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Wechsel bei den Grünen: Die Generation 55+ auf der Flucht nach vorn

Die Wahlniederlage schüttelt die Grünen durch. Die langjährige Führungsriege tritt erst mal in den Hintergrund. Überraschend schnell macht sie den Weg für eine Neuaufstellung frei - Richtung offen.

In den ersten #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/-wahlnachlese-im-newsticker-steinmeier-bleibt-fraktionsvorsitzender-2060052.html;40 Stunden nach der Wahl# und der grünen Niederlage vom Sonntagabend gab Jürgen Trittin das Bild eines gefassten, ja gelösten Politikers ab. Zur Realität schien das nicht zu passen, immerhin trug er als Spitzenkandidat einen Großteil der Verantwortung. Noch am Montag saß der 59-Jährige mit ausgestreckten Beinen in einer kleinen Runde und plauderte über seine Sicht der Dinge. Viele eigene Fehler sah er nicht. Doch nun, am Dienstag im Protokollsaal 1 im Bundestag, ist sein Händedruck zwar fest, aber auch ein wenig kühl und feucht. In wenigen Minuten wird das gesamte Ausmaß des Generationswechsels bei den Grünen deutlich.

Die neuen und ausscheidenden Abgeordneten versammeln sich. 18 der 63 in der künftigen Fraktion sind neu, 23 scheiden aus. Für manchen langjährigen Fachpolitiker schlug die bittere Stunde erst in der Wahlnacht. Niedergeschlagen, aufgekratzt und nach Wahlkampf, Wahlnacht und ersten Flügeltreffen am Abend vorher auch übernächtigt - es ist ein eigenartiger Stimmungsmix im Saal. Dass jetzt die Stunde der Wahrheit bei den Führungsleuten schlägt, glauben die wenigsten.

Doch Jürgen Trittin fackelt nicht lange. Nach gut einer halben Stunde kommt er vor den Abgeordneten zum entscheidenden Punkt. "Wir müssen uns neu aufstellen mit Blick auf 2017." Denn dann wolle man ja regieren. "Das muss eine neue Generation, das müssen neue Kräfte tun", wiederholt er später auf dem Flur mit Blick auf die Rückseite des großen Adlers im Plenarsaal.

Roth und Künast treten ab

Was noch kurz vorher für manche naheliegend, für andere aber auch kaum vorstellbar schien, ging plötzlich ganz leicht: Der Grünen-Stratege Trittin, die machtbewusste Leitfigur des linken Flügels, tritt aus der ersten Reihe ab. Trittin vergisst nicht zu sagen, dass er die Strategie nach wie vor für richtig hält, auf staatliche Mehreinnahmen zu setzen, um die Ziele der Partei bezahlbar scheinen zu lassen. Er würde auch schwarz-grüne Sondierungsgespräche machen - ein Signal pro Schwarz-Grün ist das genauso wenig wie der Generationswechsel. Für die Union bleibt Trittin ein rotes Tuch.

Die Initialzündung der Dekonstruktion im Führungsgefüge der Grünen gaben die Spitzenleute bei einem internen Treffen vier Stunden nach Schließung der Wahllokale. Am Montagmorgen folgte der Vorstoß, das der gesamten Parteivorstand und -rat im November neu gewählt werden soll. Bei Treffen der linken und der Realoabgeordneten kündigten am Abend Parteichefin Claudia Roth und Fraktionschefin Renate Künast ihren Rückzug an. Auf Roth könnte die frühere saarländische Umweltministerin Simone Peter folgen. Nun Trittin.

Mehr in die Mitte

Das 8,4-Prozent-Debakel hat einen Wechsel gebracht, wie ihn viele bei den Grünen fast nicht mehr für möglich gehalten hatten. Die Generation 55+ tritt ab - die Generation 40+ tritt an oder macht weiter. Als der Verkehrspolitiker Anton Hofreiter seine Kandidatur für den Fraktionsvorsitz erklärt, merkt man ihm Nervosität an - und Respekt gegenüber Trittin. Er spricht von unglaublichen Verdiensten des Ex-Umweltministers, vom umfassenden Gerechtigkeitsbegriff der Grünen, von ihnen als einzig verbliebener Bürgerrechtspartei. Trittin hinterlässt große Fußstapfen. Und ob er sich tatsächlich im Hintergrund hält, ist offen.

Zunächst sehen die Parteilinken bei den Grünen gestutzt aus. Viel ist von der Mitte die Rede, die man endlich wieder ansprechen müsse. "Unsere Aufgabe ist es auch, dass wir Anschlussfähigkeit zurückgewinnen wollen an die Mitte der Gesellschaft", sagt Katrin Göring-Eckardt. Sie will die Fraktion an Hofreiters Seite führen - sie hatte den Posten schon einmal zu rot-grünen Zeiten inne und gilt neben Cem Özdemir an der Parteispitze nun als Person der Kontinuität. Trotzdem überwiegt der Eindruck von Tabula rasa. In welche Richtung sich die Grünen entwickeln, ist offen.

Basil Wegener, DPA / DPA