HOME

Deutsche Erfolge im Europapokal: Matthäus und den Rumpelfüßlern sei Dank

Der deutsche Fußball zeigt seine Muskeln in Europa: Drei Bundesligisten stehen im Achtelfinale der Königsklasse. Auch in der Europa League sieht es nach einem Durchmarsch aus. Dafür gibt es Gründe.

Von Klaus Bellstedt

War diese Woche eigentlich Champions League? Ja, war. Ging es Ihnen auch so: Haben Sie den letzten Spieltag der Gruppenphase in der europäischen Königsklasse auch nur so im Vorbeigehen verfolgt, weil die drei deutschen Starter eh schon für das Achtelfinale qualifiziert waren? Ein Bundesliga-Trio in der Runde der letzten 16, das hat es in der Geschichte der Champions League bisher nur einmal gegeben – in der Saison 2004/2005 mit Bayern, Leverkusen und Bremen. Jetzt überwintern Dortmund, Schalke und - natürlich - die Münchner in der Eliteliga. Für den deutschen Fußball ist das ein großer Erfolg, zumal sich ja auch schon Leverkusen, Mönchengladbach und Hannover in der Europa League vorzeitig fürs Weiterkommen qualifizieren konnten. Lediglich der VfB Stuttgart braucht noch einen Sieg über die Underdogs von Molde FK aus Norwegen.

So glanzvoll der historische Durchmarsch der deutschen Europapokalstarter auch ist, richtig überraschend kommt er nicht. Im Spätherbst 2012 werden – ohne den Erfolg schmälern zu wollen – lediglich die Früchte geerntet für das, was spätestens seit 2000 auf den Weg gebracht wurde. In diesem Zusammenhang lohnt ein Rückblick: Bei der EM in Belgien und den Niederlanden lieferte die deutsche Nationalmannschaft, die schon bei der WM zwei Jahre zuvor kläglich gescheitert war, unter der Führung von Erich Ribbeck eine erbärmliche Leistung ab. Mit nur einem Punkt im Gepäck kehrte die DFB-Auswahl bereits nach der Vorrunde zurück über die Grenze. Die "Deutschen tanzten wie Kühlschränke", spottete der Boulevard. Franz Beckenbauer erfand für Jens Jeremies und Co. den viel zitierten Begriff der "Rumpelfüßler".

Task Force als letztes Mittel

Auch Lothar Matthäus war damals dabei. Seine Nominierung war umstritten. Der Rekordnationalspieler, der zu dem Zeitpunkt sein Geld in der amerikanischen Operettenliga in New York verdiente, war schon fast 40 Jahre alt. Matthäus' Spielstil galt als veraltet, aber Ribbeck brachte nicht den Mut auf, auf ihn zu verzichten. Seine Berufung in den EM-Kader war aber in erster Linie auf die fehlende Qualität junger deutscher Spieler zurückzuführen. Ein gewisser Sebastian Deisler war bei dem Katastrophen-Turnier der einzige Spieler im DFB-Kader, der unter 21 Jahren war. Das Durchschnittsalter der Nationalmannschaft bei der Euro 2000 betrug stolze 32 Jahre. So konnte es nicht weitergehen. Und so ging es auch nicht weiter.

Direkt nach dem blamablen Aus wurde gemeinsam von DFB und Bundesliga ein Dringlichkeitsausschuss, eine Task Force unter der Führung von Karl-Heinz Rummenigge gegründet. Gesucht wurden Antworten auf die Kernfrage, wie man es schafft, den deutschen Fußball mittel- bis langfristig wieder konkurrenzfähig zu machen? Als Reaktion auf die bedenkliche Entwicklung nach 1998, die im EM-Reinfall mündete, wurde schließlich das System der Nachwuchsförderung revolutioniert - von dem die Nationalmannschaft bereits seit 2006 profitiert, die sich nun aber mit zunehmender Nachhaltigkeit auch auf Clubebene bemerkbar macht. Sinnbildlich hierfür stehen Spieler wie Lewis Holtby und Julian Draxler von Schalke 04 oder das Dortmunder Duo Marco Reus und Mario Götze, alle vier erst Anfang 20 und hoch talentiert. Mal abgesehen von Deisler gab es damals Spieler dieser Klasse nicht.

Parallelen bei Götze und Draxler

Warum, erklärt Ulf Schott, der seit 1997 beim DFB arbeitet und maßgeblich für den Aufbau der Talentförderung in Deutschland verantwortlich ist, im Gespräch mit stern.de: "Zur Jahrtausendwende hatte die Nachwuchsarbeit in Deutschland eine geringe Lobby. Zwar wurde sie als wichtig propagiert, aber bezüglich finanzieller Unterstützung wurde die Bedeutung relativiert." Mit der Task Force wurde alles anders. Als Vorbilder in Sachen Jugendarbeit galten damals die Niederlande und Frankreich. Bei der Ausarbeitung eines tragfähigen Konzepts orientierte man sich deshalb auch bei den Nachbarländern. "Heraus kam kein kopiertes System, sondern ein für Deutschland erarbeitetes Gesamtkonzept. Die Clubs wurden damit in die Pflicht genommen", sagt Schott. So entstanden die Einrichtungen, die heute die Leistungszentren sind. Ab 2001 wurde beschlossen, dass die Nachwuchsschmieden verpflichtende Lizensierungsvoraussetzungen für die Bundesligisten sind. Ab 2002 waren sie auch in der zweiten Liga obligatorisch.

Profiteure der verpflichtenden Nachwuchsförderung sind nun Spieler wie Götze oder Draxler – beides Akteure einer goldenen deutschen Fußballergeneration. Götze durchlief ab einem Alter von neun Jahren fast alle Jugendabteilungen von Borussia Dortmund. Der Werdegang des ein Jahr jüngeren Julian Draxler ist identisch, nur dass der, angefangen bei den U-9-Junioren bis hin zur U-19-Mannschaft, die Schalker Jugendteams durchschritt. Der Übergang zu den Profis fiel den beiden auch deshalb so leicht, weil sowohl beim BVB als auch beim großen Rivalen von der Pieke auf einheitliche taktische Spielformen praktiziert werden.

Übrigens genauso wie beim DFB. Götze und Draxler tragen schon lange das Trikot mit dem Adler auf der Brust – und sind mittlerweile ganz oben angekommen: Beide standen zuletzt im Aufgebot der A-Nationalmannschaft für das Testspiel in Amsterdam gegen die Niederlande. Der Aufstieg dieses Duos ist das perfekte Beispiel für kontinuierliche uns nachhaltige Nachwuchsförderung – sowohl auf Club- als auch auf Verbandsebene.

Ohne Ribéry und Huntelaar wäre es schwer, aber ...

Natürlich bestehen die Mannschaften von Borussia Dortmund, Schalke 04 oder den Bayern nicht nur aus deutschen Nationalspielern, die im Idealfall auch noch im eigenen Verein ausgebildet wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer der drei Bundesliga-Clubs ohne Huntelaar, Lewandowski und Ribéry die Champions League gewinnen kann, ist eher gering. Aber das Gerüst und die Basis dafür, dass die deutschen Clubs endlich auch auf europäischer Bühne ihre Muskeln spielen lassen, besteht nun mal aus den Neuers, Müllers, Hummels' und Neustädters dieser Fußballrepublik. Erich Ribbeck und seinen Rumpelfüßlern sei Dank.

Wissenscommunity