HOME

Rainer Brüderle und das Atom-Moratorium: Eine Kanone, die losgegangen ist

"Erst grübeln, dann dübeln", so lautet ein Motto von Rainer Brüderle. Doch Kanzlerin Merkel hielt ihn schon lange für eine "loose cannon". Und die hat nun gefeuert. Mit maximalem Schaden.

Von Ulrike Posche

Da muss irgendetwas mit seinen Meridianen an jenem 14. März nicht gestimmt haben. Blackout, Ehrlichkeitszwang, Wahrnehmungstörung, Todessehnsucht. Denn normalerweise erspürt Rainer Brüderle schon morgens nach dem Aufstehen und nach dem Turnen mit dem Deuserband, wenn etwas nicht stimmt mit ihm. Wenn er nicht fit ist. Wenn der Kopf vom Verreisen oder vom Vorabend dick ist und schwer. Er donnert sich dann mit seinem elektrischen Akupunkturgerät ein paar Nadelstiche in die Meridiane der Nasenflügel. Danach laufe er nach eigener Aussage wieder rund und klar.

Rainer B., der freundliche Querkämmer aus der Pfalz, dem Land der Reben und Rüben. Der Freund konfuzianischer Weisheiten und köstlicher Einfälle. Der ewige FDP-Gardist, den das Glück und die Gnade eines zweistelligen Wahlergebnisses 2009 nach neun Jahren des quälenden Wartens und Redens in ein erträumtes Ministeramt gespült haben. Damit war endlich die Zeit vorbei, in der sie ihn als Einheizer frühmorgens im Hauptstadt-Plenum an die Rampe schoben, weil sonst keiner den Grüßonkel der FDP geben wollte. Vorbei, vergessen.

Ein Brüderle-Motto: "Erst grübeln, dann dübeln"

Endlich mit den Wichtigen reden! Mit Präsidenten, mit Dax-Men, Opel-Chiefs, mit Petrol und Pharma - und den Großformaten vom BDI. Und wenn er sich zwischen seinen Auftritten mal nicht so fühlte, dann - zack, Akupunktur. Sogleich purzelten ihm die auf Tausenden von Weinfesten und Straußwirtschaftsreden eingeübten Stanzerln nur so aus dem buttrigen Gesicht: "Erst grübeln, dann dübeln", heißt so ein Klassiker aus dem Programm des deutschen Wirtschaftsministers.

Er sei völlig angstfrei, sagt Rainer über Brüderle. Er sei ein Politiker mit Instinkt und Pragmatismus, sagt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, dem Brüderle einst als Wirtschaftsminister in Mainz diente. Angela Merkel jedoch rollt stets die Augen, wenn der joviale Mann neben ihr auf Hannover-Messen oder IT-Kongressen seine handgerüttelten Wortschaumweine knallen lässt. Wo Brüderle auftritt, ist Weck, Worscht un Woi-Stimmung in der Bude. Egal, ob es um E10 oder G8 geht. Nicht nur Angela Merkel hält Brüderle alleine deshalb für eine "loose cannon". Eine Kanone, die sich aus der Vertäuung des Oberdecks gerissen hat und jederzeit losgehen kann.

Das wird Merkel ihm nie vergessen

Genau das ist jetzt passiert. Losgegangen. Maximalschaden. Alles versenkt. Brüderle hat vor Mitgliedern des BDI gesagt, was er so über Merkels Atom-Moratorium dachte. Dass es allein dem Wahlkampf am kommenden Sonntag geschuldet sei. Und danach - heile, heile Gänschen, liebe Atomkraftwerksbetreiber - wird alles wieder gut. Brüderle hat damit nicht nur seiner Partei die Wahlen vermasselt, sondern auch seiner Kanzlerin. Und das wird sie ihm nie vergessen. Brüderle ist nicht bloß der Sargnagel der schwarz-gelben Koalition geworden. Nein, er hat sie alle gleich ins Grab gedübelt. Die Klöckner - die CDU-Hoffnung für Rheinland-Pfalz, den Mappus in Baden-Württemberg, den Westerwelle und die Merkel, die gesamte Regierung, urbi et orbi. Ein erstes Opfer gibt es übrigens schon: BDI-Geschäftsführer Werner Schnappauf, der seinen Rücktritt verkündet hat. Weck, Worscht un Woi - aus und vorbei.

Ein ganz winziges bisschen ungerecht ist es ja, dass der 66-jährige Brüderle jetzt vielleicht bis zum Sankt Nimmerleinstag dafür büßen muss. Dass er künftig vielleicht nie mehr mit der Kanzlerin eine Messe eröffnen wird, sondern allenfalls mit Margit Sponheimer die Sitzungen der Mainzer Ranzengarde. Denn eigentlich ist er ein Held: Er hat doch bloß die Wahrheit geschwätzt!