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P. Köster: Kabinenpredigt: Hassplakate gegen Hopp - warum die Schnappatmung des Fußballestablishments verlogen ist

Es brodelt im deutschen Fußball. Das Verhältnis zwischen Klubs, Fans und dem DFB ist nach den Schmähplakaten gegen Dietmar Hopp kompliziert. Wie geht es weiter im deutschen Fußball? Ein Lagebericht.

Von Philipp Köster

Stern Stimme Köster Bayern

Zäsur im deutschen Fußball: Beim Spiel Hoffenheim gegen Bayern München kam es wegen Hassplakaten gegen Mäzen Dietmar Hopp aus der Bayern Kurve zum Eklat

DPA

Der 29.Februar 2020 wird in die Geschichte der Bun­desliga eingehen. Weil Bayern-Fans beim Spiel in Hoffenheim Dietmar Hopp, den milliardenschweren SAP-Mitgründer und langjährigen Besitzer des Bun­desliga-Klubs TSG Hoffenheim, auf Plakaten beleidigt hatten, waren zunächst Funktionäre und Spieler der Bayern wütend in die Kurve gerannt. Und nach zweimaliger Unterbrechung durch den Schiedsrichter hatten sich die Spieler beider Mannschaften rund um den Mittelkreis den Ball zugekickt, ohne aufs Tor zu schießen, während draußen am Spielfeldrand Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge Dietmar Hopp ergriffen seine uneingeschränkte Solidarität versicherte.

Wenn es nach den Funktionären des DFB und der Klubs geht, war dieser Moment eine Zäsur für den Profifußball, ein Fanal der Zivilcourage, die Stunde null im Kampf gegen Hass und Gewalt. Flugs wurden die Schmähbanner in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt, vermengt mit den Morden von Hanau – als Beleg für die unaufhaltsame Verrohung der Gesellschaft. "Jetzt muss durchgegriffen werden", polterte der DFB-Präsident Fritz Keller abends im ZDF-"Sportstudio" und gab damit all jenen Büchsenspannern eine Stimme, die von jeher in mehr Kontrollen, mehr Strafverfahren und mehr Stadionverboten den richtigen Weg sehen, um renitente Fans zum Schweigen zu bringen.

Doch je mehr sich die Vereinsbosse auch Mühe gaben, die Sinsheimer Ereignisse als nie zuvor dage­wesenen Zivilisationsbruch und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu etikettieren, desto mehr fiel auf, dass der deutsche Profifußball in den vergangenen Jahren weit weniger moralischen Rigorismus an den Tag gelegt hat, wenn es darum ging, rassistische Rufe oder sexistische Banner zu verurteilen. Als Mesut Özil nach der verkorksten WM 2018 von rechtsaußen attackiert wurde, schwiegen die DFB-Würdenträger beharrlich. Als Hoffenheimer Fans den Leipziger Stürmer Timo Werner als "Hurensohn" attackierten, ermittelte kein Sportgericht. Und als Hertha-Spieler Jordan Torunarigha neulich beim Pokalspiel auf Schalke rassistisch angepöbelt wurde, geriet der Kicker beinahe noch in Beweisnot, sich nicht verhört zu haben. Ganz zu schweigen von den zahlreichen homophoben Bannern, die immer mal wieder von Fankurven präsentiert werden.

Schnappatmung des Fußballestablishments

Das alles nährt den Verdacht, dass die Schnappatmung, die weite Teile des Fußballestablishments befiel, auch etwas damit zu tun hatte, wer da attackiert wurde. Wäre Hopp kein mächtiger Klubboss und Sponsor, hätte sich die Entrüstung der Bayern-Funktionäre womöglich in engeren Grenzen gehalten.

Wobei ja der Treppenwitz dieses Konflikts ist, dass es den Anhängern längst nicht mehr um Dietmar Hopp geht. Auch in den Fankurven ist es längst Konsens, dass die Plakate mit Hopps Konterfei nicht akzeptabel sind, selbst dann nicht, wenn man sich die Interpretation des Fadenkreuzes als "Aufforderung zum Mord" nicht zu eigen macht. Hopp ist zum Symbol für einen anderen Kampf zwischen den Kurven und dem Verband geworden, nämlich darum, wer in Zukunft überhaupt noch ins Stadion gehen soll.

Dietmar Hopp

Es ist kein Geheimnis, dass die Atmosphäre, wie sie bei der TSG Hoffenheim oder beim Getränke-Franchise RB Leipzig herrscht, den DFB-Oberen als leuchtendes Vorbild dient: friedlich, aseptisch und kompatibel für jede Form des Kommerzes. Für die meisten Fanszenen hingegen sind diese Unterhaltungstempel das warnende Beispiel für die Deformationen des Fußballs, für den Tod der Fußballkultur.

Dieser Konflikt ist nicht zu lösen, nur zu moderieren. Die Vorstellungen der Ultras von selbstbestimmten Tribünen, von einem Platz, an dem eine oft harte und provokante Jugendkultur sich ausleben kann, wird nie zusammenpassen mit den Begehrlichkeiten einer Entertainment-Industrie, die eine möglichst fusselfreie Unterhaltung für die ganze Familie bieten will.

Klubs und Fans haben sich bisher miteinander arrangiert

Bisher haben sich Klubs und Fans stets miteinander arrangiert, und beide haben davon profitiert. Aber hat die Liga, haben die Klubs nun die Strategie gewechselt? Das würde bedeuten, dass der Konflikt mit den Kurven in den nächsten Wochen durch die Funktionäre bewusst auf die Spitze getrieben werden muss, um anschließend möglichst viele Anhänger mit Strafverfahren und Stadionverboten belegen zu können. Schalkes Vorstand Jochen Schneider gab dafür die durchschaubare Vor­lage, als er ankündigte, die Mannschaft künftig direkt vom Platz zu schicken und nicht erst den Drei-Stufen-Plan der Fifa mit Vorwarnungen abzuwarten. Dann würden zahlreiche Spiele abgebrochen – und das wäre eine tatsächlich nie zuvor dagewesene und bewusst herbeigeführte Krise des deutschen Profifußballs.

Wahrscheinlicher ist, dass die Klubs in diesen Konflikt eher unabsichtlich hineingestolpert sind und sich in ihrem hektischen Aktionismus und der plötzlichen Moralstrenge in eine strategische Lage gebracht haben, in der sie sich vollkommen von den Kurven und deren Wohlverhalten abhängig gemacht haben. Die Ratlosigkeit ist dabei allumfassend. Wie alles weitergehen soll, wenn nun reihenweise Spieler vom Platz gehen und Spiele abgebrochen werden? "Ja, dann müssen wir mal sehen", sprach DFB-Präsident Fritz Keller bei seinem irrlichternden Auftritt im "Sportstudio". Klar dürfte sein, dass reihenweise vorzeitig beendete Spiele die Position der Liga in den gerade anstehenden Verhandlungen um die TV-Rechte auch nicht gerade stärken.

Scharfmacher haben dem Fußball immer geschadet

Es hat Klubs und Fankurven bisher ausgezeichnet, dass sie auch nach größten Verwerfungen wieder zu­einander gefunden haben. Doch derzeit wird nur übereinander und nicht miteinander gesprochen. Und das bisweilen in gewöhnungsbedürftigem Ton, wenn etwa der Hopp-Anwalt Christoph Schickardt davon spricht, man müsse nun "ein paar abgreifen" und "auch mal einen Tag in der Zelle lassen". Dabei haben Scharfmacher dem Fußball immer geschadet, auf allen Seiten. Ge­spräche hingegen können ein Weg sein. Darüber, wie alle einen Platz im Stadion finden. Und darüber, dass sich die Anhänger demnächst auch mal wieder auf das konzentrieren können, was wirklich wichtig ist: auf den Fußball.

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