Sie ist blond, eloquent und hat das Potenzial, Papas rechtsextreme Front National hoffähig zu machen: Nun hat Marine Le Pen die Partei übernommen - und wird zur Gefahr für Sarkozy. Von Florian Güßgen

Könnte schon bald zu einem großen Problem für Präsident Sarkozy werden: Marine Le Pen© Francois Lo Presti/AFP
Gianfranco Fini in Italien, Geert Wilders in den Niederlanden. Schon längst haben sich Rechtsextreme in Europa von ewiggestrig wirkenden, alten Männern mit schlecht sitzenden Anzügen, seltsamen Brillengestellen und Megafonen in sittsame Zeitgenossen mit guten Schneidern, Manieren und Regierungswilligkeit verwandelt - gerne auch mit weiblichem Antlitz. Die Holocaustleugner sind stiller geworden, der Antisemitismus wabert eher im Hintergrund, die Gegner heute sind Muslime, Einwanderer, der Islam, die Globalisierung.
In Frankreich gab es an diesem Wochenende nun einen Machtwechsel, der der rechtsextremen Partei Front National ein entsprechend neues Gesicht verpasste. Jean-Marie Le Pen, der Pate der Rechten in Frankreich und in Europa, einer der größte Scharfmacher der vergangenen Jahrzehnte, hat den Parteivorsitz abgegeben. Le Pen, der den Holocaust als "Detail" der Geschichte bezeichnete, wurde von der politischen Klasse als Schmuddelkind betrachtet. Auf ihn folgt nun seine 42-jährige Tochter Marine Le Pen. Am Sonntag wurde auf einem Parteikongress in Tours ihr Sieg bei einer seit einigen Wochen währenden Briefwahl der angeblich rund 30.000 Parteimitglieder verkündet. Ernsthafte Zweifel, dass die jüngste der drei Töchter des Patriarchen, Parteivize und Europaabgeordnete, auf den Schild gehoben würde, hatte es im Vorfeld keine gegeben. Zu schwach schien der Gegenkandidat Bruno Gollnisch, zu eindeutig die Empfehlung des Noch-Chefs. Nach einem Vorabbericht der französischen Tageszeitung "Le Monde" sollten sich etwa zwei Drittel der Mitglieder für Marine Le Pen ausgesprochen haben.
Die Personalie könnte für das französische Machtgefüge von erheblicher Bedeutung werden. Selbst die Wiederwahl des schillernden, aber reichlich unbeliebten Präsidenten Nicolas Sarkozy im Jahr 2012 könnte die zweifach geschiedene Juristin ernsthaft gefährden: Marine Le Pen hat das Potenzial, nicht nur von Sozialisten und Kommunisten enttäuschte Wähler anzusprechen, sondern vor allem auch erkleckliche Wählergruppen am rechten Rand der UMP, der Regierungspartei Sarkozys.
So ergab eine diese Woche von der Tageszeitung "Le Monde" und zwei anderen Medien in Auftrag gegebene Umfrage, die Anfang Januar durchgeführt wurde, dass sich schon jetzt 22 Prozent der befragten Franzosen mit den vom Front National verteidigten Ideen einverstanden erklärten - ein Plus von vier Prozentpunkten gegenüber dem Januar 2010. Für Sarkozy noch wichtiger: Laut dem Meinungsforschungsinstitut TNS Sofres erklärten 32 Prozent der Sympathisanten der UMP ihre Offenheit gegenüber den Plänen des Front National - ein Plus von 12 Punkten gegenüber dem Vorjahr. Die Studie belegt zwar auch, dass es im konservativen Lager auch hartnäckige und mehrheitliche Vorbehalte gegenüber der Organisation des 82-jährigen Jean-Marie Le Pen gibt. Aber die Zahlen unterstreichen, dass sich die Konservativen öffnen - und dass die Tochter noch eine weitere Öffnung erreichen könnte: Marine Le Pen, die in der tristen Front-National-Hochburg Hénin-Beaumont im Nordosten des Landes lebt, "entdiabolisiere" die Rechten, sagen die Demoskopen.