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Rote Armee Fraktion: "Das Ende der Ohnmacht"

Die Rote Armee Fraktion (RAF) hat die Bundesrepublik zwei Jahrzehnte lang mit Terroraktionen überzogen. Sie entstand 1970 und löste sich 1998 selbst auf. Einige ihrer Verbrechen bleiben jedoch unaufgeklärt.

Die zunächst als Baader/Meinhof-Gruppe bekannte Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) hat in fast drei Jahrzehnten über 30 Menschen ermordet. Sie erklärte sich 1998 für aufgelöst. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft haben ehemalige Kommandokader aber inzwischen eine neue Gruppe gegründet, die aber noch nicht mit Terrorakten in Erscheinung trat. Zu den Mitgliedern zählten die früheren RAF-Mitglieder Daniela Klette und Ernst Volker Staub, heißt es.

Der Protest der RAF galt der "Monopolbourgeoisie". Den politischen Hintergrund bildeten unter anderem das Verbot der KPD im Jahr 1956, die Wiederaufrüstung, die deutsche Unterstützung für das US-Engagement im Vietnamkrieg, die Einführung der Notstandsgesetze und der Tod des Studenten Benno Ohnesorg in Westberlin während einer Protestdemonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien.

Erstmals 1970 als Gruppe aufgetreten

Als RAF trat die Gruppe erstmals bei der Befreiung des inhaftierten Kaufhausbrandstifters Andreas Baader 1970 in Westberlin in Erscheinung. Bei der von der Journalistin Ulrike Meinhof unternommenen Aktion wurde ein Justizbeamter angeschossen. Meinhof erklärte, dies sei das Ende der Ohnmacht, jetzt fange man an, "die Rote Armee aufzubauen", eine bewaffnete Auseinandersetzung zu führen und das Proletariat zu organisieren.

In den Jahren darauf folgten Banküberfälle, Mordanschläge und Sprengstoffattentate, unter anderem gegen das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Frankfurt am Main. Im Juni 1972 wurden führende Köpfe der RAF verhaftet - Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe in Frankfurt, Gudrun Ensslin in Hamburg, Brigitte Mohnhaupt in Westberlin und Ulrike Meinhof in Hannover.

Dennoch ging der Terror weiter. 1977 wurden Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der Bankchef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer ermordet. Nach dem Misslingen des Versuchs einer Palästinensergruppe, durch Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" die inhaftierten RAF-Leute freizupressen, begingen Baader, Ensslin und Raspe Selbstmord, Meinhof war bereits im Mai 1976 tot in ihrer Zelle aufgefunden worden.

"Heute beenden wir dieses Projekt"

Sie fanden Nachfolger: 1986 war bereits von der vierten RAF-Generation die Rede. 1989 wurde der Bankchef Alfred Herrhausen, 1991 den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder ermordet. 1993 sprengte die RAF einen Gefängnisneubau in Hessen. Bei der Festnahme von Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld 1993 in Bad Kleinen erschoss Grams einen Grenzschutzbeamten und fand selbst den Tod. Im Prozess Ende 1996 in Frankfurt am Main rief Hogefeld die RAF zur Auflösung auf: Der Kampf sei gescheitert. Im April 1998 erklärte sich die RAF in einer von den Ermittlern für authentisch gehaltenen Erklärung tatsächlich für aufgelöst: "Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte«, hieß es darin.

Bis 1991 hat die RAF "gezielte tödliche Aktionen" gegen "führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat" verübt. Die Terrororganisation hat sich mittlerweile aufgelöst, einige ihrer Verbrechen bleiben jedoch unaufgeklärt. "Sie wissen nicht viel über uns", verspottete die RAF 1996 in einer Erklärung die Fahnder. Von den Fällen der vergangenen Jahre konnte nur der Mord an drei US-Amerikanern vom August 1985 zu den Akten gelegt werden.

Zu den noch nicht geklärten Bluttaten zählt auch der Mord an Detlev Rohwedder, der am Ostermontag 1991 in seinem Haus im Düsseldorfer Nobelviertel Oberkassel durch das Fenster seines Arbeitszimmers erschossen wurde. Wer die Schüsse abgab, ist nach der Verfolgung von mehr als tausend Spuren immer noch ungewiss. Immerhin haben die Fahnder jetzt mit Hilfe neuer molekulargenetischer Methoden des Bundeskriminalamtes (BKA) herausgefunden, dass der 1993 getötete Wolfgang Grams beteiligt gewesen sein muss. Ein Haar auf einem am Tatort gefundenen Handtuch lenkte den Verdacht auf ihn.

Noch viele Rätsel

Rätsel gibt auch der Mord an Alfred Herrhausen, dem Chef der Deutschen Bank, auf. Der 59-Jährige fuhr am 30. November 1989 in Bad Homburg auf dem Weg zur Arbeit durch eine Lichtschranke, die eine Bombe zündete. Die gepanzerte Limousine wurde durch die Luft geschleudert. Der Bankier war sofort tot, sein Fahrer Jakob Nix überlebte schwer verletzt. Wer zu den mutmaßlich vier Mitgliedern des RAF-Kommandos "Wolfgang Beer" gehörte, weiß die Bundesanwaltschaft immer noch nicht, will aber "nicht aufgeben". Der Verdacht gegen den Ex-Studenten Christoph Seidler, der sich 1996 selbst stellte, erwies sich als falsch.

Tiefe Betroffenheit löste am 10. Oktober 1986 auch der Tod des Spitzendiplomaten Gerold von Braunmühl aus. Der 51-jährige Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt und enge Vertraute des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) wurde von einer vermummten Person auf offener Straße im Bonner Vorort Ippendorf mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Der Täter und ein Komplize flüchteten unerkannt mit einem roten PKW. Wer dem Mord-"Kommando Ingrid Schubert" angehörte, wissen die Fahnder auch heute noch nicht.

Wie Herrhausen wurde am 9. Juli 1986 der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts (56) mit einem Bombenanschlag auf sein Fahrzeug ermordet. Die Täter zündeten den in Straßlach bei München an einem Baum deponierten 10-Kilo-Sprengsatz, als das Auto des Managers vorbei fuhr. Der BMW wurde hochgeschleudert, Beckurts starb sofort, sein Fahrer kurze Zeit später. Die "heimtückischen Mörder" - so der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann - wurden nie gefasst. Als Täter verdächtigt wurde das RAF-Mitglied Horst-Ludwig Meyer; 1999 wurde der Mann bei einem Schusswechsel mit der Wiener Polizei getötet.

Fahnder tappen im Dunkeln

Auf der Suche nach den Mördern von Ernst Zimmermann tappen die Fahnder ebenfalls seit vielen Jahren im Dunkeln. Am 1. Februar 1985 hatten sich ein Mann und eine Frau unter einem Vorwand Zugang zum Haus des Vorstandsvorsitzenden der Motoren- und Turbinen-Union (MTU) in Gauting bei München verschafft und den 56-Jährigen mit einem Revolverschuss in den Hinterkopf tödlich verletzt. Laut Rebmann handelte es sich um dieselben Täter, die ein Jahr später Beckurts umbrachten. Horst-Ludwig Meyer soll auch an diesem Verbrechen beteiligt gewesen sein.

Auch nachdem die Rote Armee Fraktion 1998 ihr Ende verkündet hatte, ging der Terror weiter. Während früher Mordanschläge auf hochrangige Vertreter von Staat und Wirtschaft für Schrecken sorgten, prägten danach vermummte Autonome, Straßenkrawalle und Zerstörung das Bild von linksextremistischer Gewalt. Wie früher geht es den Akteuren um die Beseitigung des "imperialistischen, rassistischen und faschistischen Systems" in Deutschland.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat in seinem Bericht für das Jahr 2000 festgestellt, dass nach dem Ende der RAF "keine handlungsfähige linksextremistisch-terroristische Struktur (mehr) existiert, die in der Lage wäre, schwerste Anschläge bis hin zu Mordtaten zu planen und durchzuführen". Die Verfassungsschützer sehen gleichwohl weiterhin Gefahren für die innere Sicherheit, die von "gewalttätigen Extremisten vor allem aus der anarchistisch orientierten autonomen Szene" ausgehen. Dort hätten sich Kleingruppen gebildet, die zum Schutz vor Strafverfolgung überwiegend auf einen einheitlichen "Markennamen" verzichteten ("no-name-Terrorismus").

Hochspannungsmasten und Bahnstrecken als Ziele

Solche Gruppen existieren nach den Erkenntnissen der Staatsschützer in fast allen größeren Städten, insbesondere in den Ballungszentren. Insgesamt hätten sie bis zu 7000 Anhänger. Zu den bevorzugten Zielen terroristisch operierender Gruppen gehören Hochspannungsmasten und Bahnstrecken. Der jährliche Schaden geht in die Millionen.

"Vollendete Tötungsdelikte" von Linksextremisten sind in den BfV-Berichten nach 1993 nicht mehr verzeichnet, wohl aber derartige Versuche. Im Jahr 2000 waren es immerhin vier; drei Mal waren tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten Ziele des linken Terrors. Außerdem weist der Bericht 260 Fälle von Körperverletzung als Gewalttaten aus. 44 Mal wurden "gefährliche Eingriffe" in den Verkehr registriert. Insgesamt verübten Linksextremisten im vorigen Jahr 827 Gewalttaten, Rechtsextremisten wurden 998 Fälle zugerechnet.

Dusko Vukovic