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Fall Roderich Kiesewetter: "Erregend spitz": Wie ein CDU-Politiker einen Gedichtband herausgab und dann Abnehmer suchte

Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kieseweter verlegte einen Band mit eigenen Gedichten. Dann ließ er offenbar prüfen, ob ihm die CDU mit Spendengeldern Bücher abkaufen könne.

Von Hans-Martin Tillack und Rainer Nübel

Roderich Kiesewetter

Hobby-Lyriker: Der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter ließ prüfen, ob ihm die CDU mit Spendengeldern einen selbst verfassten Gedichtband abkaufen könne

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Erst machte Roderich Kiesewetter als Offizier in der Bundeswehr Karriere. Dann schaffte er es für die CDU in den Bundestag. Schließlich brachte er es bis zum Obmann seiner Fraktion im prestigeträchtigen Auswärtigen Ausschuss des Bundestages und zum Chef des Reservistenverbandes mit über 115.000 Mitgliedern. Er gibt sich gerne als moralisches Vorbild. Aber er hat auch eine Schwäche für erfundene Geschichten, also Fiktion statt Wahrheit.

Kiesewetters Verhältnis zur Wahrheit wird dieser Tage indirekt vor Gericht verhandelt. Vor dem Amtsgericht Tiergarten muss sich gegenwärtig ein 46-jähriger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) namens Mark M. wegen Geheimnisverrats verantworten. Die Anklage stützt sich auch auf ein Schreiben von Kiesewetter an den BND. In dem hatte der Abgeordnete dem Geheimdienst bestätigt, dass ihn sein langjähriger Duz-Bekannter Mark M. "überraschend und unaufgefordert" über zwei BND-Leute in der Führung des Reservistenverbands informiert habe. Kiesewetter hatte also einen Informanten offiziell preisgegeben.

Am Dienstag wird der Fall beim Amtsgericht Tiergarten erneut verhandelt. Der Staatsanwalt und die Verteidiger von Mark M. wollen ihre Plädoyers vortragen. Für den Angeklagten geht es um eine mögliche Haft- oder Geldstrafe. Für Roderich Kiesewetter geht es um seine Glaubwürdigkeit. Ende Juli sagte Mark M. selbst vor Gericht aus – und er erzählte von dem entscheidenden Gespräch mit dem Abgeordneten, in dem es um den angeblichen Geheimnisverrat ging. Ihm sei "klar", so habe ihm Kiesewetter gesagt, dass es im Reservistenverband "viele Leute" gebe, die für den BND arbeiten, "das mache er doch auch". Kiesewetter arbeitete für den BND? Mark M. will über das Bekenntnis des CDU-Politikers schockiert gewesen sein. Aber dann habe Kiesewetter rasch wieder dementiert: Er habe nur einen "Witz" gemacht.

Gedichtband im Selbstverlag

Ein Parlamentarier, der für den Geheimdienst arbeitet – das wäre kein Grund zum Scherzen. Aber was ist Fakt im Leben von Kiesewetter? Was ist Dichtung? Das ist mehr als eine rhetorische Frage. Im September 2013, kurz vor der damaligen Bundestagswahl, gab Kiesewetter im Selbstverlag seinen ersten Band mit selbstverfassten Gedichten heraus. Die Verse behandelten "welke Blätter", aber auch "zerstörte Chancen" und "plakatierte Lügen". In einem Gedicht ging es um "Brüste" – solche, die "erregend spitz" seien.

Kiesewetter war sehr stolz auf das Werk und stellte es als eine weitere seiner guten Taten dar. Die "Hälfte des Gesamterlöses aus dem Buchverkauf" solle einem pädagogischen Hilfsverein aus seinem Wahlkreis zu Gute kommen.

Floss dieses Geld dann wirklich an den Verein? Der Verein hat auf Fragen des stern bisher nicht reagiert. Auch Kiesewetter ließ Anfragen dazu unbeantwortet.

Zugleich scheint es, dass der Abgeordnete ungewöhnliche Wege erwog, um mit dem Buch überhaupt Erlöse zu erzielen: Zum Beispiel ließ er offenbar prüfen, ob man nicht mit Spendengeldern der CDU einen Teil der Auflage aufkaufen könne. Jedenfalls musste Anfang September 2013 ein Mitarbeiter der CDU-Bundesgeschäftsstelle von dieser Idee abraten und zwar "dringend". Die "ganze Konstruktion" mit den Lyrikbänden sei "viel zu angreifbar" und der mögliche Vorwurf der "Zweckentfremdung von Spendengeldern" sei "viel zu gefährlich", schrieb der CDU-Mann in einer Mail an Kiesewettters Büro. Zuvor hatte auch ein Wirtschaftsprüfer der CDU abgeraten. "Auch bei weiter Auslegung" könne er "nicht sehen", warum es sich beim Aufkauf von Kiesewetters Gedichten "um Ausgaben für Zwecke der Partei handeln" könnte, schrieb der Mann von der Firma Ernst & Young.

Eineinhalb Jahre später fand der Abgeordnete dann zumindest für einige Bände doch noch einen Abnehmer. Der Reservistenverband, dem Kiesewetter selbst vorstand, kaufte für 250,59 Euro insgesamt 18 der von ihm verlegten Bände und verteilte sie bei einer Veranstaltung an "Redner und ehrenamtliche Unterstützer vor Ort". So bestätigte es der Verband dem stern.

Rücktritt mit Getöse

Dieses nicht ganz uneigennützige Vorgehen hinderte den CDU-Politiker nicht daran, sich ein Jahr später auf das Prinzip der finanziellen Solidität zu berufen – und mit einigem Getöse als Präsident des Reservistenverbands zurückzutreten. Kiesewetter begründete die Demission damit, dass ein Empfang des Vereins für 400 Personen Bewirtungskosten von 20.000 Euro verursacht habe. Damit habe man "jegliches Maß" verloren.

Laut dem Verband selbst verschlang der Empfang insgesamt 21.400 Euro, wovon man selbst aber nur 16.050 Euro getragen habe. Nach Recherchen des stern war die Veranstaltung damit deutlich billiger als mehrere vergleichbare Events, die der Reservistenverband noch unter Verantwortung von Kiesewetter ausgerichtet hatte.

So zahlte der Verband im Jahr 2015 laut einem internen Bericht stolze 94.400 Euro für einen Parlamentarischen Abend. Zwei Jahre zuvor kostete ein Parlamentarischer Abend 61.695 Euro. Einen kleinen Teil dieser Summe - 15.000 Euro – deckte der Verband damals durch Spenden und andere Einnahmen.

War Kiesewetters Vorwurf der maßlosen Prasserei also nur ein Vorwand, um das Amt im Reservistenverband loszuwerden? Vielleicht um mehr Zeit für die Poesie zu finden? Was ist Dichtung? Was ist Wahrheit?

Der Abgeordnete ließ Fragen dazu unbeantwortet.

Beim Verfassen von Lyrik will er übrigens nicht stehen bleiben: "Vielleicht schreibe ich auch mal etwas Längeres wie einen Thriller", sagte er vor ein paar Jahren.

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