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Programm gegen Frauenflucht: Der Osten soll attraktiver werden

Eine Studie über die Abwanderung junger Menschen - vor allem Frauen - aus Ostdeutschland hat die Bundesregierung aufgeschreckt. Ein Förderprogramm soll nun helfen. Allerdings wird es selbst in den eigenen Reihen mit Skepsis betrachtet.

Die Bundesregierung reagiert mit einem Förderprogramm auf die Abwanderung junger Menschen aus Ostdeutschland. "Abwanderung ist vor allem auf dem Land ein Problem. Deshalb werden wir in zwei ostdeutschen ländlichen Regionen neue Wege gehen", sagte der für den Aufbau Ost zuständige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee der "Bild am Sonntag". Vier Millionen Euro will die Regierung dafür in den nächsten zwei Jahren zur Verfügung stellen.

Auf dem Rückzug sind vor allem Frauen. In einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung heißt es unter anderem, der Weggang junger Frauen beschleunige den wirtschaftlichen Erosionsprozess. Die 18- bis 29-jährigen Frauen hätten oft bessere Zeugnisse als junge Männer und fänden Jobs im Westen.

Alarmierende Bevölkerungsentwicklung

Laut der Studie gibt es in strukturschwachen Ost-Regionen einen Männerüberschuss von 25 Prozent, der europaweit einzigartig ist. "Die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung bis 2050 sind alarmierend. Wir dürfen dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen", sagte Tiefensee. "Wir wollen erproben, wie wir eine gute Versorgung in dünn besiedelten Gebieten aufrechterhalten können", erklärte der SPD-Politiker.

Für ein Modellprojekt seien neun Regionen vorgeschlagen worden: die Landkreise Ostvorpommern, Uecker-Randow (Mecklenburg-Vorpommern), Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz (Brandenburg), Kyffhäuserkreis (Thüringen), Mansfelder Land/Südharz (Sachsen-Anhalt) sowie die Regionen Oberlausitz-Niederschlesien, Westerzgebirge (Sachsen) und Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg (Sachsen-Anhalt). Im Juli sollen zwei Modellregionen ausgewählt werden. Gefördert werden sollen unter anderem eine mobile ärztliche Versorgung, Mehrgenerationenhäuser, rollende Bibliotheken und Ruf-Busse.

Skepsis in den eigenen Reihen

Das von der Bundesregierung geplante Förderprogramm stößt allerdings auf Skepsis. Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, sagte im MDR, seine Regierung unterstütze alles, was imstande sei, eine Abwanderung einzudämmen oder umzukehren. Dennoch sei er skeptisch, ob das Projekt Erfolg haben und junge Frauen in Sachsen-Anhalt zum Bleiben bewegen könne. Entscheidend seien vielmehr Zukunftsperspektiven und sichere Arbeitsplätze.

Böhmers thüringischer Amtskollegen Dieter Althaus sagte ebenfalls im MDR, die Konjunkturlage sei gut, insofern gehe er davon aus, dass abgewanderte, junge Frauen wieder zurückkämen. Und die, die in Thüringen geblieben seien, hätten genügend Perspektiven, um auch in Zukunft nicht wegzugehen.

Wegzug bedingt Arbeitslosenzahlen

Der ostdeutsche SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg sagte der "Berliner Zeitung", schaden könne ein solches Programm nicht. Aber nur dabei könne es nicht bleiben: "Denn das, was da steht, klingt wie ein Witz." Hilsberg wies darauf hin, dass die rückläufigen Arbeitslosenzahlen im Osten zum großen Teil auf dem Wegzug der Menschen basierten. "Das ist zu wenig, wenn wir von Wirtschaftsaufschwung sprechen" kritisierte der SPD-Politiker. "Um die neuen Bundesländer für die Wirtschaft attraktiver zu machen, müssen wir aufhören, bestimmte Regionen immer nur schlecht zu reden." Zugleich forderte Hilsberg den zuständigen Minister Wolfgang Tiefensee auf, "das Verelendungspotenzial in diesen Regionen in den Blick zu nehmen".

Gerade junge Männer hätten dort in erschreckender Zahl jeden Anschluss an die Gesellschaft verloren. "Dort Abhilfe zu schaffen, können die Regionen aus eigener Kraft nicht leisten", sagte Hilsberg weiter. "Dort müssen wieder Strukturen der Sozialarbeit geschaffen, Kontakte zu ehrenamtlichen Helfern und Kirchen genutzt werden."

AP / AP