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Athen 2004 stern-Serie: Muskelspiele

"Go for the Gold" ist das Olympia-Motto von 1984 in Los Angeles. Aber vor allem geht es um Money. Die Wettkampf-Arenen werden von nun an zu Werbebühnen, die Profis treiben sich stärker denn je per Doping zu Höchstleistungen. Den hässlichsten Skandal bringt Seoul 1988.

Von Teja Fiedler

Zischend und fauchend fuhr der Raketenmann an seinem Düsenrucksack zur Erde nieder, und 100 000 Zuschauer im Coliseum sahen diesem Science-Fiction-Happening zur Eröffnung der Spiele von 1984 voller Staunen zu. Willkommen Zukunft! Willkommen schöne neue Olympiawelt! Wo Sportlerinnen spannenlange, knallbunt gefärbte Fingernägel tragen, überdimensionale Bierreklamen das Stadion säumen - und Athleten von ihrem Vermarktungspotenzial mindestens ebenso häufig reden wie von ihren Endkampfchancen.
Vorbei die Zeit der staatlich gesponserten Spiele, an deren Ende sich fast immer ein Finanzloch von schwindelerregender Tiefe auftat. München, Montreal, Moskau: Jedes Mal hatte die öffentliche Hand so massiv draufzahlen müssen, dass sich für Olympia 1984 als einziger Kandidat Los Angeles gemeldet hatte. Mit einem revolutionären Konzept: Die Kalifornier wollten die Spiele meistbietend verkaufen.

Angesichts dieses Sakrilegs hätte sich Pierre de Coubertin, der Vater der hehren olympischen Ideale, geschämt, und Avery Brundage, der unerbittliche Verfechter des Amateurgedankens, hätte einen seiner berüchtigten Wutanfälle bekommen, wären sie noch an der Spitze des IOC gewesen. Doch 1984 hieß der Präsident Juan Antonio Samaranch. Und dieser so wendige wie selbstherrliche Spanier war fest entschlossen, den olympischen Sport für den Markt zu öffnen. Ein IOC-Mitglied: "Als Samaranch kam, stieß er alle Fenster zum Kommerz weit auf."

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde 1981 die Amateur-Regel ganz gestrichen. Bereits in Los Angeles durfte jeder um den Lorbeer kämpfen, ganz egal, wie viel Geld ihm sein Sport einbrachte. Ab 1988 waren dann sogar Tennis-Groß-Verdiener wie Steffi Graf oder Stefan Edberg am Start. Vier Jahre später toppten die Basketballstars des amerikanischen "Dream Teams" noch die Tennisprofis auf der nach oben offenen Moneten-Skala. Für die luxusgewohnten Newcomer bedeutet Olympia seitdem eine Art Abenteuerurlaub. Steffi Graf fand es zum Beispiel richtig "klasse", in der Kantine des olympischen Dorfs von Seoul mit ihrem Tablett zwischen namenlosen Gewichthebern oder Kanutinnen Schlange stehen zu dürfen, während Magic Johnson und Michael Jordan sich in Barcelona schon manchmal fragten, wo denn ihre Stretch-Limo bliebe.

In Los Angeles ließ Samaranch

Peter Ueberroth, dem Chef-Organisator der Spiele, freie Hand, 500 Millionen Dollar von rund 30 Groß-Sponsoren einzukassieren. Deren Werbeflächen beherrschten dann den Umkreis des Stadions. Außerdem verhökerte der gelernte Reisekaufmann jeden Kilometer des olympischen Fackellaufs für 3000 Dollar. Der US-Fernsehsender ABC kaufte die Übertragungsrechte für 225 Millionen und durfte dafür mit "werbegünstigen" Anfangszeiten der Wettbewerbe in den Abendstunden rechnen. So schlossen die ersten Kommerzspiele der Neuzeit mit einem Plus von über 200 Millionen Dollar ab. Seit Los Angeles gab es denn auch nie wieder einen Mangel an Bewerbern.

Einen kleinen Schönheitsfehler hatte Los Angeles: Die UdSSR und ihre Verbündeten fehlten. Als Retourkutsche für den Boykott der Moskauer Spiele von 1980 durch die USA und andere westliche Staaten sagten sie "aus Sicherheitsgründen" ab. Dass erstmals die Volksrepublik China am Start war, wog dieses Manko nicht auf. Wieder einmal war der Weltsport halbiert. Das amerikanische Publikum störte dies nicht. Im Gegenteil, ohne lästige Kommunistenkonkurrenz entwickelten sich die Tage von Los Angeles zu einer hemmungslosen nationalen Selbstfeier. Zuschauer und Athleten schwangen überdimensionale Sternenbanner, das heimische Fernsehen bejubelte in endlosen Features den eigenen Bronzemedaillengewinner und unterschlug den Sieger aus einem anderen Land. "Go for the Gold" war Motto der Spiele.

In diesem amerikanischen Monumentalschinken verdiente sich das bundesdeutsche Team einen Oscar für die beste Nebenrolle. Michael Gross, der Schwimmer mit der fast übermenschlichen Arm-Spannweite, rauschte - "Albatros flieg!" - zu zweimal Gold und zweimal Silber. Ulrike Meyfarth gewann mit zwölf Jahren Abstand von ihrem Sieg in München fast genauso überraschend erneut die Goldmedaille im Hochsprung. Diesmal musste sie 2,02 Meter überqueren, zehn Zentimeter mehr als 1972.

Zwei große deutsche Athleten mussten sich zwei größeren Konkurrenten geschlagen geben. 400-Meter-Hürdenläufer Harald Schmid, der jahrelang alles in Grund und Boden gelaufen hatte, mit einer Ausnahme, verlor wieder einmal gegen diese Ausnahme, den Extra-Könner Edwin Moses, der Schmid regelmäßig die Absätze sehen ließ. Und Jürgen Hingsen, der Zehnkämpfer mit dem starken Körper und den schwachen Nerven, unterlag dem Briten Daley Thompson, einem Kind aus den Slums, mit allen Wassern gewaschen. Dessen Psychotricks war der treudeutsche Siegfried einfach nicht gewachsen.

Vier Jahre später, in Seoul, verursachte Hingsen beim 100-Meter-Lauf, der ersten Zehnkampf-Disziplin, drei Fehlstarts und wurde disqualifiziert. Sollte ein erfahrener Athlet wirklich so durchgeknallt sein, dreimal zu früh loszulaufen? Oder spielte er bewusst den Deppen der Nation, um so der Dopingkontrolle zu entgehen?

Panik wäre in diesem Moment sehr verständlich gewesen. Denn die Spiele von Seoul hatten vor Hingsens Fehlstart den größten Dopingskandal der olympischen Geschichte erlebt. Die Muskelmaschine Ben Johnson aus Kanada war in einem atemberaubenden 100-Meter-Finale mit der neuen Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden ins Ziel gestampft. 36 Stunden später wurde aus dem Triumph ein Trauerspiel. Am 27. September 1988 gegen drei Uhr morgens klopften kanadische Funktionäre an der Tür des neuen Nationalhelden: "Ben, sie haben dich erwischt." In Johnsons Urin wurde das Anabolikum "Stanozolol" in so großer Menge gefunden, dass selbst wohlmeinende Dopingfahnder an ihr nicht vorbeisehen konnten. Der Kanadier wurde disqualifiziert, sein Weltrekord annulliert. Carl Lewis erhielt nachträglich Gold.

Die weltweite Entrüstung

war umso lautstärker, als man mit dem naiven Einwanderer aus Jamaika einen wunderbaren Blitzableiter hatte, der für den Augenblick alle Kritik am großen Anabolika-Schlucken auf sich zog. So konnte die olympische Familie sich weiter ungeniert über die grandiose Sprinterin Florence Griffith-Joyner freuen, die im reifen Athletenalter von 28 eine erstaunliche Wandlung vollzogen hatte. 1984 war sie noch eine ranke Silbermedaillen-Gewinnerin über 200 Meter gewesen und vor allem durch ihre bleistiftlangen, bunten Fingernägel aufgefallen.

1988 hatte sich der Umfang ihrer Oberschenkel verdoppelt und ihre Stimme um eine Oktave gesenkt. Mancher Beobachter meinte sogar, über dem knallroten Mund von "Flo" ein Bärtchen zu entdecken. Die Athletin trommelte jetzt Weltrekordzeiten auf die Bahn, die bis heute keine Läuferin auch nur annähernd wieder erreicht hat. Doping? Keineswegs, sagte Griffith-Joyner entrüstet. Sie habe im Winter lediglich Gewichte gestemmt und täglich gebetet. Nach ihrem Doppelsieg in Seoul über 100 und 200 Meter trat sie nie wieder an. Florence Griffith-Joyner starb 1998 an einem epileptischen Anfall, so der Obduktionsbefund.

Nichts und niemand störte auch die Euphorie über die Schwimmerin Kristin Otto, mit sechs Goldmedaillen die erfolgreichste Olympionikin von Seoul. Achselzucken bei den Oberen des internationalen Schwimmsports: Weder Otto noch ihre DDR-Mannschaftskolleginnen seien jemals bei einer Dopingkontrolle aufgefallen. Und Kristin Otto behauptet stets, nur Erlaubtes gemacht zu haben. Zwei Jahre später bewiesen Dokumente aus der Konkursmasse des DDR-Sportwunders, dass praktisch alle Spitzenkräfte über Jahre hinweg das Anabolikum "Turinabol" geschluckt hatten. Die regel- mäßige Einnahme steigerte die Leistung laut wissenschaftlicher Begleitliteratur um durchschnittlich sechs Prozent - die ent- scheidenden sechs Prozent, die aus einer Finalteilnahme einen Platz auf dem Treppchen machten und aus der DDR eine Sportgroßmacht. Die Hormonkuren wurden so rechtzeitig vor wichtigen Wettkämpfen beendet, dass die verbotenen Substanzen im Urin nicht mehr nachweisbar waren.

Jenseits von Johnsons Fehltritt war für die Offiziellen die olympische Welt in Seoul trotz der Doping-Disqualifikation einiger weiterer Athleten aus Randsportarten also noch in Ordnung. Und erstmals seit langem boykottierte fast keine Nation aus politischen Gründen die Spiele.

1992 lud IOC-Präsident Samaranch in seine Heimatstadt Barcelona ein. Mit dem Kommunismus war in der Sowjetunion und den übrigen sozialistischen Ländern Osteuropas auch das Konzept des Staatsamateurs zusammengebrochen. Die russische Mannschaft konnte nur teilnehmen, weil die Wodkafirma "Smirnoff" die Reisekosten übernahm. Das geteilte Deutschland war wiedervereint. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende ihres flächendeckenden, "wissenschaftlichen" Staatsdopings, doch nicht das Ende des weltweiten Dopingproblems. Zwar hatten einige Sportarten, etwa die Leichtathletik, inzwischen Kontrollen im Wettkampf und sogar unangemeldete Tests beim Training eingeführt (als Folge sank besonders bei den Frauen das Leistungsniveau dramatisch). Doch die Fahnder waren in vielen Ländern mehr als lasch. Und stets kamen neue Wundermittel wie etwa HGH, das menschliche Wachstumshormon, auf den schwarzen Markt, die von der Drogenanalyse noch nicht geortet werden konnten. So waren und sind bis heute die außergewöhnlichen Leistungen, zu denen moderne Athleten fähig sind, oft mit einem großen Fragezeichen versehen: Wurden sie sauber erzielt?

In Barcelona siegte der Brite Linford Christie über 100 Meter im überreifen Athletenalter von 32 Jahren. In Kollegenkreisen hieß Christie "die Apotheke". Christie stritt die Einnahme verbotener Substanzen immer ab. Und alle drei Medaillengewinner im Kugelstoßen waren in ihrer Karriere schon einmal als Anabolika-Sünder ertappt worden. Am sichtbarsten war das Dopingproblem im Frauenschwimmen. Hier fuhren die Chinesinnen da fort, wo die DDR-Mädchen aufgehört hatten. Die "chinesischen Schränke" waren zu schnell, zu muskulös, zu männlich. Niemand glaubte, dass der plötzliche Medaillenregen für die Athletinnen aus Fernost nur auf altorientalische Hausmittel wie Schildkrötenblut oder getrockneten Hirschpenis zurückzuführen sei. Zwei Jahre später wurden chinesische Weltklasse-Schwimmerinnen reihenweise durch verbesserte Analysemethoden des Dopings überführt. Das Pekinger Schwimmwunder endete so schnell, wie es begonnen hatte.

"Wir sind die einzige schwarze Stadt der Welt, die eine Chance hat, die Spiele zu kriegen." So beschwor der Farbige Andrew Young, ehemaliger amerikanischer UN-Botschafter, die schwarzafrikanischen Staaten, für Atlanta als Ausrichtungsort der Spiele 1996 zu stimmen. Tatsächlich ist die Bevölkerung der Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia zu zwei Dritteln afrikanischen Ursprungs.

Hoher Favorit für dieses Jubiläumsdatum war jedoch Athen. Da hatten 100 Jahre zuvor die ersten Spiele der Neuzeit stattgefunden, und es schien logisch, dass Olympia zum Hundertsten dorthin zurückkehren sollte. Überraschend aber erhielt Atlanta den Zuschlag. Nicht nur wegen der Stimmen aus Afrika. "Coca-Cola, Coca-Cola", riefen wütend die Repräsentanten von Athen, als das Ergebnis verkündet wurde. Atlanta ist Hauptsitz des Getränkemultis, und Coca-Cola ist seit 1928 ein Hauptsponsor Olympias.

War Los Angeles die große Oper der Geschäftstüchtigkeit, so erschien Atlanta zwölf Jahre später als die bonbonfarbene Operette. Dem Big Business gegenüber hatte Olympia in der Ära Samaranch alle Berührungsängste abgelegt. Der allmächtige Präsident erhielt eine jährliche Aufwandsentschädigung von einer halben Million Dollar. Steuerfrei. Seine Vorgänger hatten ehrenamtlich gearbeitet. Olympia konnte sich diese kleine Zuwendung leisten. Allein die TV-Rechte für Atlanta hatten 900 Millionen Dollar gebracht, das Marketingprogramm der vergangenen Jahre über drei Milliarden.

So verbrüderten sich in Atlanta Kitsch und Kommerz. Auf dem Weg zum Stadion grüßten aufblasbare Figuren von "Sportgrößen" wie Elvis Presley oder Marilyn Monroe. Im "Jahrhundert-Park" wachte eine Bronzestatue des Barons de Coubertin über die Einhaltung des olympischen Geistes - direkt vor dem "Budweiser"-Bierzelt und Riesenbildschirmen mit Dauerwerbung. Smarte Jungunternehmer installierten Tanzzelte mit Topless-Mädchen, sehr zum Ärger der Herren vom IOC - floss doch das Geld aus dieser nicht lizenzierten Privatinitiative an den olympischen Konten vorbei.

In den frühen Morgenstunden des 27. Juli erschütterte ein Bombenattentat den Jahrhundertpark. Eine selbst gebastelte Rohrbombe, mit Schwarzpulver und Nägeln gefüllt, tötete einen Menschen und verletzte mehrere schwer. Der mutmaßliche Attentäter war, wie sich zwei Jahre später herausstellte, ein verbohrter weißer Sektierer, der auch Sprengstoffanschläge auf Abtreibungskliniken verübt hatte und irgendwie ein Zeichen gegen den "Internationalismus" setzen wollte. Anders als 1972 in München gab es nach dieser erneuten Attacke auf den olympischen Frieden keine Diskussion, ob die Spiele weitergehen sollten. Nur die Sicherheitsmaßnahmen wurden verschärft.

Sportlich verabschiedete sich der 35-jährige Carl Lewis mit seiner vierten Goldmedaille im Weitsprung von der großen Bühne. Der Kanadier Donovan Baily, einer seiner Nachfolger im Sprint, verbesserte den Weltrekord über 100 Meter auf 9,84 Sekunden und ließ seine Landsleute die Dopingschande Ben Johnsons vergessen.

Millenniumsjahr 2000. Zeitenwende. Irgendwie dämmerte es auch den IOC-Fürsten und ihrem greisen König Samaranch nach 20 Jahren olympischem Turbo-Kommerz, dass die Spiele nicht mit den Plastikflammen von Coca-Cola und den Märchen vom Schildkrötenblut ins nächste Jahrtausend gehen konnten. In Sydney sollten sie den Coubertinschen Geist wieder reiner und unverfälschter atmen.

Ein Labor für das inzwischen

berüchtigte Blutdoping mit EPO wurde erstmals eingerichtet. Auch die klassischen Tests auf Muskelpräparate schienen besser zu greifen. Es ist kein Zufall, dass in Sydney nicht ein einziger Weltrekord in der Leichtathletik aufgestellt wurde. Nach der Wildwest-Vermarktung in Atlanta erlaubte man nur noch einer begrenzten Zahl von Edelmarken, im Zeichen der fünf Ringe zu brillieren. Ebbe in der Kasse mussten Samaranch und Co. dennoch nicht befürchten. Allein die europäischen Übertragungsrechte der Spiele von 2000 bis 2008 brachten knapp 1,5 Milliarden Dollar ein.

Fast 100 Jahre nach den infamen "Anthropologischen Tagen" der Spiele in St. Louis, wo die weißen Herrenmenschen ihre "Neger" und Indianer an Stangen hatten hochklettern lassen, wurden die australischen Ureinwohner von den Veranstaltern als gleichberechtigte Mitbürger behandelt. Als dann die Aborigine-Frau Cathy Freeman den Weißen auch noch den Gefallen tat, den 400-Meter-Lauf zu gewinnen, herrschte Down Under geradezu vollkommene Harmonie - fürs Selbstbewusstsein der Weißen gab es ja noch Ian Thorpe, den hellhäutigen Krauler, der dreimal Gold holte.

Die deutschen Medaillengewinner erinnerten ein wenig an die Helden eines Spätwesterns: Sie ritten glorreich in den Sonnenuntergang. Die erprobten Kämpen Astrid Kumbernuss, 30 (Kugel), und Lars Riedel, 33 (Diskus), hatten 1996 Gold gewonnen, diesmal reichte es zu Bronze und Silber. Die 35-jährige Heike Drechsler war bereits 1992 Weitsprung-Erste geworden, das gelang ihr jetzt mit eher mittelmäßigen 6,99 Metern wieder. Die Kanutin Birgit Fischer, 38, brachte nach 20-jähriger Karriere sogar noch zweimal Gold aus Sydney nach Hause. Mit insgesamt sieben Gold- und drei Silbermedaillen war und ist sie die erfolgreichste deutsche Athletin aller Zeiten. Hinter diesen Sportdenkmälern aber herrschte bei den Deutschen in vielen Disziplinen die große Leere. Sie lässt für die Spiele in diesem Jahr wenig Gutes erwarten.

Ziemlich unerwartet könnten auch die erfolgsverwöhnten US-Sprinter in Athen weniger Medaillen erlaufen. Denn neuerdings nimmt der US-Sport die Dopingbekämpfung ernst, was früher nicht immer der Fall war. In Sydney beherrschte die stets lächelnde Marion Jones die 100- und 200-Meter-Strecke nach Belieben und stieß mit ihren Zeiten fast in die Dimensionen von Florence Griffith-Joyner vor. Weil sie ein so glattes und offenes Gesicht hatte, sah man leicht darüber hinweg, dass sich die Maße ihrer Oberschenkel denen von Flo näherten. Und war nicht ihr Lebensgefährte C. J. Hunter kurz vor den Spielen als mehrfacher Anabolika-Sünder ertappt worden?

Bald nach ihren Siegen in Sydney trennte sich Marion Jones von Hunter und tat sich mit dem Sprinter Tim Montgomery zusammen. Der wird heute von der amerikanischen Dopingbehörde beschuldigt, seine Rekorde mit der neuen Muskeldroge THG erzielt zu haben, die bis vor kurzem von den Analyse-Labors nicht entdeckt werden konnte. Montgomerys Anwältin hält dagegen: "Tim hat absolut nichts falsch gemacht." Auch Marion Jones ist im Zusammenhang mit dem THG-Skandal verhört worden, und ihr Ex-Mann Hunter beschuldigte sie kürzlich, sie sei in Sydney gedopt gewesen. Marion Jones bezichtigt Hunter der Lüge und weist alle Vorwürfe zurück. Bei den amerikanischen Olympia-Ausscheidungen Mitte Juli konnte sich die schnellste Sprinterin der vergangenen Jahre für Athen über 100 und 200 Meter nicht mal qualifizieren. Weil sie zu sehr unter Beobachtung stand, um richtig aufzuladen?

Im vergangenen Jahr wurde Marion Jones Mutter. "Ich habe unterschätzt, was es bedeutet, ein Kind zu gebären", erklärte die 28-Jährige mit unschuldigem Augenaufschlag ihren Leistungsabsturz. Das sollte sie mal Fanny Blankers-Koen erzählen. Die hatte schon die 30 überschritten und zwei Kinder geboren, als sie viermal Gold auf den Sprintstrecken gewann. Das war 1948 in London - in den glücklichen Zeiten vor den Hormonpillen.

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