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Sigmar Gabriel - das Rücktrittsinterview: "Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht"

SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach vergangene Woche exklusiv im stern über den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur, seinen Nachfolger Martin Schulz, seine Vorwürfe gegen Merkel und sein neues privates Glück. Hier können sie das Interview noch einmal nachlesen.

Von Christian Krug

Sigmar Gabriel beim stern-Interview in seinem Haus in Goslar

Sigmar Gabriel: "Die Partei muss an den Kandidaten glauben und sich hinter ihm versammeln. Und der Kandidat muss es mit jeder Faser seines Herzens wollen. Beides trifft auf mich nicht in ausreichendem Maße zu."

Dichter Nebel in Goslar. Der Schnee liegt knöcheltief in den Gärten der Wohnsiedlung, in der man Haus schon an dem Emailleschild am Zaun erkennt: "Hier wird SPD gewählt". Jeder, der sich dem Grundstück nähert, wird von den Kameras des Bundeskriminalamtes erfasst. Der Hausherr steht bei acht Grad unter null im Hemd an der Eingangstür. Kommen Sie rein, was trinken Sie? Kaffee oder Tee? Seine Tochter Marie, 4, spielt mit ihrer Mutter Anke am Esstisch Tiermemory. So weit, so normal.

Doch Sigmar Gabriel hat eine Entscheidung gefällt, die selbst viele Weggefährten nicht für möglich hielten. Er tritt als Parteichef zurück und überlässt die Kanzlerkandidatur seinem Parteifreund . Er beendet seine Amtszeit mit einem Knall, der noch lange in der Bundesrepublik nachhallen wird. Am Vortag hatte er Martin Schulz gefragt, ob er zur Kandidatur bereitstehe. Für den Rheinländer geht damit ein Traum in Erfüllung. Dem Niedersachsen fällt mit dem Verzicht ein Mühlstein vom Hals, der ihn lange belastet hat. Parteifreunde hatten Gabriel bis zuletzt bedrängt, anzutreten. Er sagt an diesem Sonntag in Goslar, er könne nicht seine Eitelkeit über die Interessen der Partei stellen, der er sein ganzes Leben verdanke. Schulz habe einfach bessere Chancen. Nur darum gehe es. Gabriel will, das macht er in dem Gespräch klar, einen Neuanfang für Deutschland, ein Ende der Großen Koalition. Und er stehe nun einmal für dieses Zweckbündnis wie kein anderer. Schon deshalb sei ein glaubwürdiger Wahlkampf gegen die Union mit ihm an der Spitze nicht möglich. Die letzten Details bespricht er mit seinen Stellvertretern Olaf Scholz und Hannelore Kraft.

Das Interview wird immer wieder unterbrochen von Gabriels Tochter. Sie klammert sich an den Vater, will, dass er mit ihr und einem Troll spielt, der blinkt und auf Knopfdruck ruft: "Umarme mich!" Der Verzicht auf den Parteivorsitz hat auch private Gründe. Gabriel ist 57 Jahre alt, schon die erwachsene Tochter aus erster Ehe habe kaum Zeit mit ihrem Vater verbringen können. Das möchte er nicht noch einmal so machen. Dazu ist seine Frau Anke im achten Monat schwanger. Er will auch für das Neugeborene da sein. Es ist eine Lebensentscheidung. "Mit meiner kleinen Tochter ist mir erstmals bewusst geworden, wie alt ich inzwischen bin. Es mag seltsam klingen, aber ich habe in den letzten Jahren viel über die Begrenztheit des Lebens nachgedacht. Auch weil gute Freunde viel zu früh gestorben sind. Man muss achtsam mit der Zeit umgehen."

Gabriel hat in den letzten Wochen 13 Kilogramm abgenommen, sein zu hoher Blutzucker ist zurückgegangen. Er ist medikamentenfrei. Auch das wirkt befreiend. Eine Boulevardzeitung berichtete, er habe sich einer Magenverkleinerung unterzogen. Das sei falsch, sagt er. Nach zwei Stunden Interview steht Gabriel auf. "So, Marie, die Arbeit ist fertig, jetzt gehen wir rodeln!" Es klingt wie der Anfang seines neuen Lebens.

"Ich kann seit rund zehn Jahren in meinem Leben zum ersten Mal sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch.“ Der SPD-Chef im Gespräch mit stern-Chefedakteur Christian Krug im Wintergarten von Gabriels Haus in Goslar.

"Ich kann seit rund zehn Jahren in meinem Leben zum ersten Mal sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch.“ Der SPD-Chef im Gespräch mit stern-Chefedakteur Christian Krug im Wintergarten von Gabriels Haus in Goslar.


Herr Gabriel, warum wollen Sie in diesem Jahr nicht gegen Frau Merkel als Kanzlerkandidat der antreten?

Weil Martin Schulz die eindeutig besseren Wahlchancen hat. Deshalb werde ich ihn vorschlagen. Viele Menschen, die sich vorstellen können, SPD zu wählen, wollen einen Neuanfang. Und ich stehe – ob mir das nun gefällt oder nicht – für die mit CDU und CSU. Martin Schulz dagegen steht für einen Neuanfang. Und darum geht es bei der Bundestagswahl.

Und das trauen Sie sich selbst nicht zu?

Doch, durchaus. Aber um einen wirklich erfolgreich zu führen, gibt es zwei Grundvoraussetzungen: Die Partei muss an den Kandidaten glauben und sich hinter ihm versammeln. Und der Kandidat selbst muss es mit jeder Faser seines Herzens wollen. Er muss es sozusagen als seine Lebensaufgabe ansehen, Kanzler zu werden. Beides trifft auf mich nicht in ausreichendem Maße zu.

Kneifen Sie?

Bestimmt nicht. Und die Entscheidung fällt mir auch nicht leicht. Ich bin mit aller Leidenschaft Vorsitzender der SPD. Und natürlich geht es in der Politik auch immer um persönliche Ambitionen. Aber mit Blick auf die SPD hat der Vorsitzende vor allem die Aufgabe, der Partei zu dienen und ihr eine gute Perspektive zu eröffnen. Und die Auswahl eines Kanzlerkandidaten ist eben eine Auftragsarbeit für die SPD. Persönliche Motive sind dafür nachrangig. Man darf nicht zuallererst über seine eigenen Wünsche und Eitelkeiten nachdenken, sondern muss bedenken, was das Beste für Deutschland und für die SPD ist.

War es ein Fehler, in die Große Koalition zu gehen?

Nein, ganz sicher nicht. Denn wir konnten viel für die Menschen in Deutschland erreichen. Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit seit mehr als 25 Jahren. Die Löhne steigen endlich wieder und die Renten auch. Leih- und Zeitarbeit und der Missbrauch der Werkverträge wurden eingeschränkt, wenn auch noch nicht genug. Wir haben nicht nur den Mindestlohn eingeführt, sondern in Kindertagesstätten und Bildung investiert. Der soziale Wohnungsbau wurde endlich wieder in Gang gebracht und die Mittel dafür verdreifacht. Wir haben die Frauenrechte gestärkt. Die Städte und Gemeinden sind vor allem durch die Arbeit der SPD um mehr als 20 Milliarden Euro entlastet worden. Und ohne die SPD gäbe es heute für die knappe Million Flüchtlinge kein Integrationsgesetz, weil CDU und CSU das ursprünglich nicht wollten. Selbst unsere politischen Wettbewerber sagen, dass wir der Motor der Regierung waren.

Gelohnt hat es sich für die SPD aber nicht. In Umfragen liegt Ihre Partei nur bei 20 bis 23 Prozent.

Das stimmt leider. Vor allem die wachsende Verunsicherung durch die Flüchtlingszuwanderung hat auch die SPD getroffen. Ein Teil unserer Wähler ist sogar zur AfD gewechselt. Unser Land fällt ja wirklich immer mehr auseinander. Nicht nur in Arm und Reich, auch in Stadt und Land. In den Großstädten fehlt es an bezahlbaren Wohnungen, und auf dem Land gibt es häufig nicht mal mehr eine Bushaltestelle, keine Grundschulen, keinen Supermarkt, keinen Arzt und keine Apotheke. Die Menschen fühlen sich dort im Stich gelassen. Nicht wenige Menschen empfinden einen immer größeren Druck und sind von der Politik enttäuscht. Auch von sozialdemokratischer Politik. Sie zurückzugewinnen ist schwer. Aber gerade dazu ist ein Neuanfang wichtig.

Angela Merkel will es noch einmal wissen und tritt erneut an.

Sie muss ja kandidieren, selbst wenn sie nicht mehr wollte. Denn außer ihr ist ja niemand da. Angela Merkel hat viel für unser Land getan. Daran sollte es auch unter Sozialdemokraten keinen Zweifel geben. Aber genauso unzweifelhaft ist es doch mit Händen zu greifen, dass vor allem ihre Parteien, CDU und CSU, keine Ideen mehr für die Zukunft Deutschlands haben. Angela Merkel ist die Vorsitzende der CDU und deren "Schwesterpartei" ist, auch wenn man es nur gelegentlich merkt, die CSU. Nirgendwo findet man dort Antworten darauf, wie wir morgen noch wirtschaftlich erfolgreich und sozial sicher sein wollen, wie wir Europa zusammenhalten, noch was wir der Kampfansage der Rechtspopulisten gegen unsere Demokratie entgegensetzen müssen. Stattdessen sind sie völlig zerstritten. Sie denken nur noch über den Machterhalt nach und nicht mehr über die Menschen in Deutschland.

Spielen Sie besonders auf Horst Seehofer an?

Nein. Es ist ungerecht, immer ihn für den Zustand der Union verantwortlich zu machen. Für die Widersprüchlichkeit und Auszehrung der CDU ist er nun wirklich nicht verantwortlich.

Was soll sich denn Ihrer Ansicht nach ändern in Deutschland?

Viele Menschen empfinden Kontrollverlust in vielen Bereichen ihres Lebens. Nicht nur mit Blick auf die massenhafte unkontrollierte Zuwanderung des Jahres 2015. Auch was ihr eigenes Leben angeht: Führen die eigenen Anstrengungen noch zu einem sicheren Leben? Gibt es für die Kinder einen festen Arbeitsplatz, von dem man leben und sich etwas aufbauen kann? Reicht es für die Rente? Was passiert, wenn ich krank bin oder meine Eltern pflegebedürftig werden? Warum zahle ich Steuern, große Konzerne aber nicht? Wieso ist kein Geld für eine anständige Rente da, aber Milliarden Euro für die Bankenrettung? Und warum dürfen sich Manager 3100 Euro Rente pro Tag in die Tasche stecken? Vieles ist gut in Deutschland. Und man muss nicht alles anders machen. Aber vieles gerechter. Darum geht es bei der Bundestagswahl.

Und all das wäre mit einer Großen Koalition nicht möglich?

Wir sind mit CDU und CSU wirklich an die Grenze gegangen, was möglich war. Und vieles konnten wir ja auch bewegen. Aber nun haben sich die Gemeinsamkeiten erschöpft. Es gibt mit der Union keine Investitionen in die Ganztagsschulen und in Bildung, keine Entlastung von Familien und Alleinerziehenden und auch keine Bürgerversicherung, in der die privaten und die gesetzlich Krankenversicherten die gleiche Leistung bekommen. Und es gibt mit der Union weder einen gemeinnützigen Wohnungsbau noch Hilfe für die Dörfer. Das sind nur einige Beispiele. Wir brauchen jetzt einen neuen Start, der über die Große Koalition hinausführt. Für mehr soziale Gerechtigkeit und Gleichheit in unserem Land, als es mit CDU und CSU zu erreichen ist. Unser Land driftet auseinander.

Wieso glauben Sie, dass die SPD nicht ausreichend hinter Ihrer Kandidatur steht?

Die SPD braucht einen Kanzlerkandidaten, hinter dem sich die ganze SPD versammelt und für ihn und die gemeinsamen Ziele kämpft. Ohne Wenn und Aber. Und bei mir fühlen viele die Reibungen und manchmal auch den Schwermut der Großen Koalition. Die letzten sieben Jahre musste ich fast jeden Konflikt in der SPD alleine durchkämpfen. Manchmal war das so wie auf dem Hochseil: Alle anderen stehen unten und schauen zu, ob man runterfällt und wie tief. Und manchmal rüttelt sogar noch einer am Seil und schaut mal, ob er oben bleibt. Damit ist jetzt Schluss. Alle müssen aus der Deckung und Verantwortung übernehmen. Und keiner kann sagen, wir warten mal ab, was bei der Bundestagswahl 2017 geschieht. Alle müssen ran.

An was denken Sie da?

Erinnern Sie sich nur an die Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung für mehr innere Sicherheit. Oder die manchmal irrationale Debatte um das Freihandelsabkommen mit Kanada. Rückblickend kann man sagen: Was wäre nach dem Terroranschlag in Berlin los gewesen, wenn wir die Vorratsdatenspeicherung und andere Sicherheitsgesetze damals nicht beschlossen hätten? Die SPD wäre heute Getriebene in der inneren Sicherheit. Und wie würden wir nach dem radikalen Protektionismus und Nationalismus von Trump als Deutsche und Europäer heute dastehen, wenn wir nicht mal das Freihandelsabkommen mit Kanada hinbekommen hätten? Die Welt würde uns auslachen mit unserem Anspruch, gegen Trumps Abschottungspolitik anzutreten. Diese Auseinandersetzungen haben eben auch viel Kraft gekostet. Und wenn man wie ich mehr als sieben Jahre Vorsitzender der SPD ist, dann bringen solche Konflikte auch Reibungsverluste mit sich. Und wenn dann ein unübersehbarer Teil der Partei unzufrieden ist, dann muss man die Ehrlichkeit haben zu sagen: Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht. Und da wir Gott sei Dank mehr als eine gute Führungspersönlichkeit haben, kann und muss ich Platz machen.

Sie machen die SPD damit aber kopflos.

Ich glaube eher, dass in so einer Lage wenigstens ich einen kühlen Kopf bewahren muss und mich selbst nicht überschätzen darf. Als Vorsitzender einer Partei muss man ans Ganze denken und nicht an sich selbst. Ich musste die SPD so ausrichten, dass sie sich aufs Kämpfen konzentriert und nicht ins Zweifeln verfällt. Deshalb gebe ich auch den Parteivorsitz ab, auch hierfür schlage ich Martin Schulz vor. Ich sage ja nicht, dass es mir leicht fällt, aber Kanzlerkandidatur und der Parteivorsitz der SPD gehören jetzt in eine Hand. Und wenn man geht, dann muss man es richtig tun.

Was werden Sie stattdessen machen?

Ich werde Deutschlands neuer Außenminister. Angesichts der Unruhen in der Welt und auch der Drohungen der neuen US-Regierung ist das eine spannende und große Aufgabe.

Und warum entscheiden Sie das gerade jetzt und nicht früher?

Es gibt eine alte Regel: Früher Kandidat – späterer Verlierer. Ein Bundestagswahlkampf ist ein harter Gang. Unsere letzten Kandidaten Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück hatten zum Teil mehr als zwölf Monate Wahlkampf. Das ist für jeden Kandidaten ein Höllenritt. Mehr als ein Jahr politisches Freiwild zu sein ist kein Spaß. Vor allem aber wollte ich erst die Bundespräsidentenfrage klären. Wenn ich auf all die Schlauköpfe gehört hätte, die seit fast einem Jahr darauf drängen, den Wahlkampf früh mit der Benennung des SPD-Kanzlerkandidaten zu beginnen, hätten wir in der Regierung ein völlig anderes Klima bekommen. Frank-Walter Steinmeier würde dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der nächste Bundespräsident. In der Politik darf man die Aufgeregtheit der Berliner Medien nicht an sich heranlassen. Die haben ihre eigene Wirklichkeit.


Warum ist es gerade Martin Schulz, dem Sie zutrauen, ins Kanzleramt zu kommen? Er hat keinerlei bundespolitische Erfahrung.

Martin Schulz steht nicht nur für einen glaubwürdigen Neuanfang in der deutschen Politik, sondern er genießt generell eine hohe Glaubwürdigkeit. Martin Schulz ist ein deutscher Europäer und europäischer Deutscher mit großem Renommee weit über die Grenzen unseres Landes hinaus. Er ist ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, und seine Biografie zeigt, dass Aufstieg durch Leistung in dieser Gesellschaft möglich ist. Er kann führen und integrieren. Er hat klare Überzeugungen, aber immer auch den Blick für das Machbare. Er weiß, dass wirtschaftliche Stärke und soziale Gerechtigkeit keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Er weiß, dass gerechtere Gesellschaften leistungsfähiger, kreativer, wirtschaftlich erfolgreicher und demokratisch geschlossener sind. Martin Schulz hat in seinem Leben immer wieder gezeigt: Er kann Brücken bauen. Er kann zusammenführen. Das ist genau das, was unser Land jetzt braucht. Martin Schulz ist ein politisches Angebot an die Wählerinnen und Wähler in Deutschland, den Status quo zum Besseren zu verändern.

Es wirkt trotzdem seltsam, dass Sie selbst dafür so viel an Macht und Einfluss aufgeben.

Mit dieser Entscheidung machen wir vor allem eines klar: Uns geht es nicht um Posten und Pöstchen. Uns geht es darum, dem Gefühl und der Politik des "Weiter so" , der "Alternativlosigkeit", des kleinsten gemeinsamen Nenners, überzeugend entgegenzutreten. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich wieder mehr für die Demokratie in unserem Land engagieren. Nur mit einer Politik der klaren Alternativen kann Populisten wirkungsvoll entgegen getreten werden.

Das soll Martin Schulz tatsächlich alles verkörpern?

Ja, er hat die Fähigkeit, Menschen wieder für die Idee eines gemeinsamen Europas zu begeistern, und er ist eine weit bessere Antwort auf Europa als die Antwort, die bislang Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble geben.

Europa als Thema der Bundestagswahl? Das wird die europaskeptischen Deutschen nicht gerade in Scharen an die Wahlurnen treiben.

Na ja, ich denke wir alle merken gerade, dass wir uns gegen die massiven Angriffe der neuen US-Regierung unter Donald Trump nur gemeinsam als Europäer behaupten können. Wir dürfen nicht unterwürfig oder ängstlich gegenüber Trump oder Putin auftreten. Sondern selbstbewusst. Dazu aber muss Europa wieder stärker werden. Natürlich überzeugt das heutige Europa immer weniger Menschen. Und zwar zu Recht. So lange sich Europa um jede Kleinigkeit kümmert, aber die großen Fragen zum Beispiel in der Außen- und Sicherheitspolitik, in der wirtschaftlichen Entwicklung und in der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit liegen lässt, wird sich niemand für dieses Bürokraten-Europa begeistern.

Und was soll sich daran ändern?

Die deutsche Europapolitik vor allem anderen. Wir brauchen nicht mehr Europa, sondern ein anderes Europa. Ein Europa, in dem nicht die großen Konzerne und Superreichen alle möglichen Steueroasen finden. Ein Europa, in dem nicht die Menschen im Wettbewerb um die miesesten Löhne und schlechtesten Sozialabgaben gegeneinander in einen gnadenlosen Wettbewerb gezwungen werden. Wir erleben gerade in Ostdeutschland wieder, wie Tausende Arbeitsplätze dort deshalb verloren gehen. Für ein besseres Europa steht Martin Schulz so glaubwürdig wie kein anderer.

Und Angela Merkel nicht?

Schauen Sie sich Europa an: Nach knapp zwölf Jahren Führung durch Angela Merkel und ihren CDU-Finanzminister ist es so tief gespalten wie noch nie. Eines geht nicht: in diesen ganzen zwölf Jahren immer den Anspruch zu erheben, dass die CDU-Kanzlerin auch Europa führt. Und dann die Verantwortung für die Ergebnisse ablehnen. Und die Ergebnisse sind leider eindeutig: Europa steht vor der akuten Gefahr, zusammenzubrechen. Die Aufbauarbeit von zwei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg steht vor der erneuten Zerstörung. Die Arbeitslosigkeit vor allem unter jungen Leuten ist gewachsen. Der Sparzwang treibt die Menschen den rechtsradikalen Parteien zu – gleichzeitig erhalten Banken Milliardenbeträge. Osteuropa driftet politisch in eine völlig andere Richtung als der Rest. Und niemals hätten Kanzler wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder Entscheidungen über die Öffnung der Grenzen getroffen, ohne wenigstens einmal mit unseren Nachbarn zu sprechen.


Nun kritisieren Sie plötzlich die Aufnahme der Flüchtlinge? Sie haben mit der SPD doch allem zugestimmt.

Eines stimmt: Wir Deutschen haben eine großartige humanitäre Leistung mit der Aufnahme von knapp einer Million Flüchtlingen vollbracht. Dazu stehen wir Sozialdemokraten auch, und dass Angela Merkel dazu den Mut hatte, wird als historische Leistung bleiben. Überhaupt würde ich immer sagen, dass Angela Merkel auch große Verdienste um Deutschland hat. Aber die Naivität oder vielleicht auch der Übermut, mit der das erfolgt ist, habe ich nie für richtig erklärt. Angela Merkel hat eben Deutschland und Europa gerade in dieser Frage in eine Sackgasse geführt. Erst hat sie alle anderen EU-Staaten zum Sparen getrieben und die Franzosen und Italiener gedemütigt. Und dann hat sie dort angeklopft, man möge ihr doch einige Hunderttausend Flüchtlinge abnehmen. Da haben ihr die anderen die kalte Schulter gezeigt. Wenn man dann als deutsche Bundeskanzlerin auch noch niemanden in Europa an der Entscheidung über eine unkontrollierte Grenzöffnung beteiligt, darf man sich über den Ärger aller anderen nicht wundern. Keinen zu fragen, aber hinterher von allen Solidarität zu verlangen ist einfach naiv. Wir stehen nach zwölf Jahren europäischer Führung durch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble vor einem europäischen Scherbenhaufen. Wir werden viel damit zu tun haben, das wieder aufzuräumen.

Mit wem wollen Sie das denn durchsetzen?

Am liebsten nur mit den Grünen, aber dazu scheint es nicht zu reichen. In Rheinland-Pfalz regiert die SPD sehr erfolgreich mit Grünen und FDP zusammen. Ich habe auch nichts gegen eine Koalition mit der Linkspartei, wenn sie denn verlässlich ist. Da muss die Linkspartei sich aber noch sehr ändern. Frau Wagenknecht hält Reden gegen Europa, wie sie sonst nur die AfD hält.

Wie wollen Sie überhaupt mit der AfD umgehen?

Vor allem dadurch, dass wir uns der Radikalisierung unserer Gesellschaft entgegenstellen. Diese zehn Prozent Schreihälse dürfen unsere Gesellschaft nicht dominieren. Die repräsentieren nicht Deutschland. Sondern die 90 Prozent, die jeden Tag arbeiten gehen, ihren Kindern oder Enkeln am Bett eine Geschichte vorlesen, im Sportverein oder bei der Feuerwehr aktiv sind und unser Land jeden Tag so erfolgreich machen, die repräsentieren Deutschland. Und um die müssen wir uns kümmern, nicht um die Schreihälse. Vor allem dürfen wir uns nicht so spalten und radikalisieren lassen wie die USA – und wie es sich die AfD auch für Deutschland wünscht.

Trotzdem scheint Ihnen Ihre Partei auch immer wieder Schwierigkeiten gemacht zu haben. Was ist das für ein Trieb, mit dem es die SPD ihren Vorsitzenden immer wieder schwer macht?

Die SPD ist selbstkritischer als die meisten anderen Parteien. Und in der linken Hälfte des politischen Spektrums geht es manchmal mehr ums recht haben als darum, bei Wählern recht zu bekommen. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass ich es schwer hatte mit der SPD. Ich habe von der Arbeit der deutschen Sozialdemokratie mein ganzes Leben lang profitiert. Die sozialdemokratische Bildungsreform schuf mir die Möglichkeit zum Abitur und später zum Studium. Und als Abgeordneter, Ministerpräsident und Mitglied der Bundesregierung habe ich ungeheuer viel gelernt, gesehen und viel gestalten können. Für all das hat mir die SPD die Möglichkeit gegeben. Vor allem weiß ich: Die Sozialdemokratie hat Generationen von Kindern aus einfachen Verhältnissen die Chance zum Aufstieg gegeben. Deshalb war ich immer dankbar und besonders stolz darauf, Vorsitzender dieser großartigen Partei zu sein. Das war mein wichtigstes Amt, nicht das eines Ministers.

Ihre politischen Gegner werden behaupten, der Druck in der Partei sei zu groß geworden, dadurch hätten Sie gar keine andere Wahl gehabt, als zurückzutreten. Ist das nicht auch ein Teil der Wahrheit?

Im Gegenteil: Ich bin meiner Partei sehr dankbar, dass sie dem ungeheuren Mediendruck der letzten Monate standgehalten hat. Und vor allem bin ich dankbar dafür, dass ich meine Entscheidung souverän und ohne Druck treffen konnte. Ich weiß, dass ein paar der "Schriftgelehrten" der Berliner Medienszene wohl das Gegenteil schreiben werden. Vermutlich die Gleichen, die seit Wochen schreiben, dass ich ganz gewiss als Kanzlerkandidat antreten würde. Der Berliner Medienbetrieb lässt sich sehr oft nur von der eigenen Fantasie treiben, nicht von der Realität. Ich habe mich oft gefragt, warum sich hinter allem immer angeblich ein "geheimer Plan", eine "Intrige" oder ein "Machtspiel" verbergen muss? Ganz häufig und in allen Parteien geht es schlicht um Verantwortung. Was mich betrifft: Ich bin in den letzten Wochen von so vielen Menschen in und außerhalb der SPD gebeten worden, auf jeden Fall zu kandidieren, dass eher die Gefahr bestand, dass ich mich davon zu sehr beeindrucken lasse. Am Ende bin ich aber bei meiner Entscheidung geblieben, die schon lange feststeht.

Vorletzte Woche hatte sich die "Bild"-Zeitung mit einer Eilmeldung darauf festgelegt, dass Sie als Kanzlerkandidat antreten würden. Hatten Sie denen deutliche Hinweise dafür gegeben?

Ganz gewiss nicht. Ich habe keine Ahnung, wie die darauf gekommen sind. Da stand meine Entscheidung, Martin Schulz vorzuschlagen, lange fest. Das können Ihnen die in der SPD-Führung bestätigen, mit denen ich darüber intensiv beraten habe.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, nicht zu kandidieren?

Eigentlich habe ich bereits im letzten Sommer angefangen, darüber nachzudenken. Denn es gibt auch private Gründe, die mich zu diesem Schritt bewogen haben. Im März werde ich noch mal Vater. Ich habe dann drei Töchter und eine berufstätige Frau. Wenn man als Kanzlerkandidat antritt, dann muss man ja damit rechnen, es auch zu werden. Ich kann seit rund zehn Jahren in meinem Leben zum ersten Mal sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch. Das liegt natürlich an meiner Familie. Deshalb hängt mein Selbstbewusstsein auch nicht an Ämtern. Ob ich es auch wäre, wenn ich meine Familie noch weniger sehen würde als jetzt schon, weiß ich nicht.

Sigmar Gabriel in seinem Garten in Goslar

Sigmar Gabriel in seinem Garten in Goslar


Sind es diese privaten Gründe, die den Ausschlag gegeben haben, jetzt nicht anzutreten?

Ausschlaggebend waren die politischen Gründe. Aber die privaten sprechen eben auch dafür. Mit meiner kleinen Tochter ist mir erstmals bewusst geworden, wie alt ich inzwischen bin. Wenn die 20 ist, bin ich – so Gott will – über 70. Es mag seltsam klingen, aber ich habe in den letzten Jahren viel über die Begrenztheit des Lebens nachgedacht. Auch weil gute Freunde viel zu früh gestorben sind. Man muss achtsam mit der Zeit umgehen. Meine Frau ist die meiste Zeit eigentlich alleinerziehende Mutter, weil ich immer irgendwo unterwegs bin. Und es ist einfach traurig, wenn man nie da ist, wenn etwas passiert. Die ersten Schritte, die ersten Worte, das Schwimmenlernen oder den Kindergeburtstag zu Hause – das alles findet in der Regel ohne mich statt. Eigentlich habe ich permanent ein schlechtes Gewissen, zumal meine erwachsene Tochter mich auch häufiger brauchen würde.

Hatten Sie das Gefühl, als Familienvater versagt zu haben?

Nein. Aber ich möchte es gar nicht erst dazu kommen lassen, mir irgendwann diese Frage stellen zu müssen. Man bezahlt im Leben für alles einen Preis. Der Preis für die Einsamkeit der eigenen Töchter und Ehefrau kann die eigene Einsamkeit am Ende der Karriere sein.

Jetzt werden Sie Außenminister. Viel Zeit haben Sie dann doch auch nicht.

Derzeit habe ich drei Vollzeitjobs: SPD-Parteivorsitzender, Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Vizekanzler. In Zukunft habe ich deutlich weniger.

Seien Sie ehrlich: Sie glauben nicht an den Erfolg und wollen sich keine Niederlage abholen?

Glauben Sie mir bitte: Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich die Kandidatur aus diesem Grund ausschlage, den Sie gerade nennen. Und ob ich ehrlich genug zu mir bin. Oder ob ich mir selbst etwas vormache nach dem Motto: Wenn dem Fuchs die Trauben zu hoch hängen, sind sie sauer. Und natürlich kann ich nicht ausschließen, dass ich mich anders entscheiden würde, wenn die SPD bei 40 Prozent und das Kanzleramt zum Greifen nahe wäre. Macht ist verführerisch. Aber privat wäre es für mich und mein weiteres Leben ein großes Risiko. Ich scheue es, auch noch den Rest meines Lebens ganz der Politik zu widmen.

Hat es Sie verletzt, dass Sie auch in der Bevölkerung nie eine große Zustimmung erfahren haben?

Na, unter den zehn "beliebtesten" Politikern zu stehen ist jetzt nicht gerade eine Schande. Aber ich bin nun mal nicht der Typ "everybody's darling". Ich bin für Klarheit und deutliche Aussprache. Wichtig war für mich immer die Zustimmung in meinem Wahlkreis, dort, wo mich die Menschen kennen. Und ich war immer sehr dankbar für das Vertrauen, das mir die Menschen seit mehr als 25 Jahren bei jeder Wahl geschenkt haben. Mit Ergebnissen, über die sich sonst so manch einer freuen würde.

Warum ist die Partei mit Ihnen unzufrieden?

Drei Viertel sind ja Gott sei Dank zufrieden. Aber den einen passt die Art und Weise nicht, wie ich Politik verstehe und mache. Andere habe ich auch verärgert, weil ich manchmal zu hart reagiere. Und leider gibt es auch einen Teil, dem das Regieren an sich und allemal mit CDU und CSU zuwider ist. Nicht wenige hätten es lieber gesehen, wenn wir in die Opposition gegangen wären. Da muss man keine Kompromisse machen. Nicht wenige hadern bis heute mit mir, weil ich damals mehr als 75 Prozent der SPD Mitglieder davon überzeugen konnte, dass die SPD regieren muss, wenn sie den Mindestlohn, mehr Kitas, sozialen Wohnungsbau und nicht zuletzt mehr Chancengleichheit für Frauen durchsetzen wollte. In die Große Koalition zu gehen ist für sie der Grund für unsere schlechten Umfragewerte. Ich bin da anderer Ansicht, aber das ist letztlich zweitrangig. Am Ende ist es so banal wie im Fußball: Wenn der Verein immer im Keller spielt, dann ist irgendwann der Trainer dran. So sind auch in der Politik die Spielregeln, und das ist in Ordnung so. Man kann nicht immer so tun, als ob immer "die Umstände" schuld seien und man selbst habe damit nichts zu tun.

Aber in Ihren Ämtern weitermachen wollen Sie trotzdem nicht.

Ich habe immer viel davon gehalten, sich Grenzen zu setzen. Das ist gerade für Politiker wichtig. Wahlen, Recht und Verfassung setzen uns äußere Grenzen. Aber es gibt auch innere Grenzen, die man sich setzen muss. Ich habe Politik immer nur mit vollem Einsatz machen können, auch mit vollem Risiko, denn ich bin der Auffassung, dass wir nicht gewählt sind, um uns selbst zu schonen. Das geht aber nur für eine gewisse Zeit. Es mag sich widersprüchlich anhören, aber es sind diese inneren Grenzen, die man sich selbst gibt, die frei machen. Die eigene Begrenztheit erkennen verhindert auch, sich zu überfordern. Und es gibt auch Grenzen der Zumutbarkeit, die man setzen muss. Die ich mir setzen muss. Man darf sich nicht alles gefallen lassen.

Fühlen Sie sich denn jetzt befreit?

Ein bisschen schon, auch wenn ich viel Wehmut beim Aufgeben des Parteivorsitzes empfinde. Aber ich hatte immer ein Vorbild vor Augen: Hans-Jochen Vogel, den früheren Partei- und Fraktionsvorsitzenden der SPD. Der hatte nie sich selbst vor Augen, sondern immer das Wohl der SPD. Ich hoffe, dass ich ihm gerecht werde.

Vogel wurde immerhin Kanzlerkandidat für die Wahl 1983, wenn auch nicht Kanzler.

Er wusste sicher sehr genau, dass er einen Opfergang antreten würde. Und es gab keine Alternative zu ihm. Heute hat die SPD glücklicherweise mehr als eine Person. Dann muss man die mit den meisten Chancen nehmen. Der Kandidat muss es als seine "Mission" ansehen, Kanzler zu werden. So wie Gerhard Schröder damals am Gitter des Kanzleramts gerüttelt und gerufen hat: "Ich will hier rein" . Vor ein paar Jahren hätte ich wohl mit großer Überzeugung für mich gesagt: Ja, ich will da auch rein. Aber ich muss ehrlicherweise zugeben: Das ist nicht mehr so. Es war übrigens Hannelore Kraft, die mich letztlich dazu gebracht hat, mir darüber klar zu werden.

Wieso Hannelore Kraft?

Hannelore Kraft und der SPD-Landesverband Nordrhein-Westfalen haben mich eigentlich seit Jahren immer am meisten unterstützt. Dort und in meinem eigenen SPD-Bezirk Braunschweig habe ich meine engsten Weggefährten. Und es bestand gar kein Zweifel daran, dass sie auch für meine Kanzlerkandidatur die stärkste Stütze gewesen wären. Aber deshalb habe ich genau hingehört, als Hannelore Kraft vor längerer Zeit mal zu mir gesagt hat: Sigmar, du musst es aber auch mit ganzer Kraft wollen! Sie kennt mich gut, und wir beide haben ein sehr offenes und vertrauensvolles Verhältnis. Und sie hat wohl gespürt, dass sich da etwas verändert hat bei mir. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie nicht einfach darüber hinweggegangen ist, obwohl ihr das ja auch Probleme macht. Denn mein Rückzug bringt auch starke Unruhe in die SPD, die sie vor ihrer Landtagswahl eigentlich nicht gebrauchen kann. Aber sie ist einfach ein sehr anständiger Mensch. Genauso habe ich mich beim Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz für eine wirklich außerordentlich gute und sehr vertrauliche Zusammenarbeit zu bedanken.

Für jeden Politiker ist es ein Traum, Kanzler zu werden. Sie hatten zweimal die Chance, nach diesem Amt zu greifen. Und waren nicht dazu bereit. Sind Sie gescheitert?

Wenn ich jetzt anträte, würde ich scheitern und mit mir die SPD. Denn ich würde die eigenen Eitelkeiten und Ansprüche höher bewerten als die Chancen für die SPD, die in einer Kandidatur von Martin Schulz stecken. Ansonsten gewiss nicht. Schauen Sie sich an, in welchem Zustand die SPD war, als ich 2009 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Danach haben wir einen Neuanfang geschafft. Heute gelten wir wieder als "die Arbeitnehmerpartei" . Unser Verhältnis zu den Gewerkschaften ist so gut wie seit Jahrzehnten nicht. Und wir haben viel erreicht. Wir haben das Land zum Besseren verändert. Das muss jetzt weitergehen.

Was wünschen Sie sich?

Dass unser Land wieder eine freundliche Gesellschaft wird. Die letzten 30 Jahre haben aus der erfolgreichen Marktwirtschaft eine Marktgesellschaft gemacht. Aus der Wettbewerbswirtschaft wurde die Wettbewerbsgesellschaft. Jeder ist des anderen Konkurrent. Beziehungen schlagen Leistung, und die Ellenbogen wurden zum wichtigsten Körperteil. Das war der Traum der Neoliberalen. Angela Merkel hat das mal eine "marktkonforme Demokratie" genannt. Ich finde, wir brauchen das Gegenteil: demokratiekonforme Märkte. Wettbewerb in der Wirtschaft ist wichtig. Aber Menschen sollen sich doch nicht nur als Konkurrenten begegnen. Sondern offen, neugierig und freundlich aufeinanderzugehen. Politik hat die Aufgabe, das zu ermöglichen. Nicht alles zu ökonomisieren, Zeit zum Leben zu lassen. Wieder zu einer freundlichen Gesellschaft zu werden, oder wie es Willy Brandt mal gesagt hat: "Ein Volk der guten Nachbarn, im Innern und nach Außen" – das ist mein Traum.






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