"Cap Arcona" Wie die Ostsee zum Massengrab wurde


Als britische Bomber am 3. Mai 1945 die "Cap Arcona" in der Lübecker Bucht angriffen, ahnten die Piloten nicht, dass das Schiff mit tausenden KZ-Häftlingen beladen war. Mit der Versenkung ging der perfide Plan der SS auf.

Es war eine der letzten Tragödien des Zweiten Weltkriegs: Am 3. Mai 1945 sanken nach einem britischen Fliegerangriff das deutsche Passagierschiff "Cap Arcona" und der Frachter "Thielbek" in der Lübecker Bucht vor Neustadt in Schleswig-Holstein. Sie rissen etwa 7500 Häftlinge des Konzentrationslagers Hamburg-Neuengamme sowie Soldaten und Besatzungsmitglieder in den Tod. Das Schicksal der Häftlinge war bereits vorher beschlossen: Die Versenkung der "Cap Arcona" war von den Deutschen vorbereitet. Der Angriff britischer Jagdbomber war dann das letzte Glied in einer verhängnisvollen Ereigniskette, die zu einer der größten Schiffstragödien aller Zeiten führte.

Perfider Plan

Mit dem Näherrücken der Front auf das Konzentrationslager sollte Neuengamme laut Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler geräumt werden, um die grauenhaften Verbrechen vor den Alliierten zu vertuschen. "Neuengamme war mit 10.000 Häftlingen völlig überfüllt", sagt Wilhelm Lange, Stadtarchivar in Neustadt, der sich seit knapp 20 Jahren mit dem Thema befasst. In das Lager waren tausende Häftlinge gepfercht, die aus den rund 80 Außenlagern hergetrieben worden waren. Also wurde der perfide Plan gefasst, die Häftlinge auf Schiffe zu verladen, mit denen sie dann untergehen sollten.

Der frühere Luxusliner der Reederei Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft war 1927 vom Stapel gelaufen und 1945 wie zahlreiche andere Passagierschiffe zur Rettung von Soldaten und Zivilisten aus dem Osten über die Ostsee eingesetzt worden. "Nach ihrer zweiten Fahrt war sie jedoch nicht mehr einsatzbereit und wurde von der Kriegsmarine an den Hamburger Gauleiter und Reichskommissar für Seeschifffahrt, Karl Kaufmann, übergeben", weiß der Geschichtslehrer. Schon bald wurde damit begonnen, die Häftlinge an Bord zu bringen. Dem Schiffskapitän Heinrich Bertram schwante wohl, was die SS mit seinem Schiff vorhatte und verzögerte nach Langes Erkenntnis die Verladung der Todgeweihten. Damit rettete er vielleicht Tausenden das Leben.

Bei den Alliierten blieben die Vorgänge nicht unbemerkt. Aber ihre Luftaufklärung blieb erfolglos, und ein Geheimagent wurde von den Deutschen enttarnt. "Am 2. Mai informierte das Schweizer Rote Kreuz die Westmächte, am 3. Mai das schwedische. Daraufhin instruierte die britische Luftwaffe ihre auf Seeziele angesetzten Piloten, nicht die "Cap Arcona" zu attackieren", sagt Lange. Doch die Piloten, die Landziele angriffen, waren nicht informiert. So kam es, dass neun britische Flugzeuge mit Maschinenkanonen und Raketen die knapp drei Kilometer vor Neustadt liegende "Cap Arcona" und die "Thielbek", die voll mit Häftlingen und Soldaten beladen auf Reede lag, angriffen. Die "Cap Arcona" explodierte und ging unter, die "Thielbek" sank ebenfalls. Überlebende des Fliegerangriffs, die völlig entkräftet noch das Ufer erreichen konnten, wurden dort von Nazi-Schergen bestialisch ermordet.

These von der Sprengung

"Die Explosion der "Cap Arcona" kam von innen, und zwar an einer Stelle, wo kein Geschoss eingeschlagen war", begründet Lange seine These von der Sprengung durch die Deutschen. "Weitere Hinweise: Es gab keine Rettungsboote, es waren keine hohen SS-Offiziere an Bord und das Schiff war kurz zuvor mit einer geringen Treibstoffmenge betankt worden, die nicht zum Auslaufen, wohl aber als Brandmasse reichte." Nach Langes Recherchen waren an Bord der "Cap Arcona" 4300 Häftlinge, 400 Soldaten und 70 Mann Besatzung. Nur etwa 400 Menschen überlebten. Auf der "Thielbek" überlebten nur etwa 50 von mehr als 3000 Menschen. "Einige deutsche Schiffe beteiligten sich an der Bergung, andere schossen sogar auf die Schiffbrüchigen", so Lange. Eine noch größere Katastrophe verhinderten die Alliierten durch ihren schnellen Vormarsch: Sie eroberten das Schiff "Athen" mit 2000 weiteren Häftlingen an Bord und befreiten 1300 Menschen an Land.

Von den Hauptschuldigen musste sich nach dem Krieg niemand verantworten. "Die Briten haben zwar ermittelt, aber später übergaben sie ihre Akten an die deutschen Behörden, die den Fall nicht engagiert weiterverfolgten." Die Hamburger SS-Größen beriefen sich erfolgreich auf Befehlsnotstand nach dem Himmler-Befehl.

Axel Büssem/DPA DPA

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