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Türkischer Staatspräsident auf Deutschlandbesuch: Abdullah Gül - der höfliche Kritiker

Während sein Parteikollege, Premierminister Erdogan, oft kein Blatt vor den Mund nimmt, ist der türkische Staatspräsident Abdullah Gül ein Freund gemäßigter Worte. Bei seinem Deutschland-Besuch dürfte er sich trotzdem hartnäckig für seine hier lebenden Landsleute einsetzen.

Von Stefanie Rosenkranz, Istanbul

Insgesamt wird es sicher einigermaßen gemütlich werden während des dreitägigen Deutschland-Besuchs von Abdullah Gül und seiner freundlichen Frau Hayrünnisa. Denn der 60-jährige türkische Staatspräsident ist das genaue Gegenteil seines politischen Weggefährten, des immerfort auf Krawall gebürsteten Premierministers Recep Tayyip Erdogan.

Innerhalb der moderat islamischen Partei AKP, die sie gemeinsam gründeten, gibt Erdogan den "bad cop", während Gül sich stets um Ausgleich bemüht. In den letzten Wochen hatte er da ziemlich viel zu tun. Gerade noch polterte Erdogan, die Enterung einer Hilfsflotte für den Gaza-Streifen durch die israelische Armee im vergangenen Jahr, bei der sieben türkische Aktivisten ums Leben kamen, sei ein "Kriegsgrund". Er werde demnächst seine Flotte ins östliche Mittelmeer entsenden, falls die Israelis seiner Forderung nach einer Entschuldigung sowie finanziellen Entschädigung der Opferfamilien und insbesondere auch der Forderung nach der Aufhebung der Blockade von Gaza nicht nachkämen. Gül ruderte jetzt vorsichtig zurück: In den Interviews, die er vor seiner Deutschland-Visite gab, ließ er durchblicken, dass ein Ende des Embargos zweitrangig wäre, und es Ankara hauptsächlich um Entschuldigung und Entschädigung ginge.

Anders als Erdogan, der den Rest der Welt gerne an Kriterien misst, die er selbst nicht einhält, würde der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Gül die Assimilation der Türken in Deutschland auch nie als "Genozid" bezeichnen oder von der Bundesregierung verlangen, für Migrantenkinder türkische Schulen zu errichten - starke Worte aus dem Munde eines Mannes, der aus einem Land kommt, dessen geschätzte 20 Millionen kurdische Bürger mit Waffengewalt zur Assimilation gezwungen wurden und die vom Unterricht in der Muttersprache nur träumen können. Stattdessen fordert der pragmatische Gül von seinen Landsleuten hierzulande "akzentfreies Deutsch" durch fleißigen Besuch des Kindergartens.

Diplomatie auf "Ey, was guckssu"-Niveau

Während der großspurige und gelegentlich fast schon größenwahnsinnige Erdogan verstärkt eine Diplomatie auf dem "Ey, was guckssu"-Niveau betreibt, keinem Streit aus dem Weg geht und ihn gelegentlich auch völlig ohne Not vom Zaun bricht, bleibt Gül stets höflich und konziliant. Redlich bemüht er sich, die Scherben zusammenzukleben, die der aufbrausende und humorfreie Premierminister fast überall im westlichen im Ausland, aber oft genug auch daheim hinterlässt, indem er jede Kritik, und sei sie noch so berechtigt, einerseits als Gequengele verzogener Kleinkinder abtut, und andererseits rachsüchtig verfolgt.

In der Türkei wird viel darüber debattiert, ob der Unterschied zwischen dem aus ärmlichsten Verhältnissen stammendem Erdogan und dem weit weltoffeneren Gül, der während seines Studiums zwei Jahre in Großbritannien lebte und später acht Jahre lang in Saudi-Arabien als Banker arbeitete, mehr als nur eine Frage des Stils ist. Ganz bestimmt eint die beiden das berechtigte Ziel, ihrem Land nach Jahrzehnten so vergeblicher wie perspektivloser Annäherung an Europa neue Spielräume im Nahen Osten, auf dem Balkan und in den ehemaligen Sowjetrepubliken zu verschaffen.

Die Türkei, die nach China das größte Wirtschaftswachstum der Welt aufzuweisen hat, muss sich weder von der EU und schon gar nicht von irgendwelchen profilierungssüchtigen CSU-Politikern aus den Niederungen der Provinz demütigen lassen. Dass sich Gül in Berlin hartnäckig für eine Aufhebung der Visumspflicht für seine Landsleute einsetzen wird, ist daher selbstverständlich. Und die Bundesregierung täte gut daran, ihm in diesem Punkt entgegenzukommen - aus eigenem Interesse. Es gefährdet den Standort Deutschland, die Türken angesichts ihres spektakulären Wirtschaftsbooms wie schmarotzende Schmuddelkinder zu behandeln und Geschäftsleuten, die hier investieren wollen, die Einreise zu verweigern.

Doch während Erdogan, längst geblendet durch den eigenen Erfolg, gegenüber dem Westen als ständig beleidigte Leberwurst auftritt, während er im Osten so tut, als sei er der neue Anführer der sunnitischen Welt und wandle in den Fußstapfen der mächtigen osmanischen Sultane, bevorzugt Gül eine Politik der kleinen und bescheideneren Schritte. Vermutlich fürchtet er, dass der Ministerpräsident mit seinem verbalen Flächenbombardement, zuletzt gegen Israel, das mühsam Erreichte demnächst wieder zum Einsturz bringen könnte.

Erdogan lässt sich von Opportunismus leiten

Das hätte Erdogan zu Beginn des arabischen Frühlings auch um ein Haar getan: Dem syrischen Diktator Bashir al Assad hielt er so lange die Treue, bis der anfing, Zivilisten zu ermorden. Und Gaddafi, aus dessen Händen er persönlich einen Preis "für Menschenrechte" entgegennahm, ließ er erst fallen, als er sicher sein konnte, dass der keine Chancen hatte. Vorher hatte er in gewohnt unsubtiler Manier gegen das "imperialistische" Flugverbot und den Eingriff der Nato gewettert.

Erdogan ist wahrlich nicht der einzige Politiker, dessen außenpolitische Ambitionen hauptsächlich von Opportunismus diktiert werden; die Libyer können davon ein Lied singen. Doch dass er jetzt in guter alter nahöstlicher Potentaten-Tradition versucht, sich an die Spitze eines längst abgefahrenen Zuges zu setzen, indem er auf Israel eindrischt und seine Zuneigung zum palästinensischen Volk zelebriert, ist ziemlich billig - auch deswegen, weil er sich bis vor kurzem nur für Gaza interessierte, wo seine Freunde von der radikal-fundamentalistischen Hamas das Sagen haben, während er die Fatah und das Westjordanland ignorierte. Mit anderen Worten: Erdogan verpasst nie eine Gelegenheit, ganz weit den Mund aufzumachen, wenn es besser wäre, einfach mal nur zu schweigen.

Zum Glück hat er den Staatsmann Gül, der gelegentlich ein wenig Luft raus lässt aus der ganzen neo-osmanischen Show, ohne sie Erdogan zu stehlen. Da ist er gut beraten, denn der Premier duldet keine Rivalen neben sich. Gül scheint das nicht zu stören, denn ihm geht es um die Sache und nicht um seinen persönlichen Glanz. Und er weiß, dass der schönste Inhalt nichts nützt, wenn die Form nicht stimmt. Darum wird er jetzt in Deutschland auf äußerst diplomatische Weise signalisieren, dass die EU immer noch wichtig ist für die Türkei - und dass die Türkei äußerst wichtig ist für Europa. Fragt sich nur, wann die Bundesregierung das erkennen wird.