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IOC: Die Spieleverderber

Zuerst fügten sie sich ihren Sponsoren, nun kuschen sie vor Chinas Machthabern. Vor Beginn der Sommerspiele in Peking gibt das Internationale Olympische Komitee um Präsident Jacques Rogge eine jämmerliche Figur ab. Wie die Herren der Ringe die olympische Idee verraten haben - und wer in den kommenden zwei Wochen über das Weltfest des Sports befiehlt.

Von Rüdiger Barth

Er geht nicht, er schreitet. Ihn umflirren Assistenten und Bodyguards, und dieses Getippel und Geflüster lässt ihn noch gravitätischer erscheinen. Jacques Rogge, 66 Jahre alt, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Kinn oben, das Kreuz durchgedrückt, marschiert in den Saal des Hotels Interconti in Peking. Es ist der letzte Samstag vor den Sommerspielen, sechs Tage bis zur Eröffnungsfeier, er hat einst als Segler in schweren Stürmen gewendet und als Rugbyspieler auf die Fresse bekommen, er wird gleich davon sprechen, dass bald die "Magie der Spiele regieren" werde. Und vielleicht glaubt Rogge ja wirklich daran.

Im Saal sitzen Journalisten aus aller Welt. Sie wollen wissen, wie es sein IOC mit der Meinungsfreiheit hält. Warum noch immer Internetseiten im Pressezentrum gesperrt sind, vor allem jene von Tibet- und Demokratiebewegungen. Sie wollen wissen, ob sich das IOC von Olympias Gastgeber China zum Narren halten lässt. Jacques Rogge sagt, die Spiele würden "exzellent organisiert", China habe das beste olympische Dorf "aller Zeiten" gebaut. Er weiß, dass das niemand hören will - eine Demonstration der Macht. Als eine Reporterin fragt, ob sich das IOC naiv angestellt habe im Umgang mit Chinas Regenten, erwidert er: "Wir sind Idealisten, und zum Idealismus gehört ein bisschen Naivität."

Es soll charmant klingen. Es klingt grotesk. Kann man das glauben: Dass sich die Herren der Olympischen Spiele auf ein Milliardengeschäft mit diesem totalitären Regime einlassen und dann fröhlich auf Unbedarftheit plädieren? Offenbar muss man es. Olympia buckelt, freiwillig. Die Demütigung trifft das IOC in einer Zeit der Ratlosigkeit. Die alte Liebe zur Rekordjagd ist in den Zeiten des Hochdopings erloschen, der epische Kampf von Ost gegen West Geschichte. Olympia hieß in all der Zeit, an das Gute im Menschen zu glauben. Es war eine Idee, die viele Sportfans beglückte und bis heute unzählige Sportler befeuert, fast 11 000 nehmen diesmal teil und empfinden das als Ehre. Im Jahr 2008, im Zeitalter des grenzenlosen Internets, kann das Faszinosum nur mehr das Völkerverbindende sein: Spiele mit der Aura eines Weltfestes. Gebremst durch Terrorangst, gelang dies in Athen 2004 leidlich, in Sydney 2000, bei den sportverrückten Australiern, vollkommen. Nun wartet Peking.

Die Vermarkter der Ideale sind keine Idealisten

China, die Einparteidiktatur, hat sich explosiv entwickelt, die Maßstäbe des Westens sind nicht anzulegen, gewiss. Leider ist es eben so, dass jene Sportfans naiv sind, die noch glauben, die Vermarkter der Ideale müssten selbst Idealisten sein, für Ideale einstehen. Sie tun es nicht. Chinas Regime will sein Riesenvolk kontrollieren. Das IOC seine Riesenshow durchziehen.

Warum nur hat es den Chinesen 2001 keine Auflagen gemacht, als auch Städte wie Paris und Toronto um die Gunst buhlten, Ausrichter zu sein? Man hätte die Spiele auch danach noch verschieben, absagen können. Das IOC besitzt Rücklagen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags, so hoch, dass man es überlebt hätte. Warum also? Der Engländer Andrew Jennings hat drei Bücher über das skandalträchtige Innenleben des IOC geschrieben, seine Antwort steht fest. "Die Herren sind noch immer durch und durch korrupt", sagt Jennings dem stern, er ist ein wortmächtiger Herr, 64 Jahre. "Warum hätten sie Pressefreiheit einfordern sollen? Sie haben doch selbst kein Interesse an einer freien Presse. Warum sollten sie sich um Menschenrechte scheren? Sie sind doch selbst ein undemokratischer Haufen. Die Olympischen Spiele sind nur dazu da, damit sich dieser Zirkel ein schönes Leben machen kann, auf Kosten der Athleten."

Das IOC sieht sich gern als die UN des Sports - nur dass die Ver- einten Nationen politisch legitimiert sind. Dieser Sportbund aber ist ein privater Verein Schweizer Rechts, mit Sitz in Lausanne. Man hat 1894 die Olympischen Spiele der Neuzeit erfunden, Baron Pierre de Coubertin wählte sich seine Mitstreiter selbst aus, allesamt Adelige oder Reiche, und seitdem hat sich nicht viel geändert. Man genießt seit einigen Jahren quasi Immunität und Steuerfreiheit, muss sich vor niemandem rechtfertigen. Das IOC vergibt die Spiele in Lizenz, wie ein Franchise-Unternehmen. Staatschefs verneigen sich, wenn seine Delegierten angerauscht kommen. Diese leben nur von der Idee. Von der bezaubernden Idee, dass Olympia durch und durch gut ist.

Mit Sponsoren und Bewerberstädten verbandelt

Doch im Innern des Olymps herrscht Günstlingswirtschaft. Man kennt sich, man deckt sich, man hilft sich. Es ist ein elitärer Kreis, der sich in hohem Maße seine neuen Mitglieder selbst aussucht. Derzeit sind es 110 Auserwählte, geführt durch ein 15-köpfiges Exekutivkomitee, die über die Geschicke der Festspiele entscheiden. In der Vollversammlung zu finden sind konservative Greise, drei Prinzessinnen, zwielichtige Geschäftsleute, der Korruption verdächtige Verbandsbosse, tatsächlich auch untadelige Ehrenleute und neuerdings bis zu 15 Athleten. Treulich vereint sind die Hohepriester der Sportpolitik, erfahrene Funktionäre, die sich gegenseitig Posten zuschieben, mit Sponsoren verbandelt sind, mit Bewerberstädten vertraut. Man duldet viele fragwürdige Figuren.

Wer aus der IOC-Runde sollte sich etwa für die Pressefreiheit einsetzen? Prinzessin Nora von Liechtenstein, 57, im IOC seit 1984? Ihrer Familie gehört die LGT-Bank, die im Februar dieses Jahres berühmt wurde, weil ein früherer Mitarbeiter die Adressen von 1400 Kunden verraten hatte, darunter die des Postchefs Klaus Zumwinkel. Auf der fürstlichen Bank lagerte das Schwarzgeld. Francis Nyangweso, Jahrgang 1939, aus Uganda war Verteidigungsminister des Menschenschlächters Idi Amin, der Südkoreaner Lee Kunhee, 66, bis zum Frühjahr 2008 Chef von Samsung, eines IOC-Hauptsponsors, der binnen acht Jahren 100 Millionen Dollar zahlt. Lee wurde gerade wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft auf Bewährung und einer Strafe von 68 Millionen Euro verurteilt. Solche Leute stimmen mit ab.

Ihr Hauptquartier liegt am Genfer See, rund 7000 Kilometer von Pekings dicker Luft entfernt. Eingeklemmt zwischen Schnellstraße und Campingplatz blitzt der neue Bau in der Augustsonne, ein Block aus Glas und Stahl, an dem alles abprallt und reflektiert wird, weil die Oberflächen glatt sind, mit Kanten wie Klingen. Den Marmor für das Eingangstor stifteten die Wintersportverbände.

Die Funktionäre weilen in Fünf-Sterne-Hotels

Unten, in der Lobby, treffen sich gewöhnlich die Funktionäre aus allen Erdteilen, lederhäutige ältere Herren, an ihrer Seite ondulierte Damen, deren Duftwässerchen noch lange nach dem Abgang die Luft tränken. Aber jetzt ist es ruhig, die olympische Familie weilt ja in Peking: 1000 Gäste, verteilt auf zwei Fünf-Sterne-Hotels.

Im Park zu Lausanne steht eine Bronzestatue, eine Geherin mit winzigen Brüsten. "Marcher vers le monde" steht darunter, "Auf die Welt zugehen". Ein Geschenk des Olympischen Komitees Chinas.

Dort, in Peking, kämpft Jacques Rogge nun um die Glaubwürdigkeit der Spiele. Er tritt mit ausdrucksloser Miene auf, schenkt den Fotografen kein Lächeln, keine Geste der Empörung, er weiß um die Macht von Bildern, will den Debatten keine neue Nahrung geben, die Kritiker aushungern.

Beim Fackellauf rührte Rogge sich nicht

Doch Rogge, Präsident seit 2001, wirkt auch müde. Seine "stille Diplomatie" scheint gescheitert. Als der Fackellauf im April zur Farce verkam, IOC-Mitglieder die Tibet-Demonstranten mit Verbrechern verglichen, weilte ihr Chef in der Karibik, und er hätte genauso gut auf dem Mars sein können. Der Mann, der zu schlichten vermocht hätte, rührte sich wochenlang nicht. Als er es schließlich tat, erinnerte er die Chinesen an "moralische Versprechen" - und kassierte von Chinas Außenministerium eine kühle Abfuhr: Das IOC solle sich nicht in die inneren Angelegenheiten Chinas mischen.

Warum die Herren der Spiele diesen Rüffel hinnahmen? Warum man nun hinnimmt, dass man wegen der Zensur wie ein Lügner dasteht? Rogges IOC ist in einer kniffligen Situation. Man wird zerrieben zwischen den moralischen Ansprüchen der Weltöffentlichkeit, den Ängsten der Gastgeber und den Interessen der Sponsoren, die die Chancen des Marktes sehen. Und, natürlich, der eigenen Gier.

Die Spiele von Peking mit denen von Turin im Winter 2006 bringen dem IOC allein an TV-Geldern und Sponsoring fast 3,5 Milliarden Dollar ein (siehe Grafik). Knapp die Hälfte fließt zurück an die Organisatoren. Ein großer Teil des Restes wird an die Nationalen Komitees ausgeschüttet und an die Fachverbände, wo die Gelder im Idealfall segensreich investiert werden. Stolze acht Prozent behält das IOC. Rund 275 Millionen Dollar.

Rogge kommt vom Rugby

Jacques Rogge, ein früherer Klinikchef, hat einen sechsstelligen jährlichen Spesenetat, aber er bezieht kein Gehalt. In Lausanne wohnt er zwar im feudalen Hotel Palace, aber er tritt leise auf, er hört zu, wenn andere reden, er gilt als integer, was ihn in diesen Kreisen beinahe verdächtig macht. Den Kampf gegen Doping hat er ernsthaft aufgenommen, er führt ihn glaubwürdig, die Erfolge sind vor allem seine Erfolge. Doch Rogge kommt aus einem Sport, eben Rugby, in dem sich Männer über den Haufen rennen, einmal schütteln und dann einander die Hand geben. Kämpfer ohne Helm. Genau so funktioniert das IOC nicht, das geprägt wird durch Leute wie den Deutschen Thomas Bach, IOC-Vizepräsident, Olympiasieger 1976, ein Fechter, ein Maskenspieler, der einst bei Adidas unter Horst Dassler lernte, wie das geht: in der Sportpolitik Allianzen schmieden. Das Geraune hinter den Kulissen, die Ratschläge, die Schmeicheleien, all das verachten die meisten Athleten. Es ist Bachs Spezialgebiet.

Sein Mentor Juan Antonio Samaranch, Rogges Vorgänger, hatte die Olympischen Spiele zur großen Oper gemacht. Als der Spanier 1980 gewählt wurde, war das IOC fast pleite; als man nun Profisportler zuließ, explodierten die Geschäfte.

Samaranch, 88, noch immer im IOC, war Staatssekretär im Franco-Regime, ein Faschist. Er verlieh Honecker und Rumäniens Tyrannen Ceau≠escu den Olympischen Orden. Und auch Chen Xitong, der mitverantwortlich war am Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. Samaranch liebte das Pathos, er führte sich auf wie der Papst des Sports.

Zur olympische Familie gehören keine Sportler

Die ersten Spiele, die er inszenierte, stiegen im Winter 1984 in Sarajevo. An einem Abend hatte die US-Multimillionärin Marylou Vanderbilt Whitney die olympische Familie zu einem Festdiner geladen, als Ehrengast kam der Schauspieler Kirk Douglas. Es war kein Journalist geladen und nicht mal ein Sportler. Man war so richtig unter sich.

Es gab Mozart von einem Streichquartett, Champagner und auf silbernen Platten Riesenhummer aus Mosambik. Beim Abschied spielte Kirk Douglas den Grüßonkel: "It was good to have had you here." So ging es zu unter Samaranch, fröhlich, prall, pompös. Mit den Skandalen seiner Jahre füllten hartnäckige Reporter Bücher (z. B. Thomas Kistner/Jens Weinreich: "Der olympische Sumpf ", München 2000). Erst als 1999 herauskam, wie Salt Lake City die Winterspiele 2002 erkauft hatte, mit Geschenken an die IOC-Gesandten, mit Stipendien für deren Kinder, knallte es in Lausanne. Sechs Mitglieder wurden hinausgeworfen, vier gingen von selbst. Alles sollte anders werden. Aber es wurde nicht anders.

2004 lockte ein Team des Fernsehsenders BBC den Bulgaren Iwan Slawkow, einen Kumpan des Welt-Fußball-Bosses Sepp Blatter, in die Falle. Die Reporter hatten sich als Unterhändler des Bewerbers London ausgegeben. Der Serbe Goran Takac, ein umtriebiger Lobbyist, hatte den Kontakt vermittelt und behauptet, 54 IOC-Mitglieder seien für Geldangebote empfänglich. Für drei Millionen Dollar plus könne er bis zu 20 Stimmen versprechen. "Es ist alles eine Frage des Geldes."

IOC-Mitglieder "handeln primär eigennützig"

handeln Und offenbar auch eine Frage des Systems. In seiner Doktorarbeit kam der Politologe Hannes Hofmeister aus Hof 2006 zum Schluss, die Entscheidungsstruktur des IOC biete noch immer "gute Anreizbedingungen für Korruption": Die Mitglieder "handeln primär eigennützig".

Nur wenige Monate später, im Juli 2007, wurde seine Theorie eindrucksvoll bestätigt. Es ging um die Kandidatenkür für die Winterspiele 2014. Im Wesentlichen traten an: Sotschi, Russland, gegen Pyeongchang, Südkorea. Oder Gazprom gegen Samsung, Konzern gegen Konzern.

Sotschi gewann, ein Kurort im Kaukasus, der weder eine funktionierende Stromversorgung noch eine intakte Kanalisation hat. Aber eine Computersimulation. Und die Milliardenversprechen von Gazprom, demnächst wohl Großsponsor der Spiele. Und mächtiges Geleit.

Will Putin IOC-Präsident werden?

Die Russen ließen in Guatemala-Stadt eine Eisfläche in der Nähe des IOC-Hotels bauen, Staatschef Wladimir Putin umschmeichelte angeblich persönlich 15 IOC-Mitglieder, bis Marketingchef Gerhard Heiberg stöhnte: "Das ist außer Kontrolle." In Putins Begleitung: die kremlhörigen Oligarchen Wladimir Potanin, auch Nickel-König genannt, sowie Oleg Deripaska, der als reichster Russe gilt. Am Abend der Entscheidung hielt Putin mit zitternden Knien eine flammende Rede in Englisch und sogar Französisch, wobei er bis dahin weder die eine noch die andere Sprache richtig beherrschte. Seitdem spekulieren Russlands Oppositionelle öffentlich, der Ex-Präsident strebe ein neues Amt an. Ein Ehrenamt. Das des IOC-Präsidenten.

In diesem Sommer aber haben erst mal die Chinesen das Sagen, und zwar in Gestalt des "Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Peking" (englische Abkürzung: Bocog). Man residiert in einem 24-stöckigen Hochhaus an der Vierten Ringstraße, die 30 Abteilungen verwalten rund 4000 Mitarbeiter. An der Spitze von Bocog steht der Stahlingenieur Liu Qi, Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei - wer die Linie vorgibt, ist klar. Aber auch das IOC spricht mit: Gleich zwei Mitglieder sitzen im Bocog-Vorstand. Wenn das IOC mit den Chinesen in diesen Tagen über Zensur streitet, streitet es im Prinzip auch mit sich selbst.

Einen einzigen ausländischen Mitarbeiter gibt es im Pressestab: Jeff Ruffolo, 52. Eine Frage genügt, und Ruffolo lässt sein Mittagessen stehen, Fleischspieße, Tomaten und Mozzarellasalat. "Haben Sie China lieben gelernt?" Well, sagt Ruffolo und legt los. Frau, Kind, seinen Golden Retriever und Kalifornien habe er verlassen für China, "für diese wunderbaren Menschen, die mein Leben auf den Kopf gestellt haben".

Die Zensur der Bocog

18 Monate ist das jetzt her, und Ruffolo sagt, er sei so glücklich wie nie in seinem Leben. An seinem neuen Job kann das nicht liegen, denn der US-Amerikaner, einst Sportreporter bei CNN, hat viel Ärger in diesen Tagen. Er muss seinen Landsleuten die Zensur durch das Bocog erklären. "Ich kann verstehen, wenn die Chinesen fragen: Was hat Beachvolleyball mit Tibet zu tun? Wer über Sport berichten will, der hat bei uns alle Freiheiten."

Er sagt das wirklich so: "bei uns". Er fühlt sich schon ein bisschen als Chinese, auch wenn er kein Chinesisch kann. Ruffolo spricht mit Händen und Füßen und seinen Augen, die er weit aufreißt, wenn es wieder um irgendeinen Superlativ im Reich der Mitte geht. Doch ganz so überragend, wie er glauben machen will, ist die Lage im Bocog nicht. "Chinas Präsident Hu Jintao beschuldigt das Ausland, die Olympischen Spiele zu politisieren", sagt Wang Yan (Name von der Redaktion geändert), eine Bocog-Mitarbeiterin. "Das ist ein Witz, wir selbst machen die Spiele zu einem politischen Ereignis, es dient durch und durch der KP-Propaganda." Das habe schon bei der Einstellung des Personals begonnen. "Es gab politische Hintergrundchecks, dabei wurde die Familiengeschichte über Generationen zurückverfolgt. Ich kam nur rein, weil mein Vater Armeeoffizier ist."

Sie trägt die Olympia-Uniform, ein rotes Adidas-Poloshirt mit der Aufschrift "Beijing 2008". "Die unbezahlten Freiwilligen tragen Blau, wobei auch wir schon seit drei Monaten nicht mehr bezahlt wurden", sagt sie. "Organisatorische Probleme", sagt die Buchhaltung. Am meisten ärgert Wang, dass "ich nicht sagen darf, was ich will". Im Juni wurde sie instruiert, wie sie sich gegenüber Journalisten verhalten solle: "Seien Sie höflich zu den Journalisten, auch wenn diese aggressiv fragen. Macht Sie die Frage wütend, dann zeigen Sie diese Wut nicht, denn Ihr verärgertes Gesicht kann für antichinesische Berichte benutzt werden."

Auch der Applaus ist geplant

In Peking werde nichts dem Zufall überlassen - nicht einmal das Klatschen. Bocog stellt die Stimmungsmacher, die von Freitag an in den Stadien vormachen, wie man Beifall spendet: zweimal klatschen, dann beide Arme mit flachen Händen nach oben strecken, wieder zweimal klatschen, dann beide Arme mit erhobenem Daumen nach oben strecken. "Diese organisierte Massenhysterie macht mir Angst", sagt Wang.

Dabei ist es nicht so, dass Bocog immer denkt und handelt, wie dies Chinesen eben zu tun pflegen, aus westlicher Sicht undurchdringlich. Man gönnt sich die Beratung der US-Agentur Hill & Knowlton.

Deren cleveren Berater hatte 1999 auch das IOC engagiert, um sich vor den Folgen der Korruptionsaffäre um Salt Lake City zu schützen. Für mehrere Millionen Dollar drehten die Krisenmanager die öffentliche Meinung, so wie sie 1990 vor dem ersten Irak-Krieg dem US-Kongress eine junge Kuwaiterin vorführten, die bezeugte, dass irakische Soldaten Brutkästen Neugeborener zerstört hätten. Die Empörung war groß, "Operation Desert Storm" konnte anrollen. Später stellte sich heraus: Das Mädchen war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Als die Lüge aufflog, war der Golfkrieg schon vorbei.

Die US-Agentur schafft "Weltklasse-Service"

Solche Ideen hat Hill & Knowlton, wenn der Auftraggeber dies wünscht. Das sind mal Scientology, mal Atomkraftwerksbetreiber, mal Haitis Diktator - und nun eben Bocog. Als die Zusammenarbeit 2006 verkündet wurde, sagte deren Vizepräsident Jiang Xiaoyu,: "Unser Partner wird uns dabei unterstützen, einen Weltklasse-Service für die Medien zu bieten."

Die Taktik, die Welt zu desinformieren, geht so: Täglich werden bis zu zehn SMS an Journalisten versandt, Jubelmeldungen. Interviewanfragen, etwa für chinesische Sportler, weist Bocog ab mit dem Hinweis, "wir organisieren Pressekonferenzen". Von denen gibt es tatsächlich viele, zu Themen wie "Organisation der Sportwettbewerbe". Amerikanische Perfidie und die chinesische Routine des Schweigens gehen eine unheilvolle Allianz ein, und im Zweifel entscheidet die KP. Reporter fühlen sich in Peking mitunter nicht wie ein Gast, sondern als eine Art Feind. Und den Sportlern geht das manchmal auch so.

Die deutschen Beachvolleyballer hatten sich selbst ein Quartier gesucht; sie ließen ein Feld mit Olympia-Sand aufschütten, sie wollten dort wohnen und trainieren. Aber dann mussten sie ins Olympische Dorf ziehen. Der Manager ihres Hotels Hongfu Gardens verbrachte eine Nacht bei der Polizei. Ein neues Gesetz war erlassen, er durfte keine Sportler mehr aufnehmen. Wieso, wusste keiner. Die Chinesen sagten, es gehe um die Sicherheit, und im Schweinefleisch, da seien Hormone drin, aber keiner hatte die Deutschen gefragt, ob sie Schweinefleisch überhaupt essen.

Das IOC unternahm nichts

Das IOC ließ den Vorfall unkommentiert. Christoph Dieckmann, ein Medaillenkandidat, dessen Eltern SPD-Politiker sind, sagt: "Es ist schockierend, dass man nichts dagegen machen kann. Und dass selbst das IOC sich nicht traut, dagegen vorzugehen, ist schon bedenklich." Als das Verbot plötzlich aufgehoben wurde, winkten er und seine Mitstreiter ab. Sie wollten sich jetzt endlich vorbereiten dürfen.

Die Sportler sind fokussiert auf den Traum von Olympia. Basketball-Star Dirk Nowitzki heulte wie ein kleines Kind, als seine erste Teilnahme feststand. So viele Sommer mit dem Nationalteam hat er drangegeben, bis es klappte, Geld besitzt er längst genug, in Peking kann er sich allenfalls die Knochen brechen. Doch er spricht von einem "unbeschreiblichen Gefühl".

Beachvolleyballer Dieckmann, 32, verpasste Sydney 2000 knapp, aus Enttäuschung sprengte sein Zwillingsbruder Markus ihre Partnerschaft auf dem Platz, mit neuem Partner scheiterte er in Athen 2004 im Viertelfinale, und wann immer er in den letzten Jahren von Peking sprach, stieg ein großes Leuchten in seine Augen.

Die Hybris könnte enttarnt werden

Olympia ist das Größte. Noch lebt der Traum. Er ist das höchste Gut des Sports, und das IOC hat ihn zu behüten. Darum geht es in Peking, auch nach Peking. Kann die Idee noch lange die Last tragen, die man ihr aufbürdet? "Die Spiele werden zur Öffnung Chinas beitragen", das sagt IOC-Vize Bach immer wieder. Diese Hybris des Weltsports, die besseren Vereinten Nationen zu sein - binnen kurzer Zeit könnte sie enttarnt werden. Auch der Fußball steuert bei der WM in Südafrika auf ein Desaster zu. Das IOC sagt, es wolle China in die Mitte der Nationen führen, die Fifa sagt dasselbe über den afrikanischen Kontinent. Womöglich müssen beide erkennen, dass sie sich übernommen haben.

Dafür bräuchte es die Größe zur Demut. Hat sie das IOC? Vor ein paar Wochen hat Jacques Rogge gesagt: "Es erscheint mir, dass das IOC seine Rolle in der Gesellschaft neu überdenken muss." Die Aufrechten müssten sich durchsetzen. Aber werden sie das?

Die Nazispiele 1936, die Sowjetspiele 1980 waren organisatorisch ein Erfolg; natürlich wird dies auch den präzisen Chinesen glücken, deren Eröffnungsfeier glänzende Augen hinterlassen dürfte. Und die Stimmung bei den Wettkämpfen wird prächtig sein, Chinesen sind große Sportfreunde, sie kreischen gern, und die Arenen werden bersten. Nur 16 Wettkampftage gilt es nun zu überstehen, die Erwartungen der Welt sind nicht hoch, das Gedächtnis der Menschen ist ja gnädig, und ein paar magische Momente gibt es immer. Beim IOC könnte es schließlich heißen: Peking, was für ein Fest!
Vorbei sein ist alles.

Mitarbeit: Andreas Albes, Christian Ewers, Teja Fiedler, Adrian Geiges, Iris Hellmuth, Wigbert Löer, Mathias Schneider, Klaudia Thal, Yuanchen Zhang

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