Für Amerikas Ansehen war es das verheerendste Massaker des Irak-Kriegs: In Haditha starben 24 Zivilisten, getötet von US-Marines. Einige der Soldaten stehen jetzt vor Gericht - und kommen womöglich wieder einmal davon. Von Jan Christoph Wiechmann

Generalleutnant James Mattis hat das letzte Wort - meist zugunsten seiner Männer© AP
Die Geschichte war ein Albtraum. Eine Katastrophe für Amerikas Ansehen. Ein Schandmal, wie es das U.S. Marine Corps nie erlebt hatte in den 232 Jahren seiner Existenz. Also verschwieg man diese Geschichte. Man vertuschte sie. Man fälschte sie. Doch sie fand ihren Weg in die Medien und die Welt: Am 19. November 2005 begaben sich US-Marines unter Führung von Sergeant Frank Wuterich in Haditha auf einen kaltblütigen Rachefeldzug; sie töteten 24 Iraker, unter ihnen drei Frauen und sieben Kinder, ein Massaker, so nannte man es, das My Lai des Irak.
Es gab die passenden Fotos zur Geschichte, es gab Überlebende und Zeugen und bald auch einen Bericht der Militärermittler, 3500 Seiten dick, er beschrieb Hinrichtungen und deren Verschleierung. Im Pentagon sprach man von Exekutionen, im Kongress von einem "schlimmeren Kriegsverbrechen als Abu Ghreib", und für den Rest der Welt passte das Massaker ohnehin ins Bild, das sie sich gemacht hatte von diesem hässlichen Krieg. Der Fall schien entschieden. Im Mai dieses Jahres wurde das Verfahren beim Militärgericht eröffnet, acht Marines waren ursprünglich angeklagt, 75 Zeugen geladen, vier Monate anberaumt, es begann, so betonten alle: der größte, der wichtigste Prozess in der Geschichte des Marine Corps. Doch schon dann schieden sich die Geister. Es ging, so sagten die einen, um Amerikas Ehre, um eine Demonstration gelebter Demokratie. Es handelte sich, sagten andere, um einen Schauprozess, eine Vernichtungskampagne der Medien gegen Amerikas beste Söhne. Nur ein Wort fehlte im Sturm monströser Worte: Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für die irakischen Opfer.
Dann begannen die Merkwürdigkeiten. Es machten sich Starverteidiger ans Werk, dazu patriotische Vereine und Generäle, und nach und nach ließ das Militär einzelne Anklagen fallen, gegen den ersten Täter, Sergeant Dela Cruz, auch den zweiten, Lance Corporal Sharatt, und einen Offizier, Captain Stone. Der Fall Haditha geriet ins Stocken, die Geschichte vom Massaker bekam Risse, und sucht man nach Gründen, muss man hinein in Gerichtssaal I von Haus 53435 auf der Militärbasis Camp Pendleton, es ist Ende Juli, die Tage sind mild, ein kalifornischer Sommer. Um 10.30 Uhr betritt die Hauptperson den Saal, Frank D. Wuterich, 27, gebräunt und muskulös. Er setzt sich freundlich grüßend auf den Platz neben mich. Wuterich trägt seine Wüstenuniform aus dem Irak und den Seitenscheitel eines vergangenen Jahrhunderts, und bewegt er sich auf seinem Stuhl, wabern Wolken eines würzigen Aftershaves durch den Saal.
Zwei Reihen vor ihm, auf der Anklagebank, sitzt Lance Corporal Tatum aus Oklahoma, der Angeklagte Nr. 4, ein bulliger Kerl mit fleischigem Nacken. Tatum soll in Haditha sechs Iraker aus kurzer Distanz erschossen haben, darunter drei Kinder. Wuterich ist gekommen, um sich auf seine eigene Anhörung vorzubereiten. Er hat, so der Vorwurf, 18 Iraker auf dem Gewissen. Es ist beklemmend, neben ihm zu sitzen, dem Rädelsführer, dem vermeintlichen Kindermörder, angeklagt nach Artikel 118 Militärgesetzbuch wegen mehrfachen Mordes, der junge Vater dreier Töchter. Er kaut Zimtkaugummi und inspiziert seine Fingernägel, und einmal, als der Anwalt die Erschießung eines irakischen Mädchens nachzustellen versucht, muss er lachen. Er ist - beklemmender noch - ein freier Mann, er kommt und geht, wann er will, war nie in U-Haft, nicht einen Tag. Seine Kameraden im Saal grüßen ihn stets herzlich, selbst die Ankläger und Zuschauer, man verteilt Spendenaufrufe und Handzettel - "Gott schütze unsere Marines".
Manchmal wirkt die Anhörung in Haus 53435 wie ein großes Familientreffen. In den Verhandlungspausen, auf dem langen Flur, reden wir. Wuterich wirkt erstaunlich gelassen, er spricht mit sanftem Blick und bedächtiger Stimme, über unbeschwerte Kinder und seine stillgelegte Zukunft, ein intelligenter Mann, der Gegenentwurf zur dumpfen Killermaschine, die alle Welt gern sieht in GIs. Doch an diesem Tag sage ich, dass ich mit ihm über das Massaker sprechen möchte. "Ich darf keine Interviews geben", erwidert er. "Kein Interview, Staff Sergeant Wuterich, nur eine Frage: Empfinden Sie eigentlich Reue? Sie haben kleine Kinder getötet, aus nächster Nähe?" Da bleibt er stumm und lächelt trotzig, der einzige Satz, der ihm entfährt, ist: "Mann, du weißt nichts über Krieg." Der Satz fällt oft in diesem Sommer. Drei Monate sind vergangen seit Beginn der Anhörungen, und zur Geschichte vom Massaker hat sich still und leise, vorgebracht von Anwälten und Kameraden, eine zweite Version, eine Gegenversion gesellt: Die Marines verübten kein Massaker, sie verfolgten Aufständische, und in einem normalen Häuserkampf kam es auch zu zivilen Opfern, oder wie sie es nennen: "Kollateralschäden".
So stehen sich vor Gericht plötzlich zwei grundverschiedene, zwei unversöhnliche Versionen gegenüber - in den Worten des Gerichtsvorsitzenden: "War es eine Exekution - oder die angemessene Anwendung von Gewalt?" War es Willkür oder Selbstschutz? Doch es geht um mehr: um den Krieg und was er aus Menschen macht. Ums Militär und was es aus der Wahrheit macht. Um ein Schandmal und wie man es ausradiert: Haditha. Der 19. November 2005 ist ein strahlender Samstag, die Luft klar, der Himmel blau, ein Tag wie gemalt, wird Wuterich später sagen. Ab 6.05 Uhr, noch ist es dunkel, führt er eine Patrouille durch Haditha, die Kleinstadt am Euphrat, 130 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Er ist älter als die meisten anderen, seit 1997 ein Marine, doch im Feld war er nie. Er bildete Rekruten im Nahkampf aus, während Männer seiner Einheit schon in Falludscha kämpften, in Schlachten mit filmreifen Titeln wie "Hell House". Sie töteten mit MGs, sie warfen Granaten, sie schossen Mörser, sie wandten es an, das ganze Arsenal militärischer Vernichtung. Falludscha, so bekommt Wuterich zu hören, hat einen Hauch von Iwo Jima, von Khe Sanh, von den großen Schlachten der Väter, es ist der Thrill ihres Lebens, das Heldenepos für die Enkel, der Eintritt in die Geschichtsbücher. Als seine Männer in der Wirklichkeit waren, war Wuterich in der Heimat. Das schmerzt.
Das Leben ist immer ein bisschen vorbeigerauscht an Frank D. Wuterich. In seiner Heimatstadt Meriden in Connecticut beschreiben Freunde und Lehrer den adoptierten Jungen als "Musterschüler", als "Führungspersönlichkeit", der "Frankie", er leitete die Theatergruppe, er spielte Fußball und Gitarre, er spielte Baseball und Jazz. "So einen Sohn wie Frankie hätte ich auch gern", sagt, in seinem Rathaus schwärmend, Bürgermeister Mark Benigni, der ihn einst unterrichtete. "Der folgt stetig seinem Weg." Doch die Realität hielt sich selten an Frankies Träume. Er wollte Musiker werden, am Konservatorium studieren, schaffte dies jedoch nicht. Er trat den Marines bei, um im Orchester zu spielen, doch auch der Plan schlug fehl. Das Leben trug ihn nie auf die große Bühne, die er für sich auserkor. Das ändert sich am 19. November im Irak. Wuterich beschließt, die Fahrtroute zu ändern, es ist 6.50 Uhr, die Sonne steigt auf, er will nördlich über die River Road fahren und dann westlich auf die Chestnut Road. Manchmal ändern Marines ihre festen Routen, um den Gegner zu irritieren, doch in Haditha ist es ruhig, viel ruhiger als erwartet.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 39/2007