Mohammed und Marwan. Zwei junge Araber studierten in Hamburg, wurden in Florida im Schnellkurs Piloten - und rissen in New York Tausende von Menschen in den Tod.

Gruppenbild aus dem Jahr 1999 in der Hamburger Al-Quds-Moschee zeigt u.a.: Ramzi Binalshibh (7.v.l., stehend), der am 11. September 2002 in Pakistan verhaftete Koordinator und Todespilot Mohammed Atta (2.v.r., sitzend)© ddp
Vier Tage, bevor er das südliche Manhattan in Schutt und Asche legte, saß der Mann in Shuckums Bar-Restaurant in der Harrison Street in Hollywood/Florida und ärgerte sich über die Getränkerechnung. 48 Dollar waren ihm zu viel.
Ja, das sei er gewesen, sagt die Serviererin Patricia Idrissi, als ihr FBI-Agenten das Foto zeigen: die hohe Stirn über den buschigen Brauen, die dunkel umrandeten Augen, die markante Nase, der schmale Mund - sie habe keinen Zweifel!
Am Freitag, dem 7. September, nachmittags gegen drei, sei dieser Mann zusammen mit zwei Begleitern hereingekommen. Der eine habe hinten am Videoautomaten gespielt, die beiden anderen hätten zwei Stunden lang an der Theke gesessen und in einer fremden Sprache heftig diskutiert. Und viel getrunken. Der Mann auf dem Foto fünf Wodka Marke Stolichnaya, der andere fünf Rumcocktails "Captain Morgan".
Als sie die Rechnung brachte, habe der Wodkatrinker einen Streit angefangen. "Wenn du nicht zahlen kannst, dann komm nach vorn, wir klären das schon irgendwie", habe der Manager beruhigend gesagt. Da sei der Gast noch wütender geworden. "Du glaubst, ich kann nicht zahlen? Ich bin Pilot bei American Airlines!", habe er geschrien und schließlich ein paar Hundert- und Fünfzigdollarscheine herausgezogen, die Rechnung bezahlt und verächtlich drei Dollar Trinkgeld hingeworfen.
Zehn Stunden nach dem Terrorangriff waren die FBI-Agenten auf der richtigen Fährte. Der Mann aus der Bar in der Harrison Street war einer der 18 Selbstmordattentäter, die den furchtbarsten Anschlag seit Menschengedenken verübt haben. Er soll die erste der vier entführten Maschinen in den nördlichen Turm des World Trade Center gejagt haben.
Sein Name und vier weitere verdächtige arabische Namen hatten auf der Passagierliste der ersten abgestürzten Maschine gestanden. Einer dieser Namen fand sich auch auf zwei Koffern - und im Vertrag eines Mietwagens, der am Logan Airport in Boston zurückgeblieben war: Mohammed El-Amir Atta, geboren am 1. 9. 1968, laut Pass Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate. Das Porträtfoto, auf dem ihn die Barfrau wieder erkannt hatte, stammt aus einem ägyptischen Führerschein. In Amerika hatte er erzählt, er stamme aus Afghanistan und habe lange Zeit in Deutschland studiert.
Hamburg-Harburg, Marienstraße. Ein ruhiges Viertel. Hier leben einfache Leute in einfachen Wohnungen. "M. Atta" stand bis zum Mai 2000 auf dem Klingelschild im Haus Nummer 54. In der kleinen Dreizimmerwohnung im zweiten Stock - Inklusivmiete 916,75 Mark - lebte Mohammed Atta zusammen mit einem halben Dutzend Freunden, darunter auch Marwan Al-Shehhi, 23, Schiffbaustudent, der, wie man jetzt weiß, ebenfalls zu dem Todeskommando in den USA gehört hat. "Es waren angenehme Leute, die pünktlich ihre Miete gezahlt haben", sagt der Vermieter.
Mohammed Atta hat acht Jahre lang an der Technischen Universität Harburg Elektrotechnik studiert, auch noch, nachdem er schon sein Diplom hatte. Kommilitonen und Nachbarn haben Schwierigkeiten, ihn auf den aktuellen Fotos wiederzuerkennen, die das FBI an die deutsche Polizei schickte. Denn früher trugen Mohammed Atta und seine Freunde längere Haare und dunkle Bärte. Sie liefen in Kaftanen und Pluderhosen durch die Marienstraße. Sie haben oft bis in die Nacht laut gebetet und gesungen. Sie waren immer ernst und wirkten ein bisschen finster. Im Treppenhaus grüßten sie kaum und zogen ihre Tür sofort zu, wenn jemand vorbeikam. Als im Februar dieses Jahres die letzten Araber aus der Wohnung im zweiten Stock gezogen sind, haben sie Computer und viel High-Tech-Gerät weggeschleppt.
An der Technischen Universität Harburg steht Atta noch unter seinen Vornamen Mohammed El-Amir als "Ansprechpartner der Islam Arbeitsgemeinschaft" im aktuellen Universitätsverzeichnis. E-Mail-Adresse: el-amir@harburg.de Unter den 5000 Studenten sind 800 Ausländer aus aller Welt. In Harburg ist man stolz auf Internationalität und Liberalität.
"Es ist furchtbar, dass sie den Geist dieser Universität nicht angenommen haben", sagte Hamburgs Bildungssenatorin Krista Sager nach den Terrorangriffen in New York und Washington vor einer eilig einberufenen Vollversammlung der fassungslosen Studenten.
Welcher Geist hat diese Männer getrieben? Was ging in ihren Köpfen vor? Wer hat Mohammed und Marwan gesteuert, als sie sich im Mai vergangenen Jahres wie ferngelenkte Roboter von Harburg aus nach Amerika in Bewegung setzten? War Osama bin Laden ihr Auftraggeber, der meistgesuchte Terrorchef der Welt? "Es gibt offenbar auch bei uns so genannte Schläfer, die von internationalen Terrororganisationen als Kämpfer ausgebildet sind und bei Bedarf aktiviert werden", vermuten deutsche Kriminalisten und Geheimdienstler seit längerem.