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Alle Fakten zum drohenden Staatsbankrott Warum muss Deutschland für Griechenland zahlen?


Griechenland steht vor der Pleite. stern.de erklärt, was die Gründe dafür sind, welche Rolle Rating-Agenturen spielen - und warum ein Bankrott verhindert werden muss.

Was ist in Griechenland los? Weshalb braucht das Land Geld?

Schulden, Korruption, Vetternwirtschaft: Griechenland ist am Ende. Der Staat zählt zu den höchstverschuldeten Ländern weltweit. Die Verbindlichkeiten sind auf mehr als 273 Milliarden Euro angestiegen, das entspricht 115 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Um die laufenden Kosten zahlen zu können, muss das Land immer mehr Kredite aufnehmen, doch die Zinsen dafür reißen immer größere Löcher in den Haushalt. Um sie zu stopfen, muss Griechenland weitere Kredite aufnehmen. Ein Teufelskreis.

Seit Jahren leidet das Land unter seinen wirtschaftlichen Problemen, mit denen es nie in die Euro-Zone hätte aufgenommen werden dürfen. Doch über die Ausmaße ihrer Schulden täuschten die Griechen die EU-Kommission bislang erfolgreich hinweg, indem sie Statistiken fälschten. Erst die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Andrea Papandreou musste Ende November 2009 einräumen, dass das tatsächliche Defizit fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt.

Inzwischen hat Griechenland die Staaten der Euro-Zone um Milliardenhilfen gebeten. Ein Hilfsmechanismus sieht vor, dass das Land bis zu 30 Milliarden Euro Notkredite von den Euro-Ländern erhält. Deutschland würde dazu bis zu 8,4 Milliarden Euro beitragen. Weitere 15 Milliarden Euro könnten vom Internationalen Währungsfonds (IWF) kommen.

Schon zuvor hatte Griechenland einen harten Sparkurs angekündigt, der in der Bevölkerung allerdings auf großen Widerstand stößt. 4,8 Milliarden Euro sollen kurzfristig weniger ausgegeben werden. "Diese Maßnahmen wirken nicht, sie werden die Wirtschaft einfrieren", sagen dagegen Kritiker.
Kreditzusagen, die im April ausgehandelt worden waren, nur für den Notfall geplant. Der ist aber offenbar nun eingetreten. Am 23. April 2010 hat die Regierung in Athen die EU und den Internationalen Währungsfonds (IWF) offiziell um Hilfe gebeten. Seitdem streiten sich die Europäischen Nachbarn darüber, ob und zu welchen Konditionen die Notkredite ausgezahlt werden.

Wieso haben die bisherigen Sparpläne nicht gewirkt?

Die Sparpläne würden bereits eine erste Wirkung zeigen, sagt Nicolaus Heinen, Volkswirt bei Deutsche Bank Research. "Aber es braucht Zeit, bis sich diese Pläne in einem niedrigen Defizit niederschlagen. Das eigentliche Problem ist der hohe Schuldenstand von gegenwärtig etwa 115 Prozent der Wirtschaftsleistung, der das Vertrauen der Kapitalmärkte belastet hat. Die jüngste Korrektur der Defizitzahlen nach oben hat das Vertrauen dann weiter ausgehöhlt - und damit die Bereitschaft der Märkte, Griechenland Geld zu leihen." Deswegen habe die griechische Regierung am Freitag um Hilfe bitten müssen. "Das Defizitverfahren der EU hat zwar gewirkt und Griechenland zum Einlenken bewegt - aber leider zu spät."

Was sind Rating-Agenturen?

Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten. Die wichtigsten weltweit sind Standard & Poor's</linextern>, Moody's und Fitch. Je schlechter eine Rating-Agentur die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens oder Staats beurteilt, umso teurer und schwieriger wird es für den Bewerteten, sich Geld zu besorgen. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern auch zum Beispiel institutionelle Investoren.

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen jeweils Buchstabencodes. Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Griechenlands nun auf BBB- und damit auf Ramschstatus heruntergestuft. Damit steigt der Druck auf das vom Staatsbankrott bedrohte Land noch weiter. Die höchste Bewertung ist bei den meisten Agenturen ein dreifaches A (Triple A), unter anderem wird Deutschland so bewertet.

Welche Rolle spielen Rating-Agenturen?

Die Rating-Agenturen üben großen Einfluss auf Unternehmen, Märkte und insbesondere Anleihen aus. Grundsätzlich gelten die offiziellen Ratings als wichtiger Anhaltspunkt für eine Investmententscheidung. Je nach Bewertung steigen oder fallen die Kurse von Anleihen. Mit ihren Ratings können die Agenturen im Extremfall Firmen oder Staaten an den Rand des Bankrotts oder darüber hinaus führen. Pensions- und Publikumsfonds etwa unterliegen oft Beschränkungen und dürfen nicht in Junk-Bonds investieren. Sie müssen zudem verkaufen, sobald ein Schuldner in den Ramschbereich, wie nun im Fall von Griechenland, abrutscht. Dadurch verlieren die Papiere rasch an Wert und können einen heftigen Kursrutsch auslösen.

Nach Ansicht von Experten aber haben die Ratings im Zuge der Finanzkrise an Macht verloren. Während ihres Verlaufs mussten Anleger oft die Erfahrung machen, dass selbst Papiere mit bester Bonität plötzlich wertlos sein können. So erging es ihnen etwa mit Anleihen, die mit Immobilienkrediten gedeckt sind. Auch im Fall der Lehman-Pleite waren Rating-Agenturen in die Kritik geraten, da sie die Bonität der Bank völlig falsch eingeschätzt hatten. Zudem werden sie mitverantwortlich gemacht für die Ausbreitung der Finanzkrise. Kritiker werfen ihnen vor, bei der Strukturierung von Finanzprodukten behilflich gewesen zu sein, die sie anschließend mit Bestnoten bewertet hätten. Seitdem fordert vor allem die Politik schärfere Regeln für Bewertungsgesellschaften. In Europa wird zudem darüber nachgedacht, ein eigenes System zur Bonitätseinstufung von Ländern unter dem Dach der Europäischen Zentralbank aufzubauen. Ziel ist es, die Dominanz der anglo-amerikanischen Rating-Agenturen zu brechen.

Wie kann Griechenland jetzt an sein Geld kommen?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Euro-Gruppe - also die 16 EU-Staaten, die den Euro eingeführt haben - haben ein gemeinsames Nothilfe-Programm angekündigt. Im Gespräch ist ein Gesamthilfepaket in Höhe von 45 Milliarden Euro. Um an das Geld zu gelangen, muss Griechenland zunächst ein Sparprogramm aus Steuererhöhungen und Einsparungen für 2011 und 2012 vorlegen. Das Programm muss dann vom Direktorium des Währungsfonds in Washington und von den Regierungen der Euro-Zone abgesegnet werden.

Bei den Geldern handelt es sich um Kredite, das heißt, dass das Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgezahlt werden muss. Bis zu dieser Tilgung muss Griechenland seinen Gläubigern Zinsen zahlen: Drei Prozent auf das Geld vom IWF, um die fünf Prozent für das Geld aus der EU. Weil eine Schuldenübernahme durch die EU rechtlich nicht zulässig ist, haben sich die Euro-Länder darauf geeinigt, das Geld jeweils als bilaterale Kredite der Mitgliedsstaaten an Griechenland auszuzahlen.

Wie teuer wird das für Deutschland?

Der deutsche Anteil an den Krediten der Euro-Gruppe beträgt 28 Prozent. Wenn das komplette EU-Hilfsprogramm bewilligt wird, muss Deutschland Kredite in Höhe von 8,4 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Das Geld würde von der staatseigenen KfW-Bank ausgezahlt werden. Da Griechenland aber in diesem Jahr nicht die gesamten 45 Milliarden Euro, sondern nur 30 Milliarden Euro benötigt, müsste die KfW-Bank in diesem Jahr zunächst nur mit 5,2 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.

Welche Partei ist für die Hilfen, welche dagegen?

Zu Beginn der entscheidenden Woche für Griechenland-Kredite hat in Deutschland ein heftiger Streit über die Bedingungen für ein Hilfspaket begonnen. Grundsätzlich seien alle Bundestagsfraktionen bereit, dem finanziell gefährdeten Land zu helfen, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach einem Treffen mit
den Fraktionsvorsitzenden sagte. Umstritten sind aber das Verfahren, die Konditionen und der Umfang der Hilfen. Die Gelder sollten möglichst noch vor dem 19. Mai zur Verfügung stehen. Ein Gesetzgebungsverfahren könne theoretisch am 7. Mai abgeschlossen werden.

Im Folgenden die Positionen:

Union


Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will ein Eilverfahren für ein Garantie-Gesetz für Kredite anregen. Dieser Antrag aber löse keinen Automatismus aus, sagte der CDU-Politiker. Weder die EU noch die Bundesregierung hätten bisher eine Entscheidung getroffen. Unions-Fraktionschef Volker Kauder fordert von Griechenland weitere Sparanstrengungen, bevor Deutschland Hilfen für das hoch verschuldete Land freigibt. Gleichwohl sieht der Unionsfraktionschef die Bedingung erfüllt, dass die Staaten der Euro-Zone nur dann helfen, wenn die Stabilität der Währungsgemeinschaft bedroht ist. "In dieser Situation sind wir jetzt", sagte Kauder. Schäuble hat eine Forderung von CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich zurückgewiesen, auch einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone in Betracht zu ziehen. Kanzlerin Merkel hat dem möglichen Ausschluss Griechenlands allerdings eine Absage erteilt. "Ich glaube, dass das keine Lösung ist, denn in diesem Moment wird der Euro sehr viel instabiler", sagte sie.


FDP:


Vizekanzler Guido Westerwelle warnte auf dem FDP-Parteitag vor einem "Blankoscheck" an Griechenland. Auf dem Treffen wurde entgegen den Forderungen etlicher Liberaler beschlossen, das Land nicht aus der Eurozone auszuschließen. Als Konsequenz aus der Griechenland-Krise fordert die Partei schärfere Sanktionen des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts bei Regelverstößen einzelner Staaten.

SPD:


Die SPD ist überzeugt, dass es eine schnelle Gesetzesvorlage für Hilfen an Griechenland geben müsse. Es sei wichtig zu erkennen, welches die Risiken für Deutschland seien, sagte Petra Merkel, Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag. Auch eine Beteiligung der Banken an Hilfen für Griechenland sei notwendig: "Die haben dort gezockt. Sie wussten, dass Griechenland in Schwierigkeiten ist. Sie wetten jetzt an den Börsen schon wieder gegen den Euro, und ohne diese Beteiligung schon wieder den Steuerzahler für das Zocken der Banken aufkommen zu lassen, das wollen wir nicht zulassen", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Ein Ausscheiden der Griechen aus dem Euroraum wäre nach Gabriel "die
schlimmste oder schwierigste aller Möglichkeiten".

Grüne:


"Wir brauchen ein offenes und systematisches Verfahren", sagt Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Und: "Wir brauchen Klarheit, wer für mögliche Kosten aufkommen muss." Es sei zudem klar, dass private Gläubiger daran beteiligt werden müssen, so Künast weiter. Die Grünen sperren sich zudem vehement gegen Forderungen, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen. "Die EU ist längst ein Binnenmarkt, in dem die Volkswirtschaften eng miteinander verflochten seien", so Künast. Aus der griechischen Tragödie könne daher schnell eine deutsche und europäische Tragödie werden.

Linke:


Die Linke hat ein Schuldenmoratorium angeregt, um Griechenland eine Atempause zu
verleihen. Geschäftsführer Dietmar Bartsch stellte die Zustimmung seiner Fraktion zu deutschen Griechenland-Hilfen in einem beschleunigten Verfahren unter Vorbehalt. "Die Linke kann und wird nicht einfach Ja dazu sagen." Die Bundesregierung müsse zunächst "mit großer Offenheit und Klarheit" darlegen, was überhaupt passieren solle.

Was passiert, wenn sich Deutschland weigert zu zahlen?

Berthold Wigger, Finanzwissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie, hält das für "zwar politisch unwahrscheinlich, aber grundsätzlich denkbar. Etwa für den Fall, dass die griechischen Sparpläne nicht den Vorstellungen der Bundesregierung entsprechen würden. Allerdings wäre mit einer deutschen Weigerung die ganze EU-Hilfe hinfällig. Die Hilfen des Internationalen Währungsfonds wären davon nicht unbedingt betroffen."

Wieso soll jetzt der Internationale Währungsfonds helfen?

Cornelius Adebahr arbeitet als Politikwissenschaftler für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Seiner Einschätzung nach wurde der Währungsfonds eingeschaltet, weil der Fonds über eine große Erfahrung mit Rettungsaktionen verfügt. "Außerdem kriegen so die beschlossenen Auflagen für Griechenland den Stempel 'geprüft vom IWF'. Das ist ein deutliches Zeichen an die Märkte, dass neben der EU eine politisch unabhängige Institution hinter den Rettungsmaßnahmen steht."

Würde eine Umschuldung helfen?

Der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou dementiert Spekulationen, denen zufolge über eine Umschuldung nachgedacht werde. Bei dieser Lösung würden Gläubiger auf Teile ihrer Forderungen verzichten. Auch der deutsche Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen erklärte, eine Umschuldung sei kein Thema.

Nach Meinung von Ökonom Wigger jedoch wäre eine Umschuldung sogar die konsequenteste Lösung: "Zusammen mit einem Austritt der Griechen aus dem Euro-Raum. Dann könnte das Land seine Verbindlichkeiten in Drachmen zurückzahlen - was sowohl für Griechenland als auch die Euro-Länder besser wäre. Der Euro als Währung würde davon profitieren, weil dann ein Mitgliedsland ausscheiden würde, das ein ernsthaftes Interesse an einer Abwertung der Währung hätte. Grundsätzlich war ja schon die Aufnahme Griechenlands in den Euro-Raum ein Fehler, selbst die geschönten Zahlen haben nicht für die Maastricht-Kriterien gereicht. Nun werden die Probleme des Landes immer schlimmer und immer weiter in die Ferne verlagert. Zudem könnten demnächst Länder wie Portugal oder Irland dem griechischen Beispiel folgen und ebenfalls EU-Hilfen einfordern. Griechenland zu retten, ist ein bisschen wie Opel zu retten. In beiden Fällen wird Fehlverhalten nachträglich unterstützt."

Die Deutsche Bank warnte bereits davor, dass eine Umschuldung das Vertrauen der Investoren in andere hoch verschuldete Länder wie Portugal zerstören könnten. Die Folge davon könnte eine Kettenreaktion sein, da diese Länder - zu denen Portugal, Spanien, Italien und Irland gezählt werden - sehr bald Probleme damit hätten, sich Geld auf den internationalen Finanzmärkten zu leihen. Möglicherweise müssten auch sie dann die internationale Staatengemeinschaft um Unterstützung bitten.

Wäre nach der Hilfszahlung wieder alles in Ordnung?

"Vermutlich nicht", sagt Berthold Wigger. "Die aktuell 30-Milliarden-Euro-Hilfe deckt nur den Bedarf für das nächste Jahr ab. Aber es ist jetzt schon absehbar, dass die Griechen in den kommenden Jahren mindestens weitere 30 Milliarden Euro benötigen. Andere Schätzungen gehen von bis zu 100 Milliarden Euro aus. Da finanziert man ein Fass ohne Boden"

Nach Ansicht von Nicolaus Heinen hängt der Erfolg nicht von der vorübergehenden Unterstützung ab, sondern von der Glaubwürdigkeit der griechischen Reformmaßnahmen: "Da diese von der EU und dem IWF überwacht werden, stehen die Chancen gut, dass sich die Lage langfristig bessert - auch in anderen notleidenden Ländern: Denn die strikten Auflagen, die Griechenland jetzt erfüllen muss, sollen auch dazu dienen, anderen Ländern, die womöglich künftig in einer ähnlichen Lage sein werden, den Ruf nach Hilfe zu vergällen. Diese starken Daumenschrauben werden andere Länder dazu bringen, schon heute auf Sparkurs und Strukturreformen umzuschwenken."

Nach Meinung von IfW-Chef Snower hängt ein Erfolg der Hilfen davon ab, "ob Griechenland überzeugend darlegen kann, dass es seine bisherige und falsche Fiskalpolitik korrigiert. Ich bin überzeugt, dass langfristig nur eine Schuldenkommission helfen wird - eine neutrale und unabhängige Institution, die kontrolliert und darüber entscheidet, wie viel Geld Griechenland wofür ausgibt."

Was würde passieren, wenn Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen würde?

Dennis Snower ist der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) mit Sitz in Kiel. Er sagt: "Natürlich kann sich Griechenland entscheiden, seine Schulden nicht zurückzuzahlen. Doch was dann? Dann wäre niemand mehr bereit, dem Land auch nur einen Cent zu leihen. Deshalb wird Griechenland schon aus eigenem Interesse die Verbindlichkeiten tilgen wollen, zumindest teilweise."

Wie dramatisch wäre ein Staatsbankrott?

Für dieses Szenario sieht Volkswirt Heinen erstmal keinen Anlass: "Mit der Zusage von Hilfen gibt man dem Patienten erstmal für die nächsten anderthalb Jahre Luft zum Atmen."

Wirtschaftswissenschaftler Wigger hält dagegen einen Staatsbankrott für "nicht unwahrscheinlich". Der würde "aber auch nicht das Ende der Welt bedeuten. Letztlich ergeht es einem bankrotten Staat wie einem bankrotten Unternehmen: Man muss zusehen, was zum Erhalt absolut notwendig ist, und sich vom Rest trennen. Der Unterschied ist nur: Staaten sind souverän, man kann sie also letztlich zu nichts zwingen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass in ähnlichen Fällen rund die Hälfte der Schulden ungetilgt blieb."

Kann Griechenland aus der Euro-Zone austreten?

DB-Researcher Nicolaus Heinen sagt dazu: "Griechenland hat die Möglichkeit, im Einvernehmen mit den anderen Mitgliedsstaaten aus der EU auszutreten. Das ist aber rechtlich strittig, realpolitisch nicht gewollt und wäre volkswirtschaftlich fatal: Denn Austrittverhandlungen sind ja nicht in einem Tag abgeschlossen, sondern können sich über Monate hinziehen. Das wäre eine weitere Phase der Unsicherheit und könnte das Vertrauen der Kapitalmärkte weiter untergraben. Unsicherheit wäre das Letzte, was Griechenland in diesen Zeiten braucht."

Wie viel Schuld tragen Spekulanten an der Krise?

Nach Meinung von Nicolaus Heinen sind die Spekulanten nur ein Symptom, aber nicht die Ursache der Krise. Schon vor dem Einsetzen der Spekulation habe Griechenland unter einem dreifachen Defizit gelitten: "Da sind zunächst das Haushaltsdefizit und das Leistungsbilanzdefizit, das für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit steht. Hinzu kommt ein Glaubwürdigkeitsdefizit - spätestens seitdem klar wurde, dass Griechenland seine Statistiken geschönt hat. Ab diesem Zeitpunkt haben Spekulationen stark zugenommen."

"Verschärft haben die Spekulanten die Probleme jedenfalls nicht", sagt Berthold Wigger. "Ihre Wetten darauf, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann, hat den Griechen sogar ein wenig geholfen, weil der Euro leicht geschwächt wurde, so dass Griechenland ein wenig Last von den Schultern genommen wurde."

Dennis Snower meint dazu: "In einer Marktwirtschaft erbringen Spekulanten eine wertvolle Dienstleistung: Sie zeigen Schwachstellen und Risiken in den Märkten auf. Schuld an der Krise Griechenlands aber sind nicht sie, sondern nur das Land selbst. Zudem fehlt es an Institutionen, die in solchen Fällen eine unabhängige Kontrollfunktion übernehmen - wie etwa eine Schuldenkommission."

Droht eine neue Bankenkrise?

Für den Fall, dass Griechenlands Gläubiger nur noch einen Bruchteil ihrer verliehenen Gelder zurückbekommen, warnen Experten vor einer schweren europäischen Bankenkrise: Denn fast alle Geldinstitute haben griechische Staatsanleihen in ihren Portfolios. Laut "Handelsblatt" beläuft sich die Summe allein bei deutschen Banken auf 45 Milliarden Euros, auf europäischer Ebene geht es sogar um 191 Milliarden Euros.

Diese Staatsanleihen dienten den Banken bislang als Pfand, das sie bei der Europäischen Zentralbank hinterlegen konnten, wenn sie sich von dort Bargeld ausleihen wollten. Werden ihre griechischen Anleihen plötzlich so gut wie wertlos, könnte das Bankengeschäft ins Stocken geraten – mit nicht abzuschätzenden Folgen für den gesamten Wirtschaftskreislauf.

"Den Banken könnten durchaus hohe Verluste drohen", sagt auch Berthold Wigger. Von einer neuen drohenden Krise will er jedoch nicht reden: "Wer solche Risiken eingeht, muss eben auch mit Verlusten rechnen. Eine neue Kreditklemme aber sehe ich nicht. Und falls sie dennoch kommen sollte, muss das Problem auf den Finanzmärkten gelöst werden und nicht in Griechenland."

Wie geht es nun weiter? - Drei Szenarien

Beruhigung - Wenn alles gut geht

Sollte das Kreditpaket alle parlamentarischen Hürden in den Euro-Ländern nehmen und Athen das Geld rechtzeitig bekommen, besteht tatsächlich eine Chance, dass sich die Finanzmärkte beruhigen. Dann könnte sich die Dynamik der vergangenen Monate auch plötzlich umkehren - wenn Investoren klar geworden ist, dass Athen zahlungsfähig bleibt und die hohen Zinsen wieder locken. Das gilt umso mehr, wenn Athen bei der Umsetzung des Sparpakets Erfolg hat. Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny sagte in Washington, die entschiedene Hilfe für Griechenland sei ein Signal an die Märkte und Spekulanten, dass es "nicht realistisch" sei, nach Griechenland "andere Staaten zu attackieren".

Griechenlands Finanzlage wäre zwar weiterhin prekär, aber ein Flächenbrand würde ausbleiben. Es gebe "kein Risiko einer Ausweitung der Krise", sagte in Washington etwa der Notenbankchef von Frankreich, Christian Noyer.

Sollte Athen sich mithilfe des Kreditpakets irgendwann wieder zu bezahlbaren Konditionen auf den Kapitalmärkten Mittel beschaffen können, könnte die Währungsunion sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Neue Euro-Beitritte stehen bereits an. EU-Währungskommissar Olli Rehn stellte sich in Washington denn auch gegen Spekulationen, die Probleme in Griechenland könnten einem Euro-Beitritt Estlands Anfang 2011 verhindern. "Wir werden für jeden die gleichen Regeln anlegen", sagte Rehn. Er betonte, dass Estland die Kriterien des Maastricht-Vertrags erfülle. Mitte Mai wollen EU-Kommission und EZB ihre Berichte zum möglichen Beitritt Estlands vorlegen.


Hubert Beyerle, Mark Schrörs/Financial Times Deutschland

Umstrukturierung - Ungewisses Weiter-so


Wenn Athen von den anderen Euro-Regierungen und dem IWF das benötigte Geld bekommt, sind zwar die kurzfristigen Finanzierungssorgen gelöst. Langfristig bleibt aber die Unsicherheit, wie die weiterhin hohen und steigenden Staatsschulden bedient werden sollen. Wenn sich die Finanzmärkte beruhigen, könnte das Griechenland Luft verschaffen. Experten aber befürchten, dass sich die Situation immer wieder zuspitzen könnte. Die Griechen könnten darauf angewiesen sein, neue Kredite zu erhalten, wenn die Renditen auf den Finanzmärkten nicht deutlich sinken.

Die Zahlungsunfähigkeit könnte dann eine reale Gefahr bleiben. Für die Strategen von JP Morgan ist klar: Die Folgen einer Zahlungsunfähigkeit wären verheerend. "Die EU hat keine andere Wahl, als ein angemessenes Finanzpaket zusammenzustellen", schreibt Pavan Wadhwa. Vor allem fürchtet er, dass sonst die Risikoaufschläge für die Anleihen anderer Länder kräftig steigen. "Das wird die Finanzierungskosten für die Euro-Staaten für die kommenden Jahre kräftig aufblähen." Die Griechen könnten sich nur noch sehr eingeschränkt am Kapitalmarkt Gelder leihen.

Eine Umstrukturierung der Schulden würde bedeuten, dass Gläubiger auf einen Teil des Kapitals verzichten. Das könnte eine Bankenkrise auslösen, die weit über die Grenzen Griechenlands reicht, so die JP-Morgan-Experten. Schon bei einem Abschlag von 25 Prozent auf die Anleihen würden griechische Banken ein Drittel ihres Eigenkapitals verlieren, schätzen die Experten. Zudem halten ausländische Investoren gut 70 Prozent aller Staatsanleihen der Regierung in Athen.


Hubert Beyerle, André Kühnlenz/Financial Times Deutschland

Euro-Austritt - Das Undenkbare


Was manche Ökonomen und Politiker fordern, wäre für Griechenland eine extreme Belastung und brächte erhebliche Gefahren eines Flächenbrands mit sich: Der Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum. Viele Experten erwarten für diesen Fall eine kräftige Abwertung der wiedereingeführten Drachme in kürzester Zeit. Nach Schätzungen würden die Renditen für griechische Staatsbonds auf 20 bis 30 Prozent steigen. Bei solch hohen Zinsen dürfte es Athen kaum noch möglich sein, seine Schulden zu bedienen.

Für andere Euro-Länder wie Portugal und Spanien dürften Zinsen ebenfalls kräftig steigen. Die Zukunft des Währungsgebiets würde infrage gestellt werden. Joachim Fels, Co-Chefvolkswirt bei Morgan Stanley, glaubt, die jüngsten Entwicklungen in Griechenland "erhöhen das langfristige Risiko eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone".

Fels hält es für wahrscheinlicher, dass starke Länder wie Deutschland die Währungsunion aus Sorge um Instabilität und Inflation verlassen könnten. Deutschland sei womöglich mit einer "kleineren, aber härteren Währungsgemeinschaft" besser dran, so Fels. Doch das ist auch eine Gefahr: Wenn die Deutschen die D-Mark wieder einführen, würde sie sich auf einen Schlag um zehn bis 20 Prozent verteuern, schätzt Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat.

Ein Austritt aus dem Euro ist denn auch keine reale Option: "Jegliche Diskussion um Austritte eines Landes aus der Euro-Zone ist vollkommene Utopie", sagte etwa Bundesbankchef Axel Weber am Rande des G20-Treffens in Washington. Der Euro sei ein "Jahrhundertprojekt" und weiter attraktiv und erfolgreich.


André Kühnlenz, Mark Schrörs/Financial Times Deutschland

Roman Heflik, Niels Kruse, FTD, Agenturen

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