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Roland Koch: Der Ersatzkanzler

Die große Koalition kämpft um ihre Existenz, die CDU schaut mit Furcht auf die Umfragen. Je länger das so geht, desto mehr rückt Roland Koch ins Zentrum. Er könnte Merkel nachfolgen.

Von Stefan Braun

Roland Koch in seinem Element. Am Rednerpult. Als Erklärer der Welt. Und das nicht irgendwo, sondern in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten.

Auftritt im Woodrow Wilson Center. Im Publikum sitzen Diplomaten, Regierungsberater, US-Wissenschaftler. Und am Pult steht einer, der frei redet, auf Englisch parliert, schnell reagieren muss und schnell reagieren möchte. Auf alles hat Koch eine Antwort. Koch, der Ökonom, zum Duell mit China: "Alle Märkte öffnen. Jeder Schutz verlängert nur die Schmerzen." Koch, der Transatlantiker, zum deutsch-amerikanischen Verhältnis: "Es ist dank Angela Merkel wieder entspannt und viel besser geworden." Koch, der Innenpolitiker, über die Große Koalition: "Es ist nicht einfach. Aber wir haben Erfolge. Wir lösen gerade die Budgetkrise." Wir? Noch Fragen? Danke. Der Mann will nicht ewig Ministerpräsident bleiben.

In den Tagen, in denen alles ins Rutschen gerät

Und das spüren alle. Auch in Berlin. Gerade in diesen Tagen, da alles ins Rutschen zu geraten scheint. Der Streit um die Gesundheitsreform - eine Farce. Die ständigen Attacken der Unionsministerpräsidenten. Die Umfragen für die CDU - so schlecht wie zu Zeiten des Spendenskandals 2000. Existenzangst macht sich breit unter den Christdemokraten. Und Roland Koch rückt in eine besondere Rolle: Er wird zum Ersatzkanzler. Sollte die Kanzlerin scheitern, sollte die CDU auf dem Parteitag Ende November gegen sie rebellieren, weil sie die Große Koalition nur mit einem anderen Kanzler aushält, wäre Koch ihr Nachfolger.

Schon nach dem Fast-Wahldebakel vom 18. September 2005, als niemand zu sagen wagte, ob Merkel politisch überleben würde, war selbst unter ihren Vertrauten klar, dass nur Koch als Alternative infrage käme. Hildegard Müller in den Wochen der Koalitionssuche: "Wenn Merkel es nicht schafft, würden wir für Koch stimmen." Begründung: Er habe seine Loyalität zu Merkel und damit zur CDU bewiesen.

Ein Zustand, an dem sich nichts geändert hat. Im Gegenteil. So ist es überall im Regierungsviertel zu hören. Da mag Christian Wulff auf seine Sympathiewerte setzen, da mag der Rheinländer Jürgen Rüttgers mit dem größten CDU-Landesverband auf eine Sonderrolle pochen - zurzeit würde die Mehrheit der Parteispitze, der Fraktion, der Funktionäre und wohl auch der Basis für Koch stimmen. Thomas de Maizière, Merkels Kanzleramtsminister, schwärmte nach Bildung der Koalition vom "Architekten" Koch, der das Bündnis maßgeblich gestaltet habe. Einer aus der Fraktionsspitze: "Er hat sich entschieden. Er steht für Kompetenz, Stringenz, Loyalität zu unserer Sache."

Kaffeekränzchen der Ministertreffen

Vorvergangenen Donnerstag in Berlin. Die Ministerpräsidenten der Union treffen sich zum Kaffeekränzchen. Seit Wochen zeigen sie der Koalition die Zähne. Kein Tag vergeht, an dem nicht einer von ihnen die Gesundheitsreform kritisiert. Heute werden sie die Kanzlerin treffen. Alle rechnen mit einer harten Aussprache. Angela Merkel ist "not amused" in diesen Tagen.

Doch es kommt anders. Und alle hören genau zu. Der Grund heißt Roland Koch. Er will nicht stänkern, er will Luft rausnehmen. Ausgerechnet er, einst der große Rivale, ein Meister der Kabale, hält eine Beschwichtigungsrede. Der Streit um die Gesundheit dürfe so nicht fortgesetzt werden. Die Kritik an der Reform müsse gezügelt werden. Niemand, so der Hesse, dürfe desavouiert werden. Auch die Kanzlerin brauche Spielraum.

Was passiert hier?, fragt mancher. Was macht der da? Spricht da noch einer von uns? Oder schon einer, der was anderes werden möchte? "Der will loyal wirken und zugleich den Chef geben", lautet bei den meisten die Antwort. Ja, den Chef geben. Aber nur dann, wenn er spürt, dass alle in der Union nein zu Merkels Politik rufen möchten. Geschickt ist Koch in diese Rolle geschlüpft, als es darum ging, Ende Juni höhere Steuern für die Gesundheitsreform zu verhindern. Merkels bisher schlimmste Niederlage.

Chef sein. Das würde Koch überhaupt gern. Das wollte er immer, seitdem er mit gerade mal 14 Jahren in seiner Heimat Eschborn den Ortsverband der Jungen Union gründete. "Der studiert auf Kanzler", hat ihm später sein Parteifreund Dieter Weirich nachgerufen. "Der könnte es", ist sogar bei Sozialdemokraten zu hören. Und das wird in diesen Tagen sensibel beobachtet - nicht zuletzt in Merkels Regierungszentrale.

Tatsächlich ist der Hesse für Merkel Partner und Gegner in einem. Sie schenken sich nichts in Sachen Nervenstärke. Sie teilen wirtschaftspolitisch viele Überzeugungen. Zugleich aber füllt Koch jene Lücke, die Merkel nicht schließen kann oder nicht schließen möchte. Der 48-Jährige bedient jene Sehnsüchte treuer Christdemokraten, die bei Merkel unerfüllt bleiben. Ein harter Hund, ein knallharter Verhandler, ein entschiedener Konservativer, fest verankert in Partei, Familie und katholischer Kirche. Koch muss derzeit kaum etwas machen. Er ist, was er ist: das Gegenmodell zu Merkel. Er ist kein Quereinsteiger, er hat die Politik der CDU mit der Muttermilch aufgesogen. Misstrauische Fragen an Merkel, ob sie überhaupt wisse, was CDU im Kern bedeute, muss er nicht ertragen. Sein Image ist so fest wie ihres schwankt im Ringen um den Koalitionsfrieden.

Koch, die Wahlkampf-Sau

Früher ist das für Koch ein Problem gewesen. Seine skrupellose, mit ausländerfeindlichen Gefühlen spielende Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1999 hat ihn zur "Wahlkampf-Sau" gestempelt und lange Zeit fest im rechtskonservativen Lager verortet. Mit seinem Überleben im hessischen CDU-Spendenskandal hat er seinen unbedingten Machtwillen bewiesen. Kochs unverschämt freche Kampflinie: "Meine Gegner wollen, dass ich das rote Hessen preisgebe. Kommt nicht infrage." Unterschriftenaktion und Skandal haben ihm Respekt, aber wenig Sympathie eingetragen. Doch wenn es so weitergeht in Berlin, könnten Kochs scharfe Kanten noch zu seinem Vorteil werden. Je stärker die CDU-Konturen verschwimmen, je mehr handwerkliche Fehler die Regierung macht (was selbst enge Mitarbeiter Merkels einräumen), desto mehr wächst in der CDU das Bedürfnis nach klarer Linie. Keiner verkörpert die mehr als der Hesse. Schon laufen Merkel-Verbündete durch Berlin, um auszuloten, wie einflussreich die Koch-Anhänger in der Bundestagsfraktion werden könnten.

Vor dieser Entwicklung stand indes eine Nacht, die Koch nie vergessen dürfte. Die Nacht seiner bittersten Niederlage. Die Nacht, als Wolfgang Schäuble scheitert und Horst Köhler nominiert wird, die Nacht vom 3. auf den 4. März 2004. Ein Streit tobt in der CDU-Spitze, im Konrad-Adenauer-Haus kursieren Putschgerüchte. Insbesondere Koch gibt den Rebellen gegen Merkel, zornesrot spricht er vom "Führungschaos" und zeigt sich entschlossen, den Konflikt zu suchen. Nach sechs Stunden ist alles anders: Merkel gewinnt, Köhler wird Präsidentschaftskandidat, und Koch verlässt zerzaust das Schlachtfeld. Das Image als illoyaler Egoist ist festgeschrieben.

Im Duell mit Merkel erfindet er sich neu

Doch Koch lernt fürs Leben. Er wird ein Verlierer, der sich im Duell mit Merkel neu erfindet. Er kopiert seine Rivalin, schlüpft in ihren Mantel. Was für sie die Loyalität zum Kanzlerkandidaten Stoiber war, ist für ihn seine Metamorphose zum Mitstreiter Merkels. Kein Lästern mehr. Stattdessen der Satz: "Ich lege größten Wert darauf, dass mir das Attribut Loyalität zugeschrieben wird."

Noch im März 2004 bekennt er, Merkel sei "unangefochten die Nummer eins der CDU". Im Mai 2005, als Schröder Neuwahlen ankündigt, erklärt Koch Merkel "unverkrampft" zu "unserer Kandidatin". Nach dem Debakel am 18. September 2005 ist er es, der Merkels Position in der Wahlnacht entscheidend stabilisiert. Seine Parole: "Die CDU lässt sich niemals von anderen ihre Vorsitzende vorschreiben."

"Absolute Konstruktivität" nennen sie das heute in Wiesbaden. Was nichts anderes ist als Kochs neue Leitlinie, um sein altes Ziel ja nicht aufgeben zu müssen. Der Hesse will natürlich Kanzler werden.

Und er hat viel getan, um dereinst den Olymp zu besteigen. Mit 19 im Kreistag, mit 21 CDU-Kreisvorsitzender, mit 24 Vize im JU-Bundesvorsitz, mit 29 im Landtag, mit 32 erstmals Fraktionschef, mit 41 Ministerpräsident. Nur Helmut Kohl ist drei Monate schneller gewesen. Und Angela Merkel hat von all dem keine Ahnung. Keine Stufe, die Koch in Partei und öffentlichen Ämtern nicht kennt. Er hat Plakate geklebt, als andere noch spielten oder das erste Mal mit einem Mädchen knutschten. Der Vater zweier Söhne lebt Politik. Daneben gibt's wenig.

Schon in der Kindheit hat das angefangen. Kochs Vater Karl-Heinz war CDU-Abgeordneter, führte vier Jahre lang das Justizressort in der Regierung von Walter Wallmann. Die Legende erzählt, der kleine Roland habe unter jenem Tisch gespielt, an dem Wallmann, Manfred Kan-ther und Alfred Dregger, die "Stahlhelmtruppe", ihre Schlachtpläne zur Eroberung des "roten" Hessen entwarfen. Koch selbst beschreibt seine Herkunft weniger prosaisch: "Ich habe manches schon am Frühstückstisch erfahren, was andere langsam lernen mussten."

Dazu gehört die Bedeutung von Netzwerken. Natürlich war Koch dabei, als im Juli 1979 der berühmt-berüchtigte Andenpakt aus der Taufe gehoben wurde. In einem Flugzeug hoch über den chilenischen Anden schlossen sich zwölf JU-Jungspunde zum Politikerbund zusammen. Damals entsprang das mehr einer Winnetou-und-Old-Shatterhand-Romantik. Heute ist es ein mächtiges Netzwerk aus CDU-Ministerpräsidenten und Ministern. Von Beust, Wulff, Jung, Oettinger, Peter Müller É 2002 haben sie erreicht, dass nicht Merkel, sondern Stoiber Kanzlerkandidat wurde. Der Gipfel des damaligen Konflikts: Koch ruft Merkel an, sie solle es lassen. Beide brüllen. Tags darauf fährt Merkel zu Stoiber, um dem Bayern den Vorrang zu geben.

Ein Pakt namens "Tankstelle"

Neben dem Andenpakt entstand kurz darauf ein zweites Bündnis, das für Koch wichtig wurde: die "Tankstelle". Benannt nach einer Autobahnraststätte, in der sich hessische Jungunionisten trafen, um ihren Weg an die Macht zu organisieren. Volker Bouffier, heute Landesinnenminister und möglicher Koch-Nachfolger in Wiesbaden, schwärmt: "Wir wollten das Land erobern. Das hielt uns zusammen, das trieb uns an." Heute besetzt die "Tankstelle" die komplette Führung der CDU Hessens, die Partei ist auf Koch eingeschworen. Er hat, was Merkel kaum entwickeln konnte: ein sehr stabiles Umfeld.

In dessen Zentrum steht Dirk Metz, Kochs Alter Ego. Die beiden kennen sich seit einem Vierteljahrhundert. Der 49-Jährige ist Kochs Sprecher und doch viel mehr. Er liefert die Atmosphäre, in der Koch Politik macht. Wenn es sein muss als Sauhund, der zubeißt; wenn es sein muss als Kochs Korrektiv. Ihm wird die "brutalstmögliche Aufklärung" zugeschrieben, der zentrale Spruch, mit dem sich Koch in der Spendenaffäre profilieren wollte. Metz bremst Koch, wenn der sich provoziert fühlt. Er sagt Koch, wenn der sich auf dem Holzweg befindet. Als Koch den Spendenskandal überstanden hatte, setzte Metz den Satz in die Welt: "Flachetappen kann jeder, Bergetappen sind für den Meister." Koch im Rückblick: "Ohne ihn hätte ich nicht überlebt."

Koch Kanzler - ist das möglich? Er will es, aber darf es auf keinen Fall aussprechen. Er will es, obwohl er weiß, dass er dazu eigentlich nicht das Gesicht hat. Schnutemund, Pinocchio-Nase, Aknenarben - bei den Sympathiewerten hängt er im Keller. Käme es je zu einer CDU-Mitgliederbefragung, bliebe Christian Wulff ein Rivale. Umso mehr schauen sie in Wiesbaden auf andere Zahlen: Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit. Da gibt's Werte, an denen sie sich laben. Und das auch, weil Koch in Hessen nicht nur regiert. Er hat das Land zum Versuchsfeld gemacht. Sprachtests für Vorschüler, Autonomie für Unis, Test eines Sozialhilfemodells - Koch erprobt, was andere sich nicht trauen oder nicht haben möchten. Dazu kommt eiserne Härte, wenn es ihm zupasskommt. Ende Juni ist er es gemeinsam mit Stoiber, der Merkel mit seinem Nein zu höheren Steuern eine wirkliche Gesundheitsreform aus der Hand schlägt. Wenn er spürt, dass er mit einer Position die breite Parteimeinung trifft, beißt er zu, ohne zu zögern.

Koch, der Konstruktivste in der ganzen Truppe

Ein Biss, den die SPD fürchtet. Unter den Sozialdemokraten hat sich das Bild von Koch gänzlich gewandelt. Einst die größte anzunehmende Zumutung, gilt er heute als "der Konstruktivste in der ganzen Truppe". Das sagt einer aus der siebenköpfigen Koalitionsrunde. Kochs Wort gelte, er halte sich an Zusagen. Anders als Wulff und Stoiber, wie sie in der SPD spitz hinzufügen. Würde die SPD ihn zum Kanzler wählen? "Bloß nicht!", lautet die Antwort. So sehr sie ihn schätzen, so sehr fürchten sie ihn. Deshalb will die SPD-Spitze ihn auf keinen Fall als Gegner, schon gar nicht mit Kanzlerbonus. "Bis 2009 mit Merkel", heißt es in Partei- und Fraktionsspitze. Warum? Koch könne die CDU besser mobilisieren, sei der gefährlichere Wahlkämpfer.

Die Kanzlerin spürt Kochs Kraft. Sie hat ihr Tribut gezollt. Erst unwillig, dann fest entschlossen hat sie zugestimmt, ihn auf dem Parteitag Ende November zu ihrem Stellvertreter wählen zu lassen. Nur: Wird das reichen? Oder ist das erst der Anfang?

Am Tag ihrer Wahl zur Kanzlerin stand Angela Merkel mit ein paar SPD-Abgeordneten zusammen. Man plauderte über dies und das, aber auch über Gerhard Schröders Versuch, sie nach dem 18. September mit zu versenken. Dabei entfuhr Merkel: "Wolltet ihr wirklich Koch als Kanzler?" Die umstehenden Sozialdemokraten sind schon damals ziemlich leise geblieben.

Mitarbeit: Andreas Hoidn-Borchers, Hans Peter Schütz / print