VG-Wort Pixel

Tempolimit auf Autobahnen "Schon heute gelingt es niemandem, mit 200 km/h quer durch Deutschland zu fahren"

Autobahn mit Tempo 130 Schild
Ein wiederkehrendes Thema: Soll aus der Richtgeschwindigkeit 130 km/h ein verbindliches Tempolimit werden?
© Sören Stache / DPA
Klimawandel hin, Verkehrstote her - wer hierzulande, wie jetzt die SPD, ein Tempolimit auf Autobahnen ins Gespräch bringt, erntet immer noch vor allem Widerspruch. Dabei steht ein Umdenken längst auf der Tagesordnung. Die Pressestimmen.

In der großen Koalition zeichnet sich neuer Streit über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen ab. "Ein Tempolimit auf unseren Autobahnen ist gut für den Klimaschutz, dient der Sicherheit und schont die Nerven der Autofahrer", sagte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. "Und deshalb werden wir darüber auch im neuen Jahr wieder sprechen." Außerhalb Deutschlands sei ein Tempolimit der Normalfall. "Nur die CSU macht noch so einen unbegreiflichen Bohei draus." 

Zuvor hatte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bereits vor einer neuen Debatte in der großen Koalition über ein Tempolimit gewarnt. "Wir haben weit herausragendere Aufgaben, als dieses hoch emotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen - für das es gar keine Mehrheiten gibt", sagte der CSU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Im Sender NDR Info zweifelte der niedersächsische Verkehrsminister Bernd Althusmann an, dass sich ein Tempolimit auf Autobahnen auf Klima und Verkehrssicherheit spürbar auswirke. Zunächst sollte das beschlossenen Klimapaket seine Wirkung entfalten.

So beurteilen die Kommentatoren die sich wiederholende Debatte zum Thema:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Nicht Tempo 180 gefährdet zwangsläufig andere, sondern die Absicht einiger Drängler, dies rücksichtslos durchzusetzen. Diese soziale Kompetenz fehlt auch jenen, die rote Ampeln missachten, da sie diese zunehmend nur noch als Verhaltensvorschlag verstehen. Vernunft im Straßenverkehr lässt sich nicht an einem Tempolimit messen. Die Vorgabe wäre ein weiterer Stein im Mosaik der Überregulierung. Sie verfestigte den Eindruck, dass die Politik nichts mehr dem Einzelnen überlassen mag in einer Zeit, in der ein Verlust an Freiheit hierzulande offenbar immer weniger Menschen stört. Niemand wird bestreiten, dass sich für Luft und Klima auf andere Weise allemal mehr tun lässt als durch die Tempobremse. Aber das dafür nötige Umsteuern ist für Politiker anstrengender und teurer als ein symbolträchtiges Verbotsschild."

"Neue Osnabrücker Zeitung":

Wem würde es schaden, wenn die Bundesrepublik ihren Status als einziges Land in Europa aufgäbe, das noch kein generelles Tempolimit auf seinen Autobahnen hat? Verlieren würden Autofahrer lediglich die Freiheit, so schnell zu fahren, wie sie wollen. Schon heute gelingt es niemandem, mit konstanten 200 km/h quer durch Deutschland zu fahren, um schneller ans Ziel zu kommen. Und wer unbedingt rasen will, kann das auf dem Nürburgring tun. Würde die Geschwindigkeitsbegrenzung heute kommen, wäre das Fahren auf deutschen Autobahnen so entspannt wie in allen Nachbarländern.

"Kölner Stadt-Anzeiger":

"Insgesamt würde der Verkehr bei einer allgemeinen Begrenzung der Geschwindigkeit flüssiger fließen und damit für den einzelnen zugleich berechenbarer. Der vielfach bemühte Hinweis, dass fast alle anderen Länder Tempolimits haben, ist da noch das schwächste Argument. Wer jetzt vor Verboten und einem Verlust von Freiheit warnt, dem sei gesagt: Ein Tempolimit wird perspektivisch eines der geringsten Verbote sein. Denn tatsächlich bedroht der Klimawandel unsere gesamte industrielle Lebensweise. Wenn wir nicht schnell und radikal umsteuern, wird davon nichts übrig bleiben. So gesehen wäre ein Tempolimit auch kein Instrument zur Beschneidung von Freiheit, sondern - so paradox es klingt - ein Beitrag zu ihrer Rettung."

Kein Tempolimit: Welch' armselige Form der Freiheit

"Rheinische Post" (Düsseldorf):

"Ein Tempolimit einzuführen, würde - abgesehen von ein paar zusätzlichen  Radarfallen - nicht viel kosten. Es würde aber nebenbei ein paar Tonnen CO2  einsparen, einige schwere Unfälle verhüten und den meisten Autofahrern - eben  jenen, die nicht rasen wollen - ein Gefühl größerer Sicherheit vermitteln. Des  weiteren würde ein Tempolimit der Autoindustrie helfen bei ihrem ohnehin fälligen Paradigmenwechsel von immer leistungsstärkeren Motoren hin zu sparsameren Modellen und intelligenten Verkehrssystemen der Zukunft. Die den  Autokonzernen dann mit Sicherheit weiterhin die gewohnt hohen Margen bescheren. (...) Bleibt die FDP mit ihrem Argument, ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern  würde die individuelle Freiheit einschränken. Aber welch' armselige Form der  Freiheit ist es, die sich darin ausdrückt, so schnell Auto zu fahren, wie es nur geht?"

"Freie Presse" (Chemnitz):

"Trotz alledem sind sich viele Menschen ihrer Haltung nicht sicher - was vielleicht daher kommt, dass wir so leidenschaftliche Prinzipienreiter sind. In den 1970ern, bei der Gurtpflicht, war es genauso: Die (westdeutsche) Mehrheit stimmte "im Prinzip" für die Einführung, aber nur ein Drittel schnallte sich anfangs wirklich an. Die Angstpropaganda hatte gewirkt. Erst steigende Ordnungsstrafen halfen der Vernunft auf die Sprünge. Im Oktober wurde ein Vorstoß der Grünen für ein Tempo-130-Gesetz im Bundestag abgeschmettert, allen Umfragen, Argumenten und Verhaltensweisen zum Trotz. Aber das ist eine Frage der Zeit. Für Autobahnen wie für Gesetze gilt: Man kommt auch langsamer ans Ziel."

"Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg):

"(...) die Zermürbungstaktik könnte funktionieren. Denn so schafft man im modernen Medienzeitalter Fakten: Immer wieder gefühlte Mehrheiten zitieren, Statistiken so lange drehen, bis der rasende Rüpel dem Vieflieger und dem Kreuzfahrttouristen in Sachen Klimakillen glaubhaft den Rang abläuft. Das wird dann schon mit den Verboten. Fraglich allerdings, was das der SPD bringt?"

"Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" (Kassel):

"In der Sache wird sich das Tempolimit wohl durchsetzen. Weil die Gegenargumente weniger werden, die Autolobby sich um neue Themen kümmern muss und die Realität auf deutschen Autobahnen schon lange das Gegenteil von freier Fahrt ist.  Es wird dann jedoch nicht die SPD sein, die dies als Erfolg verbucht. Andere werden profitieren, womöglich sogar ein CSU-Verkehrsminister. Nicht Andreas Scheuer, aber einer von seinem Schlag, wie meist in diesem Ministerium."

Bei zu hohem Tempo sind E-Auto-Batterien schnell leer

"Neues Deutschland" (Berlin):

"Zwar ist das Tempolimit im Autoland Deutschland umstritten, in der Klimadebatte wird es wohl über kurz oder lang kommen, um  Handlungsfähigkeit zu beweisen. Inhaltlich wäre ein Tempolimit auf jeden Fall zu begrüßen. Auf rund 70 Prozent der Autobahnen gilt nach wie vor freie Fahrt.  Dabei erhöht sich die Verkehrssicherheit nachweislich, wenn die Raserei  eingeschränkt wird. Auch sinken Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß. Das hat  selbst die von Scheuer eingesetzte Nationale Plattform 'Zukunft der Mobilität'  empfohlen. Und sich damit seinen Unmut zugezogen."

"Darmstädter Echo":

"Laut einer Studie des Bundesverkehrsministeriums fahren heute schon 60 Prozent aller Fahrzeuglenker auch auf unlimitierten Autobahnabschnitten nicht schneller als 130. Dann kann man, ja, ein Tempolimit eigentlich auch offiziell einführen. Aber bitte ohne ideologischen Schaum vor dem Mund. Es ist allmählich abenteuerlich, was manchem Autohasser an Parolen alles recht ist, um dieses Land in den industriellen Selbstmord zu jagen. Was Not tut, ist Sachlichkeit. Wer nicht an Verbotsschilder oder an Schwarmintelligenz glaubt, dem mag die Physik auf die Sprünge helfen. Bei zu hohen Geschwindigkeiten werden die Batterien der schönen neuen Fahrzeuge, die wir alle kaufen sollen, sehr schnell leer sein."

"Badische Neueste Nachrichten" (Karlsruhe):

"Wenn die SPD das Thema wieder auf die Tagesordnung hebt, dann werden all die sattsam bekannten Positionen aufgefahren. Geändert hat sich an ihnen nichts. Nur der Bundestag würde durch das Hü und Hott an Glaubwürdigkeit einbüßen. Aus diesem Grunde sollte das Aufreger-Thema mindestens bis zur nächsten Legislaturperiode vertagt werden."

"Reutlinger General-Anzeiger":

"Wer für ein generelles Tempolimit aus Klimaschutz-Gründen argumentiert, sollte sich fragen, ob es da nicht sinnvoller wäre, ein Limit für den Maximal-Verbrauch von Autos zu fordern. Uneingeschränkt Recht haben diejenigen, die ins Feld führen, dass es ein wesentlich entspannteres Fahren bei Tempo 130 ist, als wenn man mit 180 "Sachen" über die Autobahn heizt. Allerdings wird ja auch niemandem vorgeschrieben, er müsse schneller als mit 130 Stundenkilometern fahren. Deshalb: Verbote ja, aber nur punktuell und dort, wo sie wirklich auch sinnvoll sind."

"Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung":

"Wenn die SPD das Thema Tempolimit im neuen Jahr wieder auf die Tagesordnung hebt, dann werden all die sattsam bekannten Positionen pro und contra wieder aufgefahren werden. Geändert hat sich an ihnen nichts. Nur der Bundestag würde durch das Hü und Hott an Glaubwürdigkeit einbüßen."

dho / <br/> DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker