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Fulminantes Comeback nach Verletzung Der Alleskönner – warum Leon Goretzka für den Bundestrainer ein Geschenk ist

Multitalent Leon Goretzka kehrte nach mehrwöchiger Verletzungspause auf den Platz zurück
Bereit zum Einsatz: Defensivspezialist Leon Goretzka kehrte im Spiel gegen Portugal nach mehrwöchiger Verletzungspause fulminant auf den Platz zurück
© Gladys Chai von der Laage/ / Picture Alliance
Nach der Verletzung von Thomas Müller könnte Leon Goretzka auf den deutschen EM-Zug aufspringen: Der gebürtige Bochumer, eigentlich ein Defensivspezialist, ist vielseitig begabt und bietet sich gegen Ungarn sogar als Spielmacher an.

Der Schweizer Trainer Lucien Favre hat den deutschen Fußball um eine schöne Vokabel bereichert. "Polyvalent" nennt Favre Spieler, die auf vielen Positionen einsetzbar sind und immer dort helfen können, wo gerade Not herrscht. Favre mochte solche Spieler besonders, und bei Borussia Dortmund, seiner letzten Station als Trainer, hatte er einige davon. Wie zum Beispiel Marco Reus, der überall im Mittelfeld und im Sturm spielen kann.

Sowohl Favre als auch Reus fehlen in diesen Wochen bei der Europameisterschaft. Favre ist derzeit ohne Job, und Reus meldete sich bei Bundestrainer Joachim Löw für die EM ab. Sein Körper brauche eine Pause, sagte er.

Favre, Freund der Polyvalenz, wird aber auch als Beobachter seine Freude am EM-Turnier haben. Vor allem die deutsche Mannschaft hat so einige Spieler in ihren Reihen, die vielseitig begabt sind: Kai Havertz kann überall aufgestellt werden – außer als Torwart. Joshua Kimmich ebenfalls, und Thomas Müller fühlt sich zumindest auf allen offensiven Planstellen wohl.

Seit Samstagabend, seit dem rauschhaften 4:2 gegen Portugal, ist das DFB-Team um ein Multitalent reicher: Leon Goretzka, 26, kehrte nach mehrwöchiger Verletzungspause auf den Platz zurück. In der 82. Minute hätte Goretzka beinahe das 5:2 erzielt. Aus 16 Metern zog er ab – sein Ball berührte noch leicht die Latte, verfehlte aber das Tor.

Doch trotz dieses Fehlschusses glückte das Comeback des gebürtigen Bochumers, der seit 2018 beim FC Bayern unter Vertrag steht. Nach der Auswechslung von Havertz (73.) rückte Goretzka, eigentlich ein Defensivspieler, ins vordere Drittel des Mittelfelds und verteilte mit Umsicht die Bälle.  

Im letzten Vorrundenspiel der Deutschen gegen Ungarn am Mittwoch (21 Uhr, ZDF) wird Goretzka womöglich auf diese Position zurückkehren. Denn Thomas Müller, sein Mannschaftkollege aus München, erlitt im Portugal-Spiel eine Kapselverletzung am rechten Knie. Ob Müller rechtzeitig einsatzfähig sein wird, ist derzeit noch fraglich.

Goretzka sagte am Montag, dass er sich "auf der Position vom Thomas" auch sehr wohlfühle – ein kleiner Wink an den Bundestrainer, ihn gegen Ungarn doch bitte von Beginn an zu berücksichtigen.

Leon Goretzka steht bereit – aber kommt es auch zur dauerhaften Rückkehr ins Team?

Joachim Löw hatte für Goretzka ursprünglich eine tragende Rolle im Team vorgesehen, bis ein Muskelfaserriss im Oberschenkel diese Pläne durchkreuzten. Vor allem im ersten EM-Spiel gegen Frankreich (0:1) hätte ein großgewachsener, athletischer Typ wie Goretzka dem DFB-Team gutgetan. Die beiden Sechser-Positionen vor der Abwehr sind nämlich fachfremd besetzt: Ilkay Gündogan und Toni Kroos sind zwar technisch hochbegabt, aber bestimmt keine Abräumer, wie das in der Fußballer-Sprache heißt. Kroos fehlt dazu das Tempo und Gündogan ein robuster Körper.

Goretzka signalisierte am Montag, dass er vollständig genesen sei und sagte: "Für mich kann das Turnier jetzt richtig losgehen."

Denkbar ist auch, dass Goretzka gegen Ungarn neben Kroos auf die Position sechs rückt und Gündogan sich weiter vorwagt, unmittelbar hinter die Spitzen. Diese Rolle besetzte Gündogan in der vergangenen Saison sehr erfolgreich unter Pep Guardiola bei Manchester City. Die Mannschaft holte die englische Meisterschaft – auch wegen zahlreicher Tore und Vorlagen von Gündogan – und erreichte das Finale der Champions League.

Goretzka sehnt sich jedenfalls nach einer dauerhaften Rückkehr ins Team, das wurde am Montag deutlich. Die Atmosphäre in der Münchener Allianz Arena während des Spiels gegen Portugal hat er genossen. Obwohl nur 13.000 Zuschauer im Stadion waren, habe es sich "angefühlt, als ob es ausverkauft gewesen ist". Überhaupt will Goretzka eine Fußball-Euphorie im Land erkennen: "Es ist schön, dass wir jetzt wieder 82 Millionen Bundestrainer haben und nicht 82 Millionen Virologen."

Das Spiel gegen Ungarn wird ein besonderes werden für Goretzka und seine Mannschaft – nicht nur, weil es um den Einzug ins Achtelfinale geht. Möglicherweise wird das Münchener Stadion in Regenbogenfarben erleuchten, als Solidaritätsdresse an all diejenigen, die unter Homophobie in Ungarn zu leiden haben. Unlängst hatte das ungarische Parlament ein Gesetz gebilligt, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Bezug auf Homosexualität und Transsexualität beschneidet.

Goretzka sprach sich jedenfalls für ein deutliches Zeichen aus: "Wir wollen Homophobie und Rassismus mit Vielfalt begegnen."

Wie genau dieses Zeichen der Mannschaft und des DFB aussehen wird, war am Montag noch offen. Das Stadion regenbogenfarben zu illuminieren, verstößt gegen das technische Regelwerk der Uefa. Schon um Manuel Neuers bunte Kaptitänsbinde im Spiel gegen Frankreich hatte es Irritationen gegeben. Die Uefa leitete Ermittlungen ein, sah aber von einer Bestrafung ab, da Neuer "aus einem guten Grund" die symbolträchtige Binde getragen habe.


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