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Wahlkampf-Endspurt der SPD: Steinbrücks Kampf gegen die Teflon-Kanzlerin

Der Countdown läuft: In 47 Tagen ist die Bundestagswahl und Peer Steinbrück hat noch einiges zum, um gegen Angela Merkel und ihre CDU zu punkten. Ein Besuch in der SPD-Wahlkampfzentrale.

Andrea Nahles dreht sich vor Raum 3.16 noch einmal kurz um, schaut einen spannungsfroh an und sagt: "Hier geht's los." "Kampa" hat ja bei der SPD seit 1998 einen fast magischen Klang. Auch wenn einige Spitzengenossen meinen, man hätte damals gegen Helmut Kohl auch gewonnen, wenn die Wahlkampfzentrale (kurz: Kampa) keine Telefonanschlüsse gehabt hätte. Nahles öffnet die Tür. Drinnen erblickt man als erstes einen großen gelben Föhn.

"Merkels heiße Luft", steht da drauf - er wurde jüngst vor das Kanzleramt geschleppt, um die Maßnahmen der Kanzlerin gegen die enorm hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland aufzuspießen. "Aufspießen", ist gerade ein Lieblingswort von Andrea Nahles. Die Generalsekretärin und oberste Wahlkampfmanagerin hat vor ein paar Tagen selbst am eigens aufgebauten Herd vor dem Kanzleramt gestanden - aus Protest gegen den Start des Betreuungsgeldes für Eltern, die ihr Kind nicht in die Kita schicken. Im SPD-Jargon firmiert die Leistung nur als "Herdprämie". Dass Angela Merkel gar nicht da war, sondern im Urlaub in Südtirol, scheint egal zu sein. "Wir wollen Merkels Agieren aufspießen", lässt Nahles wissen.

1998 war die Kampa aus dem Willy-Brandt-Haus ausgelagert worden, doch Nahles will sie anno 2013 lieber im Haus haben. "Das vermeidet Reibungsverluste", sagt sie. Die Kampa ist die Kreativwerkstatt, dumm nur, dass Merkel bisher wie Teflon-beschichtet alles an sich abperlen lässt. Sie setzt auf das Prinzip "Luft" - den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück ignoriert sie einfach. Sie zu packen, sie zum Duell auf die Straße zu zerren, das ist auch Aufgabe der 80 Kampa-Leute. Daran dürfte auch Nahles nach dem 22. September gemessen werden.

Nahles erlebt die schwierigste Mission ihrer Karriere

Der SPD-Wähler ist ein schwieriges Wesen. Ohne Polarisierung und die Überzeugung, dass die Partei eine klare, bessere Alternative zu bieten hat, ist er schwer zu mobilisieren. Steinbrück hat daher schon hundertfach betont, Merkel klebe nur Etiketten auf leere Flaschen. Stichwort Lohnuntergrenze statt flächendeckender Mindestlohn oder Lebensleistungsrente statt 850 Euro Solidarrente. Er muss verhindern, dass Merkels Schwammigkeit das eigene Lager demobilisiert - denn bei geringer Wahlbeteiligung schneidet die SPD in aller Regel schwach ab.

Für Nahles ist es die bisher wohl schwierigste Mission ihrer politischen Karriere. Die 44-Jährige ist schon oft um 7 Uhr im Willy-Brandt-Haus, manchmal knipst sie erst um 24 Uhr das Licht aus. Doch sie ist gut drauf. Von Resignation in einem bisher suboptimalen Wahlkampf keine Spur. Das einzige was ihr gerade fehlt, ist mehr Zeit für die Familie daheim in der Eifel, ihre Tochter Ella bekommt die Mutter gerade nicht so oft zu Gesicht.

In Raum 3.16, der sogenannten Galerie I, sind rechts neben dem Föhn ein paar graue Schreibtische zu einem Viereck zusammengestellt worden, hier findet immer um 8.45 Uhr die Morgenlage mit 20 Leuten statt. An der Wand hängt eine mehrere Meter lange weiße Tafel, sie ist eine Art Zeitleiste. Dort ist unter anderem aufgeführt, wo an welchem Tag die rote Dialog-Box ist - drei Meter lang, vier Meter hoch -, in der Bürger mit SPD-Kandidaten vor Ort diskutieren können.

Roland Kaiser beim SPD-Deutschlandfest

Fett markiert ist auf der Kampa-Zeitleiste das SPD-Deutschlandfest am 17. und 18. August am Brandenburger Tor. Nahles ist stolz, dass auch Roland Kaiser dabei ist. "Das hat mich gerührt, dass er gesagt hat, ich singe auch mit einer Lunge für die SPD." Damit nicht nur das typische SPD-Mitglied - im Schnitt jenseits der 60 - kommt, treten auch Leute wie der Rapper Samy Deluxe auf. Und Steinbrück, Nahles und Co. lesen auf der Kinderbühne Geschichten vor, Nahles hat sich für "Lotte will Prinzessin sein" entschieden.

Wichtiger ist auf der Zeitleiste aber das TV-Duell am 1. September zwischen Steinbrück und Merkel. Und am Ende fließen die vier roten Wollfäden, die alle Aktionen miteinander verbinden, bei einem rosafarbenen Klebezettel zusammen: "Wahlsieg 22.9.". Mal schauen.

23 Millionen Euro kostet der Wahlkampf, die Agenturen Super J+K und Cross Media kümmern sich um die Werbung und deren Platzierung. Um junge Wähler besser zu erreichen, wird für viel Geld verstärkt im Privatfernsehen geworben. Und, noch so ein Zeichen der Zeit: Die Werbung in Zeitungen wird reduziert.

Herzstück der Kampa ist der "War Room"

Im zweiten und dritten Stock des Willy-Brandt-Hauses ist es ziemlich leise, konzentriert hocken Aktivisten vor ihren Computern. Ein Herzstück der Kampa ist der "War Room" (Kriegsraum) - die Gegnerbeobachtung. Hier werden von zwölf Leuten kreative Reaktionen auf den politischen Gegner entwickelt - im "Schwarzgelblog" werden Aussagen und Versprechen von Union und FDP für die Internetgemeinde auseinandergenommen. "Manchmal muss ich auch zweimal nachdenken, wenn ich bestimmte Sachen freigeben soll", berichtet Nahles. Aber die bissigen Sachen kämen am besten an.

Zufrieden zeigt sie ein Facebook-Plakat, auf dem FDP-Chef Philipp Rösler zu sehen ist, es sei schon 615.000 Mal positiv bewertet worden. "Rösler meint, 4 Euro Lohnuntergrenze reicht für die Menschen", steht dort in etwas eigenwilliger Grammatik. Und darunter: "Die Menschen sagen: 4 Prozent am 22. September reichen für die FDP". Zuletzt hat sich die SPD auf das Verhalten der Bundesregierung in der NSA-Ausspähaffäre eingeschossen - die Partei wirft Merkel eine Verharmlosung vor und dass sie die Unwahrheit über ihre Kenntnisse sage. Doch bisher fruchten die Attacken nicht so recht. Nahles meint, so etwas komme oft erst mit Verzögerung bei den Bürgern jenseits der Hauptstadt richtig an. Obwohl die Affäre seit Wochen schwele, wendeten sich erst jetzt immer mehr besorgte Bürger an ihre Partei. Deshalb sehe sie die Umfragen auch gelassen.

Ein recht junges Team werkelt hier in acht Einheiten. Da ist zum Beispiel die Gruppe "Rednereinsatz": Auf einer grauen Stellwand hängen jede Menge Farbausdrucke mit den Plakatentwürfen für Auftritte von Steinbrück, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Parteichef Sigmar Gabriel in Bonn, Rostock, Göttingen und anderswo.

Natürlich wird hier alles nur in positiven Farben geschildert, denn Negativschlagzeilen gab es ja schon genug. Von einem Verstecken des Kanzlerkandidaten, hinter dem laut Umfragen nur etwas über 60 Prozent der SPD-Anhänger stehen, will man nichts wissen. "Peer Steinbrück kann leider nicht in jedem Wahlkreis auftreten", konstatiert ein Kampa-Mitglied. Die Nachfrage nach Auftritten von "Klartext-Peer" sei enorm.

Die Partei probiert dafür eine neue Schirm-Bühne aus. Die Konstruktion erinnert an die zeltartige Überdachung des Potsdamer Platzes in Kleinformat. Fünf Modelle in unterschiedlichen Größen wurden angefertigt, darunter sollen Steinbrück und Co. aus der Mitte der Plätze heraus zu den Leuten sprechen. Die Zeiten von Frontalunterricht mit Klatschmarsch und Rede seien vorbei, sagt Steinbrück. Er will mehr Dialog: Kurze Rede, dann Fragen und Antworten. Rund 100 Auftritte will er absolvieren. Dafür muss die Kampa zur Sicherung der Plätze auch viel mit dem Bundeskriminalamt sprechen, auch Aufbau und Transport der Bühnen ist zu koordinieren.

Andere Mitarbeiter mussten sich darum kümmern, dass die 299 Direkt-Kandidaten nach Berlin kamen und in einem einheitlichen Design fotografiert wurden. In einem Druckportal können die Plakate abgerufen und von der Basis ausgedruckt werden. Über ein Mitmachtportal können sich freiwillige Helfer melden, derzeit sind es über 14.000.

"Das Bier entscheidet"

Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe hat Kathrin Münch: Die Frau mit den kurzen dunkelblonden Haaren kümmert sich unter anderem um die kleinen Wahlkampfgeschenke. Ironie kann man der SPD dabei nicht absprechen. Als im April herauskam, dass ihr Wahlkampfslogan "Das Wir entscheidet" ausgerechnet von einer Leiharbeitsfirma bereits benutzt wird, antwortete Steinbrück auf die Frage, ob man besser hätte recherchieren müssen: "Hätte, hätte Fahrradkette." Nun zeigt Münch einen Fahrradketten-Flaschenöffner mit dem Spruch. Ein anderes sogenanntes Giveaway ist ein Bieröffner: "Das Bier entscheidet".

Etwas abgeschottet arbeitet die Gruppe Direktkommunikation. Stellwände trennen dort die Schreibtische, damit in Ruhe mit den Wahlkämpfern an der Basis telefoniert werden kann. Wann kommen meine Plakate?, fragt ein Mitglied. Ein anderes wünscht Handreichungen zur Verteidigung der Anti-Merkel-Plakate. Denn zu viel Negativ-Kampagne kommt in Deutschland meist schlecht an.

Elie Limbacher kümmert sich um die Bürgerabstimmung zu den Themen, die die SPD nach einem Wahlsieg als erstes umsetzen soll. "Ich druck mal schnell das Zwischenergebnis aus", ruft der 25-Jährige Nahles zu. Beim Deutschlandfest soll das Ergebnis verkündet werden. Nahles studiert den Ausdruck: Die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde führt vor dem Wunsch, Spekulanten und Banken stärker zur Kasse zu bitten, und vor höheren Steuern für Reiche zugunsten einer besseren Bildungsfinanzierung.

Vom Taubenzüchterverein bis zu den Abtreibungsgegnern

Am Bürgertelefon müssen auch die Fragen zum Wahlprogramm beantwortet werden. "Bei der letzten Wahl haben wir 690 Wahlprüfsteine beantwortet, vom Taubenzüchterverein bis zu den Abtreibungsgegnern", sagt Nahles - diesmal sind es noch mehr.

Doch auch wenn hier alles wie am Schnürchen zu funktionieren scheint - die letzten Wochen waren auch geprägt von recht wenig koordinierten Aktionen, die so manchen hier mächtig geärgert haben. Das Lager des Vorsitzenden Sigmar Gabriel im 5. Stock schien sich kaum mit Steinbrück abzustimmen - Stichwort Tempolimit 120 auf Autobahnen oder die Gangart gegenüber Merkel. Das gipfelte im öffentlichen Disput. Neben Nahles kommt es im Zusammenspiel zwischen Parteiführung, Fraktion und Kampa auch auf Steinbrücks Vertrauten Heiko Geue an - auch er sitzt in der Kampa. Es ist ein kompliziertes Konstrukt. Nahles müht sich stets um rasche "Freigabeschleifen".

Steinbrück hat die Devise ausgegeben, nun sei das Trainingslager beendet, jetzt gehe es richtig los. Denn die Wahl wird nicht mit einer Kampa entschieden, sondern mit den Wahlkämpfern an der Basis. Die SPD setzt dabei auf etwas Neues, Nahles spricht vom modernsten Wahlkampf aller Parteien. Sie war mehrfach bei den Demokraten von Präsident Barack Obama in den USA und hat deren Wahlkämpfe studiert.

Fokus liegt auf dem Schlussspurt

Daher soll der Klingelknopf das wichtigste Instrument werden: Nahles will bis zu fünf Millionen Hausbesuche schaffen. Und der Fokus liegt auf dem Schlussspurt. Allein in Nordrhein-Westfalen wollen die SPD-Wahlkämpfer noch 600.000 Haushalte in den letzten drei Tagen vor der Wahl besuchen.

2011 wurde in Bremen das Konzept erstmals getestet: Mehrere Wohnblocks wurden ausgewählt, in einem wurde ein großes Sommerfest veranstaltet. Genau dort gab es bei der Bürgerschaftswahl dann die höchste Steigerung der Wahlbeteiligung (plus 6 Prozent), so Nahles. Doch wichtiger waren die Erfahrungen im Januar in Niedersachsen, wo es knapp für Rot-Grün reichte. "In Niedersachsen haben sich 16 Prozent der Wähler in den letzten 24 Stunden überhaupt erst entschieden zu wählen, 32 Prozent waren es auf die letzten fünf Tage gerechnet", berichtet Nahles. Die SPD habe hier am Ende über 90.000 Nichtwähler zurückgewonnen. "Mein Rat an unsere Wahlkämpfer ist daher: "Hebt Euch etwas Luft für die letzten 72 Stunden auf."

Das gilt aber nicht für sie selbst. Nach der Stippvisite in der Kampa verschwindet Nahles sofort in ihrem Büro. Auf sie warten sofort die nächsten Termine. Erst eine Schaltkonferenz mit anderen Wahlkämpfern. Dann ein Interview mit der Dragqueen "Gloria Viagra" - schließlich gilt es auch die Homo-Szene für die SPD zu mobilisieren.

steh/DPA / DPA