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MAUERFALL: Die deutsche Stunde - VON HELDEN UND HEUCHLERN

Die deutsche Stunde - Die Geschichte der friedlichen DDRRevolution ist auch die Geschichte von Menschen wie Pfarrer Wonneberger. Er und andere Einzelkämpfer des Widerstands sind schon nach zehn Jahren vergessen. Feiern lassen sich andere

Die deutsche Stunde - Die Geschichte der friedlichen DDRRevolution ist auch die Geschichte von Menschen wie Pfarrer Wonneberger. Er und andere Einzelkämpfer des Widerstands sind schon nach zehn Jahren vergessen. Feiern lassen sich andere

Wer über die deutsche Revolution des Herbstes 1989 berichtet, der sollte mit der Geschichte eines Pfarrers namens Christoph Wonneberger beginnen und vielleicht auch enden. Oder mit der Geschichte von Menschen wie Christoph Wonneberger. Denn es waren keine 'großen Männer', die Historie machten in jenen Wochen. Der friedliche Aufstand hatte anders als vergleichbare Ereignisse keine Führer, keine wortgewaltigen Demagogen. Er wurde von kleinen Leuten gemacht. Und der Pfarrer Wonneberger war einer der wichtigsten von ihnen.

Es war Montag, der 25. September. Beim Friedensgebet in der Leipziger Nikolai-Kirche predigte Christoph Wonneberger. Er hatte die Friedensgebete, eine Keimzelle des DDR-Widerstands, koordiniert, bevor es ihm seine Kirchenoberen auf Druck der Staatssicherheit verboten. An diesem Montag durfte er aber predigen. Er hätte die Predigt seinen Vorgesetzten zur Zensur vorlegen müssen. Doch er sprach frei. Er sagte den 2000 Menschen in der Kirche, der ganze SED-Machtapparat mit seinen Stasi-Legionen und Polizei-Hundertschaften sei ein Papiertiger. Er schloß: 'Also fürchtet euch nicht.'

Die es hörten, fassten sich an den Händen und sangen: 'We Shall Overcome.' Sie gingen gemeinsam aus der Kirche auf die Straße. Spontan reihten sich andere Menschen in den Zug der Furchtlosen ein. Es war die größte oppositionelle Demonstration in der DDR seit der Volkserhebung von 1953. Die Manifestation wurde zur Initialzündung für massenhaften Protest, zunächst in Leipzig, dann in der gesamten DDR. Den Namen Wonneberger wird man allerdings in den vielen Chroniken der Wende kaum finden.

Wer von Pfarrer Wonneberger berichtet, muss auch die Geschichte von Pfarrer Friedrich Magirius erzählen. Oder von den vielen Menschen wie Magirius, die weniger Mut und Weitsicht hatten - zum eigenen Nutzen. Magirius war damals Superintendent und damit direkter Vorgesetzter des Bruders Wonneberger. Die Stasi, so steht es in den Akten, forderte den Superintendenten auf, 'gegenüber Pfarrer Wonneberger konkret disziplinierend einzuwirken, da dieser immer mehr zu einem Problem an sich wird'. Nach Ansicht der Stasi war Magirius auch 'loyal' und versuchte, die 'Absichten politisch-negativer kirchlicher und kirchlich gebundener Kräfte möglichst zurückzudrängen'. Im Fall Wonneberger jedoch war der Superintendent erfolglos. Er ließ die SED-Macht wissen, da 'helfe nichts anderes mehr, als von staatlicher Seite einzugreifen'.

Wie der Superintendent dann zum viel gefeierten und hoch geehrten Helden des Leipziger Freiheitskampfes wurde, davon später im zweiten Teil der Magirius-Geschichte.

Zunächst wurde auch die vom Kirchenoberen geforderte Staatsmacht nicht mit dem unbeugsamen Pfarrer Wonneberger und seinesgleichen fertig. Am folgenden Montag demonstrierten nach dem Friedensgebet schon 20 000 Menschen in Leipzig gegen die SED-Diktatur. Pfarrer Wonneberger spürte seine Kräfte schwinden. Zugleich wuchs seine Zuversicht, dass keine Stasi-Macht der DDR und kein Kleinmut der Kirchenleitung die Menschen mehr aufhalten konnten, die eine menschlichere Gesellschaft forderten.

Sie riefen: 'Wir sind das Volk.' Aber das war an diesem Montag noch Selbstüberschätzung. Sie waren eine ziemlich kleine Minderheit.

Eine größere Minderheit packte die Koffer, hatte Ausreiseanträge gestellt oder war schon unterwegs in Ungarn, in der Tschechoslowakei oder Polen, um in den westlichen Teil Deutschlands zu kommen. Sie glaubten nicht, dass kleine Leute die SED-Macht stürzen könnten.

Die Mehrheit der DDR-Bürger aber feierte, wie sie stets jede Gelegenheit zum Feiern genutzt hatte. Diesmal war der 40. Geburtstag der DDR Anlass. Am Abend des 6. Oktober marschierten in Ost-Berlin 100 000 Jugendliche mit Fackel und gewohnt fröhlicher Miene an SED-Chef Erich Honecker, am Massen-mörder Nicolae Ceauscescu und anderen mächtigen Geburtstagsgästen vorbei. Am nächsten Tag, dem Sonnabend, hatten Millionen ihren Spaß auf den Volksfesten zum Republik-Jahrestag. Dass in Ost-Berlin, Dresden, Jena und anderen DDR-Orten zum erstenmal seit 1953 größere Protestdemonstrationen stattfanden und von der Staatsmacht brutal auseinandergetrieben wurden, bekamen nur wenige der Feiernden mit.

Erich Honecker bekannte noch einmal und glaubte es wohl auch: 'Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.' Andere spürten, dass die Tage des Umbruchs begannen. Zeit für Idealisten und für Karrieristen.

Es gab Oppositionelle, die stutzten plötzlich Bart oder Bärtchen und banden sich Krawatten um. Wie ein Langzeitarbeitsloser namens Ibrahim Böhme. Er wurde am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, an die Spitze der Sozialdemokratischen Partei in der DDR gewählt. Er war Mitarbeiter der Staatssicherheit mit Feindberührung.

Es gab viele wie Böhme, die nun Karriere machten. Einige wurden später entlarvt.

Den großen Karrieresprung wagte am Montag nach den Jubiläumsfeiern das Politbüromitglied Egon Krenz. Er wollte nicht länger nur Kronprinz seines Ziehvaters Erich Honecker sein. Er plante, ein deutscher Gorbatschow zu werden. Mit Kurier schickte er dem Parteichef den Entwurf einer Politbüro-Erklärung, die in vagen Formulierungen einen Kurswechsel der SED andeutete. Krenz wusste, Honecker würde sie ablehnen. Zugleich war er sich sicher, dass er für seine Erklärung eine Mehrheit im SED-Machtapparat finden würde.

Es gab allerdings noch eine Unwägbarkeit im Plan von Krenz. Auch an diesem Montag sollte in Leipzig wieder das Friedensgebet stattfinden. Die Staatssicherheit prognostizierte Zehntausende Demonstranten.

Der Terminplan von Egon Krenz war an diesem Montag, dem 9. Oktober, aus aktuellem Anlass sehr eng. Aber er konnte ein länger geplantes Treffen mit einem Berater, dem Leipziger Meinungsforscher Professor Walter Friedrich, nicht mehr absagen.

Friedrich war in seinem Dienst-Lada mit Chauffeur schon auf dem Weg nach Berlin. Es war für ihn die wichtigste Reise seines Lebens.

Friedrich wusste, dass in Leipzig die Staatsmacht für den Abend den Krieg gegen die Bürger vorbereitete. Im Tagesbefehl für Polizei und Armee hieß es: 'Heute wird es endgültig die letzte Demonstration in Leipzig geben. Genossen, dies ist der Tag, an dem wir mit der Konterrevolution Schluß machen.' Auf dem Hof des Staatssicherheitsdienstes standen Schützenpanzer bereit, an die man über Nacht aufklappbare, etwa vier Meter breite Kehrschilder aus Maschendraht montiert hatte. Eine Idee von Erich Honecker. Er wollte die Konterrevolution im wahrsten Sinne des Wortes von der Straße kehren lassen.

Der Meinungsforscher Friedrich, seit vierzig Jahren Parteimitglied, hatte einen nervösen, missgelaunten, vielleicht sogar deprimierten Egon Krenz erwartet. Er traf einen aufgeräumten, geradezu fröhlichen Mann. Friedrich war überrascht und verlor alle Angst. Er sagte es gleich: 'Egon, es darf heute Abend keine Gewalt geben in Leipzig.' Krenz antwortete eher beiläufig, der Staat könne sich doch nicht alles gefallen lassen. Erregt versuchte Friedrich, seinem Gönner die Folgen eines gewaltsamen Einschreitens klarzumachen: 'Das bedeutet Streiks, Dienstverweigerung, Hass gegen die Partei, gegen alle Kommunisten.' Krenz erwiderte achselzuckend: 'Der Befehl kommt von oben.' Friedrich nahm allen Mut zusammen und sagte: 'Meines Erachtens sollte Genosse Honecker bald zurücktreten.' Krenz, dem das Thema Leipzig offenbar nicht behagt hatte, wirkte schlagartig wieder freudig erregt, fragte lachend, wer die Partei dann führen sollte? 'Ja, du musst es machen', meinte Friedrich. Krenz strahlte und sagte: 'Ich mache es.'

Der loyale DDR-Bürger Friedrich beachtete zum erstenmal kein Tempolimit, raste nach Leipzig zurück und fuhr sofort in die SED-Zentrale. Er erzählte Genossen, die er für einflussreich hielt, vom bevorstehenden Sturz Honeckers. Er hoffte, das würde sie ermutigen, den Bürgerkriegs-Befehl des SED-Chefs am Abend zu ignorieren. Und er forderte Genossen auf, zum Friedensgebet und zur Demonstration zu kommen, um den Sicherheitskräften das Schießen unmöglich zu machen.

Es gab einige in Leipzig wie Professor Walter Friedrich. Einfache SED-Mitglieder, Funktionäre und Mitarbeiter der Staatssicherheit, die ohne Rücksicht auf Konsequenzen gegen das eherne Gesetz der Parteidisziplin verstießen und auf eigene Faust das ihnen Mögliche taten, um die drohende Katastrophe abzuwenden.

Zum 'Retter von Leipzig' hat die Legende allerdings einen Mann gemacht, der erst zu spät Zeit fand, sich für Gewaltlosigkeit einzusetzen: den Dirigenten Kurt Masur. Der war sich schon am Freitag der Vorwoche bei einem Glas Sekt mit dem SED-Bezirkssekretär für Kultur, Kurt Meier, einig geworden, man müsse gemeinsam einen Aufruf verfassen, der Dialog statt Gewalt fordere. Mitinitiator dieser geplanten Aktion war der Theologe Peter Zimmermann, ein bekannter Oppositioneller damals, später als Stasi-Mitarbeiter entlarvt.

Der Terminplan von Parteisekretär Meier und Dirigent Masur war allerdings schwer zu koordinieren. Am Vormittag des 9. Oktober, Honeckers Bürgerkriegstruppen bezogen schon Stellung, hatte der berühmte Kapellmeister Generalprobe für 'Till Eulenspiegels lustige Streiche' von Richard Strauss. Mittags - im Krankenhaus St. Georg wurden Blutkoserven bereitgestellt und zwei stillgelegte Intensivstationen eilends wieder eingerichtet - musste der Bezirkssekretär Meier zu einem wichtigen Essen. Die gesamte Leipziger Parteispitze war bei ihrem ehemaligen Chef eingeladen. Um dem kranken Parteiveteranen die Laune nicht zu vermiesen, plauderte man über bessere alte Zeiten.

Inzwischen bekamen Bereitschaftspolizisten ihre 'Einweisungen': 'Draufschlagen, reinhauen. Heute wird mit der Konterrevolution Schluss gemacht.' Die Räumketten werden eingeteilt nach dem Prinzip, 'neben ein Sensibelchen immer einen ganzen Kerl stellen'. Die Ängstlichen wurden beruhigt: Die Offiziere trügen 'eine Waffe mit 16 Schuß am Mann', die sie bei Gefahr auch einsetzen würden.

Der Bezirkssekretär Meier versuchte nach dem mittaglichen Kameradschaftstreffen zunächst vergebens, den Dirigenten Masur zu erreichen. Zwei weitere führende Mitglieder der SED-Bezirksleitung waren inzwischen bereit, einen Dialogaufruf zu unterzeichnen. Der Stasi-Informant Zimmermann und der Kabarettist Bernd-Lutz Lange sollten dabei als Oppositionelle mitmachen. Fehlte nur noch der an diesem Tag viel beschäftigte Masur als Aushängeschild. Vor dessen Gewandhaus waren bereits gepanzerte Wagen aufgefahren. Dort befürchteten immer mehr Menschen, auch führende SED-Genossen, für den Abend ein Massaker nach chinesischem Vorbild. Eben an diesem Abend wollte Kurt Masur dort aber auch die von der Musikwelt mit Spannung erwartete Aufführung von 'Till Eugenspiegels lustigen Streichen' zelebrieren.

So wurde es 16 Uhr, als die Männer, die dann als die 'Leipziger Sechs' berühmt wurden, in Masurs Haus einen Aufruf zur Besonnenheit formulierten. Es war eine Stunde vor Beginn der Friedensgebete, zu spät, um die große Mehrheit der Demonstranten oder die Sicherheitskräfte mit dem Appell noch zu erreichen.

So genau wollte das später aber niemand mehr wissen als zunächst die West-Medien und dann auch die SED-Propaganda die 'Leipziger Sechs' zu Helden der friedlichen Wende machten und Kurt Masur als 'Retter von Leipzig' feierten. Der Kapellmeister wurde, wie er betont bescheiden meinte, 'Politiker und Staatsmann wider Willen' und Präsidentenkandidat der DDR. Vor diesem Amt war allerdings die Wiedervereinigung. Masur blieb die Ehrenbürgerschaft von Leipzig und der weltweite Ruhm als Musiker und mutiger Massakerverhinderer zugleich.

Während im Masur-Haus der Stasi-Mitarbeiter Zimmermann noch den Text des Appells getippt hatte, saß der Meinungsforscher und Krenz-Berater Walter Friedrich lange vor Beginn des Friedensgebets in der Nikolai-Kirche. Er entdeckte überraschend viele SED-Genossen unter den Kirchgängern. Pfarrer Führer, der das Friedensgebet leitete, fürchtete eine Provokation von den einigen hundert Menschen, die ganz offensichtlich nicht zur Oppositionsbewegung gehörten. Aber auch die SED-Mitglieder hörten seiner kurzen Predigt gespannt und andächtig zu. Walter Friedrich wusste, dass dieser 9. Oktober der wichtigste Tag seines Lebens war.

Kurz vor 18 Uhr verließen die etwa 2000 Menschen schweigend die Kirche. Sie trafen auf Zehntausende, die sich auf dem Karl-Marx-Platz vor dem Gewandhaus versammelt hatten, darunter auch Walter Friedrich. Ein Demonstrationszug formierte sich, ohne dass irgendjemand Kommandos gab. Es sollte die politisch folgenreichste Demonstration der deutschen Geschichte werden.

Friedrichs Gönner Egon Krenz war am frühen Nachmittag zu Erich Honecker zitiert worden. Über Maßnahmen gegen die bevorstehende Demonstration in Leipzig redeten sie kein Wort. Der SED-Chef forderte seinen Kronprinzen noch einmal auf, die Erklärung für das Politbüro zurückzunehmen. Krenz weigerte sich. Der Führungskonflikt in der SED war nun offen ausgebrochen. Während sich in Leipzig 70 000 Menschen in Bewegung setzten, telefonierte in Berlin ein ungewohnt selbstbewusster und optimistischer Krenz pausenlos, um sich in der SED-Führung eine Mehrheit für die Absetzung seines Ziehvaters zu sichern. Fast alle Gesprächspartner signalisierten Unterstützung.

In der Leipziger SED-Zentrale versuchte man vergebens, eine Standleitung zu dem für Sicherheitsfragen zuständigen Politbüromitglied Krenz aufzubauen. Von ihm musste die 'zentrale Orientierung' kommen. Aber Krenz war für die Leipziger nicht zu sprechen. Die Spitzenfunktionäre waren ratlos und uneins, ob der Honecker-Befehl, die Demonstration zu zerschlagen, angesichts der unübersichtlichen Lage noch Gültigkeit hatte. Wie sie sich entschieden, sie riskierten ihren Kopf.

Um 18 Uhr hatten die Bereitschaftspolizisten, die den ersten Angriff in die Mitte des Demonstrationszuges führen sollten, den Befehl erhalten: 'Absitzen, bereitmachen.' Doch dann brach der Funkkontakt der Zugführer zu ihren Kommandeuren ab. Die Kommandeure versuchten vergebens, von der Befehlszentrale der Polizei Anweisungen zu erhalten. Dort war der Polizeichef, Generalmajor Gerhard Straßenburg, mit dem Innenminister Dickel in Berlin verbunden. Straßenburg berichtete von einer unübersehbaren Menschenmenge, die sich absolut friedlich verhalte. Die eigenen Kräfte reichten für einen erfolgreichen Einsatz auch kaum aus. Dickel schwieg. Dann meinte er, wenn man in Leipzig die Lage so einschätze, müsse man dort in eigener Verantwortung entsprechend entscheiden.

Der Polizeichef entschied so fort. Er gab an alle Kom man deure den Befehl zum Rückzug. Dann lehnte er sich offenbar erleichtert zurück und sagte: 'Genossen, ich weiß nicht, ob ich morgen noch Generalmajor sein werde.'

Der strikt hierarchisch strukturierte SED-Machtapparat war, Zufall der Geschichte, gerade an diesem Tag führungslos geworden. Nachdem der Putschplan von Krenz spätestens am Nachmittag in den Schaltzentralen der SED bekannt geworden war, hatte Honecker die Autorität des Diktators verloren. Niemand anders aber wollte noch Verantwortung übernehmen. Innerhalb von Stunden war der Unterdrückungsapparat in sich zusammengefallen.

Die mittleren und kleinen Befehlsempfänger reagierten menschlich, zumindest aber vernünftig, als sie keine Befehle mehr erhielten.

Am Abend dieses 9. Oktober nahmen die 70 000 Todesmutigen, die um den Leipziger Ring marschierten, die Angst von den Menschen der DDR. Als Sprecher der 70 000 berichtete ein erschöpfter, aber glücklicher Pastor Christoph Wonneberger telefonisch in den ARD-'Tagesthemen' vom historischen Ereignis.

Drei Wochen später zogen schon Hunderttausende um den Leipziger Ring. Vor Mikrofone und Kameras aus aller Welt drängten sich jetzt andere. Christoph Wonneberger verlor am Abend dieses Montags nach einem Hirnschlag die Sprache. Es war, als wäre der Stasi-Auftrag an die Kirchenoberen, den Pfarrer mundtot zu machen, doch noch erfüllt worden.

Leipzig wurde zur Heldenstadt ausgerufen, der Dirigent Kurt Masur und der Superintendent Friedrich Magirius zu ihren Helden gekürt.

Egon Krenz und die neue SED-Führung versuchten, die neuen Helden, unter ihnen auch Führer der Oppositionsgruppen, für die neue Politik des Dialogs zu benutzen. Sie glaubten, die Demokratiebewegung ohne Gewalt kontrollieren zu können. Denn die Führung wichtiger Oppositionsgruppen hatten Agenten der Staatssicherheit übernommen. Stasi-Mitarbeiter waren nicht nur an der Spitze der DDR-Sozialdemokraten und des Demokratischen Aufbruchs, sondern führten auch in den ehemaligen Blockparteien wie der Ost-CDU die Regie. Die schon entmachteten SED-Machthaber hatten nicht die Wendigkeit des Spitzeltypus einkalkuliert. Die Böhmes fühlten sich sehr schnell neuen starken Herrn im Westen verpflichtet.

Unkontrollierbar geworden waren aber vor allem die DDR-Bürger. Zu Hunderttausenden demonstrierten sie für freies Reisen und freie Wahlen, zu Zehntausenden flohen sie noch immer über sozialistische Nachbarländer in die Bundesrepublik.

Es gab noch einen Abend in der letzten Phase der SED-Herrschaft, in der, so Egon Krenz später, 'wir einem Bürgerkrieg näher standen, als das geahnt wurde'. Es war genau einen Monat nach dem Marsch der 70 000 um den Leipziger Ring. Gegen Ende einer Pressekonferenz am Abend des 9. November verlas das Politbüromitglied Günter Schabowski seine berühmt gewordene Erklärung: '. . . haben wir uns entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen'.

Niemand jedoch hatte die Grenzposten von der unklaren neuen Regelung informiert. Wären die Grenzer ihren noch gültigen Vorschriften gefolgt, hätten sie notfalls auch mit der Schusswaffe gegen die über die Grenze Drängenden vorgehen müssen. Doch nirgends an der DDR-Grenze gab es Gewalt. Alleingelassen von den Befehlshabern im SED-Machtzentrum, reagierten auch die Verantwortlichen an den Grenzübergängen vernünftig und human. Sie zogen die Schlagbäume hoch. Die Mauer fiel. Es war wohl eines der menschlichsten historischen Ereignisse in der deutschen Geschichte. Es kamen Stunden, Tage der ausgelassenen Freude und naiver Erwartungen. Die Öffnung der Mauer besiegelte den Zusammenbruch der SED-Herrschaft. Sie war zugleich das vorläufige Ende der politischen Utopien. Nicht, weil der Realsozialismus endgültig gescheitert war. Den hatte ja längst selbst die radikale Linke als bürokratische Tyrannei erkannt. Die große Desillusionierung kam mit dem schnellen Ende der DDR-Revolutionäre von der politischen Bühne. Ihre Illusion, in der DDR würde 'das Volk' aktiv das eigene Schicksal bestimmen, endete schon am 10. November. Der Traum fast aller Oppositionsgruppen, sie könnten mit dem Volk der DDR eine Alternative zu stalinistischem Sozialismus und realem Kapitalismus entwickeln, war zu Ende, als dem DDR-Volk die D-Mark-Welt offen stand.

Es erfüllte sich nicht einmal die Hoffnung idealistischer Träumer, aus der DDR-Revolution werde ein neuer Politikertyp hervorgehen.

Karrieren sind systemübergreifend', erkannte der ehemalige Koordinator der Leipziger Friedensgebete, Pfarrer Christoph Wonneberger. Er musste nach seinem Hirnschlag das Sprechen neu lernen wie ein kleines Kind. Als er gerade wieder auf den Beinen war, durfte er Gast sein bei einem Festakt. Seinem Vorgesetzten und Widersacher der Wendezeit, Friedrich Magirius, wurde in der Frankfurter Paulskirche der Gustav-Heinemann-Bürgerpreis verliehen. Stellvertretend für alle, denen die 'gewaltfreie Revolution und die Freiheit in der DDR zu verdanken' war. Der immer staatsloyale Superintendent war in der Rolle des Freiheitskämpfers zum Medienstar geworden, bekam die Goldene Kamera und wurde von allen Fraktionen zum Leipziger Stadtpräsidenten gewählt. Der wieder genesene Pfarrer Wonneberger wurden in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.