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Erinnerung: Wie sich der Umgang mit der Geschichte verändert

Die Generation der Opfer und Täter tritt ab. Für die heute Jungen stellt sich die Frage, wie sie mit der Vergangenheit umgehen sollen. Viele fordern: "Zieht endlich einen Schlussstrich!" Die Überlebenden sagen: "Vergesst uns nicht."

Ende kommender Woche werden das Nationaltheater in Weimar und der Ettersberg im Nordwesten der Stadt zu Schauplätzen besonderer Feiern. Der Kanzler wird kommen, Thüringens Ministerpräsident sowie der Vorsitzende des Zentralrats der Juden. Auch 600 alte Menschen werden dabei sein: ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald, dessen Reste auf dem Ettersberg zu finden sind. Sie kommen, um gemeinsam des 60. Jahrestages der Befreiung des Lagers und aller Konzentrationslager auf deutschem Boden zu gedenken. Aber es wird auch ein Abschiedsfest sein.

Eine weitere Zusammenkunft in ähnlichem Rahmen wird es nicht mehr geben. Der nächste "runde" Gedenktag wird ohne ehemalige Häftlinge auskommen müssen, jedenfalls ohne die meisten von ihnen. Die Überlebenden sterben aus. Damit geht eine Epoche zu Ende. Die Erinnerungen der Beteiligten (Täter wie Opfer) sedimentieren endgültig zu Geschichte, und es ist allenfalls ein vergifteter Trost, dass die letzten Opfer die letzten Täter wohl überdauern werden - denn unter den Opfern waren damals auch Hunderttausende Kinder.

Die einstigen Buchenwald-Häftlinge bereiten sich auf ihren Abschied vor. Einige ihrer Verbände lösen sich auf (wie in den Niederlanden), in anderen (wie in Frankreich oder Belgien) übernehmen die Nachgeborenen die Führung. Für die Feier in der kommenden Woche ist eine symbolische Übergabe der Verantwortung für die Geschichte an die heutigen Deutschen geplant.

Für die Deutschen

ist diese Zäsur eine Herausforderung. Mit ihr beginnt eine neue Phase in ihrem wechselvollen Umgang mit der eigenen Geschichte, in dem sie sich anfangs vor allem als Opfer sahen und anderes eilig verdrängten, sich dann mehr und mehr den eigenen Vergehen stellten und zuletzt ihrer Rolle als Tätervolk wieder zusehends müde wurden.

Auf politischer Ebene wurde die Nachkriegszeit vor bald 15 Jahren beendet: mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Viele Deutsche dürften sich nach einem ähnlichen Befreiungsschlag auf der Ebene der Moral sehnen - und dabei die Augenzeugen deutscher Verbrechen als störend empfinden, denn ihre Existenz hält auch die deutsche Schuld am Leben.

Bereits in den letzten Jahren war das Bedürfnis unübersehbar, jetzt mal weniger der eigenen Taten als der eigenen Opfer von Bombenkrieg, Vertreibung, Flucht und der Schrecken der Nachkriegszeit zu gedenken. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, der Umgang mit Geschichte ist nur redlich, wenn sie vollständig erzählt wird. Derzeit ist die Befragung so genannter Zeitzeugen sehr in Mode, ihre Erzählungen versprechen Authentizität und sind leicht konsumierbar. Doch man sollte sich nicht allein auf sie verlassen, denn bei so viel Bodennähe geraten schnell Zusammenhänge, Ursachen und Proportionen aus dem Blick.

Ja, bei den Bombardements Dresdens im Februar 1945 kamen wohl 35 000 Menschen ums Leben, und diese Angriffe von Briten und Amerikanern kann man ein Verbrechen nennen. Doch im fast 900 Tage belagerten Leningrad verreckten bis zu einer Million Menschen - mit voller Absicht der deutschen Führung, die es genau darauf angelegt hatte. Ja, beim Untergang des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff", das am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpediert wurde, starben 9000 hilflose Menschen (an sie hat zuletzt Günter Grass mit der Novelle "Im Krebsgang" erinnert). Aber vom Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 bis zum Frühjahr 1942 starb annähernd dieselbe Zahl hilfloser sowjetischer Kriegsgefangener - und zwar jeden einzelnen Tag, weil die Deutschen sie verhungern oder erfrieren ließen oder erschossen. "Der Tag der Rache wird kommen", stand Mitte Februar in Dresden auf einem NPD-Plakat (dem immerhin 5000 Menschen nachliefen). Wehe uns, wenn jemals Israelis, Russen, Polen und all die anderen auf die Idee kämen, nun sei der Tag der Rache gekommen.

Es sterben nicht nur

die überlebenden Opfer aus, es treten auch endgültig die Kriegsgenerationen ab. Darin steckt, mit Verlaub, eine echte Chance für einen ehrlichen Umgang mit dem Geschehenen. Noch vor zehn Jahren, zum Fünfzigsten des Kriegsendes, schrieb der CDU-Politiker Alfred Dregger (einst Hauptmann an der Ostfront) einen Aufsatz, der für das Denken erheblicher Teile seiner Generation typisch war. Zwar, heißt es darin, war es "unpatriotisch" von Hitler, den Krieg "vom Zaun zu brechen", ansonsten aber sind eher "unsere Kriegsgegner" schuld: weil sie Hitler durch die "Demütigung" des Friedensvertrages nach dem Ersten Weltkrieg erst an die Macht brachten. Weil sie den Deutschen in ihrer "Feindpropaganda" nicht mitteilten, dass diese gerade einen Völkermord an den Juden begingen. Weil sie schon im Januar 1943 die "bedingungslose Unterwerfung" Deutschlands forderten und damit den "deutschen Frontsoldaten" keine Wahl ließen, als Europa bis zum bitteren Ende zu verwüsten. Weil sie den Hitler-Attentätern des 20. Juli keine Chance ließen, "ihre Sache zum Erfolg zu führen" - als hätten Roosevelt, Churchill und Stalin Stauffenberg und die anderen Attentäter höchstpersönlich hinrichten lassen. Im Übrigen, so Dregger, habe in der Wehrmacht "Disziplin" geherrscht, und anderes zu behaupten sei eine "schwere Verleumdung", eine "kommunistische Provokation".

Dregger war nicht irgendein rechter Spinner, sondern lange Jahre Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seit bald drei Jahren ist er tot. Der Abgang dieser Generation, die alles zu rechtfertigen und zu beschönigen suchte, macht manches einfacher. Zum Beispiel lassen sich ein paar Dinge klar und ruhig sagen: Der Zweite Weltkrieg war ein verbrecherischer Angriffskrieg, der die Vernichtung von Millionen Zivilisten nicht nur in Kauf nahm, sondern zum eigentlichen Ziel hatte. Eine Teilnahme daran war unter keinen Umständen etwas Ehrenvolles, auch nicht, wenn man dazu gezwungen wurde und "sich nichts zuschulden kommen ließ", wie deutsche Soldaten danach zu sagen pflegten.

Und die bürokratisch geplante und industriell betriebene Ausrottung der europäischen Juden und anderer Bevölkerungsgruppen ist ein einmaliges Verbrechen, das eine von den Deutschen gewählte und lange bejubelte Führung bis in seine haarsträubenden Details erdachte und von Hunderttausenden Deutschen ins Werk gesetzt wurde - und dem zudem in den Jahren zuvor für jedermann sichtbar die Ausgrenzung und Entrechtung der deutschen Juden vorausging. So schrecklich einfach ist das, und endlich lässt es sich sagen, ohne hysterische Reaktionen jener zu provozieren, die sich durch den historischen Befund offenbar angegriffen fühlen.

Es ist allerdings wohltuend, dass auch der Eifer verflogen ist, mit dem Teile der ersten Nachkriegsgeneration alles und jeden als "faschistisch" geißelten, das oder der nicht ganz auf der eigenen Linie lag. Ziel der Übung war es, zu beweisen, dass man sich von der Eltern-Generation gründlich gelöst, dass man die Lektionen der Geschichte nun wirklich gelernt habe und etwaigen "Anfängen zu wehren" entschlossen sei. Überdies war es auch angenehm, sich zu den Guten zu zählen. Es gab einen Hochmut der Wut oder der Zerknirschtheit, die einen moralisch auf die Ebene der Opfer hieven sollte. Doch die Toten von Auschwitz oder Buchenwald sind nicht dazu da, anderen eine Identität zu verschaffen.

Die Chance der heute Jungen ist, dass sie all das nicht nötig haben. Weder müssen sie sich des Vorwurfs erwehren, am ungeheuerlichsten Verbrechen der Geschichte beteiligt gewesen zu sein, noch können sie sich zu Kriegsopfern stilisieren, noch müssen sie sich mit der Schuld der eigenen Eltern auseinander setzen. Und gerade deshalb können sie einfacher als alle vorangegangenen Generationen sagen: Ja, so ist es gewesen, die Fakten sind nicht zu bezweifeln. Genauso unzweifelhaft können wir nichts dafür. Auch dieser Teil der Geschichte ist unser Erbe, wie unsere Sprache, wie Goethe, Heine und die Manns unser Erbe sind.

Allerdings müssen sich die Erben

vor ein paar Platitüden hüten. Die Parole früherer Wohlmeinender war "Vergangenheitsbewältigung". Bloß zeigte sich, dass das nicht funktioniert. Ein Schüler kann seine Hausaufgaben bewältigen, ein Radfahrer einen steilen Anstieg. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, die bleibt einfach da. Heute heißt die Parole "Erinnern". "Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus bleibt eine bleibende Verpflichtung", sagt der Kanzler, und viele andere sagen es auch. Doch erinnern kann man sich nur an das, was man erlebt hat. Wer kann sich heute noch an den Dreißigjährigen Krieg erinnern? Niemand, denn es war keiner dabei. Wir können uns nicht an Auschwitz erinnern. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir wissen, was geschah.

Das ist durchaus möglich. Doch fatalerweise lässt gerade der Gestus des Entsetzens das Geschehene - wenn auch ohne böse Absicht - leicht ins Nebulöse abgleiten: "Das unsagbare Verbrechen des Holocaust", heißt es oft. Nein, unsagbar ist es nicht, es ist in zahllosen wissenschaftlichen Abhandlungen präzise analysiert, in Hunderten Erlebnisberichten dokumentiert, in Werken wie dem grandiosen und sperrigen "Roman eines Schicksallosen" des Auschwitz- und Buchenwald-Häftlings Imre Kertész beschrieben.

Viele Deutsche haben ein etwas gereiztes Bedürfnis nach "Normalität", nach einem "Schlussstrich" (52 Prozent, wie eine Forsa-Umfrage für den stern ergab). Normalität - ja, die ist möglich. Die heutigen Deutschen tragen das schwere Erbe einer (in Teilen) schlimmen Geschichte und damit eine besondere Verantwortung, aber sie sind kein abnormales Volk. Die ersehnte Normalität birgt allerdings auch Unbequemlichkeiten. Zum Beispiel hatte jener Nachkriegskonsens, nach dem "von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen" dürfe, auch ein paar angenehme Nebenwirkungen: Die leider trotzdem tobenden Kriege hatten mit uns nichts zu tun. Unsere Hände waren so schmutzig, dass wir sie getrost in den Schoß legen konnten. Das ist heute nicht mehr so einfach. Die Bundeswehr ist bei mehr oder weniger robusten UN-"Friedenseinsätzen" in vielen Teilen der Welt ein gern gesehener Helfer. Dass gerade der Grüne Joschka Fischer 1999 die Entsendung deutscher Soldaten in das Kosovo mit dem Satz "Nie wieder Auschwitz" begründete, zeigt, dass sich sogar die besondere deutsche Geschichte in den Dienst dieser neuen "Normalität" stellen lässt.

Aber ein Schlussstrich?

In seiner Dankesrede für den Literaturnobelpreis sagte Imre Kertész 2002: "Das Problem Auschwitz besteht nicht darin, ob wir sozusagen einen Schlussstrich darunter ziehen sollten oder nicht, ob wir es im Gedächtnis bewahren sollten oder in der entsprechenden Schublade der Geschichte versenken, ob wir für die Millionen Ermordeten Mahnmale errichten und wie sie beschaffen sein sollten. Das wirkliche Problem Auschwitz besteht darin, dass es geschehen ist und dass wir an dieser Tatsache mit dem besten, aber auch mit dem schlechtesten Willen nichts ändern können." Seit Auschwitz sei "nichts geschehen, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte". Worin soll da der Schlussstrich bestehen?

Vielleicht geht es ja nur darum, nicht mehr unter Hinweis auf die Geschichte mit immer neuen Ansprüchen behelligt zu werden. Aber wie lauten die denn noch? Gelegentlich, wie jüngst im Fall Karstadt, fordern jüdische Familien geraubtes Eigentum endlich zurück. Vor ein paar Jahren ließ sich die deutsche Wirtschaft dazu herbei, jene Zwangsarbeiter zu "entschädigen", von deren mörderischem Einsatz sie mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor profitiert hatte. Die hier lebenden Juden und das Ausland erwarten von den Deutschen (zuweilen mit überspannter Wachsamkeit), sie möchten doch dafür sorgen, dass sich Ähnliches wie zwischen 1933 und 1945 nicht wiederhole. Mal ehrlich: Was davon ist zu viel verlangt?

Der deutsche Staat wird international heute nicht mehr klein gehalten, seine Bürger laufen nicht als Parias durch die Welt. Ja, es nervt, wenn amerikanische oder englische TV-Serien-Gucker in allen Deutschen hackenschlagende Fieslinge sehen - so wie Generationen von "Asterix"-Lesern Römer für Volltrottel in Sandalen halten könnten. Aber je größer das Wissen, ja sogar je größer die Betroffenheit ist, desto größer ist oft auch das Wohlwollen gegenüber jüngeren Deutschen. Unter den fünf einstigen Buchenwald-Häftlingen, die der stern besuchte, war nicht einer, der die Gäste aus Deutschland nicht freundlich empfing und mit den besten Wünschen verabschiedete. Einzige, einhellige Bitte: Ihre Geschichte solle nicht in Vergessenheit geraten, und wir sollen verantwortlich mit deren Erbe umgehen.

Als vor zwei Jahren

der französische General Bernard d'Astorg während einer Veranstaltung in Göttingen von seinen Erlebnissen berichtete, brach eine 18-jährige Gymnasiastin vor Scham in Tränen aus - sie wisse gar nicht, wie sie als Deutsche damit umgehen solle. "Vivez! Vivez!", rief da der alte Franzose: Lebt! Lebt! Jawohl, Herr General, das wollen wir tun, und wir wollen Sie und die anderen dabei nicht vergessen.

Arne Daniels / print