigen Ausmaßes sein. Vor allem, weil Erfolge erst mit Verzögerung zu sehen sein werden, es keine unmittelbare 'Belohnung' für Verhaltensänderungen gibt. Weitblick aber ist das, was uns Menschen – leider auch den Politikerinnen und Politikern – am schwersten fällt."

"Die Presse" (Wien)

"Technische Zivilisation, durch Marktwirtschaft befördert, hat unser Leben in einem weltgeschichtlich einmaligen Ausmaß verlängert, verbessert, lebenswerter gemacht. Als Schmiermittel dafür dienten fossile Brennstoffe. Sie sind ungemein bequem, aber nicht auf Dauer notwendig. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn uns da nichts Besseres einfiele. So wie uns gegen Smog, verseuchte Flüsse und das Ozonloch etwas eingefallen ist. Wie wir auch sonst lernen müssen, uns auf eine große Aufgabe zu konzentrieren, und dafür kleinere Übel in Kauf zu nehmen: Windräder, Starkstromleitungen, auch Atomkraft, die brauchen wir als Brückentechnologie. Die Menschheit hat schon ganz andere Herausforderungen gemeistert? Nein, hat sie nicht. Aber jetzt können wir zeigen, was wir draufhaben. Wir schaffen das."

"Badische Zeitung" (Freiburg):

"Nein, grundlegend neue Erkenntnisse bringt der jüngste Bericht des Weltklimarates nicht. Er bestätigt erneut – es wird heißer. Aus dem Wissen folgt aber kein entschlossenes Handeln. Da macht das Bundesverfassungsgericht mit einem Paukenschlag Vorgaben zum Klimaschutz, die Bundesregierung erlässt daraufhin notgedrungen ein neues Gesetz. Nun soll Deutschland nicht erst 2050, sondern schon 2045 klimaneutral sein. Wer nun konkrete Schritte zur Umsetzung sucht – Fehlanzeige. So sieht Klimaschutz made in Germany aus."

"Neue Osnabrücker Zeitung"

"Klimawandel? Hat es in der Erdgeschichte doch immer gegeben mit Kalt- und Warmphasen. Das Verbrennen von Kohle und Öl heizt die Atmosphäre auf? Eine Meinung von vielen. Derlei stumpfes Leugnen des menschengemachten Klimawandels trauen sich inzwischen nur noch die ganz platten Populisten aus der Liga Trump oder Gauland. Ansonsten herrscht dank langjähriger wissenschaftlicher Aufklärung Konsens darüber, dass die Menschheit dabei ist, ihren Planeten zu zerstören. Leider führt diese Einsicht bisher nicht zu einer besseren Aussicht für das Klima, im Gegenteil. Der Ausstieg aus der Kohle dauert viel zu lange, der Bau der notwendigen Windräder auch. Die reichsten Industrienationen und damit größten CO2-Erzeuger zeigen derweil mit dem Finger jeweils auf die anderen."

Weltuntergangsszenarien: Welches Land ist im Krisenfall am sichersten?

"Stuttgarter Nachrichten":

"In weniger als zwei Monaten finden in Deutschland Bundestagswahlen statt. Die Klimapolitik ist schon jetzt eines der zentralen Themen im ansonsten recht lahmen Wahlkampf. Von Bewahrern des Status quo wird in der politischen Debatte gern das Argument vorgebracht, Deutschland sei ja nur für zwei Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich und könne das Weltklima nicht im Alleingang retten. Doch zum ersten Mal in der Geschichte der Republik könnte Ende September der Ausgang einer Bundestagswahl entscheidend davon abhängen, was die Parteien im Kampf gegen die Klimakrise zu tun gedenken und wie sie den klimagerechten Umbau der Volkswirtschaft voranbringen wollen. Das dürfte fortan die neue Normalität sein – in Deutschland und darüber hinaus. Politische Themen haben Konjunktur, dieses wird uns auf Dauer begleiten. Die Klimakrise verschwindet nicht mehr. Ob man es will oder nicht."

"Volksstimme" (Magdeburg):

"Es wird Zeit, dass sich Politiker in Deutschland intensiver mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen. Es wird auf jeden Fall wärmer. Deutschlands Beitrag zum Klimaschutz wird daran nichts ändern. Die globale Notbremse existiert nicht. Das Ende einer Energieerzeugung, die unserer Atmosphäre schadet, wird länger dauern, auch wenn viele Länder endlich weniger Gas geben. Woanders werden weitere Ölfelder erschlossen und noch mehr Kohle verstromt. Wie sollen die alten Industrieländer das den Schwellenländern versagen? Jetzt wird es Zeit, sich auf das wahrscheinlichste Szenario zu einigen und entsprechende Planungen voranzutreiben. Wer heute ein Haus baut oder die Stadt plant, sollte das Jahr 2100 im Blick haben. Deutschland kann sich anpassen, Probleme lösen. Nur eine Frage bleibt offen: Wie soll Europa in wenigen Jahren mit vielen Millionen Migranten aus unerträglich heißen Ländern umgehen?"

"Rhein-Zeitung" (Koblenz):

"Die Instrumente für wirksamen Klimaschutz sind mittlerweile ebenso gut erforscht wie der Einfluss des Menschen auf den Wandel. Deutschland gehört zu den reichsten Industrienationen. Mit rund zwei Prozent Anteil an den Treibhausgasemissionen hält sich das nationale Einsparpotenzial im weltweiten Vergleich aber in Grenzen. Und dennoch: Auch Deutschlands Beitrag zum Klimaschutz ist wichtig – auch als Vorbild für Schwellenländer. Denn gerade sie müssen gewaltige Technologiesprünge schaffen, um nicht auf neue Kohlekraftwerke und andere Treibhausgasschleudern angewiesen zu sein."

"De Volkskrant" (Amsterdam):

"Der IPCC-Bericht liefert genügend Beweise, um den Klimaskeptikern ein für alle Mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ansonsten sind es die zahllosen Überschwemmungen, Waldbrände, Wirbelstürme und anderen extremen Wetterereignisse der letzten Zeit, die die Regierenden – hoffentlich noch vor dem bevorstehenden UN-Klimagipfel im November in Glasgow – wachrütteln: Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; der Prozess der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung ist bereits in vollem Gange."

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen):

"Am wichtigsten ist es daher, nicht ständig neue, in der Ferne liegende Klimaschutzziele im Detail zu formulieren, sondern endlich die längst bekannten Maßnahmen zum Verringern der Treibhausgase konkret umzusetzen. Was nötig ist, um sich an den Klimawandel anzupassen, ist ebenfalls intensiv erforscht worden. Beides muss passieren in einer Welt, die zunehmend vom Klimawandel geprägt wird."

"Reutlinger General-Anzeiger:

"Manche glauben nach wie vor, wir befänden uns noch in der Phase, in der geklärt werden müsse, ob es den Klimawandel tatsächlich gibt. Sie verharmlosen, obwohl der Weltklimabericht und die Daten und Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. Die Zeit läuft davon. Aufhalten lassen sich die Veränderungen ohnehin nicht mehr. Es geht darum, mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte das Ausmaß und ihre Auswirkungen zu begrenzen. Mit Panik oder dem Heraufbeschwören von Horrorszenarien ist andererseits auch niemandem geholfen. Aber Handeln kann jeder – und es bedeutet nicht, von heute auf morgen alle Gewohnheiten umzustellen. Wir müssen nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen."

"Nürnberger Zeitung":

"Die von Menschen gemachte Erderwärmung lässt sich aber nicht von Ländern im Alleingang stoppen. Immerhin haben alle 195 Mitgliedsländer des Weltklimarats der Erklärung zugestimmt. Doch die Analyse bedeutet nicht, dass auch die passenden Lehren daraus gezogen werden. Die größten Umweltsünder sind China, USA und die EU. Wenn es ihnen gelingt, einen ökologisch wie ökonomisch erfolgreichen Weg zu beschreiten, dann wäre das ein Vorbild für alle anderen Länder. Bei aller Dramatik: Große Ziele nützen nichts, wenn die Umsetzung nicht mit bedacht wird."

"Frankenpost" (Hof):

"Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik könnte Ende September der Ausgang einer Bundestagswahl entscheidend davon abhängen, was die Parteien im Kampf gegen die Klimakrise zu tun gedenken und wie sie den klimagerechten Umbau der Volkswirtschaft voranbringen wollen. Das dürfte fortan die neue Normalität sein – in Deutschland und darüber hinaus. Politische Themen haben Konjunktur, dieses wird uns auf Dauer begleiten. Die Klimakrise verschwindet nicht mehr. Ob man es will oder nicht."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Wenn es noch eines Weckrufes an die Politik bedurft hätte, so liefert ihn nun der neue Sachstandsbericht des Weltklimarats. In der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger machen die Autoren des mittlerweile sechsten IPCC-Berichts deutlich, dass der Klimawandel keine abstrakte Gefahr ist, die zukünftige Generationen betrifft. Der Klimawandel ist längst im Hier und Heute angekommen und betrifft praktisch alle Regionen der Erde. Offenbar hat die Politik erkannt, dass niemandem damit gedient ist, wenn man die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel in Watte packt. Daraus sollte man aber nicht den Schluss ziehen, dass die Klimakonferenz im November in Glasgow zu einem Selbstläufer wird. Spätestens wenn es ums Geld geht – und beim Klimaschutz geht es um sehr viel Geld -, dürfte die jüngst demonstrierte Harmonie zwischen Politik und Wissenschaft aufhören. Die Klimawissenschafter müssen sich also darauf einstellen, dass ihr Weckruf zwar von der Politik gehört wird, aber trotzdem nicht das Ergebnis mit den kleinsten Klimarisiken zeitigt."

nik DPA AFP

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