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Interview

"Trump ist ein Testlauf für die amerikanische Demokratie"

Der künftige US-Präsident Donald Trump hält nicht viel von der Nato. Das könnte Europas Grenzen gefährden. Ein Interview mit Lettlands ehemaliger Präsidentin Vaira Vike-Freiberga.

Vaira Vike-Freiberga

Vertraut den Bündnis-Partnern und hat keine Angst vor Trump: Lettlands Ex-Präsidentin Vaira Vike-Freiberga, hier mit dem früheren Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.

Frau Vike-Freiberga, haben Sie Angst vor einem US-Präsidenten Donald Trump?

Ich habe im Krieg Nächte mit Bombenhagel durchgestanden und sonst auch viel erlebt. Ich weiß: Es ist Energieverschwendung vor etwas Angst zu haben, was noch gar nicht eingetreten ist.

Trump findet, dass Russlands Präsident Wladimir Putin ein toller Mann ist. Der könnte sich ermutigt fühlen, nun in ihr Land einzumarschieren wie auf der Krim.

Drohgebärden sind an der Tagesordnung. Putin ist wie ein Jäger, der ständig aus seinem Unterstand herausspäht. Seine Militär-Jets verletzen andauernd unseren Luftraum, Kriegsschiffe ziehen an unsere Küste vorbei. Aber im Gegensatz zur Krim würde die Nato bei uns nicht tatenlos zusehen. Das Bündnis stünde uns bei.

Sind sie sicher? Trump hat oft gesagt, dass er die Nato für überkommen hält ...

Was er sagt, ist dreist und sehr populistisch. Aber die Nato besteht nicht aus den USA alleine sondern aus sehr vielen Mitgliedstaaten. Deutschland, zum Beispiel, das die Nato vermutlich sogar noch mehr braucht als wir. Außerdem gibt es Verträge. An die haben sich auch die Vereinigten Staaten zu halten. Das sind keine Abmachungen mit einem Präsidenten, die ein Trump so einfach vom Tisch wischen kann. Die Nato-Mitglieder wollen alle, dass die Verträge eingehalten werden. Ich bin mir sicher, dass dies Herrn Trump in den kommenden Monaten alles erklärt wird.

Das sagen führende US-Diplomaten auch, alles bliebe beim Alten. Aber hängt es nicht auch sehr davon ab, von wem sich Trump beraten lässt?  

Sicher. Aber auch so kann ein Trump nicht einfach machen, was er will. Es gibt auch in den USA Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle. Das wird auch Trump erfahren. Der Nebel, in dem er stochert, wird sich lichten.

Und wenn nicht?

Meine große Hoffnung ist: Trump hat nicht alle Republikaner in Kongress und Senat hinter sich. Viele von ihnen hat er während des Wahlkampfs beleidigt und vor den Kopf gestoßen.

Heißt das, dass wir uns nicht an eine neue Weltordnung gewöhnen müssen?

Entscheidend wird das nächste Jahr sein. Dann wird sich zeigen, wie und ob Trump durchregieren kann. Es wird ein Testlauf für die amerikanische Demokratie, für die seine Wahl eigentlich eine Beleidigung ist. Genauso wie für die amerikanischen Werte. Die Freiheitsstatue würde weinen, könnte sie ihn hören.

Die Rechten in Europa hingegen sind ganz verzückt von ihm. Sie fühlen sich im Aufwind durch seinen Wahlerfolg. Wird dieser Sieg die europäische Politik verändern?

Trump ist ein Populist, wie so viele, die hier Erfolg haben. In Polen, in Frankreich, in Ungarn und auch in England mit ihrem Brexit. Die versprechen auch, man könne durch Isolation und dem Bau von Mauern dafür sorgen, dass es den Menschen besser geht. Aber die Globalisierung werden sie und auch Trump nicht stoppen. In Lettland jedenfalls gibt es keine solchen rechten Bewegungen, die von Bedeutung sind.

In Kuba ziehen die Militärs wegen der Trump-Wahl militärische Übungen vor. Gibt es in Lettland Ähnliches?

Nein, nur Putin lässt an unserer Grenze ständig sein Militär üben. Aber bei uns wird ab März ein 1000 Mann starkes Nato-Kontingent unter Führung der Kanadier stationiert sein. Das ist natürlich symbolisch. Aber Putin soll wissen: Wenn er sich mit uns anlegt, legt er sich nicht nur mit Letten an, sondern auch mit Kanadiern, Italienern und Holländern, die Soldaten in diesem Kontingent stellen.

Interview: Joachim Rienhardt
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