HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Michael Streck: Last Call: Vom Brexit und der Schönheit des Schlangestehens

Ein paar Dinge können die Deutschen partout nicht glauben: Dass die Briten tatsächlich die EU verlassen, zum Beispiel. Oder dass es keinen Sinn macht, zu drängen. Zu besichtigen an Flughäfen, Bushaltestellen. Und in Pubs. 

Warten, stehen, freundlich sein: Schlangestehen macht in Großbritannien nur wenigen etwas aus

Warten, stehen, freundlich sein: Schlangestehen macht in Großbritannien nur wenigen etwas aus

Getty Images

Die Deutschen lieben den Brexit. Deshalb fange ich auch gleich damit an. Streng genommen lieben die Deutschen natürlich nicht den Brexit per se. Aber sie lieben es, darüber zu spekulieren, dass die Briten doch noch bleiben. Das ist eine Obsession. In regelmäßigen Abständen bekomme ich Mails, “sag mal, die machen das doch nicht wirklich?“ Oder wie diese Woche: “Jede Wette, sie gehen nicht!"

Ich bekomme die Mails meist dann, wenn auf deutschen Internetseiten, oft auf Spiegel Online, Artikel erscheinen, in denen eigentlich geschätzte Kollegen aus Hamburg oder auch aus Brüssel schreiben, dass die Stimmung in Großbritannien gerade kippt und zum Zwecke der Beweisführung obskure und wenig taugliche Umfragen etwa von Wettbüros zitieren. Das machen sie ständig und sehr zum Erstaunen der hiesigen Korrespondenten, die nichts davon merken, dass die Stimmung hier gerade kippt. Neulich war es besonders vertrackt, als der unsägliche frühere UKIP-Boss Nigel Farage erklärte, auch er sei für ein zweites Referendum. Farage sagte das allerdings nur, weil er sich sicher war, dass ein weiteres Referendum eine noch größere Mehrheit für den EU-Austritt bringen würde – und die Remainer endgültig zum Schweigen. Er hob exakt auf das Gegenteil von kippender Stimmung ab. Aber das war dann schon wieder zu kompliziert, und es hieß sinngemäß, selbst Farage wolle nun…

Die meist gestellte Frage: Exit vom Brexit?

Irgendwie hat der deutsche Hang, den Brexit zu negieren, fast etwas Romantisches. Der britische Botschafter in Berlin war mal hier und erzählte von der Frage, die ihm in Deutschland am häufigsten gestellt wird, nämlich: “Gibt es einen Exit vom Brexit?“

Es geht ihm auch nicht besser als uns. 

Also jetzt noch einmal für alle, auch und gerade die verehrten Romantiker: Die Briten gehen. Ist doof und schade. Ist aber so.

Vielleicht folgt das alles einem Muster von kulturellen Besonderheiten. Die Neigung der Briten, sich in vielen Dingen und eben auch beim Brexit etwas schwammig zu verhalten, wird auf dem Festland als Zögerlichkeit oder gar Zweifeln interpretiert. Das ist es aber nicht. Es ist vielmehr eine Mischung aus Gelassenheit, Zurückhaltung und Freundlichkeit. Die diesbezüglich besten Verhaltensstudien kann man an Bushaltestellen, in U-Bahnen, auf Flughäfen und in Pubs betreiben. Briten kämen im Gegensatz zu Deutschen nie auf die Idee, sofort aufzuspringen, wenn ihr Flug aufgerufen wird. Man erkennt sie am schlendernden Gang oder daran, dass sie in aller Ruhe noch ihr Bier austrinken, wohingegen Teutonen dazu neigen, Pässe und Ticket vorzeigefertig in den Händen zu halten und 20 Minuten sinnfrei rumzustehen. Die Briten reihen sich später gut gelaunt und angeheitert am Ende ein. 

Ihre Art ist mir inzwischen sehr viel näher, weil deutlich zivilisierter. Briten lassen selbstverständlich auch Fahrgäste in der U-Bahn erst aussteigen, ehe sie das Abteil entern. Wäre das vorstellbar in, sagen wir, Berlin?

Der britische Barcode: Immer freundlich bleiben

Noch frappierender sind die Unterschiede am Tresen. In unserer bevorzugten lokalen Schänke, dem “White Lion“, sind jeden Tag wunderbare Eigenarten zu bestaunen, der britische Barcode gewissermaßen. Das geht so: Man steht und wartet, und irgendwann fragt der Barmann oder die Barfrau, wer nun an der Reihe sei. Meistens entfaltet sich aus dieser simplen Frage ein Dialog mit anderen Wartenden, “I think it was you“. Was sehr oft mit “No, I think it was you“ beantwortet wird. Das kann nun eine Weile gehen und den Menschen hinterm Tresen auch nerven, aber das würde er nie zeigen, weil britisch und freundlich. Wenn man sich aus lauter Freundlichkeit gar nicht einigen kann, wer denn nun dran ist, kommt der kleinste gemeinsame Nenner ins Spiel: Man deutet dann in stiller und kopfnickender Übereinstimmung auf irgendein Männlein am entgegengesetzten Ende der Bar und erklärt dem immer noch geduldigen Bartender, das Männlein dort warte in Wahrheit am längsten. Das ist formvollendete Konfliktvermeidung und macht das Miteinander hierzulande leicht und bekömmlich. Es kommt gewiss nicht von ungefähr, dass in den englischen Zeitungen unentwegt irgendwelche wissenschaftlichen Studien zitiert werden, die beweisen, dass Drängeln nix bringt.

Was das alles mit dem Brexit zu tun hat?

Vermutlich eine ganze Menge. Vor dem Referendum war Barack Obama zu Gast in London, ein großer Freund Europas und der EU. Er kam auf Einladung des damaligen Premiers David Cameron und sagte einen Satz, den er rückblickend besser nie gesagt hätte: Ein Brexit würde die Briten ans Ende der Schlange bei den Handelsgesprächen mit den USA befördern. Er benutzte wohlweislich das britische Wort “queue“ statt des amerikanischen “line“ – auf dass es auch wirklich jeder verstehe. Und jeder verstand. Das Problem ist nur: Es stört hier niemanden, Letzter in der Schlange zu sein.

Das und den Brexit werden Deutsche vermutlich nie verstehen.