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Jochen Zeitz: Das andere Leben des Puma-Mannes

Er hat die Sportartikelfirma Puma zum Star gemacht. Und sonst? Über Privates hat Jochen Zeitz 17 Jahre lang geschwiegen. Jetzt nahm er den stern mit auf seine Farm in Afrika.

Von Rolf-Herbert Peters

Die Uhr auf dem Charterflughafen von Nairobi zeigt 9.02 Uhr. Derek Sutton startet seine einmotorige Piper. Auf dem Copilotenplatz sitzt Jochen Zeitz und inspiziert die Instrumente. Am liebsten würde der Hobbyflieger jetzt das Steuer an sich reißen. Er ist am Vortag über Amsterdam in die ostafrikanische Metropole gereist und hat die Nacht im feinen Serena-Hotel verbracht. Nun will er schnell auf seine Farm. Ein Wochenende lang ausspannen zwischen Giraffen und Hyänen, gut 6000 Kilometer von seinem Schreibtisch in Herzogenaurach bei Nürnberg entfernt. Genauer: ausspannen und arbeiten. Der Mann kann das eine nicht ohne das andere. Die Piper hebt ab, durchbricht den gelben Smog, der über der 2,9-Millionen-Einwohner-Stadt liegt. Die Savanne beginnt. Elefanten stehen an einem Wasserloch. Zeitz drückt die Stirn an das Seitenfenster: "Die Herde da unten lebt auf meiner Farm!" Derek zieht eine Kurve und setzt auf der Graspiste auf. Links und rechts der Landebahn haben sich Ranger in Uniform postiert und die Hand zum militärischen Gruß an die Mütze gelegt. Die Geste ist Zeitz unangenehm. "Forschdbar", sagt er im Mannheimer Dialekt.

Der Puma-Chef hatte regelrecht Bammel vor diesem Moment. Noch nie durfte ein Journalist einen Blick in sein Privatleben werfen - nicht in Nürnberg und schon gar nicht in Afrika. 17 Jahre lang hielt er dicht. Jetzt sitzt ein stern-Team in der Piper und wird ihn die nächsten Tage begleiten. Eigentlich kann Zeitz mit der Öffentlichkeit umgehen, er braucht die Medien, um seine Produkte zu verkaufen. Seit Jahren lässt er sich als der Manager feiern, der den Börsenwert von Puma seit 1993 um mehr als 5000 Prozent steigerte und dabei sich, seinen Mitarbeitern und seinen Aktionären die Taschen füllte. Und wie strahlte er am Dienstag vergangener Woche in die Kameras, nachdem kurz nach 2 Uhr in der Nacht die französische Firma Pinault-Printemps-Redoute (PPR) die Unterschrift unter den Kaufvertrag für Puma gesetzt hatte. Der feine Gucci-Konzern! Endlich der angemessene Investor für seinen Sport-Lifestyle- und Modebetrieb. Endlich ein Edelschneider und kein kniepiger Ex-Kaffeeröster mehr.

Der Multimillionär Zeitz genießt die Früchte seiner Arbeit. Die Farm am Fuße des Mount Kenya ist 200 Quadratkilometer groß. Vor 18 Jahren hat er sich den Afrika-Virus bei einer Reise durch Kenia eingefangen. Fünf Jahre später, als er reich wurde, begann seine Suche nach einem tierreichen Landsitz. Immer wieder ist er mit seiner Frau Birgit, mit der er seit 16 Jahren verheiratet ist, durch den Kontinent gereist. Nach Tansania, Namibia, Simbabwe, Südafrika, Botsuana, Kamerun. 2005 erzählte ihm Formel-1-Manager Flavio Briatore beim Grand Prix in Australien von der Ranch. Jochen Zeitz ließ sich sofort zum Flughafen bringen und setzte binnen 48 Stunden seine Unterschrift unter den Kaufvertrag. Auf der Terrasse des mit Palmblättern bedeckten Wohnhauses schwärmt der Quartalsberichterstatter und Kurstreiber hemmungslos: "Das Land hier ist ein Lebenstraum, den ich mir erfüllt habe. Die Afrikaner leben im Hier und Jetzt und hetzen nicht immer dem nach, was morgen kommt." Mit seinen Angestellten spricht er nicht Englisch, wie einst die britischen Kolonialherren, sondern Suaheli. Alle sollen wissen: Er kommt nicht als Eroberer, sondern als Freund des Kontinents. Die Sprache hat er per CD auf den halbstündigen Dienstfahrten zwischen seinem Nürnberger Haus und der Firma gepaukt. "Hätte ich ein paar Jahrhunderte früher gelebt, wäre ich sicher Afrika-Entdecker geworden."

Zur Mittagszeit legt Zeitz den "Barbier von Sevilla" in den CD-Spieler und setzt sich auf einen Holzstuhl in die Sonne. Das heitere "Largo al factotum" jubelt über die Steppe: "Figaro, Figaro, Figaro!" "Figarooo!", schmettert Zeitz. Grüne Meerkatzen kreischen in den Bäumen. Die Farm ist ein Naturparadies. Leider gibt es rund um das Haupthaus keinen Handy-Empfang. Den aber braucht Zeitz eigentlich immer. Schließlich leitet er ein Unternehmen, das jederzeit perfekt funktionieren muss, egal, wo sich der Chef gerade sonnt. So springt er nach wenigen Minuten auf, steigt in seinen grünen Toyota Land Cruiser und fährt durch ein steiniges Flussbett hinaus in die Savanne, bis sein Blackberry Netzempfang meldet. Dann klärt er im Steppengras mit seinem Vize Martin Gänsler in Herzogenaurach Personalfragen, diskutiert mit seinem Marketing-Chef Tony Bertone in Boston über eine neue Kollektion oder kündigt über den Zentraleinkauf in Hongkong einem unzuverlässigen Zulieferer. Nie lässt Jochen Zeitz Puma aus den Augen. Der Markt ist heiß umkämpft. Seine Gegner heißen Nike und Adidas/Reebok, die im Weltmarkt Platz eins und zwei vor Puma belegen. Aufmerksamkeit, Angriff und Verteidigung übt Zeitz mit skurrilen Methoden: Der 44-Jährige hat einen Boxtrainer für zu Hause engagiert. "Jochen, wo liegt die Fernbedienung?", fragt ihn der Coach unvermittelt im Kampf. Dann muss Zeitz das Gerät blitzschnell orten, ohne aus der Deckung zu gehen: "Hinten, auf dem Regal!"

Partys öden ihn an

Ein neuer Tag bricht an. Zeitz rumpelt mit dem Land Cruiser vom Haupthaus in die zwei Kilometer entfernte Farmverwaltung. Er begrüßt seine Personalchefin, die nicht nur Löhne auszahlt, sondern auch Typhus-Tests bei den Mitarbeitern durchführt. Dann verschwindet er in ein Hinterhofbüro, wo ein Internet-Satellitenanschluss liegt - sein Tor zur Welt. Zeitz loggt sich mit seinem Laptop bei Ebay ein. Er braucht dringend eine Profi-Kreissäge für die Farm. Er schlägt mit der teuren Sofort-Kaufen-Option für 1999 Euro zu. Geld hat er zuhauf - aber keine Zeit. Nicht einmal für eine Familie: "Warum sollen wir Kinder haben, wenn sie ihren Vater nie sehen, sagt meine Frau Birgit." Geschäftsessen hält er für "Zeitverschwendung". Partys öden ihn an. Als er mit Birgit, die für ihn den Job als Kommunikationsdesignerin an den Nagel gehängt hat, zur Oscar-Verleihung ging, haben sie sich gemeinsam gelangweilt. Im Fernsehen schaut er ab und zu "Wer wird Millionär?", aber wenn, dann beim Abendessen oder wenn parallel der Laptop läuft. Muss er mal warten, beginnen seine Beine zu zappeln. "Junge", sagte schon seine Mutter zu Hause in Mannheim, "bist du nervös!"

Ohne diese Unruhe, die ihm bestenfalls sechs Stunden Schlaf gönnt, hätte er den Aufstieg Pumas vom Pleitekandidaten zum begehrten Sport-Lifestyle-Mode-Label wohl nie geschafft. Hinzu kommt sein kontrollierender Führungsstil - noch heute zeichnet er jeden Flugreiseantrag ab. Zudem hat er ein Händchen fürs Personal: Fast alle Führungskräfte der ersten Stunde sind noch an Bord. Und ihm war ein unverschämtes Glück mit Vertragspartnern vergönnt: Seine Firma war ein Nichts gegen Nike und Adidas - bis er auf die Idee kam, sie als Rebell zu positionieren. David gegen Goliath. Er hat farbige Sportler als Werbeträger eingesetzt, um das Puma-Image zu kreieren. Er ließ Serena Williams einen roten "Cat suit" auf den Leib schneidern und für die Mannschaft Kameruns Einteiler nähen, was die Sportfunktionäre aufbrachte. Egal, Hauptsache, Schlagzeilen. Die Fußball-WM 2010 in Südafrika soll eine Puma-WM werden.

Blick zurück: 1993, als der schwedische Großinvestor Aritmos den damals 30-Jährigen zum Vorstandschef beförderte und die "Financial Times" ihn als "just out of Kindergarten" verspottete, hätte kein Analyst mehr einen Cent für Puma gegeben. Die Ware stapelte sich auf den Grabbeltischen, die Firma stand vor der Insolvenz, zermürbt in der blinden Umsatzschlacht mit dem Rivalen Adidas. Die ruinöse Fehde ging auf das Zerwürfnis der Herzogenauracher Brüder Rudolf und Adolf "Adi" Dassler zurück. Sie hassten sich und zerschlugen 1948 ihre gemeinsame Schuhfabrik, nachdem der charmante Rudolf offenbar mit Adis Frau Käthe angebandelt hatte. Rudi gründete im selben Jahr Puma, Adi Adidas - und beide machten sich fortan das Leben schwer. Zeitz scherte sich nicht mehr um die Geschichte des Hauses. Demonstrativ benutzt er nicht einmal die offizielle Adresse des Puma-Hauptsitzes, "Rudolf-Dassler-Straße", sondern adressiert stets "Puma Way".

700 Dollar für eine Nacht im Zelt

Seine Ranch in Kenia baut er nach dem Rezept um, das schon bei Puma funktioniert hat. Erst restrukturieren, dann in die Marke investieren und dann profitables Wachstum schaffen. Er hat schon die halbe Mannschaft ausgewechselt, weil Lethargie und Untreue vorherrschten - wie 1993 in Herzogenaurach. Nun investiert er. Ein neues Dorf für die Familien der Wildhüter und Rinderhirten soll entstehen, eine Schule und eine Forschungsstation, zudem ein Luxus-Camp für Safari-Touristen. Rund 700 Dollar wird eine Nacht im Zelt kosten. Er möchte das Lager auf den Namen des schwedischen Großwild- und Schürzenjägers Baron Bror Blixen taufen, dessen lustbetontes Leben durch den Kinofilm "Jenseits von Afrika" bekannt wurde. Marketing ist Zeitz' Spezialität - nicht nur bei Tretern und Trikots.

Eigentlich wollte er ein berühmter Chirurg werden. Seine Eltern, eine Zahnärztin und ein Gynäkologe, erzogen ihn, seinen Bruder und seine Schwester mit protestantischer Disziplin. Jochen besuchte das Karl-Friedrich-Gymnasium in Mannheim, lernte Griechisch, Latein und Hebräisch. Manchmal wacht er heute noch schweiß- gebadet auf, weil er geträumt hat, er müsse eine Lateinklausur schreiben. In der Freizeit griff er zur Gitarre und spielte mit seiner Band für 500 Mark pro Abend Rock'n'Roll. Schon damals, erinnert er sich, trug er Puma, den legendären Schuh "Pelé King". In seinem Weltbild stand die Marke für Individualität. Seine Abiturnote 1,7 reichte nicht für ein Medizinstudium in Deutschland. Er versuchte es in Florenz. Nach zwei Semestern sattelte er um auf Betriebswirtschaft und Marketing an der Elite-Uni European Business School im Rheingau. Zu dieser Zeit konnte er neben Italienisch gerade einmal Englisch radebrechen. Heute verhandelt er mit Geschäftspartnern in deren Muttersprachen Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Diese Sprachkunst öffnete ihm Türen. Mit ihr konnte er 2003 den italienischen Fußballverband umgarnen und Europas schönste Fußballer mit taillierten Puma-Leibchen ausstatten.

Kindersoldaten, die ihre Eltern ermorden mussten

Ohne Zeitz wäre der französische Konzern PPR nicht bei Puma eingestiegen. Mit PPR-Chef François-Henri Pinault, ebenfalls 44 und seelenverwandt, pflegt der Puma-Chef seit Jahren eine Geschäftsfreundschaft. Pinault wollte den Wahlfranken vor Jahren zum Gucci-Chef machen, heißt es im PPR-Umfeld, doch Zeitz lehnte ab. Umso größer war die Freude bei Zeitz, als Pinault am 20. März im Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" Verhandlungen mit dem damaligen Hauptaktionär Günter Herz aufnahm. Das Wochenende auf der Farm verfliegt. Am Montag reist Zeitz weiter nach Uganda. Dort trifft er sich mit Vertretern von "Gemeinsam für Afrika", einem Dachverband von 31 Hilfsorganisationen. Er will sich Hilfsprojekte anschauen - Puma führt rund eine halbe Million Euro im Jahr als Spende ab. Hier begegnet Zeitz der hässlichen Seite des Kontinents: stinkende Flüchtlingslager im Kriegsgebiet von Kitgum, verarmte Hüttendörfer in Gulu, leprakranke Greise in Combra. "Brutal!", sagt er in den nächsten Tagen häufig - seine Art, Betroffenheit auszudrücken. Er hört den Kindersoldaten zu, die berichten, wie sie ihre eigenen Eltern ermorden mussten, nimmt Waisen in blauen Schuluniformen an die Hand.

Mitten im Elend zeigt sich das zweite Gesicht der Marketingmaschine, die Dinge verkauft, die niemand wirklich braucht. Ein nachdenklicher, aber gelöster Mann. Er erzählt, dass er eine private Zeitz-Stiftung gründen wird, um unter seiner Kontrolle einen Teil seines Vermögens den Armen vor allem in Afrika zukommen zu lassen. Im Dschungeldorf von Lira, wo Frauen auf dem Boden hocken und Zeitz von ihren Sparvereinen erzählen, will ein Farbiger dem hohen Gast einen thronarti-gen Stuhl unter das Gesäß schieben. "Nein, danke", sagt Zeitz. Der Einheimische drängt. "Danke, nein", sagt Zeitz noch mal mit Nachdruck und nimmt auf einem Hocker Platz. "Ich bin wirklich ein bescheidener Mensch. So was ist mir total peinlich."

Sein Glaube an Puma ist hartnäckig

Abends im Buschflugzeug nach Gulu: Zeitz liest Sigmunds Freuds Werk "Der Mann Moses und die monotheistische Religion". Er arbeitet die Seiten durch, unterstreicht Passagen wie ein Student. Er will herausfinden, ob Religion nur eine Zwangsneurose ist, wie es der Begründer der Psychoanalyse behauptet, oder ob ein Gott das große Ganze verantwortet. Wie lange will er Puma noch weiter hochjazzen? Zeitz lächelt vielsagend: "Schau'n wir mal." Was soll nach 34 Quartalen fast immer zweistelligen Wachstums noch kommen? Seinen Vertrag, der noch bis April 2009 läuft, hat er gegen alle Usancen bislang nicht verlängert. Martin Gänsler, sein Vertreter und einziger echter Freund in Herzogenaurach, hat bereits seinen Abschied für Ende des Jahres angesagt. Die Welt ist manchmal pervers. Mitten im Nirgendwo Ugandas, wo Menschen mit einem halben Dollar pro Tag auskommen müssen, zeigt sein Handy vollen Empfang. Drei Tage ohne Posteingang - so lange war er noch nie von seinem Unternehmen isoliert. Nun erfährt er auch, dass die Börse wegen schlechter Nachrichten aus China eingebrochen ist. Zeitz zögert keine Sekunde: Er kauft Puma-Aktien nach. Sein Glaube an die Firma ist hartnäckig. Fast wie eine Zwangsneurose.

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