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Wahl: Hauptstadt mit Hartz

Berlin ist pleite. Berlin gehen die Jobs aus. Na und? Jeder Zweite lebt hier nicht vom Lohn eigener Arbeit - und lebt trotzdem nicht schlecht. Berlin ist zum Big Apple für Arme geworden. Und die werden dafür sorgen, dass auch die Wahl am Sonntag daran nichts ändert.

Von Walter Wüllenweber

Sie kennen keine Gnade. Und keine Noten. Untalentierte Musikanten quälen die Fahrgäste der Berliner S-Bahn. Irgendwo zwischen Bahnhof Zoo und Friedrichstraße packen zwei blonde Männer ihre Folterwerkzeuge aus, Gitarre und Klarinette, und dudeln ihr Lied. Vermutlich "Strangers In The Night". Auf Höhe des Bundeskanzleramtes beginnt der Klarinettenmann mit einem Pappbecher Geld zu sammeln, eine Prämie fürs Aufhören. Er kommt zu einer typischen Berliner Göre mit Scout-Schultasche auf den Knien, vielleicht zehn oder elf Jahre alt. "Wat bist du denn für eener", schnauzt sie ihn an. "Kriste keen Hartz?" Der Musikant lächelt und sagt: "Doooch."

Wie man ohne Job über die Runden kommt, weiß in Berlin jedes Kind. Dabei ist die Hartz-Reform nicht mal zwei Jahre alt. Innerhalb kürzester Zeit hat sich Arbeitslosengeld II, wie Hartz IV im Amtsdeutsch heißt, in der Hauptstadt als Lebensform etabliert. Über 17 Prozent der Berliner leben von Hartz, fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Berlin geht die Arbeit aus. Beinahe monatlich verkünden hier Großunternehmen die Streichung von Jobs, meistens gleich ein paar hundert auf einmal: Samsung, Bosch-Siemens, der Elektronikkonzern JVC oder die Fiat-Tochter CNH. Die Liste ist endlos. Berlin ist Exportweltmeister von Industriearbeitsplätzen, seit der Wende rund 175 000, fast zwei Drittel des ehemaligen Bestandes. Inzwischen ist die Arbeitslosenquote in Berlin (17,4 Prozent) schon höher als im Schnitt Ostdeutschlands. Das sind Horrordaten. Sie klingen nach Depression, nach Weltuntergangsstimmung, nach hängenden Köpfen.

Von wegen. "Seid ihr jut drauf?", ruft der Klaus auf der Bühne ins Mikro. 30 000 Berliner antworten: "Ja." "Das reicht noch nicht", findet der Klaus und versucht es noch mal und noch lauter: "Seid ihr richtig jut drauf?" Aber jetzt: "Jaaaaahh", jubeln sie Klaus Wowereit zu, ihrem Bürgermeister. Der schaut mal schnell im Wannseebad vorbei. Die Sonne scheint. Junge Menschen liegen am Ufer oder im lauwarmen, seichten Wasser. Auf einer riesigen, schwimmenden Bühne spielen die angesagtesten Bands für Ohren unter 25 Jahren. Am Abend beleuchtet ein Feuerwerk den Himmel. Und das Beste: Es kostet nichts. Der Veranstalter, der Radiosender NRJ, nennt die Party das "größte Gratis-Hit-Festival Europas". Das passt, denn gerade die Jungen sind in Berlin besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Es ist ein perfekter Termin für einen kurzen Wahlkampfauftritt von Klaus Wowereit.

Am Sonntag wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. 17 Jahre nach dem Fall der Mauer lautet die große, die wahlentscheidende Frage nicht mehr: Ost oder West? Sie lautet: arbeiten oder nicht arbeiten? Gerade mal 39 Prozent der Berliner leben vom Lohn eigener Arbeit. 49 Prozent hingegen leben von staatlichen Transferleistungen, etwa von Arbeitslosengeld I oder II, von Sozialhilfe oder Bafög. Auch die Rentner werden von denen finanziert, die heute einen Job haben. (Die restlichen 12 Prozent sind nicht erwerbstätige Ehegatten und Kinder der Arbeitenden.) Wer für seinen Lebensunterhalt selbst arbeitet, gehört in der Hauptstadt zu einer immer kleiner werdenden Minderheit. In der Mehrheit sind diejenigen, die aus öffentlichen Kassen unterhalten werden. Und Mehrheiten entscheiden Wahlen.

Diese neue Mehrheit verändert die Mechanismen der Demokratie. Nicht nur in Berlin, aber dort am radikalsten. Wer arbeitet, zahlt Steuern. Für Steuerzahler ist entscheidend, wie viel der Staat nimmt. Bei den Empfängern von staatlichen Transferzahlungen ist es genau umgekehrt: Für sie geht es um die Frage, wie viel der Staat gibt. Ein sparsamer Staat ist für die Mehrheit der Berliner daher kein erstrebenswertes Ziel, sondern eine Bedrohung. Gegen die "Empfänger" kann Berlin nicht regiert werden. Sie bevorzugen Parteien, von denen sie bei der Verteilung besondere Großzügigkeit erwarten. "Arbeitslose und sozial Benachteiligte wählen stark überdurchschnittlich links", sagt Prof. Oskar Niedermayer, Parteienforscher an der FU Berlin.

Das sind gute Nachrichten für Klaus Wowereit. Arbeitslose und sozial Benachteiligte gibt es in Berlin viele. In der Hartz-Hauptstadt werben gleich drei Parteien um deren Gunst: SPD, Die Linke/PDS und WASG. Seit 2002 regiert Wowereit gemeinsam mit der PDS. In dieser Zeit wuchs die Wirtschaft in Berlin deutlich langsamer als im Bundesdurchschnitt. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich schlechter. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in Berlin unter dem Bundesschnitt. Und der Aufschwung dieses Sommers schwingt zielstrebig vorbei an Berlin. Dennoch werden die Berliner Klaus Wowereit wieder wählen. Vermutlich wird er weiter mit der Linken regieren können. Die schlechten Wirtschaftsdaten können dem rot-roten Senat nichts anhaben.

Halb Berlin lebt von Transers? Halb so schlimm! Denn Berlin ist der Big Apple für Arme, die billigste Metropole der westlichen Welt. Wohnungen gibt es günstig und im Überfluss. In München, Hamburg oder Frankfurt sind die Mieten von vergleichbaren Wohnungen um bis zu 80 Prozent teurer, ganz zu schweigen von Paris oder London. Und kostenlose Riesenpartys wie das Hit-Festival am Wannsee feiert die Hauptstadt an jedem einzelnen Tag. Allein die Straße des 17. Juni war zwischen Mai und August an 80 von insgesamt 120 Tagen für diverse Großveranstaltungen gesperrt. Love-Parade, WM-Fanmeile, Christopher-Street-Day, "Planet Pro", Skater-Fest, MarathonÉUnd ist dort mal Party-Atempause, zieht die Gemeinde weiter. Dann wird der Ku'damm gesperrt, für Modeschauen, Stöckelschuh-Wettrennen oder Oldtimer-Paraden.

Alles für lau. Gleich ein gutes Dutzend Internetportale informieren aktuell über kostenlose Events in Berlin: Eröffnungsparty des neuesten Clubs, Freiluftkino-Festival in Mitte. Wer auf Hartz ist, kann für 38 Euro im Monat S- und U-Bahn fahren. Und kostenlos in alle Museen - immerhin die besten Deutschlands. Und für drei Euro in jedes Theater - immerhin die besten Deutschlands. Oder wie wär's mit einem ganzen Tag Golfen auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend? Kostet allerdings 'nen Euro. Ein-Euro-Golfer statt Ein-Euro-Jobber. Klaus Gräwenitz ist seit vier Jahren arbeitslos, 53 Jahre alt, also im besten Golfer-Alter. Er trainiert täglich. "Soll ich etwa für einen Euro arbeiten gehen? Da wäre ich doch blöd." Arbeitslos in Berlin, das ist viel spannender als arbeitslos in Paderborn. In Berlin hat Armut kein hässliches Gesicht. Das ursprüngliche Ziel aller Sozialpolitik war es, auch den Arbeitslosen und ihren Familien die Teilhabe am gesellschaft- lichen Leben zu ermöglichen. In Berlin ist das verwirklicht.

"Ich bin Hartzianer", sagt Peter Pfeiffer. "Aber ich habe Möglichkeiten. In Berlin muss ich nicht auf der Couch verloddern." Statt auf der Couch verbringt der 47-jährige arbeitslose Landschaftsplaner den Abend heute auf der Balustrade der Spandauer Brücke in Mitte. Von hier aus hat man den besten Blick. Keine 40 Meter entfernt in den Kolonnaden der Museumsinsel spielen Simply Red. Genau Pfeiffers Musik. Man kann 50 Euro Eintritt für das Konzert zahlen, oder man schaut sich das Ganze von der Brücke aus an. Dort drängen sich die Mithörer. Hin und wieder grüßt Pfeiffer. Man kennt sich. Vor elf Tagen sang hier Paolo Conte. "Eine Viertelstunde vor Schluss machen sie immer das Tor auf. Dann gehe ich noch mal ganz vor zur Bühne."

Pfeiffer nutzt die freie Zeit. Schon morgens hört er Radio Multikulti. "Wegen der Gewinnspiele, Freikarten, CDs, Reisen. Und man erfährt nebenbei, wo was kostenlos los ist." Am nächsten Morgen steht eine Ausstellung auf dem Programm. Berlin-Tokio in der Neuen Nationalgalerie. Pfeiffer lässt die Beine von der Balustrade baumeln. "Schönes Ambiente, frische Luft, gute Musik und alles völlig umsonst." Er zieht an der Selbstgedrehten. "Ist doch geil hier."

Einige Meter weiter steht Sven Sigbjoernson am Spreeufer vor dem Pergamonmuseum. Er angelt. Sigbjoernson geht auf Raubfische: Hecht, Zander, Barsch, Karpfen. Der größte Fisch, den er hier herausgezogen hat, war ein 70 Zentimeter langer Hecht. Seit drei Jahren ist Sigbjoernson ohne Job, seit eineinhalb Jahren auf Hartz. "Es gibt jede Menge Kochtopfangler in Berlin", sagt der 35-Jährige. Er gehört nicht dazu. Ihm geht es nicht ums Essen, sondern um den Spaß. Meistens wirft er den Fang zurück ins Wasser. So knapp ist die Stütze nicht. "Am Anfang braucht man einen Taschenrechner, um mit der Kohle klarzukommen, aber dann hat man es schnell drauf. Einfach den Ball flach halten", erklärt Sigbjoernson. Mit seiner An-gelausrüstung hat er schon halb Berlin bereist. Die Hauptstadt ist eine einzige Seen- und Flusslandschaft, ein Paradies für alle Wassersportfreunde.

Pfeiffer, Sigbjoernson und der Golfer Gräwenitz sind keine traurigen Außenseiter mit Tendenz zur Verwahrlosung. In Berlin sind sie mitten in der Gesellschaft. Es sind engagierte Arbeitslose. Und natürlich werden sie am Sonntag wählen. "SPD, das kleinere Übel", sagt Sigbjoernson. "Irgendwas Linkes", sagt Gräwenitz. Und auch Pfeiffer wählt: "Hauptsache, links. FDP und CDU sind mir zu wirtschaftsorientiert."

In Scharen wandern die Leute aus allen Regionen ab, die von hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind. In Berlin nicht. Es bleiben alle da. Es ist sogar eine leichte Zuwanderung von Arbeitslosen festzustellen. "Der Ablenkungsfaktor von Berlin ist für Arbeitslose enorm", sagt Konrad Tack, Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Berlin-Süd. Seine Kollegin Ramona Schröder, Chefin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte, stellt fest: "Unter Langzeitarbeitslosen gibt es schon einen gewissen Gewohnheits- effekt." Um dieser "Gewohnheit" ihrer Klienten entgegenzuwirken, reicht es in den Berliner Arbeitsagenturen längst nicht mehr, Jobs und Jobsuchende zusammenzubringen. "In vielen Gegenden Berlins bleibt uns nichts anderes übrig, als die Langzeitarbeitslosen durch klassische Sozialarbeit an die Arbeitswelt heranzuführen", sagt Konrad Tack. Auf Deutsch: Sie müssen ihnen das Arbeiten beibringen.

Über Motivationsmangel, vor allem der jungen Berliner, klagt auch die Industrie- und Handelskammer. Jedes Jahr Ende September schreibt die IHK alle Berliner Schulabgänger persönlich an, die noch ohne Ausbildungsplatz sind, und lädt sie zu einer Lehrstellenbörse ein. Dann gibt es stets noch jede Menge freie Plätze. "Zwei Drittel reagieren darauf nicht", berichtet Anja Nußbaum, Abteilungsleiterin bei der IHK. "Ein wenig frustrierend ist das schon." Drei Anforderungen, sagt Nußbaum, stellen die Betriebe an die künftigen Azubis: 1. fachliche Kompetenz, also Lesen, Schreiben, Rechnen. 2. soziale Kompetenz. 3. persönliche Motivation. Die meisten Probleme bereite Punkt drei.

Der Nachwuchs ist nicht plötzlich so geworden. Er ist das Produkt einer langen Entwicklung. Das Leben auf Kosten anderer hat in Berlin Tradition. Es ist der Berliner Way of Life. Vor allem im ehemaligen Westen entwickelte sich über Generationen eine Szene, die stets auf der Suche war nach Alternativen. Zum Wehrdienst, zum Spießerleben, zum Arbeiten. Bezahlt haben es die Landsleute der alten Bundesrepublik. Die spiegelbildliche Parallelwelt der "Kulturschaffenden" und Künstler der DDR hatte sich im Prenzlauer Berg eingenistet und ließ sich von den Arbeitern und Bauern der DDR verwöhnen.

Was Wirtschaft und Arbeit betrifft, war Berlin in Wahrheit nie geteilt. Marktwirtschaft, die gab es auf beiden Seiten der Mauer nicht. Vor allem die Industrie in Ost und West war höchst subventioniert und international nicht konkurrenzfähig. Als die Mauer sie nicht mehr beschützte, rollte der Pleite-Tsunami.

"Wir hatten hier doch eine Subventionsmentalität bis in alle Verästelungen der Gesellschaft, bis tief hinein in die bürgerlichen Schichten und das Unternehmertum." Das sagt einer, der es wissen muss: Klaus Wowereit. "Es gab da lange diesen Berliner Pawlowschen Reflex. Bei jedem Problem ruft man: Mehr Geld!" CDU und SPD gaben diesem Reflex stets nach und häuften 60 Milliarden Euro Schulden an, das meiste davon in der Zeit, als CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen die Stadt regierte.

Die Ironie: Ausgerechnet eine Koalition aus Sozialdemokraten und Sozialisten bildet in der Nachkriegsgeschichte Berlins die erste marktwirtschaftlich orientierte Stadtregierung. Sämtliche Vorgänger in Ost und West waren lediglich Geldverteiler. So gesehen ist Klaus Wowereit der Bürgermeister der Wende. Er regiert nach der Methode: Links blinken, rechts abbiegen. So legte er sich mit seiner eigenen Klientel an, mit der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, und tastete das Allerheiligste an, den Flächentarifvertrag. Berlin trat aus dem kommunalen Arbeitgeberverband aus. Und Wowereit setzte Lohnkürzungen bei den Bediensteten der Stadt durch. Wenn es je eine Gefährdung für seine Wiederwahl gegeben hat, dann waren es diese Entscheidungen. Es war nicht seine Koalition mit den Postkommunisten von Die Linke/PDS. Die erwiesen sich als folgsamer Partner und nickten den Kurs ab.

Star des Senats ist Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD). Der ehemalige Deutsche-Bank-Manager sparte in der letzten Legislaturperiode Ausgaben von insgesamt 1,24 Milliarden Euro ein. Sarrazin vergleicht die Situation der Hauptstadt mit den Nachkriegsjahren. "Der Schutt ist abgeräumt", zitiert ihn die "Zeit". "Wir leben hier nicht mehr im Jahre 1945. Sondern wir leben im Jahre 1947." Das würde bedeuten, dass die Wende geschafft ist. Als Nächstes wäre jetzt ein Wirtschaftswunder auf dem Programm.

Nur, woher soll es kommen? "Berlin hat Superchancen in der Kreativitäts-Industrie", glaubt Klaus Wowereit. Und tatsächlich: In den Branchen Mode, Medien und Musik boomt die Stadt. Künstler, Designer und auch Forscher entdecken Berlin. "Die Akzeptanz ist größer geworden", sagt Roland Engels, Chef der Fördergesellschaft "Berlin Partner". Er schätzt, dass in diesem Jahr rund 4000 Arbeitsplätze durch neue Unternehmen in Berlin entstehen. Stellen für Wissenschaftler, für Entwickler, für weltweit gesuchte "high potentials". Aber die Berliner Langzeitarbeitslosen sind in aller Regel nicht weltweit gesucht, sondern schlecht ausgebildet. Und "in Berlin gibt es keine Jobs für Ungelernte", klagt Ramona Schröder von der Arbeitsagentur. Berlin hat also Chancen - nur die Berliner nicht.

Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage erlebt Konrad Tack von der Arbeitsagentur täglich: "Es kommen laufend Firmen zu uns, die gut ausgebildete Leute suchen. Aber die haben wir meistens nicht." Im Angebot hat Tack hingegen die Familie Türk. Sie sind seit 1970 in Berlin und natürlich Türken. Von den 15 Erwachsenen haben die meisten keine Ausbildung, nur Ali Riza geht regelmäßiger Erwerbsarbeit nach. Seine Frau arbeitet hin und wieder als Friseurin. Alle anderen haben keinen Job. Die Berliner Migranten tun sich auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. 41 Prozent der Nicht-Deutschen sind arbeitslos, doppelt so viele wie im Schnitt West-deutschlands. Und ganze 80 Prozent sind ohne Berufsabschluss.

"Hungern müssen wir deswegen nicht", sagt Ali Riza Türk und legt ein Lammkotelett auf den Rost. Jeden Sonntag treffen sich die Türks zum Grillen im Tierpark. Es wird Shisha geraucht, Tee getrunken, die Frauen pieksen Fleisch auf Spieße, und die Männer grillen. Ein preiswertes Vergnügen. "So 'nen Park zum Grillen gibt's nur in Berlin", sagt Ali Riza Türk. Seine Cousins teilen sich gerade die Zeitung. Der eine liest den Sportteil, der andere die Autoanzeigen.

Jene Türks, die einen deutschen Pass haben, wollen Klaus Wowereit wählen. "Der ist gut für Leute wie uns", sagt die Frau von Ali Riza Türk. Besonders gefällt ihr das Motto, mit dem Wowereit sich zitieren lässt: "Berlin ist arm - aber sexy."

"Ach der Wowi, unser Party-Bürgermeister. Der passt schon. Ick find den rischtisch geil", sagt Icke. Er ist eine Hälfte des Duos "Icke & Er". Die beiden haben die inoffizielle Berliner Sommerhymne verfasst, gesungen und auf Video aufgezeichnet. Das Stück heißt "Rischtisch geil" und ist das exakte Abbild des derzeitigen Lebensgefühls der Hauptstadt. Im Video schlurfen die beiden in HipHop-Klamotten mit Ghettoblaster auf der Schulter durch die Spandauer Mietskasernen und beschreiben ihr Leben:

Geh ick mit meine Kumpels in'n Club. Rischtisch geil.
Ha' ick keene Kumpels, keenen Club. Auch rischtisch geil
Ha' ick 'ne große Karre, is det rischtisch geil.
Ha' ick nich mal 'nen Führerschein, Alter, rischtisch geil
Jibt et Rippe mit Gemüse, sa' ick rischtisch geil
Jibt et korrekte Bratwurst. Find ick rischtisch geil
Ha' ick wat zu tun, is det rischtisch geil.
Ha' ick nie wat zu tun, hey, rischtisch geil.

Kurz nachdem die beiden ihr Video im Internet veröffentlicht hatten, wurde es runtergeladen, dass die Leitungen glühten. Fast jeder Berliner kennt es. "Rischtisch geil" ist überall zu hören, als Standardkommentar für alle Lebenslagen, in Straßencafés, auf Schulhöfen, in der U-Bahn, beim Einkaufen. "Jetzt werden wir berühmt", sagt Icke. Inzwischen haben die beiden einen Plattenvertrag mit der Firma der "Fantastischen Vier", machen ein Album und drehen ihr Amateur- video professionell nach.

"Wir ersticken in Fanpost. Offenbar haben wir genau den Nerv der Stadt getroffen", sagt Icke. "Na ja, arbeiten, Job und so, det ist hier nich so anjesacht. Ick meine: Auf Stütze in Neukölln ist doch det Beste, wat einem hier passieren kann. Jibt ja genug, wat man so machen kann. Berlin is doch ein einziges Ferienlager."

Ha' ick 'nen Job, is det rischtisch geil.
Bin ick mal wieder auf Stütze, auch rischtisch geil.

Mitarbeit: Helmut Kuhn / print