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TV-Kritik

Anne Will: Was passiert mit dem Hambacher Forst? Oder: Niemand will mehr Kohlekumpel sein

Erstaunlich konstruktiv wurde bei "Anne Will" über Kohleausstieg und Energiewende debattiert. Positiv heraus stach einer, von dem man es am wenigsten erwartet hätte: der Gewerkschaftsboss der Bergarbeiter.

Von Mark Stöhr

Anne Will - Kohleausstieg - Energiewende

Bei "Anne Will" gab es am Sonntagabend zumindest den Grundkonsens, dass die Kohle am Ende ist und die Energiewende ernsthaft und energisch angegangen werden muss

Erst die Eskalation eines jahrelangen Konflikts mit etlichen Verletzten und einem Toten, dann ein Gerichtsurteil, das den Streitgrund bis auf weiteres aussetzt – jetzt werden im Hambacher Forst schon wieder die ersten Baumhäuser gebaut. Das rheinische Braunkohlerevier ist voller Merkwürdigkeiten und überraschender Twists dieser Tage. Fakt ist: Die Umwelt- und Klimaschutzbewegung feierte einen wichtigen Sieg, RWE glotzt in die Röhre. Ist die Kohle nun schneller Geschichte als gedacht?

Wer hat bei "Anne Will" diskutiert?

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen

Svenja Schulze (SPD), Bundesumweltministerin

Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag

Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzender im Bundestag

• Antje Grothus, Initiative "Buirer für Buir" und Mitglied der Kohlekommission

• Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie

Wie lief die Diskussion?

Es war Armin Laschet offenbar ein großes Anliegen: Gleich zweimal stellte er klar, dass er ja erst seit gut einem Jahr NRW-Ministerpräsident sei. Sollte heißen: Das ganze Schlamassel mit dem Hambacher Forst hat die rot-grüne Vorgängerregierung zu verantworten. Sie erteilte RWE die entsprechenden Genehmigungen. Und: "3900 von 4100 Quadratmetern Wald wurden unter Rot-Grün gerodet." Anton Hofreiter parierte den Vorwurf mit einem rhetorischen Ausweichmanöver bezüglich eines weiteren Braunkohle-Reviers ("Wir haben als Grüne durchgesetzt, dass Garzweiler verkleinert wird"), um gleich darauf in den Angriffsmodus zu wechseln: Die schlecht regelbaren Braunkohlemeiler verstopften das Netz und seien dafür verantwortlich, dass Windkraftanlagen stillstünden. "Das alte System behindert das neue und muss schnell weg."

Dass die Debatte nicht im Pingpong der unterschiedlichen Energielager hohl drehte, sondern am Ende eine halbwegs konstruktive Wendung fand, war vor allem Michael Vassiliadis zu verdanken, Gewerkschaftschef und Mitglied der Kohlekommission, die bis Ende des Jahres ein Zukunftsszenario für den Kohlestrom entwerfen soll. "Wir müssen über die Energiewende reden", sagte er. Man könne keine Autos ohne Straßen produzieren . und keinen Strom ohne Netz. Die Energiewende sei kein Wahlkampfthema, sondern betreffe die Grundlagen unserer Gesellschaft. "Wir müssen Entscheidungen und Erfindungen auf den Weg bringen, als immer nur über Ausstieg und Abschalten zu sprechen."

Der besondere Moment

Anton Hofreiter wollte den endgültigen Erhalt des Hambacher Forstes noch im Studio besiegeln. "Wir machen heute Abend einen Kompromiss", rief er Armin Laschet zu. "Wir lassen den Wald stehen und steigen 2030 aus der Kohle aus. Komm, schlagen Sie ein, das wird eine super Sache!" Zum Handschlag kam es zwar nicht, aber der CDU-Ministerpräsident grinste freundlich.

Die Erkenntnisse in Thesen

• 39 Prozent beträgt der Kohleanteil an der deutschen Stromerzeugung, also über ein Drittel. Weit höher ist der Prozentsatz der Kohlekraftwerke beim CO2-Ausstoß: 80 Prozent.

• Im Braunkohlerevier Hambach sind im Tagebau und in den beiden Kraftwerken 4600 Menschen beschäftigt. "Auch wir haben ein Herz fürs Klima", betont Gewerkschaftsboss Michael Vassiliadis, doch wenn alles zum Stehen käme, seien diese Arbeitsplätze "in Risiko gestellt".

• Antje Grothus sieht die Lage weniger dramatisch. Zwei Drittel der Beschäftigten würden in den nächsten Jahren ohnehin in den Ruhestand gehen. Die Umweltaktivistin treibt eine andere Zahl um: Rund 40.000 Menschen hätten in den vergangenen Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen durch den Braunkohleabbau ihre Heimat verloren.

• Um die Klimaziele einzuhalten, setzt Christian Lindner auf "einen klugen marktwirtschaftlichen Mechanismus" und schlägt einen Handel mit CO2-Emissionen vor. Der FDP-Chef hatte die mit Abstand steilste These des Abends am Start: "Ob wir aus der Braunkohle aussteigen oder nicht, hat keinerlei Auswirkungen aufs Weltklima."

Fazit

Auch wenn viel im Ungefähren blieb und parteipolitische Geplänkel überwogen, schimmerte durch die Debatte doch ein Grundkonsens: Dass die Kohle am Ende ist und die Energiewende endlich ernsthaft und energisch angegangen werden muss. Hofreiter: "Wir müssen den Worten Taten folgen lassen."